19.12.2011 - 18:47 Uhr

6 14 Über Twitter weiterempfehlen

Wie die Erkenntnis gerinnt

Text: lars-weisbrod - Foto: nekousa / photocase.com

"Wieso sind in den Facebook-Statusmeldungen heute so viele Kim-Jong-Il-Witze?", fragte sich unser Autor am Morgen - und sah erst danach in die Nachrichten. Wie wir durch soziale Netzwerke Nachrichten rückwärts wahrnehmen.

Heute morgen nach dem Aufstehen saß ich mit der Zahnbürste im Mundwinkel vor dem Computer, überflog als erstes meinen Facebook-Stream und wunderte mich. So viele Kim-Jong-Il-Witze! Hatten jetzt etwa auch die Letzten den Kim-Jong-Il-looking-at-things-Tumblr entdeckt? Oder, dämmerte es mir nach dem dritten, vierten Post, war etwa etwas passiert? "Kim Jong Il is not looking at things anymore", schrieb jemand. Dann habe ich doch mal auf Spiegel Online nachgesehen. Tot ist er also. Schon wieder habe ich von den Nachricht des Tages auf diesem seltsamen Weg erfahren.

 


Viel Aufhebens ist um die neue Nachrichten-Phänomenologie des So-habe-ich's-Erfahren gemacht worden: Im Himalaya-Basislager lesen wir auf dem Smartphone, dass Michael Jackson gestorben ist, und nachts bei Twitter vom Tode Steve Jobs', noch bevor die großen Nachrichtenseiten die Meldung auf der Startseite haben. Das ist aber nur die eine Seite der modernen Nachrichtenrezeption, so sieht sie von vorne aus. Wie die sozialen Netzwerke das So-habe-ich's-Erfahren verändern, sieht man aber vielleicht erst von hinten so richtig, wenn man ein bisschen zu spät ist und noch den Zahnpastaschaum im Mund hat. "Im Internet scheint es nur noch eine Reaktion zum Zeitgeschehen zu geben: den Kalauer", schrieb Andreas Bernard in einem sehr lesenswerten Text im SZ-Magazin. "Und so werden die Hauptnachrichten auch in Zukunft innerhalb von Minuten einen Niederschlag an mehr oder wenigen lustigen Wortspielen im Netz hervorrufen." Ab einem bestimmten Zeitpunkt in der Evolution einer Nachricht ersetzt der Witz die Nachricht sogar ganz. Man sieht das Nachrichtenfeuer vor lauter Statusupdate-Rauch gar nicht mehr. Wer dann seinen Facebookstream, Twitter oder den Skype-Gruppenchat aus Gewohnheit überfliegt, bevor er sich woanders informiert hat, wer also von hinten nach vorne liest, und bei den Witzen und Kommentarkommentaren anfängt, bei dem sickert die Erkenntnis langsam durch, fast fühlbar, bis zu dem Moment, in dem man alle Puzzlestücke zusammengesetzt hat. Und merkt: Ach, es ist wohl etwas passiert. Lieber schnell mal in die echten Nachrichten gucken.

Die Änderungen der Nachrichtenrezeption, die die Vernetzung mit sich bringt, ist nämlich nicht einfach linear, nicht bloß "schneller mehr Information". Sie ist komplex und anarchisch. Vielleicht trägt die Art, auf die ich vom Tod des "Geliebten Führers" erfahren habe, deswegen genauso viel 21. Jahrhundert in sich wie die Smartphones im Himalaya: Ich bin der Nachricht nicht entkommen, aber sie kam auch nicht einfach schnell und direkt zu mir, sondern indirekt und auf Umwegen, erschlossen vom Witzkommentar zurück auf den Anlass, vom Rauch aufs Feuer. Entgehen konnte sie mir aber auch nicht, weil in einer vernetzen Welt die wichtigen Dinge immer irgendwie hochblubbern, egal, welchen Teil der Nachrichtenoberfläche man betrachtet. Nur dass es eine kurze Zeit und ein bisschen Grübelei braucht, bis man die Blasen auf dem Informationssee richtig eingeordnet hat. Es ist wie in der Schlusssequenz des Films "Eiskalte Engel", deren medientheoretische Bedeutung bisher noch nicht genug gewürdigt wurde: Wir Nutzer der sozialen Medien sitzen in einer Kirche bei einer Trauerfeier, und während vorne noch jemand spricht, kommt Gemurmel auf, manche rennen raus, wir schnappen ein paar Wörter auf, Kommentare, Kommentare zu Kommentaren, und merken langsam, aber sicher, dass etwas passiert ist. Bis wir am Ende selbst hinauslaufen, uns vor der Kirche jemand die Neuigkeiten schwarz auf weiß in die Hand drückt und wir dann auch wissen, was genau eigentlich los ist.

Das Schöne daran: Das Gerede vom Informations-Overkill ist eben nicht die ganze Wahrheit. Wir werden nicht nur den ganzen Tag mit purem, anonymen, kalten Nachrichtengut beschossen, das wir gar nicht mehr verarbeiten können. Manchmal ist das Gegenteil der Fall: Das Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge-Gestochene der Social-Media-Informationsübertragung gibt dem Nutzer das fast verloren geglaubte Gefühl für die Nachricht zurück: Man kann spüren, wie die Erkenntnis gerinnt. Zumindest solange wir manchmal zu spät kommen, weil wir noch zum Zähneputzen im Bad waren, und dann zuerst nur wissen: Kim Jong Il is not looking at things anymore.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
lars-weisbrod
Mehr Texte zum Label
Redaktionsblog
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
14 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

YSelf
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

19.12.2011 - 18:41 Uhr
YSelf

"Ach, es ist wohl etwas passiert."

So ging es mir heute morgen auch (auch mit genau dieser Nachricht).
Allerdings war der Ort nicht das Internet, sondern die echte Welt Schule, in der andere über Kim Jong Il geredet haben, bis ich verstand, dass er gestorben war.

libelle
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

19.12.2011 - 19:04 Uhr
libelle

kommt wohl stark darauf an, was die startseite des browsers ist...

petra-baeumer
Zitieren

19.12.2011 - 19:30 Uhr
petra-baeumer

"Es ist wie in der Schlusssequenz des Films "Eiskalte Engel", deren medientheoretische Bedeutung bisher noch nicht genug gewürdigt wurde" - ein Satz und ein Bild fürs Leben. Danke!

Digital_Data
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

19.12.2011 - 20:25 Uhr
Digital_Data

Wir waren im Münchner Olympiastadion, Bayern und noch zwei weitere konnten am letzten Tag Meister werden. bayern führte 2:0, plötzlich veränderte sich die Stimmung im Stadion. Es wurde schnell klar, irgendwas war passiert, ein Gänsehauteffekt. Ein Tor war gefallen und die Meldung, dass etwas apssiert war überkam 65.000 Zuschauer. Ein einzigartiges Erlebnis.

Digital_Data

stirnlappenbasilisk
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

20.12.2011 - 08:24 Uhr
stirnlappenbasilisk

Heute morgen nach dem Aufstehen saß ich mit der Zahnbürste im Mundwinkel vor dem Computer, überflog als erstes meinen Facebook-Stream


the horror, the horror...
(Colonel Walter E. Kurtz)

fnaadl
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

20.12.2011 - 08:48 Uhr
fnaadl

Digital_Data sagte:
Wir waren im Münchner Olympiastadion, Bayern und noch zwei weitere konnten am letzten Tag Meister werden. bayern führte 2:0, plötzlich veränderte sich die Stimmung im Stadion. Es wurde schnell klar, irgendwas war passiert, ein Gänsehauteffekt. Ein Tor war gefallen und die Meldung, dass etwas apssiert war überkam 65.000 Zuschauer. Ein einzigartiges Erlebnis.Digital_Data


Kenn ich!
Wir waren letzes Jahr in Augsburg im Stadion, Augsburg konnte an dem Tag aufsteigen, es stand unentschieden. Osnabrück, Punktgleich, allerdings mit wesentlich schlechterem Torverhältnis fürhrte 1:0, allerdings war es fast unmöglich, übers Handy Ergebnisse abzurufen, Netz überlastet.
Plötzlich ging alles ganz schnell. Man sah den Trainer aufspringen und die Mannschaft nochmal ordentlich anfeuern. Gleichzeitig springt vor uns jemand auf "Tor in Osnabrück!". Als hätten das alle 30.000 gehört, tobte die Menge, schließlich war alles offen. Wenige Sekunden später fiel dann das 2:1. Dass Osnabrück es in den letzten Minuten noch zum 3:1 schaffte, war dann egal. Das waren mal wahnsinns Emotionen!

Aber zurück zum Thema:
Um zuerst auf Facebook zu erfahern, was passiert ist, muss man später aufstehen als die anderen, mir ist das schon lange nicht mehr passiert.
Ich bin fast froh, morgens inzwischen so früh aus dem Haus zu müssen, dass das Autoradio schneller ist als Facebook.
Twitter wüsste wohl meist schon Bescheid, aber da passiert über Nacht zu viel, als dass ich morgens den Nerv hätte, das zu lesen..

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

20.12.2011 - 09:05 Uhr
fnaadl

Argh.
Das war natürlich Quatsch. Bochum hätte Augsburg überholen können und gewann 3-1 gegen Osnabrück.

DaniausHamburg
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

5

20.12.2011 - 10:29 Uhr
DaniausHamburg

Vielleicht einfach ERST Nachrichten und DANN Facebook-Kalauer lesen? Das Problem sind ja nicht die neuen Informationsquellen, sondern wie man sie nutzt, oder?

soylentyellow
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

20.12.2011 - 12:16 Uhr
soylentyellow

Ich hab keinen einzigen fb update zu Kim - mach ich irgendwas falsch? Oder hab ich nur die falschen fb-Freunde?

Digital_Data
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

20.12.2011 - 13:01 Uhr
Digital_Data

@fnaadl

In München war das etwas anders, wenn ich Dich richtig verstanden habe, kaum einer wusste was passiert war, es setzte sich nur die Erkenntnis durch das Stadion, dass etwas passiert war. Es dauerte glaube ich so zwei bis drei Minuten bis das dann über Lautsprecher durchgegeben wurde. Aber die zwei Minuten hatten es in sich. Jeder wusste es war was passiert, man ahnte was, war sich aber nicht sicher. Dass erzeugte so eine unheimliche leise Stimmung, niemand wollte zu laut sein um es zu verpassen aber murmelte wohl, jetzt ist was passiert.

Digital_Data

Weiter Seite 1 2

Alle Kommentare anzeigen


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

lars-weisbrod offline

lars-weisbrod

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

Trivial-Pursuit-Jugend Westerwald / Baby Baby Baby