Die Kuchenfrage
Am letzten Praktikumstag willst du einen besonders guten Eindruck hinterlassen. Also einen Kuchen backen? Lass es bleiben, rät unsere Autorin. Das Praktikantendasein ist sowieso schon devot genug.
Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Hinter dir liegen anstrengende, nervenzehrende Wochen, vielleicht sogar Monate. Du hast in dieser Zeit immer vollen Einsatz gezeigt. Bist selbstverständlich abends auch mal länger geblieben, wenn es nötig war. Du hast dich von Anfang an bemüht, niemanden mit deinen Fragen zum Intranet zu nerven, und kurze Privattelefonate natürlich immer über dein Handy abgewickelt. Aus dem Flurfunk hast du dich diplomatisch rausgehalten und ansonsten einen anspruchsvollen Sozialslalom um sämtliche Fettnäpfchen absolviert, auch um jene, von denen du nicht wissen konntest, wo sie stehen. Du hast verstanden, dass Kollegen sich deinen Namen auch nach der dritten Wiederholung einfach noch nicht merken konnten. Du warst dir trotzdem nicht zu fein, die besonders dämlichen Aufgaben von diesen Kollegen zu übernehmen, auf die sie nachvollziehbarerweise keine Lust hatten, bist dir auch nie zu schade gewesen, kopieren zu gehen oder Kaffee zu kochen. Eh klar. Und vor allem hast du dich natürlich niemals in irgendeiner Weise über irgendetwas beschwert.
Du hast all das auf dich genommen, weil du bei diesem Arbeitgeber ein paar jener wertvollen Arbeitserfahrungen sammeln und mit deiner Nase endlich einmal an dieser wohlriechenden Praxisluft schnuppern durftest, von der die Kommilitonen im Semester über dir so geschwärmt haben. Womöglich konntest du die Geruchsprobe sogar an einer besonders respektablen Stelle nehmen, bei den Vereinten Nationen, im Hauptstadtstudio oder zumindest bei einem Mittelständler, im Fundament unseres Wohlstandes also. Nun gut, für dich im Speziellen gestaltete sich die finanzielle Seite dieser Angelegenheit eher suboptimal, je nach Branche hast du für ’n Appel und ’n Ei oder noch weniger rangeklotzt. Aber es ging hier ja auch nicht ums Geldverdienen, sondern um die Sache. Denn du warst Praktikant beziehungsweise bist es noch - bis einschließlich morgen. Du gehörst also der devotesten aller Lebensformen an, die uns bekannt sind. Völlig zu Recht fragst du dich daher, was für einen Kuchen du zu deinem Ausstand mitbringen sollst und wie du beim Backen auf die Glutenunverträglichkeit der Buchhaltungskollegin Rücksicht nehmen kannst. Wenn du in deinem Leben bereits Grundkenntnisse im Soft Skill Kuchenbacken erworben hast, weißt du allerdings: Mit einem Apfel und einem Ei allein kommst du in der Backstube nicht weit.
Es gibt jetzt mehrere Möglichkeiten: Du wurdest vom lieben Gott mit einer großen Freude am Backen und zwei Knethaken als Händen beschenkt. Dann bitte - schreite zur Tat. Falls du allerdings keinen Spaß daran hast, es nicht kannst oder beides, dann bring morgen doch lieber eine Packung Kekse mit.
Kuchen wird völlig überbewertet - nicht geschmacklich, sondern als Praktikantengeste. Du glaubst, du demonstrierst mit einem selbst gebackenen Kuchen deine Sozialkompetenz? Wer von dir erwartet, dass du dich, nachdem du dich als billige Arbeitskraft aufgerieben hast, auch noch stundenlang in die Küche stellst, der sollte einmal an seiner Sozialkompetenz feilen. Du hoffst, du kannst mit einem leckeren Kuchen zum Abschluss noch mal einen positiven Eindruck hinterlassen? Falls dein Ziel in diesem Praktikum darin bestand, den Mitarbeitern als begabter Zuckerbäcker in Erinnerung zu bleiben, sicherlich eine gute Idee. Ansonsten aber gilt: Wenn dich dein Chef und die Kollegen für einen Vollpfosten halten, wird sie auch dein fantastischer Schoko-Kirsch-Kuchen nach Omas geheimem Familienrezept nicht vom Gegenteil überzeugen können. Niemand wird dir deiner Backkünste und -mühen wegen einen Job geben.
Indem du nichts Selbstgebackenes mitbringst, kannst du dafür ein ziemlich wichtiges Signal aussenden. Nämlich dass du weißt, was du wert bist: wesentlich mehr, als du bisher für deine Anstrengungen bekommen hast. Auch wenn das tollste, weil fairste und lehrreichste Praktikum überhaupt hinter dir liegt, ist es vollkommen ausreichend und außerdem zu empfehlen, wenn du dich lediglich bei deinen Kollegen persönlich für die gute Zeit mit ihnen bedankst (und mit den Keksen demonstrierst, dass du die Abschiedskonventionen nicht vollständig ignorierst). Wenn du den Vorabend nicht kuchengestresst in der Backstube verbringst, kann dein letzter Tag so der erste werden, an dem du die Devotheit des Praktikantendaseins hinter dir lässt.
Was du nach dem letzten Praktikumstag dagegen unbedingt tun solltest: ein großes Stück Kuchen essen. Egal ob selbst gebacken oder gekauft. Das hast du dir jetzt nämlich verdient.
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izzy_bizzy sagte:
...käme drauf an, ob man für's Praktikum Geld bekam oder nicht. Wenn ich mich hätte versklaven lassen, dann werde ich wohl kaum dem Lehnsherren noch ein Abschiedsgeschenk machen.
Und das gilt auch für den Text. Das Geld bekommt man nciht von den Kollegen. Das heißt, die einzige Rechtfertigung für Kuchen oder nicht ist: "Waren die Kollegehn gute Kollegen oder nicht."
Digital_Data
Wer von dir erwartet, dass du dich, nachdem du dich als billige Arbeitskraft aufgerieben hast, auch noch stundenlang in die Küche stellst, der sollte einmal an seiner Sozialkompetenz feilen.
ein schöner satz.
ich hab' das nämlich auch mal gemacht, obwohl das praktikum scheiße war, die kollegen unhöflich und ein job sowieso nie zur debatte stand...
Was du nach dem letzten Praktikumstag dagegen unbedingt tun solltest: ein großes Stück Kuchen essen. Egal ob selbst gebacken oder gekauft. Das hast du dir jetzt nämlich verdient.
genau.
das faßt den ganzen text auf's schönste zusammen.
:-)
Kuchen wird völlig überbewertet - nicht geschmacklich, sondern als Praktikantengeste. ...
Schöner Satz, und zwar nicht nur auf Praktikanten bezogen, sondern auf die Arbeitswelt insgesamt. In 80 % der Fälle finde ich die Zwangsbekuchung durch Kollegen einfach nur nervig, weil man aus dem Arbeitsablauf gezogen wird bzw. die Extrapause von Vorneherein mit einplanen muss, ob man will oder nicht. Denn der Kuchen ist nicht nur für den Backenden ein (vermutet) notwendiges Übel sondern auch für die Mitesser.
Viel besser ist es, nach Feierabend mit den Kollegen was trinken zu gehen. Dann hat man nämlich niemandem den Tag zerrissen und es kommen nur die mit, die auch wirklich wollen. Und wenn es gut läuft, muss der Praktikant auch nicht bezahlen sondern wird von denen eingeladen, denen er Arbeit abgenommen hat.
23.10.2012 - 19:52 Uhr
JoergAuch
Hä?? Also ich sag mal, wenn das so üblich ist, dass man am letzten Tag einen Kuchen mitbringt, dann macht man das halt so. Wenn man nicht selber backen kann, kann man ja einen kaufen. Ich würde nur dann nichts mitbringen, wenn das Praktikum tatsächlich die Hölle war, man keinen Wert auf ein Zeugnis legt, und ausserdem in einer ganz anderen Branche arbeiten will. Man ahnt gar nicht, wie klein die Welt manchmal ist, und was man sich für Chancen verbocken kann mit so einem Zeug.
Später hat man sein ganzes Leben lang Zeit für so passiv-aggresives Zeug. Ein Praktikum, auch wenn's der letzte Tag ist, scheint mir nicht geeignet. Obwohl ich sagen muss, dass die obige Beschreibung eines Praktikums ziemlich unsymphatisch klingt. Einen Kuchen würde ich trotzdem mitbringen.
23.10.2012 - 22:37 Uhr
vammy
23.10.2012 - 22:43 Uhr
vammy
Aber es gibt so viele komische Traditionen... Z.B. dass man dem Abteilungsleiter/Chef ein teures Geburtstagsgeschenk macht, für das alle Angestellten zusammenlegen. Müsste es nicht auch da umgekehrt sein? Zumal Jefe ja auch mehr verdient.
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23.10.2012 - 07:24 Uhr
izzy_bizzy