In der Praxis
Von den Leichen fühlte sich Manfred Becker beobachtet, als er eine allem Anschein nach ewig lange Treppe hinaufstieg. Unter diesen Stufen, die in dezentem Beige gehalten waren, erstreckten sich zahllose andere Treppen in alle Himmelsrichtungen, ohne dass man bei Benutzung dieser überhaupt der Schwerkraft stetig hätte standhalten können. Der Korridor schien riesenhaft zu sein; in der Ferne erkannte man die ebenso beigefarbenen Wände, ohne dass man hätte abschätzen können, wie weit diese genau entfernt waren. Letztlich blieb es ungewiss, ob es sich überhaupt um Wände im konventionellen Sinn handelte und nicht viel mehr um weitere Treppen, die, in großer Anzahl und weit entfernt, bloß als eine einzige Masse wahrgenommen werden konnten. Wie lange Manfred nun schon die Stufen bestieg, wusste er nicht mehr; es wäre möglich gewesen, dass er schon immer dabei gewesen war, diese zu besteigen. In Anbetracht des langen Zeitraums, den die Ewigkeit umspannt, ist es zu verständlich, dass Manfred hin und wieder eine kurze Pause einlegte und die Szenerie um ihn herum betrachtete: Viele der Treppen waren mit Leichen geschmückt, die in Gips und Asche umhüllt zur Unterhaltung der Stufenbesteiger mit unterschiedlichen, stets jedoch leidend und qualvoll wirkenden Posen und Mimiken versehen waren und der Schwerkraft zu widerstehen vermochten, selbst wenn sie an der Unterseite einer Treppe angebracht waren. Irritiert bis amüsiert betrachtete Manfred die Leichen, die ihre Stellungen immer dann veränderten, wenn die Sonne, die weit oben an der Decke hinter einem hauchzarten, beigefarbenen Wolkenschleier hing, einen Stromausfall hatte (was in etwa alle drei bis fünf Minuten der Fall war).
Mehrere Minuten lang stieg Manfred noch nach oben, als er plötzlich vor einer blauen Tür stehen blieb, die an der Seite der Treppe mitten im Korridor schwebte. Manfred öffnete die Tür, die einen dunklen Gang offenbarte, den er daraufhin betrat. Hinter ihm schloss sich die Tür wieder und verschwand. Er befand sich vor einer Theke, hinter der sich eine medizinische Fachangestellte in einem blutverschmierten Feenkostüm mit Flügeln befand.
„Guten Tag, ich bin die Arztfee“, stellte sich diese vor, „Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Ich habe einen Termin bei Doktor Heinz“, antwortete Manfred, „Er ist nicht zufällig zugegen?“
„Ausnahmsweise ja“, antwortete nun ihrerseits die Fee, „Er befindet sich in seinem Büro. Sie müssen nur einhundertneunundfünfzig Jahre lang warten.“
„Kommt die Krankenkasse für meine Verpflegung in diesem Zeitraum auf?“ fragte Manfred, worauf die Fee mit einem warmen Lächeln antwortete: „Wenn Sie tief und fest daran glauben, dann vielleicht.“
„Dann bin ich ja erleichtert“, antwortete Manfred, der nun die Augen schloss und sich wünschte, sich auf die Krankenkasse verlassen zu können. Als er die Augen wieder öffnete, befand er sich im Büro von Doktor Heinz.
„Guten Tag, Herr Becker“, sagte Doktor Heinz, der gerade damit beschäftigt war, eine kindgroße Skulptur aus Gips zu modellieren.
„Ich wusste gar nicht, dass Sie künstlerisch tätig sind, Herr Doktor“, sagte Manfred, worauf Doktor Heinz antwortete: „Oh doch, Herr Becker. Ich sehe meine künstlerische Betätigung sogar als mein Haupttätigkeitsfeld an. Die Medizin betreibe ich dagegen eher als eine Art Freizeitbeschäftigung.“
„Es ist immer sinnvoll, seine Freizeit angemessen gestalten zu können“, erwiderte Manfred, dem Doktor Heinz mit einem heftigen Nicken nur beizustimmen wusste.
„Sehr gut, Herr Becker, wirklich sehr, sehr gut“, begann Doktor Heinz, „Mein Ziel ist es jedoch, Freizeit und Beruf eines Tages angemessen verbinden zu können. Sie verstehen das sicherlich. Als meinen größten Erfolg betrachte ich denn auch eine von mir angefertigte Skulptur, die auch in meiner Praxis praktische Verwendung findet.“
„Darf ich denn selbige begutachten?“ fragte Manfred, worauf Doktor Heinz entgegnete: „Aber selbstverständlich dürfen Sie das. Sie sitzen gerade darauf.“
Manfred stand überrascht auf und erblickte einen mit Menschenhaut überzogenen Stuhl. Auf die Aufforderung von Doktor Heinz hin berührte Manfred diesen und spürte die Wärme und Frische, die die Haut besaß: Der Stuhl lebte. Unter der Haut konnte Manfred Fleisch und Knochen betasten, in ihr konnte er feine Adern und kleine Härchen erkennen. Irgendwo mussten sich auch so etwas wie Herz und Lungen befinden, da der Stuhl, wenn auch nur still und leise, beständig pulsierte und vibrierte. Manfred lächelte entzückt bei der Erkenntnis, dass auch simplen Gebrauchsgegenständen wie einem Stuhl Leben innewohnen könnte.
„Nun, Herr Becker, darf ich fragen, welche Beschwerden Sie zu mir geführt haben?“ fragte Doktor Heinz, worauf Manfred antwortete: „Ich habe geniest.“
„Meine Diagnose: Eine Erkältung“, sagte Doktor Heinz, während er ungestört an der Skulptur weiterfeilte.
„Ausgezeichnete Arbeit“, sagte Manfred, „Gibt es eine Möglichkeit, diese Erkältung zu beheben?“
„Aber selbstverständlich gibt es die. Was wäre ich denn auch für ein Arzt, wenn ich das nicht wüsste?“ erklärte Doktor Heinz mit einem herzlichen Lachen, „Begehen Sie Selbstmord. Das sollte sämtliche Probleme beheben.“
„Ein überzeugender Vorschlag, Doktor Heinz“, stimmte Manfred bei, „Allerdings muss ich zu meiner Schande gestehen, dass mein Lebenstrieb mich an einem derartigen Vorhaben hindert.“
„Das ist natürlich ein Problem, aber glücklicherweise eines, mit dem ich gerechnet habe“, begann Doktor Heinz, „Sie müssen sich lediglich die Erlebnisse vor Augen halten, die Sie im Leben am unglücklichsten gemacht haben. Fällt Ihnen da etwas ein? Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Sie auf ein vollkommen reibungsfreies Leben zurückblicken könnten.“
„Durchaus nicht, Doktor Heinz“, sagte Manfred, „Das wohl schmerzhafteste Ereignis meines Lebens war der Tod meiner Frau; zudem hatte bald darauf das Jugendamt meine Kinder eingezogen. Beide Verluste vermochte ich jedoch erfolgreich durch die Anschaffung von Haustieren kompensieren; meinen Hund hatte ich gar eines Tages heiraten dürfen, ehe die Adoption meiner Katze und meines Kanarienvogels folgten.“
„Ein äußerst respektables Unterfangen, Herr Becker“, sagte Doktor Heinz tief beeindruckt und unterbrach für ein beipflichtendes Klatschen kurz die Arbeit an der Skulptur, „Allerdings würde ich Sie darum ersuchen, sich auf den Tod Ihrer Frau und die Beschlagnahmung Ihrer Kinder zu konzentrieren, sofern Ihnen die Kuration Ihrer Erkältung von Bedeutung ist.“
„Aber selbstverständlich ist sie das, Doktor Heinz. Ich weiß Ihre selbstlose Sorge um Ihre Patienten sehr zu schätzen, möchte ich an dieser Stelle nur angemerkt wissen“, sagte Manfred, ehe der sichtlich geschmeichelte Arzt erklärte: „Haben Sie vielen Dank, Herr Becker, doch möchte ich so ehrlich sein und meine Selbstlosigkeit in Frage stellen. Ihnen sind nicht zufällig im Treppenhaus all die Leichen aufgefallen?“
Nach längerem Überlegen antwortete Manfred: „Ich bin mir nicht ganz sicher. Mein Gang durch das Treppenhaus liegt bereits zu weit zurück, als dass ich mich adäquat daran erinnern könnte.“
„Nun, was diese Leichen betrifft, so fallen diese ja nicht vom Himmel, zumindest nicht alle“, begann der Arzt, „Bei den meisten von ihnen handelt es sich um ehemalige Patienten wie denjenigen, um den ich mich bereits kümmere, seit Sie mein Büro betreten haben, oder auch um Sie selbst. Ich statte sie mit einer menschenwürdigen Körperhaltung und einem entsprechenden Gesichtsausdruck aus, um sie der Öffentlichkeit auf angemessene Art zugänglich zu machen. Präsentiert werden sie schließlich im Treppenhaus. Nicht zuletzt hoffe ich, diesen Korridor eines Tages auf den ganzen Planeten ausdehnen zu können und möglichst alle Menschen in mein Gesamtkunstwerk integrieren zu können. Sie haben doch sicherlich Verständnis hierfür.“
„Wenn nicht ich, wer dann?“ fragte Manfred, ehe er von Doktor Heinz noch einen letzten Hinweis erhielt: „Um sich Ihre Kuration zu erleichtern, entnehmen Sie der obersten Schublade meines Schreibtisches doch einfach ein Messer, mit dem Sie sich angemessen heilen können. Sollte es allerdings noch etwas blutverschmiert sein, so können Sie es ohne weiteres meiner medizinischen Fachfee überreichen, die es an ihrem Kleid abwischen und im Zweifelsfall es Ihnen selbst ins Herz stoßen wird.“
„Haben Sie vielen Dank, Doktor Heinz“, entgegnete Manfred, der die Schreibtischschublade öffnete, zu seiner Enttäuschung allerdings bloß einen Teelöffel vorfand und den Arzt erwartungsvoll und irritiert anblickte.
„Nur keine Sorge, Herr Becker“, beschwichtigte der Doktor Heinz, „Der Löffel dürfte noch geeigneter für die Kuration sein.“

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