04.06.2013 - 19:02 Uhr

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Darfst du überhaupt Alkohol trinken?

Text: OzzyDilim

Letztes Wochenende war ich mit einer Freundin auf einer Party, die bedauerlicherweise in einem Club stattfand. Während sie und zwei andere zwielichtige angetrunkene Gestalten der Tanzfläche ihre Ehre erwiesen, setzte ich mich neben die Typen, die entweder zu betrunken, oder wie in meinem Fall, zu ungelenk für das Tanzen waren. Leider gesellen sich zu solch trübsamen Runden auch jene, die einfach zu uncool für einen Club sind, aber trotzdem mitkommen, weil der Saufkumpel Zimt Shots für alle spendiert. Während ich mir überlegte, ob ich nicht irgendwie zu allen der genannten Gruppierungen dazugehörte, sprach mich bedauerlicherweise einer dieser Gattungen an.
"Hey, wie heißtn du?". Ungeachtet dieses kreativen und nonchalanten Anmachspruchs ließ ich mich tatsächlich dazu hinreißen, meinen echten Namen zu verraten. Dummerweise klingt der sehr türkisch und somit nahm auch die Tragödie, die sich an jenem Abend abspielte, ihren Lauf. Noch bevor ich einen Kommentar über sein fleckiges Peek & Cloppenburg Nadelstreifenhemd geben konnte, folgte von ihm die unvermeidliche Frage, ob ich Türkin sei. Klügere Landsfrauen als ich hätten spätestens jetzt das warme Bier ausgetrunken und aller Untalentiertheit zum Trotz das Tanzbein geschwungen. Ich hingegen bejahte seine gründlich durchdachte These und wartete auf folgende Fragen, die jemandem wie mir leider immer wieder im Leben begegnen: "Ach, is ja interessant. Trägt deine Mutter ein Kopftuch? Sind deine Eltern auch so streng? Betest du auch fünfmal am Tag? Was heißt "ich liebe dich" auf türkisch? Hörst du Tarkan? Gibts den eigentlich noch? Stehst du auf Deutsche, oder darfst du nur mit Türken ausgehen? Bist du noch Jungfrau? Darfst du überhaupt Alkohol trinken?
Fragen, die einem jeden Integrationsbeauftragen Tränen der Rührung in die Augen treiben würden, riefen bei mir kalte Schweißhände und verstärkte Darmbewegungen hervor. Zwischen den Optionen, ihm einfach mein Bier ins Gesicht zu schütten und dann einen dramatischen Abgang zu liefern oder geduldig seine gutgemeinten Fragen zu beantworten, entschied ich mich für den Mittelweg. Mit einem nicht zu überhörenden zynischen Unterton machte ich ihm deutlich, dass mich solche Fragen nur langweilen und ich nicht auf meine Herkunft reduziert werden möchte. Da er, der tolerante, weltoffene Deutsche, meine Abweisung als Erschütterung seines Weltbildes wahrnahm und mich mit kopfschüttelndem Unverständnis strafte, sah ich mich gezwungen, schnell das Thema zu wechseln, um die freundliche und lebensbejahende Atmosphäre des mit komatös betrunkenen und zugedröhnten jungen Erwachsenen zu erhalten. Doch die kulturelle Neugierde meines Gesprächpartners wollte auch nach mehrmaligem Abweisungen nicht abebben und somit entschied ich mich, an jenem Abend eine lausige, schnippische Türkin zu sein, die keinerlei Interesse am kulurellen Austausch mit dem vermeintlich wissensbegierigen Deutschen hatte. Vielleicht mag es nicht ganz deutlich sein, was uns Ausländer so nervt, wenn wir mit Fragen über unsere Herkunft bombardiert werden, also liefere ich hiermit ein kleines Statement:
Ausländer wollen nicht ständig damit konfrontiert werden, dass sie Ausländer sind. Das bemerken sie so schon oft genug im Alltag.
Ausländer wollen nicht wie erkundungswerte Exoten behandelt werden. Das hat was von Zoo und Besucher.
Ausländer freut es ungemein, wenn sie auf Klischees reduziert werden-NICHT.
Die meisten Ausländer versuchen,  sich der Umgebung einzuordnen, wie ein Chamäleon. Pickst man ein Chamäleon, macht man es nervös und gibt ihm zu verstehen, dass er das mit dem Anpassen nicht so drauf hat. 

Versteht mich nicht falsch, es ist schön zu wissen, dass es Leute gibt, die Interesse an fremden Kulturen zeigen. Das macht einen selbst auch ein wenig stolz und regt auch dazu an, die eigene Kultur näher zu betrachten. Jedoch sollte man nicht jedes Aufeinandertreffen mit einem Fremden als Gelegenheit dazu nutzen, alle gängigen Klischees runterzuzählen und ihm das Gefühl zu geben, er sei anders. Wir sind auch nur Menschen. Je gleicher ihr uns behandelt, desto mehr werden wir euch über uns erzählen. 


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chrinamu
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Mag ich Mag ich nicht

0

07.02.2013 - 13:03 Uhr
chrinamu

Ich empfehle die Retourkutsche in Bezug auf irgendwas typisch Deutsches, bei ganz blöden Typen am besten auch noch mit Nazi-Themen.

Uedreissig
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Mag ich Mag ich nicht

2

07.02.2013 - 15:03 Uhr
Uedreissig

chrinamu sagte:
Ich empfehle die Retourkutsche in Bezug auf irgendwas typisch Deutsches, bei ganz blöden Typen am besten auch noch mit Nazi-Themen.

Würde den Rückzug aus so einer Situation einer weiteren Niveau-Absenkung meinerseits vorziehen.
Oder man hört es sich an und schreibt später darüber, dann haben alle was davon :-)

frauP
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Mag ich Mag ich nicht

1

07.02.2013 - 19:16 Uhr
frauP

Uedreissig sagte:
Oder man hört es sich an und schreibt später darüber, dann haben alle was davon :-)


finde ich auch, und vielen dank für den text. ich hoffe, du schreibst öfter.

bearwithbrains
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Mag ich Mag ich nicht

0

07.02.2013 - 19:23 Uhr
bearwithbrains

"Zwischen den Optionen, ihm einfach mein Bier ins Gesicht zu schütten und dann einen dramatischen Abgang zu liefern..."
Südländisches Temperament hat sie also auch noch... ;-)

Bangshou
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Mag ich Mag ich nicht

4

07.02.2013 - 19:37 Uhr
Bangshou

So ein Erlebnis hatte ich mal mit meinem Exkollegen in der Kantine. Nennen wir ihn Enes.

Kollege A: "Sag mal, Enes, warum isst Du nur einen Apfel."
Enes (lustlos): "Ich hab' keinen Appetit."
Ich: "Wenn Enes keinen Appetit hat, isst er immer nur einen Apfel. Ist ja auch schwierig hier in der Kantine als Vegetarier."
Kollege A:"Vegetarier? Du als Türke?" (denkt eine Weile nach) "Ach so, ja, weil Ramadan ist! Klar!"
Enes: "Ramadan ist erst nächste Woche."
Kolleger A (unbeirrt): "Klar, Ramadan. Dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin."

battlegnom
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Mag ich Mag ich nicht

1

07.02.2013 - 22:06 Uhr
battlegnom

Die einen wollen dir für die Frage ob du ihnen ein Bier ausgeben darfst, gleich eine ins Maul hauen, weil sie gläubige Muslime sind und Toleranz erwarten.
Die anderen fühlen sich bleidigt, weil du die Frage stellst, anstatt ihnen einfach einen auszugeben.
So dermaßen nervig....

lea2
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Mag ich Mag ich nicht

2

07.02.2013 - 22:07 Uhr
lea2

Bangshou sagte:
So ein Erlebnis hatte ich mal mit meinem Exkollegen in der Kantine. Nennen wir ihn Enes.

Kollege A: "Sag mal, Enes, warum isst Du nur einen Apfel."
Enes (lustlos): "Ich hab' keinen Appetit."
Ich: "Wenn Enes keinen Appetit hat, isst er immer nur einen Apfel. Ist ja auch schwierig hier in der Kantine als Vegetarier."
Kollege A:"Vegetarier? Du als Türke?" (denkt eine Weile nach) "Ach so, ja, weil Ramadan ist! Klar!"
Enes: "Ramadan ist erst nächste Woche."
Kolleger A (unbeirrt): "Klar, Ramadan. Dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin."

weia.
eine afghanische freundin hat das gefrage nach ihrem heimatland satt und lässt gerne raten und stimmt dann zu. zuletzt war sie griechin

bangshou
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Mag ich Mag ich nicht

0

07.02.2013 - 22:53 Uhr
bangshou

@lea2: Cool, so würde ich es auch machen.

Enes spielt ein ähnliches Spiel. Er lässt die Leute raten und sagt dann immer was in der Sprache des jeweils geratenen Landes.

der_sendlinger
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Mag ich Mag ich nicht

0

07.02.2013 - 23:06 Uhr
der_sendlinger

dir fehlt es offenbar an selbstvertrauen.

herrjemine
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Mag ich Mag ich nicht

5

07.02.2013 - 23:26 Uhr
herrjemine

Is wie bei Rollstuhlfahrern ( und Innen) da kannste auch sagen, was du willst, bist eh der Depp. Ich hab auch schon mal nen Iraner gefragt, wie er das mit dem Alkohol macht und dann stellt sich raus: er ist Kopte! Woher soll man es auch wissen? Interessant wäre aber mal die Reaktion der Autorin, wenn sie sich mit einem Shona oder Venda unterhält, da sie ja voraussetzt, dass alle Anderen automatisch hinreichende Kenntnisse über Leute mit einem anderen Hintergrund haben müssen, sollte es Ihr ein leichtes sein ihm keine sinnlosen/dummen Fragen zu stellen. Erinnert stark an das deutsche Amerikabild: "Die sind alle dumm, weil sie keine Ahnung von der Welt/Europa haben", aber selber unfähig dort auch nur ein einziges Land geographisch zuzuordnen.

Die bittere Wahrheit? - Es interessiert die meisten einfach nicht, wie ihr das handhabt. Für ein bischen Small Talk ein ganz dankbares Gebiet, aber die Mühe sich selber zu informieren ist es einfach nicht wert.

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