20.11.2012 - 18:30 Uhr

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Das Justin-Bieber-T-Shirt

Text: lars-weisbrod - Foto: dpa

Weil im Hipster-Zeitalter alle zu ironisch sind, bezieht keiner mehr Position, sagt Christy Wampole. Aber was heißt hier überhaupt ironisch? Und brauchen wir Ironie nicht doch ganz dringend?

Angestrichen:
"As a function of fear and pre-emptive shame, ironic living bespeaks cultural numbness, resignation and defeat. If life has become merely a clutter of kitsch objects, an endless series of sarcastic jokes and pop references, a competition to see who can care the least (or, at minimum, a performance of such a competition), it seems we've made a collective misstep."

Wo steht das?

In „The Stone", dem Philosophie-Blog der New York Times. Die Princeton-Romanistin Christy Wampole kritisiert dort, dass sich das Hipster-Milieu dem vollkommen ironischen Leben verschrieben hat.

Und was soll das Ganze?

Juchu, schon wieder eine Ironie-Debatte! Da hatte man gerade noch gedacht, spätestens Ende der 90er sei in irgendeinem Stuckrad-Barre-Text dann aber auch wirklich alles zum Thema Ironie gesagt worden, was man dazu sagen kann. Aber die Wellen der Hipster-Verachtung scheinen jetzt auch die alte Ironiekritik wieder als Strandgut mit an Land zu spülen. Und am Strand freut man sich, wie ein Blick in die vielen positiven Twitter-Kommentare zeigt. (Kritik am Text findet sich allerdings auch.) Wampoles Thesen, die so erfreut aufgenommen werden, lauten: Hipstertum, das kulturell dominante Modell unserer Zeit, ist viel zu ironisch, viel zu ironisch sein ist schlecht – deswegen läuft was falsch.

Ironisch gemeint: Der Hipster-Moustache.

Wampole wärmt die alte Kritik auf, dass die Durchironisierung dazu führt, dass keiner mehr irgendeine Position bezieht: „Moving away from the ironic involves saying what you mean, meaning what you say and considering seriousness and forthrightness as expressive possibilities, despite the inherent risks." Das stimmt natürlich, wenn man unter Ironie ganz statisch versteht, das eine zu sagen (zu tragen, zu hören, sich an die Wand zu nageln), aber das Gegenteil zu meinen. Linguisten haben für diese Vulgärironie meistens irgendwelche kreuzlangweiligen Beispiele zur Hand: Man sagt „Das hast du aber toll gemacht", wenn jemand sich aus Versehen in den Geburtstagskuchen gesetzt hat. Diese Form von Ironie wird aber höchstens noch von Müttern, Mitarbeitern des Einwohnermeldeamts und am Anfang dieses Textes benutzt.

Das war schon immer eines der Probleme der Ironie-Debatte: Man kann diese ganz simple Ironie nicht mit der gleichsetzen, die Wampole in der Hipster-Demographic findet. Genauso wenig wie man nicht über die Parodie eines Hipsters reden kann, wenn man über Hipster reden will. Die Illustration zu ihrem Text zeigt einen jungen Mann und ein kleines Mädchen, beide tragen ein Justin-Bieber-T-Shirt. Gemeint ist wohl: Das Mädchen einfach so im Ernst, der Junge vulgärironisch, er findet Justin Bieber nämlich doof. Möglicherweise findet man in Brooklyn tatsächlich noch jemanden, der aussieht wie ein Hipster und ein T-Shirt trägt mit etwas drauf, das er überhaupt nicht mag. Mit der Ironie unserer Zeit und mit Hipstertum hat das aber nichts zu tun. In Wirklichkeit mag der abgebildete junge Mann Justin Bieber nämlich, er weiß nur auch darum, was daran blöd sein könnte, Justin Bieber zu mögen. Das unterscheidet sein Tragen des T-Shirts von dem des kleinen Mädchens.

Es ist eigentlich genau andersherum, als Wampole es behauptet: Ironie in ihrer elaborierten Variante ermöglicht es doch erst, zu Beginn des 21. Jahrhundert überhaupt noch Position zu beziehen. Ausgerechnet Wes Anderson wird in dem Text als ein Vertreter neuer unironischer Kunst zitiert. Dabei ist sein letzter Film „Moonrise Kingdom" ein Paradebeispiel für komplexe Ironie: Anderson mag klassische Abenteuergeschichten aus Kinderbüchern, weiß aber auch, was an Kinderbüchern nicht so gut ist, und baut diese Erkenntnis in seinen Film ein, damit er am Ende das Kinderbuch feiern kann.

Zu sagen, was an dem, was man mag, schlecht sein könnte, und warum man es trotzdem braucht, das ist für Ironie-Verächter wie Wampole vielleicht immer noch feige. Aber einfach zu vergessen, was an Justin Bieber und Kinderbüchern schon alles dekonstruiert wurde, um sie ohne jede Distanz zu umarmen, das ist schlimmer als feige, nämlich irrational. Aber warum bekommt man trotzdem für Ironie-Bashing auch im Spätherbst 2012 noch so viel Zustimmung? Die Vorbehalte gegen Hipsterkultur sind wohl immer noch so groß, dass wir sie unbedingt mit ihrer eigenen Parodie verwechseln wollen.


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Cate81
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Mag ich Mag ich nicht

5

20.11.2012 - 19:15 Uhr
Cate81

Was diese Schnurrbärte sollen, habe ich immer noch nicht kapiert.
Bin wahrscheinlich zu alt.

Mandelbrote
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Mag ich Mag ich nicht

0

20.11.2012 - 19:17 Uhr
Mandelbrote

Jaja, Ende der Kultur und so.

vammy
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Mag ich Mag ich nicht

1

20.11.2012 - 19:50 Uhr
vammy


Das stimmt natürlich, wenn man unter Ironie ganz statisch versteht, das eine zu sagen (zu tragen, zu hören, sich an die Wand zu nageln), aber das Gegenteil zu meinen. Linguisten haben für diese Vulgärironie meistens irgendwelche kreuzlangweiligen Beispiele zur Hand: Man sagt „Das hast du aber toll gemacht", wenn jemand sich aus Versehen in den Geburtstagskuchen gesetzt hat. Diese Form von Ironie wird aber höchstens noch von Müttern, Mitarbeitern des Einwohnermeldeamts und am Anfang dieses Textes benutzt.


Das ist mir scheißegal (nein, Rechtschreibkorrektur, nicht "senegalesisch"), die Linguisten haben Recht.


Aber warum bekommt man trotzdem für Ironie-Bashing auch im Spätherbst 2012 noch so viel Zustimmung?


Ja, rate mal. Ein Justin-Bieber T-Shirt ist halt eben keine Ironie, und deswegen darf man es auch ruhig bashen. Grow some balls und trage das Justin Bieber Shirt, wenn Du die Musik gut findest, geb es offen zu und stehe zu Deinem Geschmack, auch wenn er nicht volkstauglich ist.


Es ist eigentlich genau andersherum, als Wampole es behauptet: Ironie in ihrer elaborierten Variante ermöglicht es doch erst, zu Beginn des 21. Jahrhundert überhaupt noch Position zu beziehen.


Quatsch, sie ermöglicht Leuten mit niedrigem Selbstbewusstsein, ein Justin Bieber T-Shirt zu tragen, weil wenn sich andere Leute drüber kaputtlachen, kann man ja einfach sagen "Ist doch ironisch!". So ein Schwachsinn.

koikarpfen
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Mag ich Mag ich nicht

3

20.11.2012 - 19:51 Uhr
koikarpfen

Hipster, sind das nicht so Höschen für Mädels?

addictedToSleep
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Mag ich Mag ich nicht

0

20.11.2012 - 20:18 Uhr
addictedToSleep

text nicht gelesen, aber.. ich hab im urlaub ein justin-bieber shirt getragen, weil es da für 2,50 in so nem komischen bunten szene laden gab und eine super farbe, wie auch einen super schnitt hatte. ich hätte es bei jedem anderen druck ebenfalls gekauft.

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Mag ich Mag ich nicht

0

20.11.2012 - 20:19 Uhr
addictedToSleep

moonrise kingdon ist ein super film, so wie eigentlich alle von wes anderson.

EntSpannung
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Mag ich Mag ich nicht

-2

20.11.2012 - 21:23 Uhr
EntSpannung

addictedToSleep sagte:
ich hab im urlaub ein justin-bieber shirt getragen, weil es da für 2,50 in so nem komischen bunten


Nicht nur fett, sondern auch billig. :D

apollyon
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Mag ich Mag ich nicht

2

20.11.2012 - 22:53 Uhr
apollyon

Ich raffe das mit dem ironische Kleidung immer noch nicht:
Ist man weniger albern, wenn man alberne Klamotten "ironisch" trägt anstatt einfach nur so trägt?
Und muss ich, um beurteilen zu können, wie hipster und ironisch jemand ist, genau verstehen, wie er welche Musik gut findet und nicht gut findet, um ihn in seinen albernen Klamotten nicht albern zu finden?

schwindlicht
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Mag ich Mag ich nicht

0

21.11.2012 - 00:52 Uhr
schwindlicht

addictedToSleep sagte:
moonrise kingdon ist ein super film, so wie eigentlich alle von wes anderson.

aber kein kinderbuch-film. nicht mal ein kinderfilm, würd ich sagen. oder ein gutes beispiel: weder gegen die kritisierte art von ironie oder für die hier eingeführte "komplexe ironie".

"Zu sagen, was an dem, was man mag, schlecht sein könnte, und warum man es trotzdem braucht, ..." ist keine ironie.

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Mag ich Mag ich nicht

0

21.11.2012 - 01:01 Uhr
schwindlicht

"In Wirklichkeit mag der abgebildete junge Mann Justin Bieber nämlich, er weiß nur auch darum, was daran blöd sein könnte, Justin Bieber zu mögen." und woher hat der autor sein profundes wissen über den seelenzustand jenes comicjungen? der ihn dann auch nicht eine "komplexe ironie" anheftet, sondern wenn er t-shirt und bieber mag, obwohl er weiß, was andere daran blöd finden könnten, dann ist er - ganz unironisch - ein fan. er kann nicht beides: gut finden & zeitgleich uneigentlich ausgesprochenes doch-doof-finden.

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lars-weisbrod

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

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