16.12.2012 - 18:30 Uhr

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Kameradschaft an der letzten Bushaltestelle

Text: anke-luebbert - Illustration: Katharina Bitzl

Eine im November veröffentlichte Studie zeigt: In Ostdeutschland vertreten mehr Jugendliche denn je ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild. Warum ist das so? Und was lässt sich dagegen tun? Begegnungen mit Menschen, die täglich mit diesen Fragen konfrontiert sind

Mecklenburg-Vorpommern im Nordosten von Deutschland: Riesige Felder, die von LPG-Nachfolgebetrieben bewirtschaftet werden, Wälder, Seen, Naturschutzgebiete. Die größten Orte und Städte gibt es entlang der Küstenlinie. 1990 lebten knapp zwei Millionen Menschen hier, heute sind es noch 1,6 Millionen. Fast überall ist Rechtsextremismus ein Thema, an manchen Orten schon ein großes Problem.




Die Schülerin

Einer dieser Orte ist Ludwigslust. Hier wohnt Linda*, 17 Jahre alt. In diesem November hat sie das Booking und die Bandbetreuung für das alljährlich in Ludwigslust stattfindende „Rock deine Meinung“-Konzert gemacht, das von der Stadt gefördert wird. Dass sie nicht zur rechten Szene gehört, sieht man Linda an: Rot gefärbte Haare und Piercings, St.-Pauli-T-Shirt und „Good Night White Pride“-Button am Rucksack. „In Ludwigslust kennt mich jeder“, sagt sie, „Ich bin hier eine der wenigen, die offen ihre Meinung sagen.“
Vor ein paar Jahren habe es eine sehr aktive rechte Szene in Ludwigslust gegeben. „Das ist vorbei“, sagt sie, „im Moment ist es ruhig.“ Trotzdem fand sie neulich, als sie zurück nach Hause kam, ein Graffiti mit HH88 an ihrer Hauswand – Buchstaben wie Zahlen stehen für „Heil Hitler“. In ihrem Briefkasten liegen regelmäßig Infomaterial und Zeitungen der NPD, die sie in einer Kiste in ihrem Zimmer aufbewahrt. Über einen Mitschüler, der die in der rechten Szene beliebte Thor-Steinar-Kleidung trug, beschwerte sie sich bei der Direktorin. Als die Geschichtslehrerin die Abhandlung des Dritten Reiches mit den Worten „Darüber wisst ihr ja sowieso alle schon Bescheid“ abtun wollte, forderte Linda sie auf, tiefer in das Thema einzusteigen. Linda wirkt wie die Rote Zora von Ludwigslust, sehr offen und sehr unerschrocken. „Ich habe keine Angst“, sagt sie, „ich habe mir Anerkennung verschafft, weil ich immer sage, was ich denke.“ Ohne Pfefferspray geht sie trotzdem nicht aus dem Haus, „man weiß ja nie.“ Die Autoren der Mitte-Studie (siehe unten) bezeichnen Ausländerfeindlichkeit als „Einstiegsdroge“ in den Rechtsextremismus. Linda erwähnt, dass es im Ort Protest gegen das neu eröffnete Asylbewerberheim gibt. „In meiner Klasse ist kaum jemand gut auf die Ausländer zu sprechen“, sagt Linda. Sie findet selber, dass manche von den Ausländern „hier nichts zu suchen“ haben. Linda will weg aus Ludwigslust. Um Kontakt mit Gleichgesinnten zu haben fährt sie regelmäßig zu Konzerten und Veranstaltungen nach Wismar oder Schwerin. „In Schwerin gibt es eine Gegendemonstration oder eine Mahnwache, wenn die NPD mit ihrem ’Stopp-den-Euro’-Tourbus kommt. In Ludwigslust stehen die da, drehen Musik auf und verteilen ihre Zettel“, sagt Linda.

Der Profi

Dass die rechtsextreme Ideologie bei Jugendlichen im Land weit verbreitet ist, ist für Christoph Schützler, 37 Jahre, nichts Neues. Seit sieben Jahren organisiert er antirassistische Kampagnen, Lehrerfortbildungen, Demokratiearbeit an Schulen. Rostock ist die einzige Großstadt und heimliche Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Rostock gilt als Wachstumsregion, es gibt ein bisschen Industrie, Tourismus, von hier aus fahren Fähren nach Trelleborg, Helsinki, Tallin oder Danzig. Im Windschatten der Universität ist eine alternative Szene und funktionierende Zivilgesellschaft entstanden.
Christoph Schützlers Verein „Soziale Bildung“ ist Teil davon. Das Büro liegt in Rostocks alternativem Zentrum, dem Peter-Weiss-Haus. Ein Backsteinbau mit Biergarten und Veranstaltungssaal im Studentenviertel der Stadt. Gerade war er an einer Schule in Teterow 60 Kilometer südlich von Rostock. Lehrer hatten um Unterstützung gebeten, weil die örtlichen Freien Nationalisten zunehmend militant im Ort auftreten. Fünf Stunden hat er mit den Lehrerinnen und Lehrern gearbeitet, es ging um rechte Ideologie und ihre Entstehungsbedingungen. Und um Konsequenzen für pädagogisches Handeln.
Christoph Schützler verweist auf seine eigene Studie von 2009, die zu ähnlichen Ergebnissen wie die Autoren der Ebert-Stiftung kommt. An 13 Schulen in Mecklenburg verteilten er und seine Mitarbeiter Fragebögen und führten Interviews mit Schülern, Eltern und Lehrern. 72 Prozent der Schüler gaben an, dass Ausländer trotz deutschen Passes nie richtige Deutsche werden können. 32 Prozent glaubten, als Deutsche anderen Menschen überlegen zu sein. Christoph Schützler nennt den Brain Drain, das Ausbluten vieler Gegenden, als einen Grund für die Zunahme rechter Einstellungen. Vielerorts gibt es keine politischen Eliten mehr, keine Jugendtreffs außer der Bushaltestelle, keine Konzerte, Kinos und Diskussionsveranstaltungen, keinen akzeptablen Busfahrplan.
Außerdem glaubt Schützler, dass Rechtsextremismus in einigen Familien fest verwurzelt ist: „Viele Eltern und Großeltern der Jugendlichen waren Teil einer neonazistischen Erfolgswelle Anfang der 1990er-Jahre“, sagt Schützler, „die rechte Einstellung wird geradezu weiter vererbt.“ Der ideologische Rechtsextremismus in Ostdeutschland ist einerseits ein Produkt der Nachwendezeit, andererseits scheint es, als hätte die Ideologie die 40 Jahre DDR wie eine besonders widerstandsfähige Pflanze irgendwo im Verborgenen überdauert.

Der Feuerwehrmann

Der Gemeindejugendwart der Ludwigsluster Feuerwehr heißt Lars Warnke, ist 24 Jahre alt und für 100 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 16 Jahren aus der Stadt und den umliegenden Gemeinden verantwortlich. Hauptkonkurrent der Feuerwehr ist der größte Sportverein in der Stadt. „Wir nehmen alle auf, egal welche politische Meinung sie vertreten“, sagt er. „Und Probleme gibt es ja auch nicht nur mit der rechten, sondern auch mit der linken Seite.“
Mit rechtsextremen Jugendlichen gab es seiner Erinnerung nach zuletzt Probleme, als er selber noch in der Ausbildung gewesen ist. Da hätten rechte Jugendliche mit Lonesdale-Jacken und Springerschuhen versucht, ihre Ansichten innerhalb der Feuerwehr zu vertreten und andere zu überzeugen. „Uns war es wichtig, die Öffentlichkeit da herauszuhalten, es gab aber Gruppengespräche,“ sagt Warnke. Er habe die Erfahrung gemacht, dass man nur darauf achten müsse, dass die Mehrheit der Kameraden „ganz normal“ sei. „Die halten den Laden dann schon sauber.“ Immer funktioniert diese Selbstregulation allerdings nicht: Im November 2011 wurde im Örtchen Groß Molzahn das Auto eines Bürgermeisters demoliert, der Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr seines Ortes verboten hatte, Thor-Steinar-Kleidung zu tragen. Warnke sieht eine gewisse Schnittmenge der Interesse zwischen Rechten und Feuerwehr: „Bei uns geht es ja auch viel um Kameradschaft“, sagt er. Insgesamt aber hält er die Feuerwehr für unpolitisch. „Wir sind hier, weil wir rote Autos und blaue Lichter toll finden und zusammen Spaß haben wollen“.

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anke-luebbert

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.