15.02.2013 - 18:30 Uhr

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Sorry for my bad English

Text: lars-weisbrod - Foto: una.knipsolina / photocase.com

Manche Kleinigkeiten können auch Tabus sein: ziemlich schlecht Englisch zu sprechen, zum Beispiel. Unser Autor ist erleichtert, seit er endlich dazu steht und merkt, dass er nicht der einzige ist.

Es gibt ein paar Fähigkeiten im Leben, für die galt für mich sehr lange das Prinzip Hoffnung: Man geht einfach mal davon aus, dass man wenigstens mittelgut im Bett ist, zuhören kann und fließend und verständlich Englisch spricht. Immerhin machen alle anderen den Eindruck, dass das bei ihnen auch alles klappt – sie erzählen zumindest selten Gegenteiliges, und das ist im Zeitalter des Breitensports Koketterie ja schon eine Besonderheit. Und darauf, dass es bei mir anders wäre, hat mich schon aus Höflichkeit nie jemand hingewiesen. So wankt man dann durchs Leben, bis sich die Evidenzen zu häufen beginnen, dass die Hoffnung einen getäuscht hat.  

Ich mag die englische Sprache sehr gerne, ehrlich gesagt sogar lieber als die deutsche. Ich sage gerne “crisis” und “shibboleth” und “any port in a storm” und lese lieber Salinger als Schnitzler. Nur leider reiht sich auch Englisch in die lange Reihe meiner unerwiderten Lieben ein.



Es ist nicht so, als hätte ich nie was gemerkt. Ich unterhalte mich auf einer Party mit dem amerikanischen Austauschstudenten und bekomme als Antwort nur einen verdutzten Blick. Auf Konferenzen ist „I am sorry, could you say that again?“ der Satz, den ich am häufigsten höre, und englischsprachige Interview-Partner seufzen zwischendurch leicht. Aber am Anfang konnte ich das alles noch irgendwie weginterpretieren: Na ja, mir fehlt bloß die Übung! Das wird schon! Und was man sich dann alles so sagt.  

Seit ein paar Monaten arbeite ich an einem Uni-Institut, an dem kaum jemand Deutsch spricht. Im Kollegen- und Bekanntenkreis muss ich jetzt fast immer Englisch reden. Und es ist nichts anders geworden, höchstens schlimmer. Ich habe bisher wahrscheinlich nicht eine Frage oder Verneinung in der Vergangenheitsform gebildet, bei der ich nicht beide Verbteile ins Präteritum gesetzt habe („I didn’t went there yesterday!“). Vokabeln kann ich auch keine, neulich hat man mich wieder ausgelacht, weil ich „cable car“ zur Straßenbahn gesagt habe. Das Schlimmste aber sind die falschen Betonungsmuster: Man kann das „th“ so perfekt aussprechen, wie man will, die beste Grammatik der Welt an den Tag legen und die seltensten Wörter kennen – wenn man am Ende alles an der falschen Stelle betont, versteht kein Mensch mehr was. 

Jaja, Fehler machen ist nicht so schlimm. Ist es aber doch, wenn es wirkliche Kommunikation verhindert: Wenn ich nicht so sein kann, wie ich bin, weil mir die Wörter nicht einfallen, die ich normalerweise benutzen würde. Wenn ich unbedingt zeigen will, dass ich genauso lustig bin wie alle anderen, aber das Gespräch schon wieder ganz woanders ist, bis ich mir die pointierte Antwort zusammengestottert habe. Auf Englisch über Kunst, Fußball oder Gefühle zu reden, kann ich gleich vergessen. Aber was bleibt dann noch von einem übrig?  

Je mehr das Prinzip Hoffnung sich als unzureichend herausgestellt hat, desto mehr habe ich angefangen mich zu schämen: Nicht nur vor den englischsprachigen Kollegen und Bekannten, die wahrscheinlich bald schon keine Lust mehr haben werden, sich mit mir zu unterhalten, sondern auch vor meinen Freunden – immerhin scheinen die ja alle keine Probleme mit ihrem Englisch zu haben! Kein Englisch, das können doch nur unsere Eltern! Ich dachte: Ohne Englischskills, die dazu ausreichen, die eigene Persönlichkeit zumindest ansatzweise auszudrücken, bleibe ich mit meiner blöden Persönlichkeit eingesperrt in meiner blöden kleinen deutschen Gartenzwergwelt. Ich kam auf diesen erschreckend pubertären Gedanken, eine kleine Schwester von „Warum bin ich so hässlich und alle anderen so schön?“: Warum bin ich der einzige, dem Englischsprechen nicht leicht fällt? So richtig kann ich ja nichts dafür. Ich konsumiere wie jeder andere auch Unmengen Englisch, von der Sitcom bis zum Essay aus dem „New Yorker“. Mir fehlt wahrscheinlich einfach das Gen für Sprache oder das Talent. Und ich muss für immer Außenseiter bleiben, wo grade nicht Deutsch gesprochen wird. Andere Fremdsprachen kann ich natürlich erst Recht nicht.  

So dachte ich. Mittlerweile aber habe ich das Gefühl, es hat auch etwas Gutes – dass man endlich mit genug Situationen konfrontiert ist, die einen einsehen lassen: Mein Englisch ist mies, es hat mir nur nie jemand gesagt. Ich kann es jetzt nicht mehr leugnen, weder vor mir selbst noch vor Freunden – die kriegen es ja mit, wie ich mich am Telefon in gebrochenem Englisch mit Kollegen zum Bier verabrede. Und wenn man es eh nicht mehr leugnen kann, kann man es ja auch gleich offen zugeben. Statt so zu tun, als hätte ich keine Probleme mit meinem Englisch, jammere ich jetzt im Privatkreis ausgiebig darüber, wie schlecht es ist. Seitdem habe ich auch nicht mehr das Gefühl, so ganz alleine damit zu sein. Es erzählen dann auch andere, die gerade irgendwo ihr Tag- und Nachtwerk verrichten, wo die Gebrauchssprache Englisch ist, wie schwer es ihnen fällt. Dass sie zwanzig Minuten und linguee brauchen, um eine SMS mit „Gehe jetzt erst los, komme dann einfach nach“ auf Englisch zu schreiben.  

Es gibt Tabus in allen Größenordnungen, schlecht Englisch zu sprechen ist für mich ein mittelgroßes gewesen. Und wie immer bei Tabus ist es dann auch eine mittelgroße Erleichterung, wenn man zugibt: „Mein Englisch ist mies!“ Und dann erfährt, dass man nicht der einzige aus seinem Milieu ist, dem es so geht.     



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43 Kommentare
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newmoonrising
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Mag ich Mag ich nicht

2

15.02.2013 - 18:47 Uhr
newmoonrising

Naja, immerhin verstummst Du nicht gänzlich verschüchtert mit unangebrachtem, brennenden Schamgefühl, weil Du Dir einbildest grottenschlecht Englisch zu sprechen, was aber tatsächlich definitiv nicht der Fall ist.
Das finde ich ja noch viel nerviger. Aber ich arbeite dran. Jeden Tag. Irgendwann wird mein Mund sich vielleicht öffnen und ein vollständiger Satz auf Englisch rauskommen.Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Bangshou
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Mag ich Mag ich nicht

3

15.02.2013 - 19:04 Uhr
Bangshou

Es gibt auf dedr Welt wahrscheinlich ungefähr 2 Milliarden Menschen, die ohne jedes Schamgefühl ein entsetzliches Englisch sprechen. Man kann sie an jedem internationalen Flughafen betrachten.

Im Berufsleben gehört es oft zum guten Ton, schlechtes Englisch zu sprechen.

In der Zeit steht: " Der Chef von Ikea sagt, dass schlechtes Englisch das Gütesiegel für eine Weltfirma sei. Er sagt: Unsere Konzernsprache ist nicht Oxford-English und nicht American English, sondern: bad english. And we are proud of it."

Das haben auch sehr viele deutsche Firmen beherzigt.

moritzs7
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Mag ich Mag ich nicht

5

15.02.2013 - 19:14 Uhr
moritzs7

Die Leute, die ihr mieses englisch für gutes halten und entsprechend weder auf die Idee kommen, daran zu arbeiten, noch sich selbst mit den übelsten Konstruktionen zurückhalten können, sind aber auch schrecklich. Oder die mit Facebook-Statusmeldungen auf englisch, 9 von 10 völlig daneben. Ostentativ zur Schau gestelltes Dilletantentum - Fremdscham auf höchsten Niveau. Dann doch lieber ein wenig Schüchternheit und Zurückhaltung. Man hat halt nur eine Muttersprache und das ist auch in Ordnung so.

mus
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Mag ich Mag ich nicht

10

15.02.2013 - 19:26 Uhr
mus

Leute machen sich immer zu viele Gedanken um ihr Englisch und zu wenig um ihr Deutsch.

the-wrong-girl
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Mag ich Mag ich nicht

-4

15.02.2013 - 20:33 Uhr
the-wrong-girl

nobody's perfect, wa.

es gibt ja auch die theorie der fossilization, wobei kurz gesagt ein lerner, egal wieviel unterricht er hat und wie oft er der zielsprache ausgesetzt ist, über ein bestimmtes level nicht hinaus kommt. hoffe, das ist bei dir nicht der fall :)

anyways, falls du nachhilfe brauchst, kannst du gern bei mir einen privaten konversationskurs belegen.

ich geh aber davon aus, dass sich dein englisch trotzdem weiterhin verbessern wird, auch wenn du jetzt nicht das gefühl hast.

Montrose
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Mag ich Mag ich nicht

2

15.02.2013 - 21:27 Uhr
Montrose

Meine Güte. Ihr tut ja gerade so, als müsste man in Englisch perfekt sein, nur weil man damit überall durchkommt. Es ist doch eher so: Man kommt damit überall durch, weil die wenigsten die Sprache perfekt können, sie aber so einfach ist, dass sich selbst komplette Sprachloser damit verständlich machen können.
Außer natürlich die Koreaner, mit denen ich mal ein internationales Meeting abhalten durften. Nach fünfmal rückfragen a la "Could you please repeat?" einigten wir anderen Nationalitäten uns stillschweigend darauf, zustimmend zu nicken und einfach weiterzumachen, wenn die koreanischen Kollegen was sagten. Denn wir alle verstanden auch nach Wiederholung nicht ein einziges Wort. Und das lag vermutlich nicht an der Grammatik;-)

vaird
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Mag ich Mag ich nicht

0

15.02.2013 - 21:28 Uhr
vaird

Du musst einfach in Englisch denken, dann klappt das :)

Vepchi
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Mag ich Mag ich nicht

1

15.02.2013 - 22:33 Uhr
Vepchi

In SPIEGEL ONLINE wurde unlängst über Wasserknappheit im "Mittleren Osten" berichtet. Gemeint war aber der "Nahe Osten". Der Verfasser hatte einfach den englischen Begriff "Middle East" wörtlich ins Deutsche übertragen. Ein typischer "falscher Freund" des Übersetzers. Um so erstaunter war ich, als dann in einer Sendung der ARD über Syrien - das ist "Naher Osten" - in einer Simultanübersetzung aus dem Englischen wieder mehrere Male "Mittlerer Osten" übersetzt wurde. Immerhin sind das Spezialisten! Ein einfacheres, bekannteres Beispiel sind die amerikanischen Schulden, die gerne in englischen "Billionen" angegeben werden. Nur sind das eben leider im Deutschen nur "Milliarden" . Über eine Billion geht es bei uns nicht hinaus, wenn sich Frau Merkel sicher auch schon mit "trillions" beschäftigt hat...
Und wer sich als Deutscher testen will, braucht sich nur einen amerikanischen Werbespot anzusehen. Die Akteure brechen an Stellen in Gelächter aus, bei denen ich tiefernst bleibe, auch wenn ich die einzelnen Wörter durchaus verstanden habe...

bangshou
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Mag ich Mag ich nicht

2

15.02.2013 - 22:38 Uhr
bangshou

Einer der 2 Milliarden:
http://www.maylin.net/joke.html

ein_oxymoron
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Mag ich Mag ich nicht

0

15.02.2013 - 22:59 Uhr
ein_oxymoron

bangshou sagte:
Einer der 2 Milliarden:
[link=http://www.maylin.net/joke.html
]http://www.maylin.net/joke.html
ass ruin :((

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