22.02.2013 - 18:30 Uhr

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Danke, und selbst?

Text: mercedes-lauenstein

Bis sie sich vor kurzem die Haare rot färbte, hatte unsere Autorin eine Gruppe von Menschen fast vergessen: Diejenigen, die hinter jeder äußerlichen Veränderung einen dramatischen seelischen Abgrund vermuten.

Ich habe mir die Haare ziemlich spontan knallrot gefärbt. Mein aschblonder 08/15-Dutt hat mich seit Wochen gelangweilt, aber ich hatte noch keine neue Idee. Und dann war da plötzlich ein grau-verschneiter Samstag und mein akutes Faible für Garbage-Videos und alte Claire Danes-Fotos. Die meisten, allen voran mein Freund, fanden das Resultat erstaunlich gut und sagten Sachen wie: „Mutig“, „Tolle Farbe“,oder „Steht dir“. Andere wiederum sagten: „Ich fand’s vorher zwar besser, aber na gut.“ oder auch „Oh Gott, du kleiner Hippie, naja, ich mag dich trotzdem!“ Natürlich suhle ich mich in Komplimenten lieber als in enttäuschten Blicken, aber gemäß des Grundsatzes, dass man sowieso nie allen gleichzeitig gefallen kann, kann ich auch mit ihnen leben. 

Womit ich hingegen gar nicht gut leben kann, sind die unheilvollen Reaktionen küchenpsychologischer Skeptiker: Das irritierte Schweigen einer Freundin, in dem irgendetwas von „Bist du sicher, dass es dir auch wirklich gut geht?“ mitschwingt. Das zurückgenommene „Aha und wieso gehst du so offensiv damit um?“ eines Kollegen, als ich ihm frisch rotgefärbt und aufgeregt hüpfend verkünde: „Waaah, guck mal, ich hab rote Haare!“. Und schließlich die wohl klischeehafteste Reaktion: „Wenn ich dein Freund wäre, hätte ich jetzt aber Angst vor den Veränderungen, die mir drohen!" aus dem Mund eines weiteren Bekannten.



Ich glaube fest daran, dass jeder, der eine äußerliche Veränderung vornimmt, eine Motivation hat, dies zu tun, sonst würde er es nämlich bleiben lassen. Nur: Wieso muss diese immer gleich auf einen Dachschaden deuten? Wieso muss jede Lust auf Neues von Ersatzhandlungen und fataler Fehlkanalisation diffuser Sehnsüchte erzählen? Warum ist in den Augen mancher Leute jede radikale Stilveränderung gleich ein Hilfeschrei?

Eine meiner besten Freundinnen rasierte sich im Erasmus-Semester ihre langen Haare ab. Nicht, weil sie in Portugal so unglücklich, einsam und verzweifelt war, sondern, weil sie dort ganz im Gegenteil: ziemlich entspannt war. Weil sie das mit der Komplettrasur sowieso schon immer mal ausprobieren wollte. Weil sie generell ein ziemlich neugieriger Mensch ist. Und weil sie sich da in Portugal auf einmal auch den Kahlschnitt traute. Ihre Eltern und Großeltern fanden das aber gar nicht so entspannt. Ihre Mutter schrieb ihr eine sehr besorgte E-Mail, in der sie irgendeinen berühmten Philosophen zitierte, sinngemäß stand da Folgendes: Veränderst du dein Äußeres, ist im Inneren etwas im Argen! Die Mutter schickte dieses Zitat als Warnung und garnierte es mit vertrauensvollen Zusprüchen, dass die Tochter doch bitte mit ihnen über ihre Sorgen reden möge und dass sie bitte auf keinen Fall Dummheiten begehen solle.

Meine Freundin erschrak, als sie die Mail bekam. Nicht, weil die Mutter ins Schwarze getroffen hatte und sie sich ertappt fühlte. Sondern weil sie das Gefühl hatte, völlig verkannt zu werden. Sie hatte keine Probleme. Es ging ihr gut, so gut sogar, dass sie mutig genug war, endlich die langen Haare abzusäbeln. Sie genoss diese Veränderung und war entspannt genug, zu sagen: Wächst ja wieder. Sie dachte: Wann, wenn nicht jetzt, ich habe Bock, zack, ab damit.

Ich zweifelte damals keine Sekunde an ihr, weil ich sie kannte. Weil ich Menschen generell erstmal vertraue, Veränderungen mutig und positiv finde und Ungewohntes nicht verurteile, nur weil es ungewohnt ist. Warum hab ich meine Haare gefärbt? Ja, ich fand meinen täglichen blonden Dutt eh fad und ja, es macht den hartnäckigen Winter etwas weniger grau, und ja, es macht, dass ich mich gerade ganz frisch und neu fühle. Aber sonst? Nein, ich hasse mein Leben nicht, nein, ich habe mich nicht von meinem Freund getrennt und ich habe es auch nicht vor. Nein, ich sehne mich nicht nach einem völlig neuen Leben und habe mir stattdessen die Haare gefärbt. Nein, ich beginne nicht bald, mich zu ritzen. Im Gegenteil: Bis auf die normale kleine Winterdepression geht es mir gerade allgemein so gut, dass ich nicht mal darüber nachdenke, wem ich mit diesen Haaren gefalle oder nicht. Ich hatte Bock, habs gemacht, zack, rot waren sie. Und jetzt finde ich es gerade ziemlich toll, morgens in den Spiegel zu gucken oder mich in Schaufenstern zu spiegeln und immer noch ein bisschen aufgeregt zu sein, weil ich überhaupt gar nie dachte, dass ich mal rote Haare haben würde. Und wenn sie mir nicht mehr gefallen, muss der Friseur sie eben umfärben, so einfach ist das.
 
Das mag jetzt eine genauso vage Küchenpsychologenunterstellung sein, wie die, die ich hier kritisiere, aber: Ist es nicht viel eher so, dass es genau diese unheilvollen Skeptiker sind, die ein Problem mit ihrem Leben haben und nicht diejenigen, denen sie eines unterstellen? Weil ihnen die kleinste Veränderung anderer Angst macht? Den Verlust ihrer vertrauten Welt fürchten macht? Weil sie merken: Oh, die Person ist ja gar nicht ganz genau so, wie ich dachte, dass sie sei? Weil sie Angst haben, dass eine geliebte Person ihnen entgleitet? Weil sie mal wieder den Beweis haben, dass morgen schon alles ganz anders sein kann? Oder weil sie sich womöglich ärgern, nicht selbst mal irgendetwas zu riskieren?

Ich weiß es nicht und ganz sicher hat keine Reaktion genau dieselben Beweggründe. Klar ist nur, dass alle, die äußerliche Veränderungen dramatisch fehlinterpretieren, nicht nur sich selbst, sondern auch ihrem Umfeld Handlungssspielraum rauben. Und das macht ihre Welt ziemlich eintönig, ihren Horizont ziemlich schmal und ihren Sympathiewert auf Dauer ziemlich winzig.


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lady_dawn
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Mag ich Mag ich nicht

2

23.02.2013 - 01:53 Uhr
lady_dawn

Wir hatten in der Firma ein Mädchen, die ihre schwarzen Haare blau gefärbt hatte.
Das sah so irre cool aus! Irgendwie machte es sie noch hübscher - und eben auch einzigartig.

Und übrigens: rot ist schon seit ewig eine In-Farbe. Sie war nie out.

Ich finde, man sollte alles ausprobieren.

Mal wie ein Junge rumlaufen, mal wie eine Zicke.
Und die Meinung anderer geflissentlich übergehen.
Und die Allerwelts-Psychologen meiden, die sind besonders schlimm.
Und genießen!

achDerUsername
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Mag ich Mag ich nicht

1

23.02.2013 - 03:12 Uhr
achDerUsername

Sehr schöner Text. Und ja, ich glaube auch, dass die Menschen, die am meisten Angst vor Veränderung auch bei anderen Menschen meist mit sich selbst nicht ganz im Reinen sind. Ich merke selber, wenn ich nicht mit mir im Reinen bin, wenn ich mich gegen Veränderungen wehre.

Veränderungen sind nie insich gesehen gut oder schlecht, ich würde sogar so weit gehen, sie immer gut zu sehen. Entweder, es gefällt einem und man ist froh, dass man es gemacht hat oder es gefällt eine, nicht, und man ändert es erneut und ist dann froh, es ausprobiert zu haben UND zu wissen, dass es einem wirklich icht gefällt. ;-)

das_maedchen
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Mag ich Mag ich nicht

0

23.02.2013 - 09:42 Uhr
das_maedchen

rote haare sind das beste!

carohr
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Mag ich Mag ich nicht

-1

23.02.2013 - 11:18 Uhr
carohr

wenn das Dach rostig ist, ist oft der Keller feucht

jetzt_leser
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3

23.02.2013 - 11:29 Uhr
jetzt_leser

Mönsch, Haare rot färben oder abschneiden, im Jahr 2013! In Westeuropa! Das ist wirklich mutig. Respekt! Ich hab heute übrigens Sesamsemmeln gekauft statt Mohnsemmeln. Da hat die Bäckerin aber gekuckt!

marphine
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2

23.02.2013 - 11:34 Uhr
marphine

pics or it didn't happen!

eisengrau
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1

23.02.2013 - 12:41 Uhr
eisengrau

Herzlichen Glückwunsch. (Blonder Dutt ist eh langweilig, @alle jungen Frauenj)
Rot zieht natürlich Kommentare wie "Pumuckl" oder, wenn mehr popkulturelles Vorwissen da ist, auch "Lola rennt" an, aber da muss man drüber stehen.

schwindlicht
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Mag ich Mag ich nicht

0

23.02.2013 - 14:22 Uhr
schwindlicht

hatte ich auch. aber man muss ja auch nicht gleich zurückkratzbürsten und kann die (unbegründete) sorge ja auch als zwar nicht angebrachte, aber nette geste stehen lassen.

TimTim
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Mag ich Mag ich nicht

1

23.02.2013 - 15:12 Uhr
TimTim

Dass derartige Veränderungen zwingend auf einen seelischen Dachschaden zurückzuführen sind, halte ich für ausgesprochenen Quatsch. Sicher ist aber, dass sie Ausdruck eines Teils der aktuellen Gedanken-, Ansichten- und Gefühlswelt sind. So ganz ohne Grund, also aus Versehen, färbt sich ja wohl keiner die Haare von natur auf rot oder vielleicht auch mal karriert.

Fakt ist auch, dass man solche Veränderungen mit deutlicher Mehrheit an Menschen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren beobachten kann. Scheint also ein Spielchen der(sich noch entwickelnden) Jugend zu sein, was als solches, aus welchen Gründen auch immer, sicher zu einer Art temporärem Wohlbefinden führt. Man probiert sich halt ein wenig aus. Ist doch prima.

Ich glaube, dass der Mercedes die roten Haare ausgezeichnet stehen(wobei ich mir bei ihr die Kurzhaarvariante auch sehr schön vorstelle).

Jedem sollte sein persönlicher kleiner Kampf zugunsten eines ereignisreichen Lebens gewährt bleiben. Und abgesehen davon sind Menschen direkt nach einer solchen Veränderung meist auch viel interessierter, offener und damit sympatischer, weil sie sich selbst nun auch etwas interessanter finden.

Vomdingsherganzgut
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Mag ich Mag ich nicht

-1

23.02.2013 - 18:48 Uhr
Vomdingsherganzgut

Bis kurz vor Ende des Artikels war zu befürchten, dass die Moral von der Geschicht doch wieder in verunsicherter Zerstreuung aufgelöst- und nicht so gut auf den Punkt gebracht werden würde.
Im letzten Abschnitt steht eigentlich sehr treffend beschrieben und beobachtet woran es öfter hapert, als einem lieb sein kann.
Innere Veränderungen gehen oftmals mit äußeren einher, sodass man schon - zwar nicht verallgemeinernd - davon ausgehen kann, ohne das eine das andere nicht anzutreffen.
Die meisten Menschen würden über sich behaupten, ihre Veränderungen können auch ohne die Veränderung der äußeren Umstände stattfinden. Zugeben, dass diese Veränderungen dann mit dutzenden Sicherungselementen behaftet sind, würden sie aber nicht.
Einen Menschen lernt man nur wirklich in extremen Situationen kennen. Das können Situationen des Glücks, des Leides oder des Mangels in seinen zahlreichen Formen sein. Diese Momente zu zulassen, dazu bedarf es Mut, Zeit und den persönlichen Anspruch was einem die Menschen bedeuten sollen, die einen umgeben.

„Die Beachtung würdigt die Person, die Anerkennung das Produkt.“

Vielleicht geht die Autorin hier auch nicht ganz offen mit ihrem Umfeld um, denn offensichtlich verlangt sie doch auch ein wenig nach mehr Emotionalität und Aufmerksamkeit ihr gegenüber.
Rot ist eine sehr emotionale Farbe die von Menschen oft auch als autoritär und mit einem gehobenen sozialen Status in Verbindung gebracht wird.
Gut wäre also, wenn die äußere Veränderung in etwa mit der inneren Veränderung schritt hält.
Menschen haben in der Regel ein feines Gespür für solche Diskrepanzen und reagieren dann natürlich instinktiv misstrauisch.
Deshalb wäre es in mancher Situation angebracht, es mal bei seinen Freundinnen, Bekannten usw. erst einmal mit einer mutigen Offenheit zu versuchen, auch wenn dies die Möglichkeit des Missverstehens beinhaltet.
Die Möglichkeit festzustellen, dass einige Freunde manchmal aus Eigennutz oder Faulheit eher positive Entwicklungen torpedieren als sie zu unterstützen, erfordert eben mehr Mut als vorschnell die Ampel auf Rot zu stellen.
Diese Feststellung würde dann Konsequenz verlangen und die lässt sich dann nicht mehr so einfach umfärben.
Es gibt also immer sehr viele unterschiedliche Sichtweisen eines Themas und die ultimative Wahrheit haben wir alle sowieso nicht gepachtet.

Neulich war ich auf meinem ersten Klassentreffen und habe festgestellt, dass neunzig Prozent meiner ehemaligen Mitschüler noch dieselben oder ähnliche Frisuren wie in der fünften Klasse tragen.
Das Treffen verlief dann auch nach dem Standarddrehbuch für Klassentreffen und hat mir im Nachhinein eine wichtige persönliche Erkenntnis gebracht:
Man kann sich über Menschen kein Urteil erlauben, die Dauerwellen tragen, Karo und Karo favorisieren, falsche D&G Uhren auffällig über einen Strickpollover binden, beim Essen die Suppe schon fast mit der Nase einziehen, lachen wenn niemand einen Witz gemacht hat, die Frage stellen: und was machst du so?, heimlich nach zwanzig Minuten verschwinden ohne den Mumm zu haben, sich bei allen zu verabschieden, Menschen die Bilder ihrer kleinen Kinder herum reichen, als hätten sie sich gerade neue Schuhe bei Zalando bestellt, Menschen die gern viel haben aber wenig geben…

oder vielleicht doch?… vielleicht geht es aber auch nur einfach darum, sein eigenes Leben zu leben und sich weniger von äußeren Einflüssen tragen zu lassen als von inneren. Der Schein nach außen macht diese nur eben manchmal sichtbar.

P.S. Nachfolgend noch ein Satz an alle die sich noch nicht freiwillig in das Stadium der Ahnungslosigkeit überstellt haben: Dummheit bzw. verminderte kognitive Fähigkeiten bis hin zu wohligen Wahrnehmungsstörungen findet man nicht nur auf „rostigen Dächern“ sondern bisweilen sogar beim „Mohnsemmel kaufen“.

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