31.01.2013 - 18:30 Uhr

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Lesen mit Links (2): Schwule Mafiosi

Text: jan-drees

Einmal in der Woche versorgt uns Jan Drees in der Kolumne "Lesen mit Links" mit Buchbesprechungen und -tipps und den aktuellsten Neuigkeiten aus der Literaturszene. Heute geht's um den homosexuellen Sohn eines Mafiapaten, um "Die Sterne"-Frontmann Frank Spilker und darum, wie man mit Dawson's Creek seinen Uniabschluss packt.

Das Buch
Echte Pulp Fiction liefert der Berliner Krimiverlag "Pulp Master", über den Bela B. von "Die Ärzte" gesagt hat: "Lasst den Stoff nicht auf der Toilette liegen! Es könnte dann deutlich länger dauern". Der Mafiathriller "Der Verstoß" von L.R. Carrino ist zum Glück nur 122 Seiten kurz. Die reichen aber, um einem schwulen Mafioso das Genick zu brechen.

Seinen 16. Geburtstag feiert Giovanni, Sohn des neapolitanischen Camorra-Paten Don Antonio im Jugendknast auf der Insel Nisida und profitiert dort vom Ruf seines Vaters: "Jeder kennt Don Antonio Acqua Storta. Also begegnen sie mir mit Respekt. Sie besorgen mir Zigaretten, Haschisch, Geld für die Aufseher, damit sonntagnachts ein paar Nutten vorbeikommen, besorgen alles, was ich will."

Ausgerechnet in der Gefängniswäscherei hat Giovanni sein Erweckungserlebnis. Er beobachtet die als Strafmaßnahme gedachte Vergewaltigung eines Mitgefangenen. Dabei geht es nicht um fehlgeleitete, homosexuelle Begierde, sondern um nackte Gewalt. Doch: "Durch meinen Schädel rauscht das Blut, ich bin rattenscharf." Giovanni begreift, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt, dass ausgerechnet er, der katholische erzogene Nachwuchsmafioso, homosexuell ist.

Schwule Outings sind in Zentraleuropa, abgesehen vom breitbeinig daherkommenden Fußballsport, meist kein Skandal mehr. Da aber Romane ohne Konflikt langweilig sind, wird hier auf eine archaische Gesellschaft ausgewichen. Schon "Die Sopranos" zogen in ihrer sechsten Staffel eine Menge Konfliktpotential aus dem Umstand, dass Mafioso Vito Spatafores eine Schwulendisco besucht.


Mafioso Vito Spatafores aus den "Sopranos" ist homosexuell. Das sieht "die Familie" gar nicht gern.

Giovanni reagiert im Roman mit dem brutalstmöglichen Abwehrreflex. Er schlägt das Vergewaltigungsopfer so lange, bis es stirbt, bringt also das wehrlose Objekt seiner Begierde um. Von da an ist Giovannis Leidenschaft mit doppelter Schuld belegt, mit der Schuld des Mordes und mit der Schuld gegenüber seinen Mitgefangenen, die er aufgrund seiner Erregung beinahe verraten hat. Denn wie kann man einen Mithäftling bestrafen, wenn in dieser Bestrafung heimliche Liebe steckt?

Giovannis Homosexualität ist "Der Verstoß" im gleichnamigen Roman des Songtexters L.R. Carrino. Die spätere, als Umerziehung gedachte Zwangsheirat mit einem hübschen Mädchen ändert selbstverständlich nichts. Giovanni irrt wie ein Zombie durch Neapel. Er sucht ferngesteuert abgelegene Straßenstrichs auf, verliebt sich in einen anderen Mann, hadert mit seinen Gefühlen: "Ich muss mich beruhigen, darf jetzt nicht in Panik geraten. Die Leute können es förmlich riechen, wenn sie merken, wie unsicher und nervös ich bin."

Dieser kurze Roman entfaltet deshalb so viel Energie, weil zwei mächtige Kräfte gegeneinander stehen: Die heterosexuelle Konvention der katholischen, italienischen Familie, und die persönliche homosexuelle Neigung. L.R. Carrino erzählt diese bittere Geschichte schonungslos und ohne Sentimentalitäten. Hier gibt es die härtesten pornographischen Szenen seit Henry Millers "Opus Pistorum", ein Weltzweifeln, das Georg Büchners alten, wahren Satz "Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man hinabsieht" bestätigt, und eine Schonungslosigkeit vom monströsen Ausmaß der HBO-Serie "The Wire ". Grandios.

L.R. Carrino: "Der Verstoß", übersetzt von Klaudia Ladurner,
Pulp Master, 128 Seiten, 11,80 Euro.


Die Querverweise

Der Italiener Andrej Longo schreibt seit Jahren die besten Mafiageschichten. Es ist ein Blick in andere Leben, in ein Neapel, das seit Roberto Savianos verfilmtem Camorra-Bestseller "Gomorrha" als Brennpunkt gesetzt ist. Einen sehr lustigen Vergleich zwischen Francis Ford Coppolas "Der Pate" (nach dem Roman Der Sizilianer" von Mario Puzo) und der Gay-Community bietet eine schweizer Queer-Seite. Die "Schwulen Jungs" aus Deutschland sammeln auf ihrer Seite etliche Coming-Out-Romane. Eine ähnlich lange Liste bietet die Krimi-Couch unter dem Schlagwort "Mafia".


Die Updates
Komm mit zum kleinsten Literaturfestival der Welt: Am 7. Februar ist literarischer Frühlingsbeginn bei der HAM.LIT in Hamburg. Im Bunker an der Feldstraße in St. Pauli lesen 15 Autoren eine Nacht lang aus ihren Büchern. Kevin Kuhn tritt mit dem Abiturroman "Hikikomori" (Berlin Verlag) auf, Björn Kuhligk mit seinem Gedichtband "Die Stille zwischen null und eins" (Hanser Berlin) - und "Die Sterne"-Frontmann Frank Spilker mit "Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen" (Hoffmann & Campe, März 2013).

Open Mike-Blogger Stefan Mesch (29) schreibt seit Jahren am ersten Roman. Die Entstehungsgeschichte gibt's auf seiner Homepage. Es geht um Buffy, Dawson's Creek, Mad Men und warum alle Frauen in den Comics des DC-Verlags schlank sind. Am Dienstag hat Stefan mit diesem Roman sein Studium an der Uni Hildesheim "sehr gut" abgeschlossen Wir freuen uns aufs Debüt.

Du schreibst auch? Die Ausschreibung für den Hattinger Förderpreis für Junge Literatur 2013 ist jetzt raus - und läuft bis zum 30. April. Teilnehmen können Autorinnen und Autoren, die im Jahr 2013 zwischen 16 und 25 Jahre alt sind. Zu den Preisträgern vergangener Jahre gehören Finn Ole Heinrich, Nora Gomringer und Thomas von Steinaecker. 


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2 Kommentare
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chrinamu
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Mag ich Mag ich nicht

0

01.02.2013 - 14:28 Uhr
chrinamu

Hm, das Mafiabuch ist nicht so meins, aber die Szenetipps sind spannend. Schade, dass ich a) nicht in Hamburg bin und b) für den Förderpreis zu alt. :)

jan-drees
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01.02.2013 - 21:53 Uhr
jan-drees

soll ich für das kommende Mal einen Literaturwettbewerb suchen, bei dem Du Dich auch bewerben kannst?

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