Gute Aussichten ! Deichtorhallen/Hamburg

„Wir können inzwischen ziemlich genau nachvollziehen, was biologisch passiert, wie die neurologischen Kreisläufe funktionieren, wie die visuelle Information vom Auge ins Sehzentrum geleitet und dort verarbeitet wird.“, sagte der Nobelpreisträger Eric Kandel kürzlich in einem Interview bezüglich seiner aktuellen Publikation "Das Zeitalter der Erkenntnis". - „Wir wissen auch, wie das Gehirn Gesichter erkennt. Sehr interessantes Phänomen, denn es folgt eigenen Regeln. Sie können ein Telefon oder ein Auto erkennen, egal von welcher Seite Sie es betrachten, aber mit einem Gesicht haben Sie Probleme, wenn es etwa auf dem Kopf steht. Gewisse Zellen im Gehirn reagieren dann einfach nicht. Womit das zusammenhängt, wissen wir noch nicht ganz genau. Aber wenn Sie nun Porträts der Wiener Expressionisten betrachten, mit ihren exzessiven Farben und Formen, laufen die Zellen heiß.“ - Letzteres ein Phänomen, das wir bei gesunder Aufmerksamkeit als transkognitiven Distorsionskoeffizienten zu erkennen vermögen. Sehen wir unsere Mitmenschen jedoch auf dem Kopf, gilt wohl eine Sichtweise Athur Schopenhauers: „ … wie aber auf der Erdkugel überall oben ist, so ist auch die Form des Lebens GEGENWART ...“.

Der Photograph steht auf der Welt und lichtet sie ab. Er reflektiert ihre Reflexe. Er fixiert ihre Gegenwart in seinem Bild, um die Spuren des Lichtes im Dunkel der Kamera zu bannen; um im Lichtbild einer möglichen Koexistenz von Licht und Schatten ein eigenes Leben zu stiften. Damit steht er aufrecht, OBEN und in der GEGENWART. Lässt sich seine Aufmerksamkeit in ihrem transkognitiven Distorsionskoeffizienten als zukunftsträchtig erkennen, haben wir „Gute Aussichten“. Die erste Ausstellungseröffnung der Deichtorhallen im Jahr 2013 ist diesem Nachwuchsförderungsprojekt für Junge Deutsche Fotografie am 25. Januar gewidmet. Eine Jury kürte sieben Preisträger aus 108 Einsendungen von Abschlussarbeiten an 40 Hochschulen: Henning Bode „DIE KINDER DES KING COTTON“ (Fachhochschule Hannover) - Susann Dietrich „DAS SINGEN DER PERLMUTT-ZIRPE“ (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig) - Saskia Groneberg „BÜROPFLANZE“ (Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart) - Svetlana Mychkine „ZUCKERBLAU“ (Fachhochschule Dortmund) - Nicolai Rapp „DEAD WHITE MEN’S CLOTH“ (Fachhochschule Bielefeld) - Fabian Rook „DESKTOP EVIDENCE“ (Muthesius Kunsthochschule Kiel) - Jakob Weber „IN GEGENWART“ (Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim).

„In den diesjährigen Einreichungen traten zwei Phänomene besonders zu Tage: Es gab vermehrt Arbeiten zu Methodik und Präsentationsformen von Archiven und auffallend viele junge Fotografen entwickelten installative Formen der Präsentation ihrer Werke.“ - kommentiert Josefine Raab, die Gründerin der Initiative. „Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Auseinandersetzung mit einer globalisierten, stetig komplexer werdenden sozialen wie kulturellen Wirklichkeit.“ - Über diese Entwicklungen konnte eine weitere Annäherung an Tendenzen der zeitgenössischen Kunst sichtbar werden. Ein lobenswerter Fortschritt gegenüber einiger vorheriger Präsentationen, bei denen die Orientierung meist noch zu sehr an überkommenen, traditionellen Bildkonzepten verhaftet blieben. Es gilt heute, substanziell wie ideell, den Herausforderungen eines quantitativen Wachstums an Information, den Zugang zu Guten Aussichten für qualitative Wahrscheinlichkeiten offen zu halten. Vor der kommunikativen Tatsache, dass es eben diese Impulse sind, aus denen eine nachhaltige Genesung ästhetischer, und in Konsequenz auch logischer und ethischer Zustände erst möglich wird, kann sich auch die Fotografie nicht länger in ihren einst oft richtungweisenden, doch heute meist nostalgischen Ecken verbergen.

Als Katalog, Fotowand, Arbeitsecke (auf dem Boden) und Sammlung von „Mitbringseln“, zeigt Saskia Groneberg ihre „Büropflanzen“. Vitale Spuren aus den ganz normalen Büro-Ambienten grünen in Form von selbst gezogenen Ablegern auf einem Tisch. Die originalen „Modells“, auf den schwarz/weiß Fotos, wurden mit viel Sensibilität, Sinn fürs Detail und sicherer Motivwahl abgelichtet. Das eigentlich flache, nur wenige Millimeter starke Bild erobert den Raum. Die situative Ästhetik erschließt sich dem Betrachter (Jetzt) als eine Vitalsphäre zwischen Gestern (Foto) und Morgen (Pflanze). - Fabian Rook verlässt diese Vitalsphäre, interessanterweise indem er sich nicht bewegt. Er bleibt zuhause vor dem PC und holt sich seine Bilder aus „Google Streetview“. Eine aktuelle Tendenz, die, von minimalistisch bis schrill, bei vielen zeitgenössischen Künstlern zu sehen ist. Dabei rückt die technische Qualität des Fotos in den Hintergrund und die subjektive Wahl aus einem eher zufälligen, objektiven Material tritt als eine Art Möglichkeit des visuellen „storytelling“ in den Vordergrund: Überall passieren ständig Geschichten … ganz so wie in deinem Kopf. - Zu einer anderen Art von Reise bewegen uns Svetlana Mychkine und Henning Bode. Wir reisen, nahezu versachlicht, und als kontinuierliche Elemente vor einem diskontinuierlichen Hintergrund von Zeit. Bukolisch leuchtet bei Bode das Mississippi-Delta wie eine „national guitar“ und „zuckerblau“ kalt erschüttern bei Mychkine Waisenhaus Designs, die an Ambiente aus stalinistischen Zeiten erinnern. Scheint die situative Ästhetik in den Bilden auch auf andere Epochen zu verweisen, so handelt es sich doch um aktuelle Fotografien. Wir sehen: Die Zeitzonen auf unserem Planeten zeigen sich nicht nur in ihren unterschiedlichen Uhr-Zeiten: Ihre chronologische Realität entwickelt sich auch in Nähen und Fernen zu Ur-Zeiten anthropologischer Entwicklung.

„Evident ist der qualitative Sprung zwischen der Hand, die ein Tier auf eine Höhlenwand zeichnet, und der Kamera, die Abbilder an unzähligen Orten gleichzeitig erscheinen zu lassen gestattet. Aber die Objektivation der Höhlenzeichnung gegenüber dem unmittelbaren Gesehenen enthält schon das Potential des technischen Verfahrens, das die Ablösung des Gesehenen vom subjektiven Akt des Sehens bewirkt.“ - kommentierte Theodor W. Adorno schon in den 1960er Jahren (Ästhetische Theorie), und oft ist es heute Sinnvoll, zu Reflexionen dieser Zeit zurückzukehren. Die geistige Tiefe einstiger Versuche sich optimaler in unseren Ambienten und Visionen zu erklären, finden wir heute überwiegend als verhärtete Interpretationen und auf suboptimale Oberflächen geätzt. Doch gewisse Zellen im Gehirn reagieren einfach nicht, wenn wir etwa uns selbst oder andere auf dem Kopf stehen sehen. Was aber passiert, wenn von uns aus gesehen alles bereits „auf dem Kopf steht“? - Wie kann unsere Welt uns da noch erkennen? - Wie können wir, bei einem immer schnelleren, quantitativen Wachstum an Information, auch weiterhin Zugänge zu dieser originären Welt und zu qualitativen Wahrscheinlichkeiten in ihr offen halten? - Zeigt sich perzipientelle Aufmerksamkeit expedientell in ihren transkognitiven Distorsionskoeffizienten, und ist die Ablösung des Gesehenen vom subjektiven Akt des Sehens optimal, können wir nur „Gute Aussichten“ haben. Dass es eben diese Impulse sind, aus denen eine nachhaltige Genesung ästhetischer, und in Konsequenz auch logischer und ethischer Zustände erst möglich wird, vereint uns in einem globalen Projekt phototroper Evolution: Wo wir uns dem Licht zuwenden, es im Dunkel zu bannen ... im Lichtbild der möglichen Koexistenz von Licht und Schatten ein zukunftsträchtiges Leben stiftend.
Holger E. Dunckel

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mist, ich bin erst ende märz wieder in hamburg.
... es gibt bei guteaussichten.org recht viele der ausgestellten Arbeiten als Foto.
und gehe regelmäßig mit meinen Fotokurs-Teilnehmern in die Deichtorhallen - sehr zu empfehlen.









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24.01.2013 - 21:11 Uhr
der_sendlinger