29.11.2011 - 18:30 Uhr

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„Man spürt den Hohn in der Stadt“

Text: christian-helten - Fotos: dapd, stuttgart21-derfilm.de

Die Baden-Württemberger haben Stuttgart 21 in ihrer Volksabstimmung nicht verhindert. Aber wie geht es jetzt in der Protestbewegung weiter? Ein Interview mit den jungen Regisseuren des Dokumentarfilms Stuttgart 21



Florian Kläger, 24, und Lisa Sperling, 23, haben bei der diesjährigen Berlinale ihren ersten Dokumentarfilm präsentiert – noch bevor sie ihr Filmstudium überhaupt begonnen haben. „Stuttgart 21 – Denk mal!“ begleitet die Proteste gegen das umstrittene Bahnhofsprojekt aus einer beeindruckenden Nähe. Die verwackelten Aufnahmen von der eskalierenden Räumung des Stuttgarter Schlossgartens durch die Polizei, aber auch die vielen Interviews mit verschiedensten Leuten und Gruppen aus der Protestbewegung machen den Film zu einem sehenswerten, wenn auch parteiischen Dokument des Widerstands gegen Stuttgart 21. Auch nach dem Start des Films blieben Florian und Lisa in Kontakt zur Protestbewegung. Wir haben sie gefragt, wie es dort nach der Volksabstimmung aussieht.  
  

jetzt.de: Euer Film zeigt nur die Gegenbewegung zu Stuttgart 21, die Befürworter kommen nicht zu Wort. Wie sehr seht ihr euch als Teil der Bewegung gegen Stuttgart 21?
Florian Kläger: Wir sind in die Bewegung quasi hineingewachsen. Wir haben vor gut zwei Jahren eine der ersten Demos miterlebt. Damals waren das vielleicht 200 Leute, die da an einem Montagabend am Nordflügel des Bahnhofs demonstriert haben. Wir haben dann über das erste halbe Jahr erlebt, wie diese Demos immer mehr angewachsen sind und haben versucht, möglichst oft eine Kamera dabeizuhaben und zu filmen. Wir haben auch den 30. September miterlebt, als es im Park zu den Polizeiübergriffen kam, dann die Schlichtung und jetzt den Volksentscheid. Ich sehe mich also schon als Teil der Bewegung.
Lisa Sperling: Wir sind nicht als außen stehende Filmemacher an das Projekt rangegangen. Zuerst waren wir Teil des Ganzen, dann kam der Film dazu.

Wart ihr auch noch auf den Demos, nachdem der Film fertig war?
Lisa: Ja, wir sind auch jetzt immer wieder dabei gewesen, obwohl ich gar nicht mehr in Stuttgart wohne. Aber wir haben versucht, das Ganze so gut es ging zu verfolgen und uns zu beteiligen.

Wo wart ihr, als am Sonntag die Ergebnisse der Volksabstimmung bekannt wurden?
Lisa: Wir waren am Bahnhof, hatten wieder unsere Kamera dabei und haben auf einer Veranstaltung der Parkschützer gefilmt. Vor Ort hat man die genauen Zahlen der einzelnen Bezirke aber gar nicht richtig mitbekommen, deshalb sind wir irgendwann nach Hause gegangen, um die genauen Zahlen zu recherchieren.
Florian:
Da saßen manche am Computer, dann hatte einer hier eine Zahl, dann kam eine von da drüben. Da war es schwer, einen Überblick zu bekommen.
Lisa: Aber als wir gegangen sind, war schon klar, dass die Abstimmung verloren ist. Nur wie hoch, das wussten wir noch nicht.

Wart ihr überrascht von der Niederlage?
Lisa: Wir haben vorher gewusst, dass das Quorum nicht zu erreichen ist. Es wurde ja  kritisiert, dass man eine Abstimmung macht, die nicht fair gestaltet ist. Aber natürlich war es eine Enttäuschung – vor allem die Tatsache, dass selbst in Stuttgart die Leute für das Projekt beziehungsweise gegen das Kündigungsgesetz gestimmt haben. Das hatten wir nicht erwartet.

Sind die Leute sehr desillusioniert? Viele haben sehr viel Zeit und Herzblut investiert in den letzten Jahren. Und jetzt war wohl doch alles umsonst.
Florian: Die Leute waren darauf schon vorbereitet. In den Gesprächen, die wir auch im Vorfeld der Abstimmung geführt haben, war herauszuhören, dass die Wenigsten damit gerechnet haben, dass die Abstimmung für uns positiv ausgeht - geschweige denn, dass das Quorum erreicht wird. Es hat die Leute also schon getroffen, aber nicht wie in einem Fußballspiel, wenn es bis zur 80. Minute unentschieden steht und dann eine Mannschaft das Führungstor schießt. Keiner war am Sonntagabend am Rand des Nervenzusammenbruchs, es war alles ein bisschen gesetzt. Natürlich haben sich die Leute geärgert, weil jetzt klar ist, dass jede Zeitung schreibt, dass das Projekt abgesegnet ist und sich die Regierung hinter den Bau stellen muss.
Lisa:
Es ist eben nicht wie bei einem Sportturnier, wo einer gewinnt und der andere verliert und damit umgehen muss. Hier geht es ja um Meinungen. Das Ergebnis war knapp, die Gegner sind zwar in der Minderheit, aber es ist eine große Minderheit, und deren Meinung wird sich wegen der Abstimmung nicht von heute auf morgen ändern. Deshalb kann man auch jetzt nicht einfach einen Schlussstrich ziehen. Die Stuttgart 21- Befürworter können jetzt nicht einfach sagen: ‚Wir haben gewonnen, setzen uns die Krone auf und ihr haltet die Klappe.’ Man muss die Existenz der Meinung der Gegner akzeptieren und damit umgehen. Das ist es, was sich die Gegner jetzt wünschen. Und deshalb macht es sie jetzt wütend, dass sie die Ignoranz und Arroganz der Politiker und Befürworter jetzt wieder erleben müssen.

Habt ihr den Eindruck, dass die Leute weiter demonstrieren werden?
Lisa: Wir haben Leute getroffen, die das jetzt akzeptieren und nicht glauben, dass noch was zu ändern ist. Die hören jetzt auf, auf die Straße zu gehen, werden den Fortschritt des Projekts aber weiter sehr genau und kritisch beäugen. Die Frage, die sich gerade viele stellen, ist, ob die Formen des Protestes, die bisher angewandt wurden, noch weiter Sinn machen. Die Parkschützer werden auf jeden Fall weiter machen. Und ich glaube, wenn im Januar die Bäume gefällt werden und der Südflügel fällt, werden dort ganz viele Leute stehen.
Florian: Ich glaube, dass sehr viel davon abhängt, wie die Befürworter von Stuttgart 21 jetzt mit dem Ergebnis der Abstimmung umgehen. Wenn sie fordern, dass sich die Gegner zurücknehmen und ihnen gleichzeitig entgegen kommen, zum Beispiel mit mehr Transparenz bei den Planungen, dann könnte sich in der Protestbewegung auch eine größere Akzeptanz einstellen. Aber wenn weiterhin so herumposaunt wird und so ein Hohn in der Stadt zu spüren ist, dann werden sich die Demonstranten wieder zusammenfinden.

Wie sieht dieser Hohn denn aus?
Lisa: Man konnte den Oberbürgermeister sehen, der auf einer Bierbank steht und „We are the Champions“ grölt. Da fragt man sich schon, in welcher Zeit man gerade lebt.
Florian:
Wir haben uns auch im Park in den letzten Tagen einiges anhören müssen. Wenn man da einen "Oben Bleiben"-Button an der Tasche trägt, kriegt man das ein oder andere „Verpiss dich“ ab. Wir durften gestern auch einen älteren Herrn beobachten, der mit einer Stecknadel die „Ja zum Volksentscheid“-Luftballons alle zerstochen und danach ein Foto gemacht hat. Das sind viele Kleinigkeiten, aber die spürt man schon sehr deutlich.
Lisa: Man merkt einfach, dass die Stadt immer noch gespalten ist.


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TomJones
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Mag ich Mag ich nicht

7

29.11.2011 - 19:05 Uhr
TomJones

Richtige und überfällige Entscheidung.
Schön, dass die linken Bremser so deutlich in die Schranken gewiesen worden sind.

Die Entscheidung ist gut für die Region, gut für die Menschen und bringt viele Arbeitsplätze.
Ich bin selber mit einer kleinen Summe beteiligt, und aus der werde ich ein Vielfaches machen. Gentlemen, schmeißt die Bagger an und los!

shafty
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Mag ich Mag ich nicht

6

29.11.2011 - 20:02 Uhr
shafty

"Man muss die Existenz der Meinung der Gegner akzeptieren und damit umgehen. Das ist es, was sich die Gegner jetzt wünschen."
Hä? dass man aus genau dieser akzeptanz überhaupt einen volksentscheid durchegführt hat ist egal?

"Man konnte den Oberbürgermeister sehen, der auf einer Bierbank steht und „We are the Champions“ grölt.Da fragt man sich schon, in welcher Zeit man gerade lebt."
das kann ich euch sagen: in der zeit, in der eben nicht die s21 gegner ein freudenfest veranstalten.
das hätten die nicht gemacht? hahahaha, DIE häme hätte ich auch nicht erleben wollen.

ich habe zu s21 eigentlich keine meinung, aber das interview zeigt viele dinge auf, die mir an den gegnern des projekts gewaltig auf den zeiger gehen.

alces
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Mag ich Mag ich nicht

5

29.11.2011 - 20:41 Uhr
alces

shafty sagte:
ich habe zu s21 eigentlich keine meinung, aber das interview zeigt viele dinge auf, die mir an den gegnern des projekts gewaltig auf den zeiger gehen.


Mir geht es ähnlich. Eigentlich bin ich gegen S21 - aber mit solchen Leuten will ich nicht in einen Topf gworfen werden. Verfluchte Avocados.

Jassiysmile
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Mag ich Mag ich nicht

7

29.11.2011 - 20:59 Uhr
Jassiysmile

ich bin gegen s21. aus diversen gründen. aber bestimmt nicht, weil ich die bäume im stadtschlossparkwald umarmen und retten will.

deswegen war ich auch brav volksabstimmen und es hat nix genutzt. gut. pech gehabt. das nennt sich demokratie. und das war eigentlich vorherzusehen, aber einen versuch ist es wert. 50% der wahlberechtigten waren nicht wählen. das finde ich arm - das regt mich wirklich auf.

schlimm finde ich, dass die gegner immer alle als (verzeihung) grüne voll-ökos dargestellt werden. das verzerrt das bild. gewaltig. dem ist nämlich nicht so. aber so bilden es die medien ab. die einzige lösung ist, da drüber zu stehen. es bringt ja schließlich nix.

Shorebilly
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Mag ich Mag ich nicht

3

29.11.2011 - 21:15 Uhr
Shorebilly

Jassiysmile sagte:
50% der wahlberechtigten waren nicht wählen. das finde ich arm - das regt mich wirklich auf.


in so einem konkreten fall wie dieser abstimmung regt mich das kein bisschen auf. wenn man zu einem thema nunmal keine meinung hat, warum soll man dann abstimmen? und wie?

und ein bahnhofsumbau in stuttgart IST nunmal ein thema, das fuer einen grossen teil der menschen keine echte relevanz besitzt.

Jassiysmile
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Mag ich Mag ich nicht

0

29.11.2011 - 21:26 Uhr
Jassiysmile

Shorebilly sagte:
in so einem konkreten fall wie dieser abstimmung regt mich das kein bisschen auf. wenn man zu einem thema nunmal keine meinung hat, warum soll man dann abstimmen? und wie?
und ein bahnhofsumbau in stuttgart IST nunmal ein thema, das fuer einen grossen teil der menschen keine echte relevanz besitzt.


mal abgesehen davon, dass so geringe wahlbeteiligungen mich immer aufregen (ja, ich hab auch gelesen, dass das in der schweiz nicht anders ist teilweise, und die sind darin geübt), finde ich dass man dazu eine meinung haben sollte. ich glaube einfach nicht, dass man keine meinung haben kann, bei einem thema, dass mit wahlentscheidend war und seit jahren disskutiert wird (zumindest, wenn man in BaWü wohnt).
die leute betrifft es ja direkt durch ihre (unsere) steuern. also ich entscheide gerne darüber, ob meine steuergelder in ein vermutlich schlecht funktionierendes projekt, oder in etwas sinnvolles (rheintalstreckenausbau, um bei der bahn zu bleiben) gesteckt wird. dafür wird es doch möglich sein mal seinen arsch am sonntag aus der bude zu bewegen und kurz zur wahlurne zu gehen.
und ja, ich finde, die wahlzettel waren kompliziert und ja vielleicht war das ein grund für das nicht gehen.

koikarpfen
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Mag ich Mag ich nicht

0

29.11.2011 - 21:33 Uhr
koikarpfen

Immerhin muß man nach der Sanierung wohl nicht mehr im Zug mit mulmigem Gefühl um die 10 Minuten auf maroden Backsteinpfeilern stehen, um auf die Einfahrt in den Bahnhof zu warten.

okkasionalsozialist
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Mag ich Mag ich nicht

-2

29.11.2011 - 21:51 Uhr
okkasionalsozialist

war natürlich auch gegen das projekt, jedoch aus ganz anderen gründen als die öko-hetzer - (wie immer) aus grundsätzlichen erwägungen, was die zukünftige verkehrsinfrastruktur, deren technische ausrichtung und das recht auf öffentliche beteiligung daran angeht.

aber höchst erfreulich ist natürlich die kopfnuss für das grüne regime. für mich als gebürtigen bawü-ler wars aus sicherer ferne ein fantastisches spektakel. und eigentlich liebe ich große bauprojekte und interessante neue architektur. da lässt sich technisch vieles umwidmen, wenn die zeit reif ist.

drolli
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Mag ich Mag ich nicht

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29.11.2011 - 22:15 Uhr
drolli

Jassiysmile sagte:
...
und ja, ich finde, die wahlzettel waren kompliziert und ja vielleicht war das ein grund für das nicht gehen.


Aeh....

Jassiysmile
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Mag ich Mag ich nicht

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29.11.2011 - 22:20 Uhr
Jassiysmile

drolli sagte:
Jassiysmile sagte:
...
und ja, ich finde, die wahlzettel waren kompliziert und ja vielleicht war das ein grund für das nicht gehen.


Aeh....


ich formuliere um: die fragestellung war kompliziert- und die erläuterung, die es, zumindest bei uns, dazugab hat das problem nicht auf den ersten blick gelöst.
das ist auch noch nicht absolut präzise. es gab ja nur zwei kästchen - sagen wir so, es war verwirrend, wenn man sich nicht informiert hat. und informieren wäre ja wieder aufwand...also...

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