Zwei Heimaten
2013 tritt der "Optionszwang" das erste Mal in Kraft. Allein in diesem Jahr müssen sich mehr als 3.000 junge Menschen, die bisher zwei Staatsbürgerschaften hatten, für eine entscheiden. Katarina, 21, darf durch den EU-Beitritt Kroatiens im Sommer zwar ihre beiden Pässe behalten - trotzdem hat sie einen wütenden Blogpost geschrieben.
„Mit Verlaub, Frau Merkel, Sie haben keine Ahnung, was es bedeutet, eine doppelte Staatsbürgerschaft zu haben“, schreibt Katarina Galić, 21, auf ihrem Blog Katikuerschmeckert. „Frau Merkel und die doppelte Staatsbürgerschaft des Schreckens“ hat die Münchner Politik- und Geschichtsstudentin ihren wütenden Blogeintrag genannt.Katarina ist in Deutschland geboren und hat kroatische Eltern. 1973 sind sie aus dem früheren Jugoslawien ausgewandert. Im Moment hat Katarina zwei Staatsbürgerschaften, die kroatische und, seit sie 2001 eingebürgert wurde, die deutsche. Wenn Kroatien am 1. Juli 2013 nicht der EU beitreten würde, hätte sie noch ein gutes Jahr Zeit, bis sie sich für eine der beiden Staatsbürgerschaften entscheiden muss, genauer: bis zum 1. Mai 2014. Das ist der Tag vor ihrem 23. Geburtstag.
Durch die im Jahr 2000 eingeführte „Optionspflicht“ haben Kinder von Einwanderern das Recht auf einen deutschen Pass, wenn sie nach 1990 in Deutschland geboren sind. Bis zu ihrem 23. Geburtstag können sie gleichzeitig die deutsche Staatsbürgerschaft und die des Heimatlandes ihrer Eltern behalten, dann müssen sie eine davon aufgeben. Beide Staatsangehörigkeiten kann man nur behalten, wenn die Eltern aus einem EU-Mitgliedstaat oder einem Land kommen, das seine Bürger grundsätzlich nicht aus der Staatsbürgerschaft entlässt. Solche Länder sind zum Beispiel Tunesien, Iran, Marokko und Afghanistan.
Katarina muss sich wegen des EU-Beitritts Kroatiens im Sommer nicht entscheiden. Ihr Cousin, Jahrgang 1990, muss am 9. Mai 2013, nicht einmal zwei Monate vor dem Beitrittstermin, noch einen seiner Pässe abgeben. Aber auch Katarina kennt das Problem, eine Entscheidung treffen zu müssen, die man gar nicht treffen kann.
Seit ihrem 18. Geburtstag, also seit Mai 2009, bekommt sie immer wieder Briefe vom Regierungspräsidium. Das Beitrittsdatum für Kroatien wurde erst im Dezember 2011 beim EU-Gipfel in Brüssel festgelegt. In diesen zweieinhalb Jahren dachte Katarina oft an ihren 23. Geburtstag. „Ich finde es selbstverständlicher, beide Staatsbürgerschaften zu haben als sich für eine entscheiden zu müssen“, sagt sie, „ich will nicht auf die deutsche verzichten, hier ist mein Lebensmittelpunkt, ich studiere und lebe hier. Wieso soll ich nicht mitgestalten dürfen? Auf der anderen Seite habe ich meine Wurzeln in Kroatien, der Großteil meiner Familie lebt dort, mir ist es wichtig, was dort passiert und dass ich dort wählen darf. Ich will mich zu meiner Herkunft bekennen, die Staatsbürgerschaft ist auch ein Stück Identität.“ Wenn sie sich hätte entscheiden müssen, hätte sie die kroatische abgegeben, „schweren Herzens“, wie sie sagt.
2013 tritt der „Optionszwang“ das erste Mal in Kraft. Laut eines Berichts von DRadio Wissen sind davon allein in diesem Jahr 3.300 junge Menschen betroffen. In Hessen hat bereits eine Frau mit bisher doppelter, nämlich deutscher und türkischer, Staatsbürgerschaft ihren deutschen Pass verloren, berichtet der Radiosender. Die Türkei ist seit zehn Jahren Beitrittskandidat der EU, ein Beitritt aber noch nicht absehbar. In Deutschland haben etwa drei Millionen Menschen mit Migrationshintergrund ihre Wurzeln in der Türkei. Den meisten von ihnen dürfte die Entscheidung für eine Staatsbürgerschaft schwer fallen. Auch der 19-Jährige Bekir Korkmaz, der in einem Artikel von Echo-online.de zu Wort kommt, hat zwei Staatsbürgerschaften und weiß, dass er spätestens in vier Jahren eine abgeben muss: „Ich bin halt nicht rein deutsch, aber auch nicht rein türkisch. Ich bin fifty-fifty (...)“, sagt er, „Ich tendiere zur deutschen Staatsbürgerschaft, aber die türkische gebe ich nur ungern ab. Ich lebe nun mal hier, und das Leben in Deutschland würde schwieriger mit einem türkischen Pass.“

Katarina muss zwar ihre kroatische Staatsbürgerschaft nicht abgeben, um die deutsche zu behalten, muss sie allerdings noch beweisen, dass sie nicht die bosnische besitzt. Auf die hätte sie ein Anrecht, weil ihr Vater im ehemaligen Jugoslawien in dem Gebiet geboren wurde, das heute zu Bosnien und Herzegowina gehört. Nur bekommt sie keinen entsprechenden Nachweis, weil sie dort nicht gemeldet ist. Die einzige Lösung wäre, die bosnische Staatsbürgerschaft zu beantragen und dann wieder daraus entlassen zu werden. Das dauert aber mindestens ein Jahr, kostet viel Aufwand und mit knapp 500 Euro ziemlich viel Geld.
Dieses „Hickhack“, wie es Katarina nennt, und die aktuelle Diskussion in der Bundesregierung über die doppelte Staatsbürgerschaft waren der Anlass für ihren schriftlichen Wutausbruch. Angefangen hat es mit dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung Markus Löning (FDP). In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Auszüge kann man hier nachlesen) kritisierte er das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht. Aus der FDP und SPD meldeten sich mehrere Politiker und machten ihre Zustimmung deutlich. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) haben sich laut Medienberichten gegen eine Veränderung des Staatsbürgerschaftsrechts ausgesprochen. Friedrichs Sprecher sagte: „Wer in einem Land wohnt und bleiben will, muss sich zu dem Land klar bekennen.“
So einfach ist das aber nicht. „Können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, wenn man in Deutschland nicht als Deutsche zählt (...)?“, schreibt Katarina auf ihrem Blog. Sie richtet diese Frage an Angela Merkel, deren Aussagen „ein Schlag in die Fresse für alle jene jungen Menschen, die versuchen ihren Platz in einer Gesellschaft zu finden, in die sie hineingeboren wurden, die sie aber immer wieder ablehnt“ seien.
Katarina hatte in der Schule in Deutschland oft das Gefühl, nicht dazuzugehören. Das fängt schon mit ihrem Namen an: Katarina ohne h. „Und ein Nachname, der auf -ić endet“, sagt sie, „in der Schule hätte ich alles für einen Nachnamen wie Müller oder Schmidt gegeben.“ In Deutschland ist sie immer die Kroatin, in Kroatien und sogar in ihrer Familie, ist sie die Deutsche. Außer ihr hat nur noch einer ihrer Cousins auch die deutsche Statsbürgerschaft. „Ich hatte die ersten zehn Jahre meines Lebens nur die kroatische Staatsbürgerschaft, ich bin kroatisch erzogen worden, ich bin Kroatin. Seit ich zusätzlich einen deutschen Pass habe, hat sich das geändert. In meiner Familie werde ich immer ‚Svabo’ genannt, das ist ein abfälliges Wort für ‚Deutscher’“, sagt Katarina.
Eine dauerhafte doppelte Staatsbürgerschaft könnte das ändern. „Eine Einbürgerungsurkunde ist nicht nur ein Stück Papier, sie ändert Rechte und Pflichten. Es ist nur gerecht, wenn man sie dort hat, wo man lebt, aber auch dort, wo man seine Wurzeln hat“, sagt Katarina. So schnell rechnet sie aber nicht damit, dass sich was ändert. „Ich befürchte, dass es so bleibt, wie es ist, zumindest bis zu den Wahlen im Herbst“, sagt sie. Dann wird sie auf jeden Fall ihre Stimme abgeben, das macht sie am Schluss ihres Blogeintrags deutlich: „Ich werde alles tun, um die deutsche Staatsbürgerschaft behalten zu können. Nur so kann ich Sie abwählen, Frau Merkel, und ich werde es im September mit Vergnügen tun.“
Bei einem Regierungswechstel stehen die Chancen gut, dass sich das Staatsbürgerschaftsrecht ändert. Statt sich verloren zu fühlen, könnte es ganz normal werden, dass Katarina und Bekir zwei Heimaten haben. Und dann würde sich der Plural von Heimat vielleicht irgendwann nicht mehr seltsam anhören.
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Begunje62 sagte:
AAAARGH da muss ich gleich mal ein bisschen Dampf ablassen, diese Diskussion wurde nämlich gestern auf SPON geführt und ich habe mich SOOOOOOOOOOO aufgeregt (über die Kommentare).
Menschen, die nicht in einer Situation sind mit 2 oder mehreren Kulturen aufgewachsen zu sein können nicht beurteilen, wie schwer es jemandem fallen kann, wenn er sich entscheiden muss plötzlich (wenn auch nur auf dem Papier) nur noch eines zu sein.
Ich habe das Glück, dass meine Eltern aus verschiedenen Ländern kommen, deshalb musste ich mich nicht entscheiden. Aber ich finde es einfach diskriminierend, dass sich
jemand, der nicht in meiner Situation ist entscheiden muss. In der Schweiz gibt es das nicht.
Ich glaube schon, dass ich es mir vorstellen und also beurteilen kann.
Deswegen bin ich ebenfalls dagegen, dass man sich entscheiden muss.
20.02.2013 - 19:28 Uhr
Bangshou
Begunje62 sagte:
AAAARGH da muss ich gleich mal ein bisschen Dampf ablassen, diese Diskussion wurde nämlich gestern auf SPON geführt und ich habe mich SOOOOOOOOOOO aufgeregt (über die Kommentare).
Menschen, die nicht in einer Situation sind mit 2 oder mehreren Kulturen aufgewachsen zu sein können nicht beurteilen, wie schwer es jemandem fallen kann, wenn er sich entscheiden muss plötzlich (wenn auch nur auf dem Papier) nur noch eines zu sein.
Ich habe das Glück, dass meine Eltern aus verschiedenen Ländern kommen, deshalb musste ich mich nicht entscheiden. Aber ich finde es einfach diskriminierend, dass sich jemand, der nicht in meiner Situation ist entscheiden muss. In der Schweiz gibt es das nicht.
(Andererseits: sich über SPON-Kommentare aufregen ist vielleicht nicht die sinnvollste Beschäftigung, die man sich vorstellen kann, ehrlich gesagt. Dann lieber kräftig dagegenhalten wie ich damals bei der Sarrazin-Dedbatte auf faz.net und sich an den hunderten roten Daumen erfreuen...)
Bangshou sagte:
(Andererseits: sich über SPON-Kommentare aufregen ist vielleicht nicht die sinnvollste Beschäftigung, die man sich vorstellen kann, ehrlich gesagt. Dann lieber kräftig dagegenhalten wie ich damals bei der Sarrazin-Dedbatte auf faz.net und sich an den hunderten roten Daumen erfreuen...)
Das hast Du natürlich vollkommen recht. Ich hatte mich aber noch nie an irgendeiner solchen Debatte beteiligt oder sie nur gelesen, deswegen fehlten mir die Erfahrungswerte... nächstes Mal frag ich Dich vorher ;)
Begunje62 sagte:
Menschen, die nicht in einer Situation sind mit 2 oder mehreren Kulturen aufgewachsen zu sein können nicht beurteilen, wie schwer es jemandem fallen kann, wenn er sich entscheiden muss plötzlich (wenn auch nur auf dem Papier) nur noch eines zu sein.
Auch Menschen, die noch nie hin- und hergerissen waren, ob sie ihr Kind "Butterblume" nennen sollten, können Gründe für zulässige Namensregelungen, Situation der Betroffenen, Nutzen und Schaden für die Gesellschaft etc. rational abwägen und entsprechende Gesetze erlassen. Auch wenn sie einzelne Menschen mit solchen Gefühlen oder Sehnsüchten dadurch - bewußt - einschränken.
Aber ich finde es einfach diskriminierend, dass sich jemand ... entscheiden muss.
Mich regt ja vor allem auf, daß heutzutage immer so schnell "diskriminierend!" geschrien wird.
Begunje62 sagte:
Bangshou sagte:
(Andererseits: sich über SPON-Kommentare aufregen ist vielleicht nicht die sinnvollste Beschäftigung, die man sich vorstellen kann, ehrlich gesagt. Dann lieber kräftig dagegenhalten wie ich damals bei der Sarrazin-Dedbatte auf faz.net und sich an den hunderten roten Daumen erfreuen...)
Das hast Du natürlich vollkommen recht. Ich hatte mich aber noch nie an irgendeiner solchen Debatte beteiligt oder sie nur gelesen, deswegen fehlten mir die Erfahrungswerte... nächstes Mal frag ich Dich vorher ;)
Hehe, kannste machen... :-)
Also meiner Meinung nach ist wirklich das lustigste: Wenn durch die Sarrazin-Debatte oder sonstiges auf faz.net der "Man-wird-ja-wohl-noch-sagen-Sturm" hunderter rechtsnationaler Bildungsbürger-FAZ-Leser losbricht: Dann einfach dagegenhalten und in wohlformulierten und gut argumentierten Beiträgen den Leuten klarmachen, was für ein fieses rechtsnationales Gedankengut sie sich gerade alle gegenseitig legitimieren und gründaumen.
Man meint dann wirklich, die Schnappatmung hören zu können...
Ansonsten bringen Internetduiskussionen sehr wenig.
(Wenn überhaupt, dann noch am ehesten hier im Kosmos. Aber die Zeit ist anderweitig definitiv besser angelegt.)
Purcell sagte:
Mich regt ja vor allem auf, daß heutzutage immer so schnell "diskriminierend!" geschrien wird.
Tut mir leid, dass ich Dich damit gestört habe, ich finde es nun einmal diskriminierend, dass sich ein türkischer 23-Jähriger entscheiden muss, ein kroatischer nur dann wenn er vor dem 1.7.2013 23 wird und ein afghanischer nie, weil Afghanistan seine Staatsbürger grundsätzlich nicht verlässt. Wenn, dann zumindst gleiches Recht für alle.
Und ich gehe mal davon aus, dass Du nicht einer von denen bist, die sich in einer solchen Situation befinden, sonst würdest Du nicht Staatsbürgerschaften mit Vornamen vergleichen.
Begunje62 sagte:
Purcell sagte:
Mich regt ja vor allem auf, daß heutzutage immer so schnell "diskriminierend!" geschrien wird.
Tut mir leid, dass ich Dich damit gestört habe, ich finde es nun einmal diskriminierend, dass sich ein türkischer 23-Jähriger entscheiden muss, ein kroatischer nur dann wenn er vor dem 1.7.2013 23 wird und ein afghanischer nie, weil Afghanistan seine Staatsbürger grundsätzlich nicht verlässt. Wenn, dann zumindst gleiches Recht für alle.
Und ich gehe mal davon aus, dass Du nicht einer von denen bist, die sich in einer solchen Situation befinden, sonst würdest Du nicht Staatsbürgerschaften mit Vornamen vergleichen.
1. Absatz: Zustimmung
2. Absatz: Gut gegeben.
Begunje62 sagte:
Tut mir leid, dass ich Dich damit gestört habe, ich finde es nun einmal diskriminierend, dass sich ein türkischer 23-Jähriger entscheiden muss, ein kroatischer nur dann wenn er vor dem 1.7.2013 23 wird und ein afghanischer nie, weil Afghanistan seine Staatsbürger grundsätzlich nicht verlässt. Wenn, dann zumindst gleiches Recht für alle.
Und wie schon aus dem Artikel hervorgeht, kann das nicht alles die Bundesregierung entscheiden (wenn es bspw. Staaten gibt, die nicht die Möglichkeit einräumen, daß man die Staatsbürgerschaft aufgibt). Bei jeder gesetzlichen Regelung gibt es immer tausend Ausnahmen und Abhängigkeiten (gerade und sehr häufig abhängig von den individuellen Geburtsumständen, die man ja nicht in der Hand hat). Eine für alle superfaire Lösung ist was für die Wunschträume unrealistischer Idealisten.
Und ich gehe mal davon aus, dass Du nicht einer von denen bist, die sich in einer solchen Situation befinden, sonst würdest Du nicht Staatsbürgerschaften mit Vornamen vergleichen.
Du willst ernsthaft Vergleiche verbieten? In beiden Fällen - dem vorliegenden Fall und meinem Vergleich - geht es primär nur um Sentimentalitäten.
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20.02.2013 - 19:09 Uhr
Begunje62
Menschen, die nicht in einer Situation sind mit 2 oder mehreren Kulturen aufgewachsen zu sein können nicht beurteilen, wie schwer es jemandem fallen kann, wenn er sich entscheiden muss plötzlich (wenn auch nur auf dem Papier) nur noch eines zu sein.
Ich habe das Glück, dass meine Eltern aus verschiedenen Ländern kommen, deshalb musste ich mich nicht entscheiden. Aber ich finde es einfach diskriminierend, dass sich jemand, der nicht in meiner Situation ist entscheiden muss. In der Schweiz gibt es das nicht.