09.08.2011 - 20:13 Uhr

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Violet

Text: freiwild

Timothy war erstaunt und 14 Jahre alt, als er bemerkte, dass er ganz und gar in Träumen lebte. Andere Menschen brauchten Marmeladenbrote und Steaks, oder sie rauchten Zigaretten, als wären sie eine Zigarettenrauchmaschine. Timothy mochte Marmeladenbrot, so viel war sicher, und Steaks nicht so gerne, so viel war auch sicher, aber er hatte sie nie zum Leben gebraucht. An diesem Morgen fing er also an die Marmeladenbrote liegen zu lassen, und träumte lieber vom den kleinen Makeln und der Wärme lieblicher Mädchen, sternenklaren Nächten und dem Rauschen des salzigen Meerwindes, der seine Haut sreichelte. Das war sehr sehr schön.

Timothy hatte schon einige Mädchen und Meere geträumt, er konnte Tagträumen und Nachtträumen und in der Dämmerung träumte er auch, als sich alles schlagartig änderte. Es war schlimmer Winter. Alle Blumen hatten sich woanders versteckt. Es war ganz weiß und grau draußen, denn der Schnee hatte auch ein hübsches Kleidchen gemacht, damit der nackte Boden nicht friert. Eines Abends trieb Timothy also versunken eine blattlose Allee entlang. Er strich im Vorbeigehen mit den Fingerkuppen über die raue Rinde der kahlen Bäume und ertastete sanft ihre grobe Struktur. Auf der anderen Straßenseite ging der unsichtbare Mister Bubblegum, Timothys bester Freund, und zählte die Seifenblasen, die ein kleiner Junge weit draußen vor der Stadt in den Himmel pustete. Es war nicht sehr ungewöhnlich.

"BUH!"

Vor ihm stand, hinter einem Baum ganz wild und aufregend hervorgesprungen, ein ganz wildes, aufregendes Mädchen, einen fernen Glanz von Abenteuerlust, Mut und Tatendrang in den Augen. Nur in den feinen Zügen um ihre Lippen, dem Lächeln, welches andeutete, dass sie einen Plan aushecken würde, und an den zarten, gezeichneten Händen konnte man erkennen, wie liebevoll sie sein musste, und dass sie ganz zweifellos eine sonderbar überzeugende Anziehungskraft hatte, lag daran: All ihre herben Züge waren echt, aber ihre Augen, die so lebendig und unendlich weit wirkten, verrieten auch, dass in ihr ein großes Herz wohnen musste. Sie hieß Violet.

Violet fragte, ob der unsichtbare Mister Bubblegum wohl hergucken würde, und ohne erstaunt zu sein, dass sie den unsichtbaren Mister Bubblegum kannte, sagte Timothy, der sei wohl in die Seifenblasen verträumt, der würde nicht mehr hersehen. Als sie die abwesende Antwort gehört hatte, küsste Violet Timothy. Sie küsste ihn einfach so, und es donnerte ganz laut in Timothys Ohren, weil sein Herz so pochte, und er dachte, wie viel Sonne scheint, wenn du mich küsst, Violet, reicht um den Winter vergessen zu machen. Es reicht um den Schnee wegzudenken, und dem Boden warm zu machen, damit es überall blüht. Aber genauso unvermittelt, wie sie aufgetaucht war, verschwand Violet, und Mister Bubblegum, der nun doch einen kurzen Blick auf sie geworfen hatte, guckte ganz erstaunt, lächelte dann Mild und sagte: "Timmothy, sie ist ein ganz erstaunliches Wesen.", hielt kurz inne, nur um dann noch schlicht hinzuzufügen: "Das freut mich.", nicht ohne zu Grinsen

Was jetzt folgte war eine ganz merkwürdige Zeit. Es war ganz verrückt, wie Violet immer wieder genauso unerwartet Auftauchte, wie sie dann verschwand. Sie küsste ihn, und jedes Mal erfuhr er ein bisschen mehr. Dass sie von weit weg kam, und drei Stationen mit dem Zug fahren musste, wenn sie zu ihm kam. Wen sie noch kannte, und welche Marmelade sie am liebsten aß. Die Marmelade war ihr wichtig, aber Steak aß sie nicht. Sie war Vegetarierin, und Timothy dachte: "Ein bisschen wie ich!" und freute sich, dass sie eine Gemeinsamkeit hatten - weil er eine traurige Sache befürchtete. Es war nur eine entfernte Ahnung, eine ganz unsichere Angelegenheit. Sie kamen ihm so verschieden vor, und er dachte, denn er träumte sehr viel von ihnen und er dachte sehr viel über sie nach: "Manchmal sind wir wie zwei Puzzleteile. Es ist ein sehr schönes Puzzle von einer großen wilden Wiese, auf der die Sonne scheint, während einige wenige Wolken Schatten spenden. Aber wir gehören einfach nicht nebeneinander. Sie ist so himmelblau, und ich bin grün wie das Gras."

Es war ein ganz hervorragender Sommer, als Timothy Violet das letzte mal sah. Es war der unsichtbare Mister Bubblegum, der ihn mitgebracht hatte: Einen Gorilla. Timothy sagte: "Das finde ich vielleicht nicht sehr gut, ich träume so schlimme Sachen von Gorillas." Aber Mister Bubblegum tat das ab. Er sagte dieser hier sei Zahm, und Timothy wollte den unsichtbaren Mister Bubblegum nicht kränken. Außerdem versuchte er zu aktzeptieren, dass der Gorilla eigentlich recht nett war. Er war aber auch ganz komisch geformt. Ziemlich breit von den vielen, vielen gutaussehenden Muskeln. Manchmal schrie er ganz wild, und dann konnte Timothy nicht schlafen, denn er machte sich Sorgen wegen dem Gorilla.

Es war ein Donnerstagabend, an dem Violet wie üblich hinter einem Baum wartete. Der Gorilla war bei Mister Bubblegum auf der anderen Straßenseite und er zögerte erst noch, aber sehr bald verwechselte er sie mit einer Banane. Timothy versuchte verbittert die neuen Umstände zu ignorieren. doch er merkte sehr bald, dass etwas traurig war: Violet war so weit weg.

Es war wohl immer sie gewesen, die ihn zuerst geküsst hatte, und er wusste nicht, was das zu Bedeuten hatte, und er wusste nicht, ob jetzt ein Zeitpunkt war, an dem man das ändern durfte. Er dachte anfangs noch: Vielleicht waren sie nur so distanziert, weil der unsichtbare Mister Bubblegum und sein Gorilla immer da waren. Und später: Vielleicht hatte es einen ganz anderen, besonderen Grund, und Violet würde Timothy nie wieder nahe kommen. Da schaute Timothy in den Himmel und seufzte, und dann sagte er sich: "Ich muss sie gehen lassen.", weil er wusste, dass Mädchen manchmal gehen wollen, und er wartete, dass sie sich entschied. Das Warten machte ihn sehr traurig - und er dachte öfters, wie dumm es war, nicht so viel zu tun. Aber was er hätte machen können kam ihm sehr albern vor, denn er glaubte, dass die Mädchen sich selbst entscheiden mussten und er war kein Gorilla. Manchmal ließ er seine Untätigkeit fallen, manchmal legte er zaghaft einen Arm halb um sie, um ihr zu zeigen, dass er sie so gern hatte, aber sie reagierte nicht, er küsste sie nicht, und sie küsste ihn nicht, und er wartete.

Der Gorilla war sehr gut darin, sie einfach und immer wieder in den Arm zu legen, so, dass man nicht wusste, ob Violet es wollte, oder ob sie es wohl nicht wollte, aber sie ging nicht weg, und sie nahm ihn nicht selbst in den Arm, was die Sache sehr verwirrend machte. Nachts waren die Nächte so sternenklar, und dann sagte Violet "Los! Lasst uns auf Häuserdächer klettern!", und der Gorilla konnte sehr gut klettern, und war sehr schnell zur Stelle, aber Timothy plumpste manchmal herunter, und dann lachte er über sich selbst, damit Violet lachte, und es vielleicht Lustig fand, aber nicht doof. Wahrscheinlich hätte er sich selbst wirklich lustig gefunden, wenn es nicht so tragisch gewesen wäre.

Während die Zeit unbarmherzig dahinschlich verstand Timothy langsam, dass es wahrscheinlich zu spät war, und er begann ganz sorgsam und akribisch seine Fehler zu suchen (er fand sich ganz blöd, manchmal, und dadurch wurde er nur noch blöder). Zur gleichen Zeit legte der Gorilla seinen schweren Kopf auf ihre Schulter, und Timothys Herz schlug heftig, als wolle es den Brustkorb zertrümmern, um zu entkommen. Manchmal erklärte er sich noch, dass er es vielleicht nur nicht versucht hatte, oder die Sache vielleicht eine Frage der Einbildung war, oder dass er zu viel dachte, aber er suchte die Passenden Zeichen - und er fand sie. Man findet immer die passenden Zeichen.

Violet mochte Traurigkeit nicht, und er fand das richtig. Das Leben war viel besser, wenn man lachen konnte, aber die Ohnmacht überkam ihn unbarmherzig. Am letzten Abend machte der Gorilla ganz fürchterliche Brunftschreie. Er fragte sich noch, ob Violet das Gekreische denn nicht in den Ohren wehtat, und als er alleine ins Bett ging, träumte er schlimm. Erst wurde ihm das Bett zu warm, also ermahnte er es, nicht zu warm zu sein, aber dann war es ihm zu kalt, ohne dass es sich dazu bringen lies, wieder warm zu werden. Es war ganz zum verrückt werden, und am nächsten Morgen waren Violet und der Gorilla verschwunden.

Timothy hat nie herausbekommen, ob sie zusammen mit dem Gorilla gegangen war, oder ob sie getrennt verschwunden sind. Er hat nie herausgefunden, ob er etwas hätte ändern können. Er weiß bis heute nicht ganz, ob es die vielen hübschen Muskeln waren, die der Gorilla hatte, ihre Abenteuerlust, oder wie er manchmal, das musste Timothy zugeben, recht lustig war, dass sie ihn so zu mögen schien. Timothy wollte sich für sie freuen, denn sie passten ein bisschen, weil sie beide so wild waren, aber dann dachte er wieder, dass der Gorilla Bananen so sehr mochte, und sie mochte Marmeladenbrot, und sie war so lieblich, und er wirkte im Herzen so grob.

Violet war verschwunden. Da waren nur noch er und der unsichtbare Mister Bubblegum. Schließlich versank Timothy in einen tiefen, fernen und unruhigen Traum. Er dachte: "Ich habe dich ein bisschen geliebt, Violet."



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Mag ich Mag ich nicht

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17.08.2011 - 12:28 Uhr
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