Streetcredibility, ausgerechnet aus Düsseldorf
Ein deutsches HipHop-Label setzt neue Maßstäbe. Warum Selfmade Records das bessere Aggro Berlin geworden ist.
Weil Authentizität noch immer ein Wert an sich ist, liegt das kreative Zentrum deutscher Sprachkunst auf der vielzitierten Straße. In einer unscheinbaren Seitenstraße in Düsseldorf brennen zwar keine Mülltonnen, doch wer hier durch die Gassen zieht, der hat wohl das, was man im authentizitätshungrigen HipHop gut und gerne als „Straßenkredibilität“ bezeichnen könnte. Ein Wort, das das hier ansässige Label Selfmade Records zunächst konsequent durchdekliniert und dann wieder und wieder in all seinen Facetten gebrochen hat.Von dem demnächst erscheinenden Kollabo-Album zwischen Kollegah, dem Aushängeschild von Selfmade Records, und Farid Bang wurde am Donnerstag die erste Vorab-Single "Dynamit" auf YouTube veröffentlicht. Sie brachte es aus dem Stand auf über eine Million Klicks in wenigen Stunden: Rekordniveau für Deutschrap-Dimension.
Nach sieben Jahren im Geschäft, 25 Veröffentlichungen und drei Top-Ten-Platzierungen in Folge ist es entsprechend nicht nur höchste Zeit für ein textgewordenes Dankeschön, sondern auch für einen genaueren Blick auf eine Plattenfirma, die die Maßstäbe gegenwärtig neu setzt: Das Label, mit Künstlern wie Kollegah, Favorite, den 257ers und Genetikk unter Vertrag, das Unternehmen, das einen noch jungen Casper entdeckt und hochgezogen hat, wurde 2005 von Elvir Omerbegovic und Philipp Dammann gegründet. Dammann hatte da schon eine erste Karriere in der Szene hinter sich. Unter dem Künstlernamen Flipstar schrieb er als Teil des deutschen HipHop-Duos Creutzfeld & Jakob Geschichte. Bald widmete sich Dammann seiner neuen Karriere: Er wurde Neurochirurg. Omerbegovic übernahm Selfmade komplett und pushte das Label auf eine neue Ebene.
Omerbegovic hatte die deutsche Hip Hop-Szene zuvor lange beobachtet und war bald der Überzeugung, dass man sie professionalisieren könnte. Die Zeit, in der Selfmade-Records entstand, war derweil noch von einem ganz anderen Label dominiert, welches die Republik damals aufmischte. Aggro Berlin verkündete eine neue deutsche Härte und erreichte damit einen für viele völlig überraschenden kommerziellen Durchbruch. Doch als das Ghetto Einzug in die Reihenhausidylle der Bürgertums fand, da war HipHop zum ersten Mal ganz nah an seinen Wurzeln. Mit Aggro Berlin schaffte es das Genre von ganz unten nach ganz oben. Bislang war die erfolgreiche deutsche Adaption der amerikanischen Musikrichtung dem Bildungsbürgertum - von den Fantastischen Vier bis Fettes Brot - vorenthalten. Von einigen, kommerziell zu vernachlässigenden Ausnahmen mal abgesehen. „Die Musik wurde elitär von oben an die Masse weitergegeben. Was wir gerade versuchen, ist von ganz unten in die Elite zu stoßen“, sagte Aggro-Mitgründer Specter damals in einem Interview.

Selfmade Records führt diesen Gedanken nun mit umgekehrten Vorzeichen fort. Intelligente Rapper bedienen sich der Stilmittel der Straße, um die breite Masse zu erreichen: Die ganz unten, die ganz oben und die, die irgendwo dazwischen stehen. Kollegah zum Beispiel greift dabei sowohl die Codes und Stilmittel der HipHop-Szene auf, aber zugleich gut und gerne auch auf bildungsbürgerliches Kulturgut zurück. So interpretierte er Goethes Erlkönig etwa mit der Line: „Ey wer kommt bei Nacht und Wind durch die Stadt gefahren? Es ist der King mit acht Zylindern und 'ner Slut im Arm!“
Auch die Marketingstrategien folgen dem Erfolgskonzept von Aggro Berlin, die erstmals die Stereotypisierung der Künstler etablierten. Sido, ein dauerkiffender Slacker als Sinnbild der Null-Bock-Generation, Bushido, das Klischeebild des ghettoaffinen Kleinkriminellen, und Fler, das deutsche White-Trash-Äquivalent zu Eminem, aufgefüllt mit schwarz-rot-goldener Nationalsymbolik. Bei Selfmade übernimmt derweil Kollegah die selbstherbeistilisierte Rolle als Boss, eines wahlweise Drogen oder Nutten vertickenden omnipotenten Player mit viel Geld, schönem Leben und einem latenten Hang zu Gewalt. Favorite spielt die Rolle des Anarcho, Caspar war der Punker unter den Rappern, der Emo-Spitter, das Duo Genetikk fungiert als Feigenblatt für die eher klassisch geprägten HipHop-Hörer mit Oldschool Beats und WuTang-Mystik-Anleihen. Und der mittelfristig wohl (zumindest aus kommerzieller Perspektive) erfolgsversprechendste Act, die 257ers, positionieren sich zwischen gehobenem Atzen-Sound und sozialverträglicherem Deichkind-Gefeiere: Helden des Schulhofs und Stimmungskanonen auf jeder Vorabiparty unterlegt mit elektronischen Beats. Was alle Künstler auf dem Label eint ist eine brillante Technik. „Sie müssen jung, hungrig und originell sein“, fasst Omerbegovic zusammen.
Hungrig und originell ist das Label auch sieben Jahre nach dem Start noch. Und es bleibt bissig. „Deutscher Rap wird immer dann gerne gesehen, wenn er freundlich daher kommt“, sagt der Labelchef und setzt dennoch auf Battlerap statt Schmusekurs. Im Battle verhandeln die Künstler gewaltfrei und nur basierend auf ihren Rap-Skills ihr symbolische Kapital und ihr Standing: „Das einzige krumme Ding, was Du drehst, ist deine Oma beim Walzer“, heißt es in einem weiteren Kollegah-Track. Weil gute Reime und gute Geschichten nicht immer der vielbeschworenen Authentizität gleichkommen, gewann mit dem Aufsteig von Selfmade auch ein alter Begriff neue Schlagkraft: Image-Rap. Rapper, die von Dingen berichten, die sie nie erlebt haben. Der Vorwurf kommt immer dann gerne, wenn vergessen wird, das Musik in aller erster Linie eins ist: Kunst. Und der hat sich Selfmade nicht nur gewidmet, das Label und seine Interpreten haben sie auf lyrischer Ebene perfektioniert. Und wer die echte Straßenkredibilität will, der soll, wie es Kool Savas einmal gesagt hat, doch einfach vor die Tür gehen.
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Diese Tatsache ist äquivalent zur deutschen Musik, bzw. HipHop/Rapszene, denn diese Musiker, welche ebenfalls dieser Szenerie angehören benehmen sich wie, physisch stark ausgebildete Individuen, die alles auseinander nehmen, wie Enzyme, jedoch im reellen Dasein sich um ihre Arbeit kümmern und es nicht einmal ansatzweise in Erwägung ziehen würden auch nur ein Vokal mit einer Person, die diese Individualität mit sich bringt, zu wechseln. Dies muss aber natürlich nicht bedeuten, dass es schlecht ist, diese Aussage sollte jedem einzelnen nur nahe bringen, das es egal ist, ob der Autor eines Textes die Vorgefallenen Situation nur imitiert. Solange man sich daran erfreuen kann, sollte darin nichts im Wege stehen.
Abschließend sollte man aber auch noch einmal überlegen, ob es wirklich weise war die Artisten: 257ers als kommerziell erfolgreicheren Rapper darzustellen, denn der Künstler: Kollegah, konnte mit seinem letzten Album. welches "Bossaura" hieß, mehr Erfolg verbuchen.
Nur wenige Zeitungen würden sich gemein machen mit solch milieu.
Ich selber höre Kollega Texte, Analyse sie beim hören und lese zwischen diesen Zeilen so viel mehr als das was von damaligen aggro texten kam. Mit einen unglaublichen Wortwitz, der keinesfalls immer nur ernst genommen werden mag, erreicht seine Musik das Bildungsbürgertum. Musik ist nicht realness oder Authentizität sondern immer noch eine Unterhaltungs Branche!
03.12.2012 - 17:21 Uhr
kfdmeiro
kfdmeiro sagte:
nur das aggro berlin 10 mal mehr erreicht hat als selfmade...und sido und bushido sind mitllerweile Millionäre ...die haben zwischen 20-30 millionen am Konto...d kann ein kollegah nicht mithalten
Seit wann ist denn kommerzieller Erfolg bitte Messlatte für Qualität? Im Gegenteil, Massenkompatibilität ist doch eher Indikator für Scheiße.
Ich persönlich halte nicht viel von Kollegah, aber das ist ja Geschmackssache. Aber ganz davon abgesehen:
kfdmeiro, meinst du Sido hat sein erstes Album rausgebracht und plötzlich war er Millionär? Die 257ers bspw. haben erst ein Album rausgebracht seit sie bei Selfmade sind. Glaub mir, das nächste wird sich besser verkaufen, weil sie jetzt mehr kennen! So läuft das Geschäft nunmal! Wenn du persönlich mehr von Bushido und Sido als von Kollegah und den 257ers hältst, ist das dei ngutes Recht, aber das hat doch ncihts mit dem Artikel zu tun.
Ausserdem ist es mir lieber, wenn ein Rapper seine Linie beibehält und weniger Erfolg hat, als ein Bushido, der definitiv zu 100% anders ist, als er sich gibt, nur um Geld zu machen.
Daher kommen nämlich die Millionen, durch kommerziellen Verkauf seiner Prinzipien und dessen wofür man steht. Nur wenige (zB Sammy Deluxe) packen es erfolgreich zu sein und sich trotzdem treu zu bleiben.
die deutsche rap- und musikwelt bietet sehr viele weitere facetten und künstler, allesamt für ihren jeweiligen flavour zu schätzen. man kann sich, wie es sich für musik ohnehin empfiehlt, einfach mal locker machen, versuchen zugang zu finden und aufhören (und wenn nicht, auch egal), immer so zu tun, als würden interpreten wie z. b. edgar wasser den kontrast dazu bilden. dem ist nicht so.
so viel dazu!
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03.12.2012 - 14:25 Uhr
killerpics