Googles Gedankenkontrolle
In einem neuartigen Spiel für Android-Handys sprengt Google die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt. Aber wahrscheinlich hat das Unternehmen mehr im Sinn als den bloßen Spaß der Nutzer.
Ein eiskalter Februarabend in der Augsburger Innenstadt. Zehn Männer in dunklen Jacken stehen im Kreis zusammen, jeder ein Smartphone in der Hand. Sie haben sich hier getroffen, um zu kämpfen. Alle gehören zu einer weltweit operierenden Armee, die sich „The Enlightened“ (die Erleuchteten) nennt. Ihre Gegner: Mitglieder von „The Resistance“ (der Widerstand).Enlightened und Resistance sind die beiden Parteien, die im Augmented-Reality-Game “Ingress” gegeneinander kämpfen. Augmented Reality bedeutet „erweiterte Realität“. Das heißt, dass ein Computerspiel auf die reale Welt übertragen wird. Die Story des Spiels geht so: Eine neuartige Energieform ermöglicht die Kontrolle des menschlichen Gehirns. Die Erleuchteten stehen dieser Technologie aufgeschlossen gegenüber, während der Widerstand deren Nutzung zu verhindern versucht. Wer die Guten und wer die Bösen sind, ist eine Frage des persönlichen Standpunkts. In Ingress steuern die Teilnehmer nicht etwa einen Avatar per Maus und Tastatur durch virtuelle Welten, sondern laufen selbst durch die Straßen ihrer Stadt. Auf ihren Smartphones sehen sie ihre aktuelle Umgebung, versehen mit den Elementen des Spiels: Portale, Resonatoren, Mind Units. Portale werden in der Regel an Sehenswürdigkeiten wie Brunnen oder Statuen errichtet und können von den Fraktionen erobert werden. Resonatoren versorgen besetzte Portale mit Energie und dienen der Verteidigung. Drei benachbarte Portale können verlinkt werden, wodurch dem Team eine entsprechende Anzahl Mind Units zugeschrieben wird. Um Spielhandlungen durchzuführen, muss sich der Spieler in der Regel in der Nähe des jeweiligen Objekts befinden. Man kann sich das Spiel als eine Mischung aus World of Warcraft und Capture The Flag vorstellen.

Die meisten Spieler sind junge, IT-affine Männer, aber auch Familienväter sind dabei und vereinzelt Frauen. Vorerst ist das Spiel noch in einer geschlossenen Beta-Phase, zur Teilnahme benötigt man eine Einladung des Betreibers Google. Die begehrten Freischaltcodes werden auf eBay für rund 20 US-Dollar gehandelt. Dennoch hat sich bereits eine kleine Szene gebildet. Treffen sich mehrere Spieler zu gemeinsamen Aktionen, begrüßt man sich per Handschlag und stellt sich unter seinem Nickname vor. In München haben sich kürzlich etwa 50 Spieler in einem Lokal getroffen. Doch so richtig sei das Gespräch nicht in die Gänge gekommen, erzählt ein Teilnehmer, alle seien ständig mit ihren Handys beschäftigt gewesen.
Ein Spieler mit dem Nickname „Geraldo“ ist seit Dezember dabei und gehört zur Fraktion des Resistance. Er hat schon immer viel am Computer gespielt und Ingress einfach mal ausprobiert. Das Spiel hat ihn sofort gepackt und ist inzwischen fester Teil seines Alltags geworden. Auf dem Weg zur Arbeit macht er Umwege, um ein paar Portale abzuklappern, auch einen Teil seiner Mittagspause opfert Geraldo für den Kampf gegen die Erleuchteten. Ihm gefallen vor allem die Outdoor-Aktivität, der Teamplay-Charakter und die Möglichkeit, seine Umgebung auf eine ganz neue Art wahrzunehmen. “Plötzlich macht Spazierengehen Spaß”, erzählt der 35-jährige Operations Manager.
Aber welchen Preis hat dieser Spaß? Schließlich ist Google keine Wohltätigkeitsorganisation und da das Spiel keine Gebühren kostet, muss der Konzern einen anderen Zweck damit verfolgen. Zunächst ist Ingress ein Verkaufsargument für das hauseigene Android-Betriebssystem, denn nur dafür ist die App bisher verfügbar. Apple-Nutzer bleiben außen vor. Vorstellbar ist allerdings, dass Google ganz anderen Absichten hat. Tatsächlich liefert Ingress umfangreiche Nutzerdaten. Um am Spiel teilzunehmen, müssen die Spieler laufend ihre aktuelle GPS-Position an die Google-Server schicken. So erhält das Unternehmen ein genaues Bewegungsprofil der Teilnehmer. Was genau mit diesen Daten geschieht, bleibt unklar. Denkbar ist eine Verbesserung des Kartendienstes Google Maps. Das Anbieten von standortbezogener, personalisierter Werbung ist naheliegend, aber auch schon von Diensten wie Foursquare bekannt. Prinzipiell bietet Ingress deutlich weitreichendere Möglichkeiten: Der Aufenthaltsort eines Users kann nicht nur für angepasste Werbung genutzt, sondern durch die Spielführung aktiv beeinflusst werden. Schließlich entscheidet einzig und allein Google, wo für das Spiel strategisch wichtige Punkte platziert werden. Warum dabei nicht auf die (bezahlten) Wünsche von beispielsweise Fast-Food-Ketten Rücksicht nehmen? Egal ob man sich im Spiel also für oder gegen die Nutzung der Gedankenkontrolle einsetzt: Unter Umständen verhilft man Google durch seine Teilnahme dazu, genau diese aufzubauen, ganz real. Wer hätte den Google-Entwicklern soviel Selbstironie zugetraut?
Die Erleuchteten in der Augsburger Innenstadt haben erstmal keine Zeit für solche Überlegungen. Bisher hatten sie die Stadt fest im Griff, doch diese Nacht sind einige mächtige Widerstands-Vertreter aus dem nahen München gekommen und nehmen den Kampf auf. Beide Seiten haben ihre Reserveakkus geladen und Touchscreen-kompatible Handschuhe angezogen. Die Schlacht um Mind Units kann beginnen.
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Und man muss nicht nur in der Regel, sondern auch jeden Fall im Umkreis von 35 Metern um das Portal sein. Das lässt sich zwar umgehen, wird aber als Cheating gewertet und wenn jemand das meldet, dann ist es ganz schnell vorbei mit dem Account.
Das keine Kommunikation zustande kommt, halte ich auch für ein Gerücht. Wenn ich jemanden in der Stadt treffe, der auch spielt, dann unterhält man sich fraktionsübergreifend kurz und tauscht sich ein bisschen aus. Ebenso läuft das Ganze in den Google+ -Gruppen. Man merkt schnell, dass die meisten das gar nicht so eng sehen mit den Fraktionen sondern einfach ihren Spaß haben wollen.
Dass es Google bzw. Niantic dabei um die Standortdaten oder sonstwas geht, halt ich auch eher für unwahrscheinlich. Mit Google Latitude sind die Standort-Infos schon längst gefallen auf Android und mittlerweile auch im Browser. Das Gerät weiß so oder so wo ich bin und teilt dies, wenn ich es denn zulasse, auch ausgewählten Freunden mit.
Letztlich macht es auch jeder freiwillig und die Fragestellung was damit bezweckt werden soll, lässt sich so auf jede kostenlose Location-based-App übertragen. Foursquare bietet seine Dienst auch kostenlos an, ohne dass ich weiß, was die Firma mit meinen Geo-Daten macht.
27.02.2013 - 14:21 Uhr
Hazamel
air_kaviar sagte:
In den USA gab es bereits Unternehmenskooperationen, unter anderen mit Zipcar, einem Car Sharing Unternehmen.
Bei ZipCar ging es sogar noch viel weiter. Die Nummernschilder der Autos waren/sind Passcodes durch die Gegenstände freigeschaltet werden konnten.
ma_fia sagte:
Wurde denn jemand von euch, air_kaviar oder Hazamel, eingeladen? Habt ihr es selbst gespielt?
"Einladen" in dem Sinne gibt es nicht. Entweder man gewinnt einen Invite irgendwo (z.B. auf Twitter) oder man hinterlässt seine Mail-Adresse auf der Ingress-Seite und bekommt irgendwann (oder auch nicht) einen Invite-Code.
Lustigerweise habe ich mit meinem Googlemail-Account bis heute keinen Code bekommen. Mit zwei anderen Mail-Adressen aber innerhalb von zwei Wochen.
Spielen selber ja. Allerdings eher Casual. Ich weiß wo bei mir in der Stadt die Portale sind und habe da eine "optimierte Route" um die mal eben nach der Arbeit, oder wenn man eh in der Stadt ist, abzugrasen.
Ich kenne aber auch Hardcore-Gamer, die täglich mindestens drei Stunden mit zwei Akkupacks unterwegs sind und bis zum Exzess die Portale farmen.
Hazamel sagte:
Spielen selber ja. Allerdings eher Casual. Ich weiß wo bei mir in der Stadt die Portale sind und habe da eine "optimierte Route" um die mal eben nach der Arbeit, oder wenn man eh in der Stadt ist, abzugrasen.
Ich kenne aber auch Hardcore-Gamer, die täglich mindestens drei Stunden mit zwei Akkupacks unterwegs sind und bis zum Exzess die Portale farmen.
Mit echtem Interesse gefragt: Was motiviert Dich an der Teilnahme? Das geo caching? Die sich aufbauende Kommunikation mit anderen, die auch dabei sind? Oder ist es der Reiz, die neue Technik auszuprobieren? Oder bekommt man da bereits irgendwas, was sich über das virtuelle hinaus farmen lohnt?
Ich frage mich nämlich gerade, was google mir "anbieten" müsste, um daran teilzunehmen. Und wohin das ganze führt ...
Ich würde sagen, es ist eine Mischung aus mehreren Faktoren. Zum einen am Anfang ganz stark, dass es eben durch die Closed Beta etwas ist, was noch nicht jeder macht. Es ist neu und relativ exklusiv.Technisch wie auch vom Spielprinzip. Ich wüsste nicht, dass es sowas in der Art schonmal gegeben hätte. Auf über 130 000 Einwohner kommen hier vielleicht maximal 20 sehr aktive Spieler.
Ich weiß nicht, ob wir da besonders viel Glück haben, aber aus meinem Freundeskreis sind es mittlerweile schon vier Leute die ebenfalls spielen.
Dazu kommt dann ein bisschen der sportliche Ehrgeiz: Auf der einen Seite, wem die Stadt "gehört", was innerhalb von Stunden wechseln kann, und zum anderen der Ehrgeiz zu leveln und sich damit bessere Items freizuspielen.
Belohnung dafür gibt es keine. Es kann auch keiner sagen ob das Projekt nicht eingestampft wird oder ob es irgendwann public wird und die Server zurückgesetzt werden. Google hält sich da sehr bedeckt. Aber viel lebt eben von diesen zwei Fraktionen, die sich um die Punkte in einer Stadt hauen. Ich hab schon von vielen aus kleinen Städten oder mit einer sehr übermächtigen Fraktion gehört, dass sie aufgehört haben, weil's dann öde wurde. Man hat seine Portale und Resonatoren aufgefrischt oder eben kein Fuß auf den Boden bekommen.
Man kann es wohl wirklich sehr gut mit Foursquare vergleichen: Wenn ein Freund einen Punkt vor einem in der Rangliste ist, dann checkt man eben zweimal mehr wo ein oder wenn einem nur noch ein Tag zum Mayorship fehlt, dann geht man eben am nächsten Tag nochmal in den Laden. Und wenn es nur für den Mayortitel ist.
Auf Grund der Verteilung der Energie gehe ich auch ganz stark davon aus, dass Google die Standorte von Nicht-Spielern aber Android-Usern schon fleißig einsetzt um diese zur verteilen.
27.02.2013 - 17:21 Uhr
Hazamel
Entweder es geht um das Spiel oder ich muss den Kreis größer ziehen und mich auf Geolocation-Apps generell einschießen. Dazu gehören neben Foursquare, womit wirklich gezielt Werbung gemacht wird ("Checke hier ein und bekomme eine Tüte Popcorn") auch facebook oder sogar Google Maps mit dem Navigation.
Ich erkaufe mir bei Google Maps schon mehr Präzision bei der Ortung dadurch, dass Google mich zustimmen lässt, dass anonym WLan-Informationen gesammelt werden. Dazu braucht es nicht einmal ein Latitude aktiviert zu haben.
Hazamel sagte:
Lustigerweise habe ich mit meinem Googlemail-Account bis heute keinen Code bekommen. Mit zwei anderen Mail-Adressen aber innerhalb von zwei Wochen.
weil das umfangreiche profil, das mit deinem gmail-account verknuepft ist, keinen kaufkraeftigen und/oder an den eventuellen werbepartnern des spiels interessierten usw. eindruck macht?
ich finde das ein faszinierendes konzept, und schon etwas verlockend. aber noch viel gruseliger, dass google jetzt auch noch gezielt steuern kann, wo leute hingehen, von der uebrigen ueberwachung ganz abgesehen. niemals wuerde ich bei sowas mitmachen.
ein_oxymoron sagte:
weil das umfangreiche profil, das mit deinem gmail-account verknuepft ist, keinen kaufkraeftigen und/oder an den eventuellen werbepartnern des spiels interessierten usw. eindruck macht?
ich finde das ein faszinierendes konzept, und schon etwas verlockend. aber noch viel gruseliger, dass google jetzt auch noch gezielt steuern kann, wo leute hingehen, von der uebrigen ueberwachung ganz abgesehen. niemals wuerde ich bei sowas mitmachen.
"Gezielt steuern" heißt dann, soweit meine Erfahrung aus mehreren Städten in Deutschland, zu Touristen-Spots wie Kirchen, Burgen und Brunnen zu kommen. Neue Spots werden nicht von Google vergeben sondern sind Vorschläge der Spieler. Auch das fehlt im Text komplett. Bis jetzt ist mir noch kein Laden untergekommen. Und so mündig dort dann nicht reinzugehen sollte ich als Spieler noch sein.
Die Mehrzahl hier scheint das Spiel nicht zu kennen oder zu spielen incl. dem Autor. Ich würde gerne mal wissen wie er auf WoW kommt.
Ich nehme an, dass Du auch kein Smartphone von Apple oder mit Android-OS hast und noch nie Google Maps oder die Suche genutzt hast ;-)
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27.02.2013 - 12:56 Uhr
air_kaviar
In den USA gab es bereits Unternehmenskooperationen, unter anderen mit Zipcar, einem Car Sharing Unternehmen. Alle Parkplätzde der Firma wurden als Portale im Spiel angezeigt. Sehr nützlich, wenn es darum geht, den Nutzern zu illustrieren, wie nahe ein Mietwagen der eigenen Wohnung ist. Andere Partner waren Jamba Juice und Duane Reade, eine Drogeriekette. Die Drogerien musste man angeblich betreten, um in-Game Gegenstände zu bekommen.