20.11.2012 - 14:32 Uhr

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Kämpfende Vögel in Utopia

Text: asphaltfruehling

Ich füttere jetzt Vögel. Soweit ist es also schon gekommen. Wobei das Vogelfüttern eigentlich eine Revolution ist, da per Hausordnung verboten. Das Vogelfüttern auf den Balkonen ist meine persönliche Revolution gegen Legoland. So könnte mein neuer Wohnort heißen, eine Mischung aus Ferienhaussiedlung und schöne neue Welt, wo Charlotte und Henry abends nach dem Geigenunterricht mit Papa skypen, keine Ahnung ob der nur auswärts arbeitet oder ob man geschieden ist. Vielleicht auch irgendetwas mit Selbstfindung, die gelingt besonders gut zwischen Bioläden und Kinderspielplätzen. Heimlich liebe ich das, aber nur heimlich. Diese neuen, glatten Häuser, mehrstöckig und kleinen Gärten oder Balkonlandschaften auf und an den Dächern, mit Solarmodulen und Miniwindrädern, mit Spielplätzen an jeder Ecke, einem Stadtteilzentrum, das auch tatsächlich genutzt wird, kulturell und sozial durchmischten Bewohnern, einer Mediothek – denn man spricht hier nicht mehr Buch, sondern Internet – und winzigen Geschäften, Bioläden, einem Tagescafé – allein, dass es so etwas gibt, das wusste ich nicht – Schulen, jede Menge Kindergärten, Sportplätzen und Tiergehege, alles so gut es geht barrierefrei. Hier macht man alles richtig, hier ist man politisch korrekt. Lokalkolorit besteht aus garantiert regional angebauten Demetermöhren und vor zehn Jahren war noch Wiese, wo heute mein Bett steht und Sumpf, wo heute ein Manufactum-Hühnerstall zwischen Plastikpool und Gartenhäuschen im Schwedenrot  gequetscht wurde.


Und trotz all dieser Neospießigkeit – oder gerade deswegen – ist es schön hier, schön in Utopia zu wohnen, wo die Bäckereifachverkäuferin einen nicht nur doof anstarrt, sondern geistesgewandt zum Wechselgeldgeben auf die andere Seite der Theke kommt. Vermutlich liegt das nicht an ihrer Geistesgewandtheit, denn wie gesagt, das Viertel ist sozial stark durchmischt, das war der stadtplanerische Ansatz, sondern an sozialer Prägung. Es gibt hier so viele wie mich, Anderskörperhabende, hier ist das kein Verkehrsunfall, von dem niemand wegsehen kann, sondern ziemlich normal. Auch Legoland hat seine guten Seiten.


Also füttere ich nun Vögel und natürlich hatte ich die Auswahl zwischen Frucht-, Samen-, oder Insektenknödeln, hier ist alles äußerst differenziert. Meine Vogelfütterrevolution verläuft noch still, obwohl all das Futterzeug ganz offensichtlich über den Balkon ragt. Vielleicht hat es noch keiner bemerkt, vielleicht formuliert man noch am wohlgemeinten Nachbarbrief, vielleicht beratschlagt man noch bei der Eigentümerversammlung das Vorgehen und sagt erst der Vermieterin Bescheid. Soll die das doch erledigen.


Vermutlich ist nur das Taubenproblem schuld, man hat aus Angst schon einige katzenlose Balkone mit Maschendraht vergittert, denn die Tauben, das sind die letzten übrig gebliebenen Feinde des ökologisch bewussten Enddreißigers. Wo kommen die schon in der Natur vor? Wo sind die schon bedroht? Allein Tauben vergiften, das geht nicht, schon gar nicht im Park, da spielen ja Kinder. Bleibt nur den familienkonformen Golden Retriever zur Taubenjagd abzurichten, heimlich.


Ich wohne gerne hier, ja, trotz allem, oder vielleicht gerade wegen. Da ich dieses Leben dem Wohnen über Kneipen und Waschsalons mittlerweile vorziehe, da ich nie wieder achtzehn sein werde und betrunken, glücklich nachts Geheimnisse austauschend mit einem beinahe Fremden nachhause laufen werde, mich nie wieder zum ersten Mal verlieben kann und nie wieder weinend am Bett eines beinahe toten Jungen sitzen muss, der nie ein Mann werden durfte, nie wieder im Bett von jemandem aufwachen werde, dessen Geist mir noch fremd ist, denn erstens wird man vernünftig und zweitens kennt man irgendwann alle, die man kennen will. Vielleicht fühlt sich so erwachsen werden an, aufgehoben in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit Hund, angekommen in einer geschwisterähnlichen Glückseligkeit. Das ist nicht aufregend und auch nicht wild, aber ein Ausgangspunkt und ein Zuhause, zu dem man nach all den Streifzügen gerne wieder zurückkommt, sich ins Bett legt, ein Herz schlagen hört, eine Hand auf den Bauch gelegt, um dann atemlos von den Abenteuern außerhalb Utopias zu erzählen.


Das zu lernen war hart, aber notwendig. Sobald man einmal in Utopia war, brandet die Außenwelt noch zerstörerischer und härter gegen die Rüstung, den mühsam errichteten Panzer, der erst nach Erreichen der Wohnungstüre abgelegt werden kann. Denn dort draußen lauert immer noch das wilde, das ungebändigte Leben mit aller Grausamkeit und Schönheit. Dort draußen leben immer noch wilde Kerle und erbarmungslose Sachbearbeiter. Dort draußen, wo das Leben immer weiter rennt, in der Welt der unmöglichen Möglichkeiten, braucht es mehr als das Vogelfüttern um eine Revolution anzuzetteln. Dort heißt es die Wunden zu lecken, wieder in den Kampf zu ziehen und zu wissen, dass am Ende alles irgendwie gut wird, wenn man nur die Waffen sorgfältig wählt.



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13 Kommentare
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phili
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Mag ich Mag ich nicht

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20.11.2012 - 15:21 Uhr
phili

ich finde es ist auch ein glück dieses utopia
anders, aber es kann auch so laut sein und lebendig wie früher - das ist in unser hand

ein_oxymoron
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Mag ich Mag ich nicht

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20.11.2012 - 16:47 Uhr
ein_oxymoron

das martialische ende mag ich nicht. aber in so einem utopia wuerde ich gerne leben, oder noch besser selbst eins errichten. ich olle oekospiesserin.

schwindlicht
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Mag ich Mag ich nicht

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20.11.2012 - 16:48 Uhr
schwindlicht

ich möchte politkorrektkinder und sachbearbeiter vergiften im park. irgendwann.

_squeek
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20.11.2012 - 19:15 Uhr
_squeek

schöner text asphaltrevolution.

Rueschenkleid
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20.11.2012 - 20:04 Uhr
Rueschenkleid

"...nie wieder im Bett von jemandem aufwachen werde, dessen Geist mir noch fremd ist, denn erstens wird man vernünftig und zweitens kennt man irgendwann alle, die man kennen will. "

Fand ich besonders gut. Aber auch sonst: Schöner Text.

MsAufziehvogel
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20.11.2012 - 22:51 Uhr
MsAufziehvogel

endlich mal wieder ein usertext, der die startseite auch verdient.

rousseau
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21.11.2012 - 00:06 Uhr
rousseau

Find ick dufte!

schwindlicht
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Mag ich Mag ich nicht

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21.11.2012 - 00:27 Uhr
schwindlicht

MsAufziehvogel sagte:
endlich mal wieder ein usertext, der die startseite auch verdient.

ja!

keos
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21.11.2012 - 15:51 Uhr
keos

gänsehaut! gern gelesen.

eisengrau
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21.11.2012 - 16:35 Uhr
eisengrau

Ich bin wohl noch nicht reif für Utopia. Ich brauche immer noch meine baumlose Straße, Kopfsteinplaster, Kneipen und Waschsalons. 3 1/2 cm kurz geschnittener Rasen macht mir irgendwie mehr Unbehagen als dunkle Gassen. Aber ich hab auch nicht mit Deinem Alltagsproblemen zu kämpfen. In jedem Fall wieder mal toll geschrieben.

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