Eine neue Sprache im Bundestag
Die 17-jährige Clara Belz ist die erste gehörlose Praktikantin im Deutschen Bundestag. Wie das funktioniert und warum sie trotzdem nicht stumm ist, erzählt sie im E-Mail-Interview.

jetzt.de: Du bist die erste gehörlose Praktikantin im Deutschen Bundestag. Warum hat das vor dir noch keiner geschafft?
Clara Belz: Wahrscheinlich liegt es an der Kommunikationsbarriere. Vielleicht aber auch daran, dass keiner vorher den Mut hatte etwas zu ändern? Ich habe das einfach in meine Bewerbung ans Büro von Lisa Paus (Anm. d. Red.: Bundestagsabgeordnete von Bündnis ’90/Die Grünen) reingeschrieben, und das war dann auch kein Problem.
Wenn Du nichts hören kannst, bist Du dann auch stumm?
Nein, weil ich eine Sprache habe - die Gebärdensprache.
Wie sieht Dein Praktikumsalltag aus?
Ich arbeite am Rechner und recherchiere viel für meine Aufgaben. Oft kann ich auch Lisa Paus oder ihre Mitarbeiter zu Sitzungen begleiten. Außerdem habe ich schon live die Plenardebatte von der Besuchertribüne aus beobachtet. Drei Stunden am Tag bekomme ich dafür einen Dolmetscher zur Seite gestellt. Ansonsten kommuniziere ich per Stift und Zettel oder per E-Mail.
Wie verfolgst Du die Parlamentsdebatten überhaupt? Du kannst sie ja nicht hören...
Manchmal sind die Dolmetscher dabei. Ansonsten gibt es allerdings keine Untertitel bei den Debatten, auch nicht zu Hause im Fernsehen. Ich achte dann immer auf die Mimik und Gestik der Politiker. Das ist interessant zu verfolgen. Jeder Politiker und jede Politikerin hat seinen eigenen Redestil und ein individuelles Tempo. Manche wedeln aufgeregt mit den Händen bei Reden.
Gibt es Bewegungen, die für Peer Steinbrück, Angela Merkel und Renate Künast typisch sind?
Wenn Renate Künast redet, wuchtelt sie mit dem Finger oder macht ein ernstes Gesicht. Peer Steinbrück trat in der Debatte gegen Angela Merkel selbstsicher auf. Frau Merkel hört Peer Steinbrück sehr aufmerksam zu, aber als Herr Gysi redete, hörte sie nicht zu. Ich denke, sie nimmt Steinbrück als Konkurrent ernst, aber bei Gysi denkt sie: „Dem brauche ich nicht zuzuhören.“ Er ist nicht so wichtig für sie. Das ist mein Eindruck, wenn ich Merkel beobachte.
Was sind die wichtigsten Gebärden im Praktikum?
„Guten Morgen“ und „bis bald“ sind wichtig. „Guten“ sagt die rechte Hand zum Kreis geformt – wie bei der Geste, die Hörende bei leckerem Essen zeigen. „Morgen“ sagen beide Hände vor der Brust wie Schranken, die dann nach oben auf gehen und den neuen Tag herein lassen. „Bis bald“ sind zwei Bewegungen mit dem rechten Zeigefinger. Eine Linie nach schräg rechts vorne von der Brust weg sagt „bis“. Ein hüpfender Bogen nach vorne sagt „bald“. Gebärden, die vom Sprechenden weg nach vorne zeigen, weisen immer in die Zukunft, Bewegungen nach hinten deuten in die Vergangenheit. Auch wichtig im Praktikum ist das Wort „Drucken“. Dafür legt man eine Hand scannend auf die andere Hand. Bei „Danke“ zieht man die Hand vom Kinn weg.
War es ein Problem, einen Dolmetscher für das Praktikum zu bekommen?
Erst war es schwierig herauszufinden, ob ich überhaupt Anspruch auf Dolmetscher habe. Niemand wollte dafür zahlen. Lisa Paus selbst und ihre Mitarbeiter haben sich aber sehr dafür eingesetzt. Mittlerweile übernimmt das Landesversorgungsamt für Soziales und Gesundheit die Kosten. Ich bin froh, dass sich das geklärt hat. Diese Lösung gilt allerdings erstmal nur für mich.
Abseits deines Praktikum - was sollte in Deutschland noch besser für gehörlose Menschen werden?
Man sollte endlich die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Gehörlose selbst entscheiden können, was sie wollen. Menschen mit Behinderungen haben auch Interessen. Aber ihre Auswahl an Arbeitsplätzen ist bisher beschränkt auf solche, die bereits Hilfsangebote für Gehörlose haben. Das muss anders werden. Ich bin überzeugt: Alle Menschen mit Behinderungen schaffen auch das, was sie wollen.
Wie geht es für dich nach dem Praktikum weiter?
Ich besuche momentan noch die zehnte Klasse einer Schule für Gehörlose in Berlin. Danach kann ich mir allerdings auch vorstellen, mal in die Politik zu gehen.
Was meinst du, haben die Leute im Bundestag nach deinem Praktikum von dir gelernt?
Dass die Gebärdensprache interessant ist. Ich habe Kollegen schon einige Gebärden beigebracht und freue mich zu sehen, wenn sie sich bemühen, die auch zu benutzen. Außerdem sehen sie an mir, wie man konzentriert sein kann, auch wenn es sehr laut ist - da ist Nicht-hören manchmal ein Vorteil.
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ansonsten: schön, dass so etwas hier aufgenommen wird, schön, dass es möglich ist, dass clara dieses praktikum macht. ich habe verschiedene bekannte mit verschiedenen körperlichen behinderungen und sehe immer wieder, dass es leider alles andere als selbstverständlich ist, dass sie in ihrem leben dieselbe wahlfreiheit haben, wie nichtbehinderte. es ist nötig, dass sie auch in der politik eine stimme bekommen, damit chancengleichheit nicht länger nur ein tolles wort bleibt.
ansonsten fand ich es super, dass clara kurz ein paar gebärden erklärt! ich würde wirklich, wirklich gern mehr darüber wissen und auch ein paar gebärden können. (den augenschmaus-blog kenne ich schon).
Ansonsten schönes Interview, bitte mehr solche Geschichten. Gerade die Infrastrukturen etc. interessieren mich sehr bei sowas. Ich hab eine blinde Bekannte, die letztens Praktikum in Brüssel gemacht hat, und die musste dort dann z.B. auf eigene Rechnung Minijobber anstellen, die ihr vorlesen, und mit denen dann selber Arbeitsverträge (nach belgischem Recht) abschließen etc. (Sie wird übrigens immer gefragt, ob sie die Leute denn WIRKLICH an den Stimmen auseinanderhalten kann...)
keos sagte:
die frage nach dem stumm-sein ist tatsächlich ein bisschen seltsam, dass gehörlose nicht stumm sind, sondern sich sehr wohl ausdrücken können, eine eigene sprache haben (sogar viele, da sich das soweit ich weiss von land zu land und sogar in dialekten unterscheidet), dürfte kaum mehr unbekannt sein.
ansonsten: schön, dass so etwas hier aufgenommen wird, schön, dass es möglich ist, dass clara dieses praktikum macht. ich habe verschiedene bekannte mit verschiedenen körperlichen behinderungen und sehe immer wieder, dass es leider alles andere als selbstverständlich ist, dass sie in ihrem leben dieselbe wahlfreiheit haben, wie nichtbehinderte. es ist nötig, dass sie auch in der politik eine stimme bekommen, damit chancengleichheit nicht länger nur ein tolles wort bleibt.
Ne, die ist in jedem Land anders. Komplett.
Mandelbrote sagte:
keos sagte:
die frage nach dem stumm-sein ist tatsächlich ein bisschen seltsam, dass gehörlose nicht stumm sind, sondern sich sehr wohl ausdrücken können, eine eigene sprache haben (sogar viele, da sich das soweit ich weiss von land zu land und sogar in dialekten unterscheidet), dürfte kaum mehr unbekannt sein.
ansonsten: schön, dass so etwas hier aufgenommen wird, schön, dass es möglich ist, dass clara dieses praktikum macht. ich habe verschiedene bekannte mit verschiedenen körperlichen behinderungen und sehe immer wieder, dass es leider alles andere als selbstverständlich ist, dass sie in ihrem leben dieselbe wahlfreiheit haben, wie nichtbehinderte. es ist nötig, dass sie auch in der politik eine stimme bekommen, damit chancengleichheit nicht länger nur ein tolles wort bleibt.
Ne, die ist in jedem Land anders. Komplett.
?
hab ich doch gesagt.
JosephineKilgannon sagte:
"Wenn Du nichts hören kannst, bist Du dann auch stumm?"
*facepalm*
die frage ist unbeholfen formuliert, aber es gibt viele taube respektive hörbehinderte menschen, welche die lautsprache gelernt haben und sich damit verständigen (können).
Ich habe auch länger überlegt, wie man die Frage formuliert. Dachte dann aber, es sei ja albern es nicht genauso zu schreiben, wie ich es auch mündlich fragen würde. Und da es meines Wissens auch Gehörlose gibt, die nie die Gebärdensprache erlernt haben, fand ich die Frage nicht völlig unangemessen. Aber wie hättest Du / ihr es denn formuliert?
Wenn man sieht, einige Gehörlosen bevorzugen am liebsten "taub" und wollen am liebsten "taubstumm" entfernen. Wie? Wozu gibt es heute wie z.B. http://www.taubstummenaltenheim-hamburg.... Wie gesagt, haben die jüngere Generation einfach nur die Waffel. Nicht fühlen ist meiner Meinung nach auch taub, das bedeutet auch. Wenn die Gehörlosen nur in Gebärdensprache kommunizieren, sind sie dann auch gefühllos?
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01.11.2012 - 19:44 Uhr
JosephineKilgannon
*facepalm*