24.01.2012 - 18:30 Uhr

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Von der Notlösung zum Erfolgsmodell

Text: kathrin-hollmer - Foto: dpa

Der 2011 eingeführte Bundesfreiwilligendienst ist erfolgreicher als erwartet. Wenn das Budget nicht aufgestockt wird, müssen bald die ersten Freiwilligen abgewiesen werden. Warum ist der Zivi-Nachfolger so begehrt?

Eigentlich war der Bundesfreiwilligendienst (BFD) nur eine Notlösung. Nach dem Ende der Wehrpflicht im Juli 2011 wollte die Bundesjugendministerin Kristina Schröder mit dem neuen Sozialdienst den Wegfall der Zivildienstleistenden durch die Aussetzung der Wehrpflicht ausgleichen.  



In dem Etat für die BFD-Stellen hat Kristina Schröder nur 35.000 Plätze eingeplant. Zum Vergleich: Von Zivildienstleistenden waren zuvor etwa 70.000 Stellen besetzt. Die bescheidene Zahl von 35.000 Plätzen erklärt sich vor allem so, dass der soziale Dienst keine Pflicht mehr wäre, weil nach dem Ende der Wehrpflicht auch der Zivildienst als Wehrersatz nicht mehr verpflichtend ist. Für junge Leute, die sich engagieren wollen, gibt es außerdem schon immer Möglichkeiten wie das „Freiwillige Soziale Jahr“ (FSJ) oder das „Freiwillige Ökologische Jahr“ (FÖJ).

Beim Bundesfreiwilligendienst kann jeder mitmachen, der die Vollzeitschulpflicht erfüllt hat, je nach Bundesland ist das ab 15 oder 16 Jahren der Fall. Eine Altersgrenze nach oben gibt es nicht. In der Regel arbeitet man ein Jahr in gemeinwohlorientierten Einrichtungen wie Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie, aber auch in nicht-verbandsgebundenen Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Kindertagesstätten, Schulen oder Museen.  

Im Sommer 2011 sah es so aus, als wäre selbst Kristina Schröders bescheidenes Ziel, 35.000 BFD-Stellen zu füllen, zu hoch gesteckt. Doch in Berlin war man anscheinend zu vorsichtig. Langsam werden die Freiwilligenstellen knapp. Wenn der Etat für die „Bundesfreiwilligen“, die kurz „Bufdis“ genannt werden, nicht aufgestockt wird, müssen bald die ersten Absagen erteilt werden. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schreibt, dass bereits 32.000 von 35.000 Verträge für 2012 abgeschlossen worden sind, dabei hat das neue Jahr erst angefangen. Die Träger der BFD-Stellen rechnen mit 60.000 Interessenten, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Neue Stellen für 2013 gibt es nach dem aktuellen Stand frühestens im September 2012.  

Rainer Hub, Bundesreferent für freiwilliges Engagement bei der Diakonie, schildert die Situation in seinem Verband so: „Die Nachfrage bei uns ist viel höher als wir das vor einem halben Jahr erwartet haben. Das Dilemma ist, dass die Bundesmittel ausgeschöpft sind. Wir können ab jetzt schon keine neuen Verträge mehr unterzeichnen und ich glaube nicht, dass die Mittel aufgestockt werden. Unsere Träger vor Ort können aber als Alternative ein ungefördertes, also unbezahltes FSJ anbieten.“ Der BFD wird mit einem Taschengeld von bis zu 336 Euro monatlich vergütet.  

Mehr Freiwillige als Stellen gibt es auch beim Deutschen Roten Kreuz. Pressereferent Fredrik Barkenhammar: „Wir hatten 2.500 BFD-Stellen und können aktuell keine Freiwilligen mehr annehmen. Es kann aber sein, dass es in manchen Kreisverbänden noch Möglichkeiten gibt.“  

Die überraschend große Nachfrage erklären sich Rainer Hub und Fredrik Barkenhammar unter anderem mit den doppelten Abiturjahrgängen, die vor dem Studium noch einen Freiwilligendienst einlegen wollen. „Entscheidend sind speziell die doppelten Abschlussklassen aus Baden-Württemberg, das schon immer ein sehr engagiertes Bundesland ist“, sagt Rainer Hub.  

Auch die Startschwierigkeiten des neu eingeführten Sozialdienstes scheinen überwunden. „Jetzt sind wir langsam mit dem Thema warm geworden, nachdem im Sommer die Rahmenbedingungen noch unklar waren“, erklärt Fredrik Barkenhammar. Unsicher war vor allem, ob jüngere Freiwillige Anspruch auf Kindergeld haben. Erst im Dezember wurde beschlossen, dass Eltern von volljährigen Freiwilligen bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres des Kindes Kindergeld bekommen.  

Zudem wurde im Januar ein weiterer Anreiz geschaffen, sich im BFD zu engagieren: Hartz-IV-Empfänger dürfen statt 60 Euro nun 175 Euro „Bufdi-Taschengeld“ zusätzlich zum Arbeitslosengeld II dazuverdienen, ohne dass sich dabei die Höhe ihres Hartz-IV-Anspruchs ändert.  

Mit einer neuen  Engagementkultur kann sich Rainer Hub die Nachfrage aber noch nicht erklären: „Das ist erst einmal eine Momentaufnahme und im Januar und Februar ist die Nachfrage bei Freiwilligendiensten immer höher, weil viele schon jetzt die Zeit nach dem Abitur planen.“  

Und wie sieht es bei der Bundeswehr aus? Nach dem Ende der Wehrpflicht 2011 haben mehr als 10.000 Freiwillige dort ihren Dienst begonnen, Verteidigungsminister de Maizière hatte sich im Sommer nur 5.000 erhofft. 10.000 sind ein gutes Ergebnis, auch wenn der Bundesfreiwilligendienst mit mehr als 30.000 drei Mal so viele Zugänge aufweisen kann. Fredrik Barkenhammar erklärt sich diese Entwicklung so: „Ich habe das Gefühl, dass Engagement gerade einen sehr hohen Stellenwert hat.“


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lea2
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Mag ich Mag ich nicht

2

24.01.2012 - 18:49 Uhr
lea2

bufdi.
freut mich, dass das modell klappt

stehplatz
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Mag ich Mag ich nicht

6

24.01.2012 - 19:54 Uhr
stehplatz

Leider wurde in diesem netten Artikel versäumt, sich der Frage nach dem unerwarteten Zulauf etwas kritischer zu nähern.

Bufdi zu werden steht jedem frei, es gibt keine Altersgrenze nach oben. Der Bundesfreiwilligendienst scheint daher dazu geeignet zu sein, Arbeitslosenzahlen zu beschönigen: Derart "Beschäftigte" fallen aus der Statistik heraus, da sie mit dem Dienst sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. In Zeiten von Altersarmut und Rentenunsicherheit kann es dazu kommen, dass sich ein Teil der Rentner dazu gezwungen sieht, als Bufdi zu verdingen. Was problematisch ist, da es nicht die Intention des Bufdis sein darf, Mittellosigkeit und ein Grundeinkommen zu sichern.

Als weiteres Einfallstor für die Problematik prekärer Beschäftigungsverhältnisse darf die Tatsache gelten, dass der Bufdi alle 5 Jahre wieder angetreten werden darf. Sozusagen eine immer wiederkehrende Beschäftigungstherapie für Langzeitarbeitslose, zu der die Bundesagentur für Arbeit unter Androhung von Leistungskürzungen zwingen kann.

Mag also sein, dass viele ins Leben geworfene G8-Abgänger eine Orientierung suchen, die sie im Bufdi auch finden (Ich war selbst Zivi). Dass es darüber hinaus allerdings noch ein Klientel der working poors gibt, das sich in der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation evtl. dazu gezwungen sieht, in die vor ihnen ausgebreiteten Fallstricke zu treten, wird nicht bedacht.

Insofern kann der Bufdi auch als weitere Etappe zunehmender Prekarisierung von Arbeit herhalten. (Auch wenn die Intention mit dem Ende der Wehrpflicht viell. nicht direkt so formuliert wurde und für Schulabgänger/junge Menschen dies nicht gilt - man könnte meinen, die Spatzen schreien es von den Dächern)

Und irgendwann schaffen wir auch noch die 45 mio. Beschäftigten in Dtld.

Schmocki
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Mag ich Mag ich nicht

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24.01.2012 - 21:49 Uhr
Schmocki

Nu hör'n Se doch mal auf, 35.000 Bufdis deutschlandweit schönigen nun wirklich keine Statistik. Und von den 35.000 sind wahrscheinlich mind. die Hälfte unter 25 und sehen diesen als Alternative zum Zivildienst zur Orientierung an. Du hast ja absolut recht mit den zunehmenden Ausmaßen der 'working poors' und das jeder Politiker froh ist und es als einen Riesenerfolg verkauft, wenn ein Arbeitsloser irgendwo für 3 € die Stunde maloocht. Dass dieser dann aber trotzdem noch sämtliche Unterstützungen vom Staat benötigt, wird nicht gesagt.

BananenBill
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6

24.01.2012 - 22:08 Uhr
BananenBill

Guter Anfang. Und jetzt bitte das gesamte Konzept der "Arbeit" überdenken. Erziehungsarbeit, Pflegearbeit, alles nix wert?

stehplatz
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Mag ich Mag ich nicht

0

24.01.2012 - 23:21 Uhr
stehplatz

BananenBill sagte:
Guter Anfang. Und jetzt bitte das gesamte Konzept der "Arbeit" überdenken. Erziehungsarbeit, Pflegearbeit, alles nix wert?


den finanziellen gegenwert betrachtet und in relation zu (den meisten) anderen branchen betrachtet in unserer wirtschaft nicht.

soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

0

25.01.2012 - 09:45 Uhr
soylentyellow

"Guter Anfang. Und jetzt bitte das gesamte Konzept der "Arbeit" überdenken. Erziehungsarbeit, Pflegearbeit, alles nix wert?"

Ja, weil erstens nicht messbar und zweitens kaum Zahlungsbereitschaft vorhanden und drittens bezahlt nicht derjenige der davon profitiert. Schade, ist aber so.

Aber 35 000 Bufid Stellen vs. ca 500 000 (theoretische) Zivi + Bund Stellen? Bzw. vs. ca 1 000 000 Jungen UND Mädchen die, hätten Mädchen auch zum Bund gemusst, theoretisch dafür in Frage kämen? D.h. doch dass sich weniger als 7 bzw. weniger als 3,5 % der dazu in Frage kommenden das machen. Voller Erfolg!

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0

25.01.2012 - 11:03 Uhr
soylentyellow

@ stehplatz

Wie passend dann dass der dieswöchige Titel der Zeitschrift "Arbeitsmarkt" (die Zeitschrift für arbeitslose Geisteswissenschaftler, wila-bonn.de) "Berufseinstieg: Bundesfreiwilligendienst" als Titel hat.

lea2
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Mag ich Mag ich nicht

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25.01.2012 - 11:39 Uhr
lea2

soylentyellow sagte:
"Guter Anfang. Und jetzt bitte das gesamte Konzept der "Arbeit" überdenken. Erziehungsarbeit, Pflegearbeit, alles nix wert?"

Ja, weil erstens nicht messbar und zweitens kaum Zahlungsbereitschaft vorhanden und drittens bezahlt nicht derjenige der davon profitiert. Schade, ist aber so.

messbarkeit ist sehr wohl vorhanden, wenn man sich das fast schon irrsinnige dokumentationsaufkommen grad in der altenpflege anschaut. was das bezahlen und nicht profitieren betrifft, naja, du weißt nicht, was dir die zukunft so bringt und dann freust du dich, wenn du anständig den a**** gewischt bekommst.
es ist halt eine recht ambivalente angelegenheit, wenn auf der einen seite horrormeldungen über den zustand deutscher pflegeheime kommen und man auf der anderen seite sich die arbeitsbedingungen dort anschaut, die ein abziehbild der wertschätzung der arbeit seitens der bevölkerung darstellen.

soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

2

25.01.2012 - 12:49 Uhr
soylentyellow

Über wie man "anständig den A*** wischt" bzw. diesen irgendwann evtl. gewischt bekommt brauchst Du mir nichts erzählen.

Als ex-Zivi kann ich sogar Kaugummi kauend Windeln wechseln. Außerdem kann ich nicht nur mit rechts sondern auch mit links füttern und gleichzeitig mit der jeweils anderen Hand selbst essen und alle anderen am Tisch im Auge behalten und mit der dritten Hand nötigenfalls eingreifen.

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Mag ich Mag ich nicht

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25.01.2012 - 12:58 Uhr
soylentyellow

"messbarkeit ist sehr wohl vorhanden, wenn man sich das fast schon irrsinnige dokumentationsaufkommen grad in der altenpflege anschaut. "

Messbarkeit der hineingesteckten Arbeit ist etwas völlig Anderes als Messbarkeit des Erfolges. Abgesehen davon dass der Erfolg (im Gegensatz zur hineingesteckten Arbeit) schwer in Euro und Cent messbar ist.

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