Facebook-Pädagogik
Für Menschen, die sich nicht in sozialen Netzwerken bewegen, ist die von Status-Updates und Pinnwand-Diskussionen durchdrungene Lebenswelt der Digital Natives oft befremdlich. Was Facebook jenseits der Datenschutz-Vorbehalte ist, sollen Zweifler nun in einem Offline-Spiel lernen. Ob das gutgeht?
Wer sich nicht in die Welt der digitalen Imagepflege und Dauerkommunikation traut, aber sie gerne einmal simulieren würde, kann das bald tun – ohne sich tatsächlich einzuloggen. Soweit zumindest die Idee. „Facebook spielen“ – wie funktioniert das? Es ist ein gut gemeinter, wenn auch etwas kurios anmutender Beitrag zur Medienbildung, den das DGB Bildungswerk zusammen mit Beteiligten eines studentischen Medienprojektes leisten möchte: Im Offline-Modus darüber aufzuklären, wie es sich anfühlt, in Online-Social-Networks sein Leben zu dokumentieren und sich darin zu bewegen. Wie gestaltet und pflegt man ein Profil, wie fühlt es sich an, durch „Gefällt mir“-Klicks Bestätigung zu bekommen, welche Inhalte sollte man teilen und welche nicht, wie funktionieren Facebook-Freundschaften, wie verwaltet man Öffentlichkeit und Privatsphäre?Die neue Idee soll ein altes Problem lösen: Wie kann man vermitteln, warum soziale Netzwerke im Leben der meisten Menschen eine elementare Rolle spielen, warum wir Videos, Zeitungsartikel und Urlaubsfotos teilen, immer mit allen verbunden sein wollen und es keine strikte Unterscheidung in On- und Offlineleben gibt? Mit Flipchart-Vorträgen oder Powerpointpräsentationen lassen sich diese Vorgänge in der Theorie erklären. Aber letztendlich geht es ja um zwischenmenschliche Beziehungen, um (Selbst-)Darstellungs- und Kommunikationsformen, die man nur nachempfinden kann, wenn man sie ausprobiert. Eine entsprechende Trockenübung gab es bisher noch nicht.

Das Facebook-Spiel soll das nun ändern und kommt als Mischung aus Brett- und Kartenspiel daher, ein bisschen wie das "Spiel des Lebens" – womit wir schon beim grundsätzlichen Haken wären. Die Spielregeln sind simpel: Man sammelt durch bestimmte Aktivitäten Punkte und steigt so immer weiter auf in der „sozialen Netzwerkpyramide“. Oder eben nicht, das hängt vom eigenen Verhalten ab. Auf den Aktionskarten, die der Reihe nach gezogen werden, stehen Aufgaben wie „Du hast von zwei Freunden lange nichts mehr gehört. Trenne dich von zwei Kontakten deiner Wahl und gib die beiden Profilkarten beim Spielleiter ab“. Oder Missionen, die lauten: „Plane mit vier Freunden deiner Wahl ein Event. Macht öffentlich Werbung, um viele Teilnehmer dafür zu begeistern.“
Es gibt vier Spielphasen: die Anmeldephase, in der man ein Profil anlegt, die Vernetzungs- und Beziehungsphase, die dem Finden und Verwalten von Kontakten dient, die Spielphase, bei der die oben genannten Aktionen ausgeführt werden, und zuletzt eine Reflektionsphase, in der man sich mit dem veränderten Kommunikationsverhalten und der neuen Öffentlichkeit auseinandersetzt. Das klingt zunächst nach einer einigermaßen realistischen Umsetzung der Online-Situation. Wenn man sich jedoch anschaut, wie diese Spielphasen konkret aussehen, wird klar, warum das Konzept nicht ganz aufgehen kann.
Zum Beispiel sollen die „Profilkarten“ möglichst oberflächlich und rudimentär ausgefüllt werden, um schnell mit dem „richtigen“ Spiel beginnen zu können. Auf Facebook dagegen hat man unbegrenzt Zeit, seine Interessen zu sortieren und darüber nachzudenken, ob man seinen Arbeitgeber oder Beziehungsstatus angeben soll. Im Spiel werden Freundschaften geschlossen, indem man Kärtchen in Briefumschläge steckt oder die Person am Tisch persönlich fragt, ob sie „Freund“ sein möchte. Dieser etwas verkrampfte Vorgang ähnelt kaum der mit einem Klick verschickten Facebook-Freundschaftsanfrage. Öffentliche (Pinnwand) und private Kommunikaiton (Chat) werden dargestellt, indem man Post-Its auf die Profilkarte des anderen klebt oder – Achtung! – mit der entsprechenden Person flüstert.
Was kann dieses Spiel also und was kann es nicht? Sicherlich bietet es die Möglichkeit, zumindest oberflächlich das Kommunikations- und Darstellungsverhalten und die alltäglichen Aktionen in der digitalen Welt auszuprobieren. Es stellt in groben Zügen das System dar, in dem man sich bewegt, sich einen bestimmten sozialen (Netz-)Status erarbeitet und mit anderen in Verbindung tritt. Was das Spiel allerdings nicht in die Offline-Realität übertragen kann, sind Faktoren wie die gesunkene Hemmschwelle, die Schnelligkeit der digitalen Kommunikation, die Gleichzeitigkeit aller Aktionen und vor allem der nicht zu unterschätzende Umstand, dass man normalerweise immer einen Laptop- oder Smartphone-Bildschirm zwischen sich und der Netzwelt da draußen hat. Letztendlich hilft es wohl doch nur, seiner Neugier zu folgen, Zweifel zu überwinden und es online auszuprobieren. Oder eben nicht.
- Das tragbare Bett 16.05.2013
- Gegen den Bilderfriedhof 02.05.2013
- Das „Fuck Positive“-Shirt 16.04.2013
- KZ-Nummern zum Abwaschen 08.04.2013
- Das Ding der Woche: Die Granny Pants 04.04.2013
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem donnerstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
Alle Kommentare anzeigen
So steht es im lead auf der sz-online-Seite, der zu diesem Text verzweigt, in dem natürlich alles etwas ausführlicher und deshalb unmißverständlicher steht.
Aber passender ist es, das Zitat so zu verstehen, wie es FB-Nutzer am liebsten hätten und gerne durch Sprüche wie folgt lebensnah ausdrücken:
"Es ist nur wahr, wenn es auf FB steht!"
"Wer mein phone abschaltet, schaltet mich ab."
Wer versteht, wie sehr solche Blödelsprüche im Grunde die tatsächliche Abhängigkeit von Vielen beschreiben, der versteht auch die äußerst begrenzte Welt der Nutzer "sozialer" Netzwerke. ;-)
10.01.2013 - 15:28 Uhr
MarkusRieksmeier
Vorspeise sagte:
Also ich muss sagen das waer vielleicht fuer Leser von diesem Kirchenmagazin (wie heisst das noch gleich) oder Familie&ich oder so ganz interessant. Aber fuer Leute die taeglich im Netz unterwegs sind ist das doch eher absurd. Selbst die die nicht in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Also gibts fuer sowas ne Zielgruppe? Wer ist die Zielgruppe? Oder kurz gefragt, warum????
Laut der gemeinsamen Webseite des DGB Bildungswerks und der Bundeszentrale für politische Bildung, die in dem Artikel verlinkt ist, wurde das Spiel generell für die pädagogische Praxis entwickelt und richtet sich sowohl an Menschen, die Social Networks skeptisch gegenüberstehen als auch an Jugendliche, die schon länger bei Facebook sind, aber so eine Möglichkeit bekommen sollen, die "Metaebene zu reflektieren" (http://pb21.de/2013/01/facebook-spiel-do...). Das Spiel soll zum Beispiel in Seminaren einen konstruktiven Zugang zu sozialen Netzwerken bieten, kann aber in allen möglichen Zusammenhängen gespielt werden.
10.01.2013 - 20:23 Uhr
helena-kaschel
ajki sagte:
"Wer sich nicht in sozialen Netzwerken bewegt, versteht diese Welt kaum."
So steht es im lead auf der sz-online-Seite, der zu diesem Text verzweigt, in dem natürlich alles etwas ausführlicher und deshalb unmißverständlicher steht.
Richtig, der Satz trifft die Aussage des Artikels nicht ganz.
helena-kaschel sagte:
Vorspeise sagte: Also ich muss sagen das waer vielleicht fuer Leser von diesem Kirchenmagazin (wie heisst das noch gleich) oder Familie&ich oder so ganz interessant. Aber fuer Leute die taeglich im Netz unterwegs sind ist das doch eher absurd. Selbst die die nicht in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Also gibts fuer sowas ne Zielgruppe? Wer ist die Zielgruppe? Oder kurz gefragt, warum????Laut der gemeinsamen Webseite des DGB Bildungswerks und der Bundeszentrale für politische Bildung, die in dem Artikel verlinkt ist, wurde das Spiel generell für die pädagogische Praxis entwickelt und richtet sich sowohl an Menschen, die Social Networks skeptisch gegenüberstehen als auch an Jugendliche, die schon länger bei Facebook sind, aber so eine Möglichkeit bekommen sollen, die "Metaebene zu reflektieren" (http://pb21.de/2013/01/facebook-spiel-do...). Das Spiel soll zum Beispiel in Seminaren einen konstruktiven Zugang zu sozialen Netzwerken bieten, kann aber in allen möglichen Zusammenhängen gespielt werden.
Ja, hab mir die Seite angeschaut. Aber wenn ich mir ueberleg wie da ne Gruppe von 10 Leuten sitzt, Freundschaftsanfragen per Briefumschlag verteilt, das chatten als fluestern simuliert.Facebook simuliert ja eigentlich den normalen sozialen Umgang, mit Freunden, persoenlichen Gespraechen und Fotos zeigen. Das kann man ja auch alles analog machen. Fuer mich is das als wenn man irgendeine Software, z.B. Word versucht als Analogspiel darzustellen. Naja, ich seh da keinen grossen Sinn drin. Und auf deren Seite wird ja auch kein Beispiel genannt wo das eingesetzt wird. Wenn ich mir vorstelle wie ein Lehrer morgens zu seiner Klasse sagt, "so liebe Kinder, heute spielen wir das Facebookspiel"...obwohl, vielleicht wuerde sowas ja funktionieren fuer Kinder die noch nicht bei Facebook sind um denen zu zeigen wie man sich in diesen Medien bewegt. Nagut, da seh ich sogar etwas Sinn.
Es geht auch gar nicht darum FB zu verstehen, sondern die Dynamiken der sozialen Medien. Also zum Beispiel die Konditionierung von Feedback. Wir schreiben so, das andere auf uns reagieren. Das ist eine ganz wichtige Motivation in sozialen Netzwerken. Wir lernen auch aus den Reaktionen der Anderen, konditionieren also unser Verhalten in sozialen Netzwerken. Das kann das Spiel sehr wohl abbilden. Auch, dass es weniger um die Anderen als viel mehr um Reaktionen von Anderen auf uns selbst geht, ist aus dem Spiel abzuleiten.
Wir brauchen sicherlich nicht darüber streiten, dass diese Papierversion nicht FB abbilden kann. Wer wissen will, wie man Facebook sicher benutzt, kann ja einen der zahlreichen Ratgeber kaufen, übrigens auch aus Papier.
Guido Brombach, DGB Bildungswerk, einer der Autoren des Spiels und Mitinitiator von Pb21.de. (@gibro)
Alle Kommentare anzeigen









0
09.01.2013 - 19:57 Uhr
Kony2012
Like me!
http://taz.de/Das-Facebook-Ich/!108143/