Der Jüngste seines Fachs
Vladislav ist fünfzehn Jahre alt und hat dieses Jahr sein Abitur mit Bestnoten gemacht. Inzwischen studiert der Hochbegabte Physik. Die Geschichte eines Wunderkindes.
Vladislav steht an der Tafel und spricht über den Konvergenzradius von Taylorreihen. Ruhig und konzentriert sagt er Sätze, die so auch in einem Lehrbuch für Höhere Mathematik stehen könnten. Seine Ausführungen gehen weit über das behandelte Thema hinaus. Die Zuhörer im Kurs „Übung zu Experimentalphysik I" lauschen gebannt. Dabei ist Vladislav kein Professor, er ist selbst Student im ersten Semester. Trotzdem unterscheidet er sich von den anderen Studenten im Raum: Vladislav ist fünfzehn Jahre alt. Im Sommer hat er sein Abitur gemacht, Gesamtnote 1,0. Jetzt studiert er Physik an der Uni Augsburg.
Vladislav wurde als Kind russischer Eltern in Regensburg geboren. Der Vater ist Physiker, die Mutter Mathematikerin. Mit sechs Jahren wurde Vladislav eingeschult und kam direkt in die zweite Klasse. Kurz darauf bescheinigte ihm das Psychologische Institut der Universität Tübingen einen IQ von 133 und Hochbegabung. Noch vor dem ersten Zwischenzeugnis wechselte er in die dritte Jahrgangsstufe. Im selben Jahr zog seine Familie für zweieinhalb Jahre nach Schweden. „Als wir dort ankamen konnte ich gar kein Schwedisch," erzählt Vladislav. „Bis zur Rückkehr nach Deutschland hatte ich Deutsch verlernt und musste das wieder aufholen." Von diesen erschwerten Bedingungen ließ sich das Ausnahmetalent nicht lange bremsen. Am Gymnasium in Augsburg übersprang Vladislav noch mal eine Klasse. Damit war er drei Jahre jünger als seine Mitschüler. Während in Bayern noch diskutiert wurde, ob man den Schülern die Verkürzung von dreizehn auf zwölf Jahre bis zum Abitur zumuten kann, machte Vladislav in neun Jahren einen Abschluss mit Bestnote. Wie denkt er selbst über seine außergewöhnlichen Leistungen? „Ich denke nicht so oft darüber nach, für mich ist das Alltag und mehr oder weniger selbstverständlich." Andere würden meistens erstaunt reagieren und „auch ein bisschen bewundernd", sagt Vladislav.
Von der Zeit in Schweden ist Vladislav die schöne Natur in Erinnerung geblieben. Über die Unterschiede im Schulsystem sagt er, dass es in Schweden damals erst ab der achten Klasse Noten gab. Vladislav sieht das kritisch, da man Noten als Rückmeldung über seine Leistung brauche. Positiv findet er, dass die Klassen nur aus etwa sechzehn Schülern bestehen. Insgesamt sei das schwedische Schulsystem „irgendwie lockerer".
In der Schule in Augsburg ist Vladislav trotz Altersunterschied gut integriert. Er wird Klassensprecher, Jahrgangsstufensprecher, Schülersprecher, organisiert Veranstaltungen und vertritt seine Schule im Rathaus gegenüber der Stadtregierung. „Ich habe mich in meiner Klasse und in der Schulgemeinschaft immer wohl gefühlt", erinnert er sich. Auch alle Lehrer hätten ihn auf seinem Weg immer unterstützt. Als bei der Bekanntgabe der Abiturnoten sein Name an der Reihe ist, steht der Direktor auf und gratuliert per Handschlag. Der gesamte Jahrgang applaudiert. Außerhalb der Schule unternimmt Vladislav allerdings nur selten etwas mit seinen Mitschülern, Kontakt zu Gleichaltrigen hat er kaum. Lieber macht er auch in seiner Freizeit physikalische und chemische Experimente. Wenn er von diesen Versuchen erzählt, ist ihm die Begeisterung deutlich anzumerken. Für seine Seminararbeit in der Oberstufe, in der er die chemischen Eigenschaften bestimmter Kohlenhydrate untersuchte, verlieh ihm das Deutsche Institut für Erfindungswesen die Rudolf-Diesel-Medaille.
Im letzten Schuljahr besuchte Vladislav im Rahmen eines Frühstudiums Vorlesungen an der Uni, zusätzlich zum regulären Unterricht. Obwohl er nicht an allen Terminen teilnehmen konnte und sich viel selbst beibrachte, schrieb er wieder Bestnoten. Dieser Vorsprung ermöglicht ihm jetzt, in seinem ersten „richtigen" Semester, bereits Kurse für Drittsemester zu belegen. Er ist seinem Umfeld also weiterhin ein paar Schritte voraus. Er überlegt sogar, zusätzlich noch Wirtschaft zu studieren.
Mit Russisch, Deutsch, Englisch, Französisch und dem Restwissen in Schwedisch spricht Vladislav fünf Sprachen. Zum Ausgleich spielt er gerne Klavier. Sport liegt ihm nicht so sehr, nur ab und zu fährt er ein bisschen Fahrrad. „Besonders viel Freizeit hat man als Schüler oder Student ja eh nicht", sagt Vladislav. Zumindest nicht, wenn man so leidenschaftlich lernt wie er. Nach dem Studium möchte er an der Uni bleiben. Sein großer Zukunftstraum: „Dass ich als Forscher etwas entdecke und auf den Markt bringen kann". Auch andere 15-Jährige wollen später einmal Forscher werden. Aber Vladislav ist diesem Traum schon viel näher gekommen als die meisten.
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08.11.2012 - 04:58 Uhr
john_doa
BecTrix sagte:
Mein Bruder hat auch von ihm gehört, er geht auf dieselbe Uni, studiert Wirtschaftsmathematik und meinte nur so: "Ich will sein Gehirn essen."
Das spricht für den Humor deines Bruders (:
Oder aber für eine Persönlichkeitsstörung ;-)
john_doa sagte:
Einen entsprechenden Gesamtdurschnitts-IQ hat jeder 20.000. (Stand 1985). Nun kann man sich vortrefflich darüber streiten, ob das häufig ist oder es sich um 'Wunderkinder' handelt.
hochbegabung beginnt (in deutschland) bei einem IQ von 130.
ca. 2% aller menschen gelten als hochbegabt.
und sogenannte hochbegabte sind nicht das gleiche wie sogenannte wunderkinder.
wollmops sagte:
und hübsch isser auch noch!
ich schaetze, das ist einer der gruende dafuer, dass er trotz des hohen neid- und befremdungspotentials so gut ankommt. ein anderer ist, dass er anscheinend nie lange unter teenagern sein musste. bei einem hochbegabten und einer horde 15-jaehriger kann da von verpasster schulzeit keine rede sein, hoechstens von unnoetiger quaelerei.
So sehe ich das auch.
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/...
der auch noch bescheiden und freundlich ist. jeder in seiner klasse sei in etwas begabt, er könne halt gut rechnen. sehr sympathischer junge.
gartenfrau sagte:
john_doa sagte:
Einen entsprechenden Gesamtdurschnitts-IQ hat jeder 20.000. (Stand 1985). Nun kann man sich vortrefflich darüber streiten, ob das häufig ist oder es sich um 'Wunderkinder' handelt.
hochbegabung beginnt (in deutschland) bei einem IQ von 130.
ca. 2% aller menschen gelten als hochbegabt.
und sogenannte hochbegabte sind nicht das gleiche wie sogenannte wunderkinder.
Okay, danke für die Definition. Haben dann 'Wunderkinder' das was auch als 'Inselbegabung' bezeichnet wird? Ich finde den Begriff Wunderkinder nicht soo gelungen, am wenigsten für die Betroffenen selbst.
john_doa sagte:
Haben dann 'Wunderkinder' das was auch als 'Inselbegabung' bezeichnet wird?
ich glaube, so oder ähnlich ist das wohl. zumindest ist ein IQ von 133 (unter hochbegabten) nichts außergewöhnliches.
gartenfrau sagte:
john_doa sagte:
Haben dann 'Wunderkinder' das was auch als 'Inselbegabung' bezeichnet wird?
ich glaube, so oder ähnlich ist das wohl. zumindest ist ein IQ von 133 (unter hochbegabten) nichts außergewöhnliches.
das meine ich auch so verstanden zu haben. danke.
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08.11.2012 - 04:56 Uhr
john_doa
Es gibt ja auch die Option mit Freunden 'zu lernen'. Ich war früher im Wissenschaftsclub. Wir hatten einen eigenen Piratensender, haben zu Silvester mehrstufige Rakten gebaut, einen Fernsteuerbetrieb der Pausenklingel gebastelt oder ein Ufo im Park landen lassen, über das dann in den Medien berichtet wurde. Nach 'Arbeit' oder 'Lernen' hat sich das nicht angefühlt, auch wenn ich inzwischen beruflich davon profitiere. Das war mir damals nicht klar, und auch egal.