"Du bist bestimmt schwanger!"
Kaum ist man als Frau Mitte 20, kann man sich nicht mehr den Magen verstimmen oder auf Alkohol verzichten, ohne dass jemand einen Schwangerschaftswitz macht. Das muss aufhören - denn es nervt und kann sogar ein Spaziergang durch ein Minenfeld sein.
Ich verstimme mir hin und wieder den Magen. Ich habe dann drei Tage Übelkeit und Bauchweh. Das ist nicht schlimm und geht mit Tee und Zwieback wieder weg. Ich bin das gewöhnt. Aber seit wenigen Jahren hat die Übelkeit eine Begleiterscheinung, an die ich mich nie gewöhnen werde und ehrlich gesagt auch nicht gewöhnen will: den Schwangerschaftswitz.„Ganz gut, aber mir ist seit gestern ein bisschen schlecht", sage ich auf die Frage meiner Mutter, wie es mir gehe. „Hah, schwanger!", sagt meine Mutter vergnügt ins Telefon. „Ich bleibe daheim, mir ist nicht gut", sage ich. „Das ist in so einer Schwangerschaft doch ganz normal", witzelt meine Freundin. Und ich seufze, weil es so vorhersehbar war. Als Frau über 20 muss man sich diesen Scherz gefühlte drei Mal pro Woche anhören. Noch öfter sogar, wenn man außerdem länger als zwei Jahre in einer Beziehung ist. Immer, wenn einem mal nicht gut ist. Oder wenn man aus irgendeinem Grund (und es gibt ja viele) in einer abendlichen Runde keinen Alkohol trinkt. Oder sogar einfach nur so, wenn es im Gespräch um Kinder geht und sich jemand zu einem hindreht und grinsend so etwas wie „Jaha, rein rechnerisch wärt ihr ja als nächstes dran, gell?" sagt. Dabei sollte der Schwangerschaftswitz schon allein deshalb einigermaßen klugen und humorvollen Menschen nicht (und auch nicht ironisch) über die Lippen kommen, weil er so Alter-Onkel-mäßig ist. Da schwingen immer ein „Höhö", ein mit-dem-Ellenbogen-in-die-Seite-knuffen und ein übertriebenes Augenzwinkern mit. Aber er ist nicht nur schrecklich unkreativ, sondern noch dazu respektlos. Für die, auf deren Kosten da gewitzelt wird, kann sich dadurch in mehrfacher Hinsicht eine unangenehme Situation entwickeln.

Erstens gibt es diesen kleinen Schreckensmoment für alle Übelkeitsgeplagten, die gerade alles andere planen als ein Kind. „Ohje", denken die, wenn jemand ihnen die blasse Wange streichelt und seinen Witz macht, „vielleicht bin ich ja wirklich schwanger!" Im Kopf rechnen sie schnell den Zyklus durch, gleichen ihn mit dem letzten Geschlechtsverkehr ab und versuchen sich zu erinnern, ob es einen bisher unbemerkten Verhütungsfehler gegeben haben könnte.
Das ist aber das kleinste Problem. Das größere hat mit fehlender Distanz zu tun. Wieso bitte gilt es als salonfähig und nicht etwa, was gerechtfertigter wäre, als wahnsinnig plump, auf Basis der Fruchtbarkeit einer Frau einen Witz zu machen? Alles, was mit der Planung des Nachwuchses und Schwangerschaft zu tun hat, ist eine sehr private Angelegenheit und wie viel man davon nach außen trägt, bis tatsächlich ein unverkennbarer Bauch da ist, sollen ganz alleine die entscheiden, die direkt betroffen sind. Der unbedachte Witz, weil jemand keinen Alkohol trinkt oder einfach bloß im zeugungsfähigen Alter ist, ist wahnsinnig nervig. Allein das disqualifiziert ihn schon. Darüber hinaus aber kann er Tausende wunde Punkte treffen. Vielleicht versucht die Frau gerade schwanger zu werden und es klappt nicht. Vielleicht hat das Paar schon nächtelang diskutiert, weil der eine so weit ist, der andere aber nicht, und dann sind Tränen geflossen und die Beziehung wurde in Frage gestellt. Vielleicht kann sie nicht schwanger werden. Vielleicht wollen ihre Eltern endlich Großeltern und die Geschwister endlich Onkel und Tanten werden und sie sieht sich einem Kate-Middleton-mäßigen Druck ausgesetzt. Kurz gesagt: Das Thema könnte delikat sein. Und über etwas, das delikat sein könnte, sollte man keine Scherze machen, weil das viel schlimmer ist, als Scherze über etwas, von dem alle wissen, dass es problematisch ist. Denn es gibt kein einiges „Jaja, wir wissen ja, wie wir das meinen", sondern es ist und bleibt ein Witz auf Kosten eines anderen, ohne zu wissen, wohin genau man gezielt hat.
Unabhängig davon, ob irgendjemand gerade sowieso schon Druck auf die junge Dame ausübt (ob sie nicht langsam und es sei doch an der Zeit...), macht fast jeder, der einen Schwangerschaftswitz ausspricht, das auch. Das ist noch so ein Problem daran: Der Schwangerschaftswitz ist sehr oft doch ein bisschen ernst gemeint. Eben so, wie ein alter augenzwinkernder Onkel das auch ernst meinen würde. Der Witz sagt: Ich will, dass du lachst, aber ich sag dir halt auch noch mal, dass du ja könntest, wenn du denn wollen würdest. Und auch, wenn das vielleicht zu empfindlich ist, fühlt man sich als Frau dann schon ein wenig als Gebärmaschine betrachtet.
Wegen all dieser Wirrnisse, Schlingfallen und Genervtheiten, die dieser altbackene Witz auslöst, kommt hier nun eine einfache Forderung: Lasst es einfach! Bitte keine Schwangerschaftswitze mehr! Frauen sollen sich übergeben, keinen Alkohol trinken und jahrelange, kinderlose Beziehungen führen dürfen, ohne durch einen blöden Spruch dauernd mit der Nase auf ein viel zu stark diskutiertes Thema und diese dubiose „biologische Uhr" gestoßen zu werden, die man angeblich ticken hören soll. Schwangerschaft und Kinder werden erst dann zum Thema, wenn man das selbst entscheidet. Und seid euch gewiss: Wenn wir euch gerne haben, dann sagen wir euch schon Bescheid, wenn es soweit ist. Mit dem Schwangerschaftswitz allerdings lauft ihr Gefahr, die Vertrauensbasis dafür anzusägen.
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"Das Thema könnte delikat sein. Und über etwas, das delikat sein könnte, sollte man keine Scherze machen, weil das viel schlimmer ist, als Scherze über etwas, von dem alle wissen, dass es problematisch ist. "
Wenn man das als allgemeine Umgangsregel akzeptierte, dann landen wir in der humorlosen Stille. Brrrr.
Den Witz von einer guten Freundin zu hören ist dann auch was anderen als von einem Kommilitonen in der Uni vor der versammelten Gruppe, die dich dann alle anstarren und sich evtl. fragen ob da nicht doch was dran ist.
Nun bin ich tatsächlich schwanger mit Überlkeit und allem was dazu gehört. Und es ist grade am anfang einer Schwangerschaft eine sehr intieme Angelegenheit, die sonst niemanden was angeht.
Ich frage doch auch niemanden, der länger auf der Toilette war, ob er Verstopfung oder Durchfall hatte. Es geht mich schließlich nichts an!
rabidrabbit sagte: Korrekt, die Problematik des Artikels ist in etwa so relevant wie die der Wahl des richtigen Nagellacks. Mehr wollte ich damit gar nicht sagen.
Für die Autorin und offensichtlich auch noch ein paar andere Frauen scheint das ja doch ein Dauerproblem zu sein, wenn auch eins, das man zähneknirschend erträgt, weil man es ertragen muss.
Es ist in etwa wie mit dem Rauchen in Kneipen und Discos, auch wenn es natürlich nicht tödlich ist. Man lässt es über sich ergehen, weil man ja nicht zuhause rumsitzen will.
Also wäre es schon eine Frage der Höflichkeit, diesen (wirklich auch sehr dummen) Witz einfach sein zu lassen. Bestenfalls kommen ein paar Floskel-Lacher, schlimmstenfalls trifft man einen Nerv.
Meine Theorie: Das liegt daran, dass Familienplanung/Familienzuwachs für diese Menschen sehr interessant ist. Ihnen ist aber auch bewusst, dass das ein sehr intimes (und oft auch leidiges) Thema ist - darum trauen sie sich nicht, direkt nachzufragen. Um trotzdem an die heiß begehrten Informationen zu kommen, wird eben jede Gelegenheit genutzt, per Witzelei mit dem Zaunpfahl zu winken.
Kleines Beispiel dazu: Letztes Jahr an Ostern hat eine Tante das Bäuchlein meiner Schwägerin mit einer entsprechenden Bemerkung kommentiert - unwissend, dass die gerade die zweite Fehlgeburt in nicht einmal einem Jahr hinter sich hatte. Die Stimmung war hinterher entsprechend im Eimer.
Fazit: Schwangerchaftswitze sind im besten Fall einfach nur nervig, im schlimmsten Fall treffen sie einen ganz schlimmen Nerv. Und da sind einfach extrem viele Stolperfallen versteckt: Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, fehlender Kinderwunsch, vergangene Abtreibungen, Uneinigkeit in der Beziehung ...
Da ich persönlich außerdem noch keinen einzigen Fall erlebt habe, in dem ein solcher Scherz für einen echten Lacher gesorgt hat, plädiere ich auch dazu, sie von der "Humor darf alles"-Regel auszunehmen und einfach sein zu lassen.
Sie wären also nach Meinung der Autorin die "Opfer" solcher flapsigen Sprüche (als Witz würde ich sie nicht mal bezeichnen).
Komischerweise hat keine davon berichtet das sie sich durch diese Sprüche angegriffen gefühlt hat...Durch anderes durchaus. Aber nicht durch so einen Spruch...
Konsens war "Wir haben ganz anderes durchgemacht, da ist ein blöder Spruch doch nix".
Es scheint eher so das hier einfach aufgrund mangelnder Schlagfertigkeit oder eben auch eigener Unsicherheit ein Problem generiert wird bzw. die Schuld im Umfeld und nicht in der Selbstreflexion gesucht wird. Sich einen -einzelnen- Antwortsatz zurecht zu legen sollte jeder schaffen.
Das ist übrigens imho ein Problem das sich gesellschaftlich immer mehr zeigt. Unter dem Verweis auf "möglicher Weise betroffene Gruppen" werden Probleme generiert die für die Betroffenen oft keine sind. Aus eigener Erfahrung -ich hatte eine Episode in der ich auf den Rollstuhl angewiesen war- kann ich sagen: In solchen Situationen /nach solchen Erfahrungen ist man mit so viel anderem beschäftigt das ein blöder Spruch -den man so oder so immer von jemandem zu hören kriegt- genauso scheisse wie das (im Regelfall ja gefakte) Mitleid für jemanden der ggf. gar kein Mitleid will.
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21.11.2012 - 19:36 Uhr
rabidrabbit
Korrekt, die Problematik des Artikels ist in etwa so relevant wie die der Wahl des richtigen Nagellacks. Mehr wollte ich damit gar nicht sagen.