Und Mama, wie ist dein Orgasmus so?
Kann man mit Eltern eigentlich wirklich entspannt über Sex reden? Sollte man es überhaupt? Eine Sexkritik.
In den USA erscheint gerade ein Buch namens „Sex Advice". Es basiert auf einer Kolumne der Website jezebel.com, in der eine Mutter und ihre Tochter als sogenanntes „Sexpert"-Team gemeinsam Fragen von sexuell verunsicherten Leserinnen diskutieren. Mutter Susie und Tochter Aretha unterhalten sich über Zuschriften mit Titeln wie: „Ich komme zu schnell", „Mein Freund liebt Oralsex, aber er hasst Schamhaare" oder „Jedes Mal, wenn mein Freund in meinem Mund kommt, muss ich mich übergeben".Sie möchten den jeweiligen Fragenden eine hilfreiche Antwort bieten, indem sie im Stil bester Freundinnen ziemlich schamlos darauf los diskutieren und das Gespräch protokollieren. Was dabei herum kommt, ist tatsächlich oft sehr freigeistig und klug. Nur: Es sind eben immer noch Mutter und Tochter, die da reden – was man höchstens dann einmal merkt, wenn Aretha zu ihrer Mutter „TMI" sagt, der Code für „too much information".
Schön, dass das Reden über Sex bei den beiden so gut funktioniert. Aber es irritiert auch ein bisschen, weil es vorgibt, dass es irgendwie notwendig für die sexuelle Gesundheit eines Menschen sei, mit seinen Eltern ganz entspannt über Intimes reden zu können.

Es ist bestimmt wichtig, die Sexualität der Eltern zu respektieren – und andersherum. Mehr aber eigentlich auch nicht. Immerhin scheint es ein Grundreflex zu sein, dass kein Kind seinen Eltern dabei zuhören will, wie sie Sex haben und kein Elternteil wissen will, was hinter der Wand nebenan passiert – während so etwas unter guten Freunden schon in Ordnung gehen kann. Es ist doch so: Mit jedem Detail, das man sich einander vom eigenen Sexleben verrät, gibt man einander einen Imaginationsbaustein mehr für das Szenario vom Sex des Anderen. Das ist, als ließe man jemanden Stück für Stück eine Reihe weiter vor in der Zuschauertribüne des eigenen Sexaktes rücken – und dass da jemand sitzt, während man gerade ziemlich obszöne Dinge mit seinem Partner ausprobiert, möchte man ohnehin nicht so gern. Wer da aber nie und unter keinen Umständen sitzen darf, sind die eigenen Eltern.
Es ist einem ja oft schon unangenehm genug, wenn man gemeinsam fern sieht und plötzlich eine minutenlange Sexszene auf dem Bildschirm erscheint. Schon da möchte man „too much information" oder „habe ich nicht, kenn ich nicht und ihr auch nicht" rufen, um dann schnell im Keller was zu Trinken holen zu gehen. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass sich jeder auf eine sehr intime Weise von Sex angesprochen fühlt, weil ihn jeder hat und er für jeden ein bisschen geheim ist. Jedes sich-gemeinsam-mit-Eltern-von-Sex angesprochen-Fühlen geht da schon einen Schritt zu weit in der eigenen Privatsphäre.
Aber ist diese Distanz nicht eigentlich etwas Gutes? Denn der Punkt, an dem die eigene Sexualität zu wachsen beginnt, ist doch meist auch der Punkt, an dem die Emanzipation von den eigenen Eltern beginnt. Wenn man seine Entwicklung zu einem unabhängigen, erwachsenen Menschen in Form von Schamhaaren, Brüsten, der ersten Periode und sexuellem Interesse an anderen Wesen entdeckt, ist das der Beginn eines eigenen Lebens außerhalb des Einflusses der Eltern. Man kriegt einen neuen, starken Körper und man kann mit ihm machen was man will – eigene Kinder kriegen zum Beispiel und die Welt so noch einmal neu erfinden.
Ohne zu lügen kann wahrscheinlich so gut wie jeder von sich behaupten, schon in der Grundschule komplett aufgeklärt gewesen zu sein. Weil das Thema Sex nämlich schon im Kindergarten ein ziemliches Hot Topic ist und im Laufe der folgenden Schulzeit ständig irgendwelche Aufklärungsbilderbücher in den Cliquen kursieren, ganz zu schweigen von den Pubertäts- und Sexratgebern in Bravos, Mädchens, Popcorns und Hunderten von jungen Liebe- und Sexforen im Netz. Wenn man schon seit der dritten Klasse über Jungfernhäutchen, Zyklen, Pille und Noppenkondome mit Erdbeergeschmack Bescheid weiß, ist es also schon weltfremd genug, dass der Aufklärungsunterricht erst in der siebten Klasse stattfindet. Dass dann aber auch noch die Eltern um die Ecke kommen müssen, eines Abends nach dem Abendessen ein Aufklärungsbuch unterm Tisch hervorziehen oder einen als armen flucht-unfähigen Pubertierenden während einer Autofahrt unter zwei Augen in die Aufklärungsmangel nehmen, kann ja nur in beidseitigen Würdeverlusten gipfeln.
Eltern sollten ihr erzieherisches Anliegen ein für alle Mal darauf beschränken, kurz und schmerzlos nachzuhaken, ob Aufklärungsbedarf besteht – und ihnen im selben Satz zu versichern, dass man mit ihnen über gar nichts sprechen muss, wenn man nicht will. Dass sie immer da sind, wenn man sie braucht, dass sie ihren Kindern aber ansonsten durchaus zutrauen, sich sexuell selbst informieren und sozialisieren zu können.
So könnten unbeholfene Sätze wie: „Im Badezimmer habe ich jetzt übrigens mal Kondome deponiert" oder „Selbstbefriedigung kann etwas sehr Schönes sein" endlich ein für alle Mal von dieser Erde verschwinden. Die Zeit, in der einem die Eltern irgendwas zurechtlegen ist vorbei, und wenn das für Anziehsachen gilt, dann gilt es erst recht für Kondome und andere gutgemeinte Sexratschläge.
- "Wann ziehst du endlich her?" 30.05.2013
- Es lebe der Sextalk! 15.03.2013
- Bitte hübsch verpackt 27.12.2012
- Herzkasperei 20.12.2012
- Die passen doch gar nicht zusammen! 23.11.2012
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem donnerstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
Alle Kommentare anzeigen
Nichts anderes sage ich, dass es sehr am Engagement der LehrerInnen liegt oder auch am Nicht-Engagement.
Digital_Data
danke, genau das wollte ich gerade schreiben. ist logisch, dass Digis Scchulerfahrungen vor 40 Jahren anders waren.
ich bin jetzt 28 und wurde auch mithilfe des großartigen Buches "Peter, Ida und Minimum" in der 3. Klasse aufgeklärt nachdem meine mom das zu hause sowieso schon mit mir zusammen gelesen hatte.
mia_mia sagte:
@phili
danke, genau das wollte ich gerade schreiben. ist logisch, dass Digis Scchulerfahrungen vor 40 Jahren anders waren.
Es gab auch vor 30 oder 40 Jahren schon recht ausführliche Aufklärung in der Schule, sowohl über Sex als auch über das Dritte Reich. Aber offenbar gab es (möglicherweise regional unterschiedlich) auch Defizite an gewissen Schulen. Im genannten Fall beschränkten die sich ja offensichtlich auch nicht auf diese beiden Gebiete (vgl. alle möglichen Diskussionen auf dieser Website).
nur sollte man vll bedenken, dass die aufklärung von kindern insofern auch wichtig sein kann, um sie vor dem "netten onkel" zu schützen, der aufm kinderspielplatz rumschleicht. und: nicht jedes kind wächst mit im keller befindlichen getränken auf, gell
mia_mia sagte:
ich bin jetzt 28 und wurde auch mithilfe des großartigen Buches "Peter, Ida und Minimum" in der 3. Klasse aufgeklärt nachdem meine mom das zu hause sowieso schon mit mir zusammen gelesen hatte.
Bei uns war das komisch. In der 6. Klasse hatten wir das mit Bienchen und Blümchen. Aber auf sehr hohem Niveau, etwa drei, vier Monate durch (alle möglichen Insektenarten, Blumentypen, welche wie durch welche Insekten bestäubt werden). Alle dachten dann kommt das menschliche. Aber als das Kapitel abgeschlossen war, kamen dann Tiere (nicht die Fortpflanzung derer, sondern Arten, Unterarten etc.). Ab der 7.Klasse dann Gymnasium und irgendwie hat man angenommen, dass man das in der 6. Klasse schon durch hatte, war also auch kein Thema. Irgendwie war es dann alles learning by doing.
die mutter ist ja auch sex-counsel, die tochter hat psychologie studiert. das ist eine ausnahmekombination.
Aber als Eltern sich *drauf verlassen*, dass die SChule das durchnimmt, ist sehr gefährlich. Man sollte es einfach so früh wie möglich mit den Kids durchsprechen, zB mit kindgerechten Büchern, ich hatte da auch einige. In dem Alter ist das den Kindern auch noch nicht so peinlich.
Ich finds total bekloppt wie in den USA das Thema tabuisiert wird, um die 'Kinder zu schützen'. Führt nur dazu, dass das Thema noch prominenter wird als es eh schon ist, und wenn die Eltern realisieren dass das 'Kind' jetzt alt genug ist um *endlich* drüber zu reden, ist auch schon alles zu spät (weil alle Eltern immer zu spät sind wenns darum geht zu realisieren, dass das Kind erwachsen wird....)
Die Beziehung zu den Eltern kann wohl nur schwer so pauschalisiert werden.
Jeder der einen Menschen hat mit dem er sich über solche Themen gut auseinandersetzen kann, darf sich darüber freuen, ob das jetzt die Mutter oder die beste Freundin ist - egal...
Und das die Eltern in diesem Bereich einen sehr wichtigen Erziehungsauftrag haben, wird wohl keiner bezweifeln.
Alle Kommentare anzeigen









0
20.05.2012 - 23:50 Uhr
librarian78
Doch, meine Schulzeit ging von 1985-98. In katholischer Religionslehre haben wir in den frühen 1990er Jahren so genannten "problemorientierten Religionsunterricht" bei einer sehr liberalen Lehrerin an unserer staatlichen Realschule in NRW gemacht.
Da haben wir dann solche Sachen gelernt wie dass Selbstbefriedigung selbstverständlich überhaupt keine Sünde ist, im Gegenteil. Dass man auch als Christ/Katholik sehrwohl unabhängig von der Ehe mit Menschen die man gerne hat sexuellen Kontakt haben kann und sollte usw. usw. Zwar lag das sicher nicht streng auf Lehrplanlinie ;) aber das war nicht die Schülerklientel deren Eltern beim Bistum Meldung gemacht hätten. Und der Lehrerin wäre es egal gewesen: Sie war Landesbeamtin und hätte sich notfalls halt auf ihre anderen Fächer beschränkt wenn es tatsächlich Ärger gegeben hätte, den gab es aber nicht.