06.08.2012 - 18:30 Uhr

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Die Ignoranz. Das Weghören. Und das Wegsehen

Text: vanessa-vu - Foto: krockenmitte / photocase.com

Während die Empörungswellen nach Sarrazin, der NSU-Mordserie und der Debatte um Asylbewerber-Sozialleistungen wieder abflauen, erleben weiterhin täglich Menschen in Deutschland Rassismus. Die Betroffenen sitzen in der Uni neben uns. Fünf Protokolle



Tanja, 22, Studentin, Potsdam
Vor vier Monaten fing ich zum ersten Mal an, ein Kopftuch zu tragen. Nicht, weil ich mich zum Islam bekannte, sondern aus politischem Protest. Es kann doch nicht sein, dass in einem Land, in dem Religionsfreiheit und Toleranz gepredigt wird, Frauen dazu gedrängt werden, das Kopftuch abzusetzen. Ich sagte mir also: Wenn in diesem ach-so-demokratischen Land alle Frauen ihr Kopftuch absetzen müssten, dann wäre ich die Letzte, die es noch aufbehalten würde. Dass ich damit auf Unverständnis und Ablehnung stieß, ermutigte mich nur noch mehr.

Auf der Straße begegnen mir seitdem vor allem zwei Reaktionen: Entweder die Leute sehen mich total mitleidig an, als die arme unterdrückte Muslima, oder mit Angst. Angst vor der Islamisierung Deutschlands. Das Bild des idyllischen Deutschlands, dieser lächelnden Kanzlerin, die alle Einwanderer willkommen heißt und mit dem deutschen Pass winkt, wenn man sich nur genug anstrenge, diese Illusion, dass man hier seine Individualität ausleben kann – das alles tut mir weh.

Meine Familie kommt aus dem ehemaligen Jugoslawien; wir sind Kriegsflüchtlinge. Weil das Land zerfiel, hatten wir bis ich 19 war nicht mal Papiere und erhielten auch keine, weil wir – wie ich später herausfand – meistens unnötig zwischen den Behörden hin- und hergeschickt wurden, teilweise angelogen wurden und ständig unerklärliche Geldbeträge zahlen mussten. Das heißt, dass ich bis ich 19 war, Deutschland nicht verlassen durfte. Auch meine jüngeren Brüder nicht, die sogar in Deutschland geboren wurden. Wir wurden und werden wie lästige Insekten behandelt, egal wie sehr wir uns bemühten, uns zu assimilieren.

Als Kind habe ich mich sogar dafür geschämt, wenn meine Mutter mit mir serbokroatisch sprach oder in unserer Wohnung jugoslawische Musik lief. Ich erinnere mich noch genau, wie deutsche Kinder um mich herumtanzten und immer wieder verächtlich „Ausländer! Ausländer!“ riefen. Und bei jedem Gang zur Ausländerbehörde zitterten wir vor einer ungewissen Zukunft, über die einzig die Laune der meist schlecht gelaunten Sachbearbeiterin entschied.

Mit Assimilierung kam ich nicht weiter. So entscheide ich mich heute bewusst, nicht mehr zu tun, was man von mir verlangt, sondern wovon ich überzeugt bin und was mir Spaß macht. So wie die Weißen auch. Sie müssen sich auch nicht für ihre individuellen Entscheidungen stellvertretend für die deutsche Kultur rechtfertigen. Ich sage nach wie vor laut meine Meinung, trage T-Shirts mit politischen Sprüchen und engagiere mich – nur eben mit Kopftuch.
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Vanessa Vu