Die Brille ohne Glas
Auf japanischen Modeblogs tauchen immer öfter Mädchen mit Riesenbrillen ohne Gläser auf. Was soll denn das?
Eine Brille ohne Gläser ist wie eine Armbanduhr, die die Zeit nicht anzeigt, ist wie ein Schuh, mit dem man nicht laufen kann, ist wie ein Handy, mit dem man nicht telefonieren kann. Menschen, die solche Dinge trotzdem tragen, halten wir im besten Fall für mental leicht derangierte Anderslinge, im schlimmsten Fall für affektierte Modeopfer.Echte Männer tragen Kleidung, die funktioniert: Cargohosen wegen der vielen Taschen, T-Shirts, weil sie bequem sind und Trainingsjacken, weil sie wasserdicht sind. Frauen und Homosexuellen wird etwas mehr an Verspieltheit zugestanden. Aber auch hier vermuten wir hinter zu großen Hüten, zu engen Jeans und zu abgefuckten Jutetaschen schnell den kostümierten Fatzke. Das mag typisch deutsch sein, ist aber letztlich das Dogma der gesamten westlichen Modewelt. Brach auch der Hipster in den letzten Jahren dieses Dogma ein wenig auf – letztlich gilt: Mode muss minimal sein, nützlich, schlicht und elegant.
In der westlichen Welt ist es deswegen schwer vorstellbar, gigantische Brillen ohne Gläser zu tragen. In Japan ist das aber seit einiger Zeit ziemlich angesagt. Auf japanischen Modeblogs tauchen immer öfter sehr zierliche Mädchen mit sehr großen Brillen auf. Die Brillen sind glaslos, also vollkommen ihrer Funktion beraubt.

Hinzu kommt, dass in Japan sehr vielen Menschen kurzsichtig sind (jeder dritte Erwachsene). Viele der Brillenträgerinnen tragen also Kontaktlinsen und setzen anschließend eine glaslose Brille auf. Ist das nicht dasselbe, wie sich eine Glatze zu rasieren, um anschließend eine Perücke aufzusetzen, also irgendwie komplett sinnbefreit? Das Magazin Neojaponisme berichtet, dass dieser Trend selbst japanischen Fashion-Insidern Rätsel aufgibt. „Es gilt als normal, die Linsen aus den Brillen zu entfernen.“
Eine Erklärung für das Phänomen könnte Michael Jacksons Musikvideo „Bad“ aus dem Jahr 1987 liefern. Darin taucht ein Typ mit einer ebensolcher Brille auf. Gefragt, warum er diese trage, antworte er, die Gläser würden zu stark reflektieren, wenn ihn die Paparazzi fotografieren. Kurzsichtige japanische Mädchen werden zwar nicht so oft von Fotografen verfolgt, tragen aber häufig Kontaktlinsen, die die Lichtverwirrung mit Brille noch steigern können – also, raus mit den Gläsern. Das wäre eine praktische Erklärung.
Neojaponisme aber weist auf etwas anderes hin: Im Gegensatz zur westlichen Modewelt geht es in der japanischen nicht darum, zufällig gerade eben mal extrem gut auszusehen. „The fundamental philosophy here“, schreibt der Autor über das westliche Modediktum, „is that (1) the individual is naturally blessed with excellent taste and that (2) the individual is not trying to look fashionable because trying to look fashionable is not cool.“ In Japan wird Mode dagegen als Kostümierung verstanden. Modisch ist, wer modisch sein will. Japanischen Teenagern gehe es darum, so verrückte Sachen wie möglich zu tragen, bevor die triste Erwachsenenwelt beginne. Und dazu zählen auch riesengroße Brillen ohne Fenster.
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1) Wer sagt denn, dass die Träger Brillenbedürftige sind? Man kann doch auch aus anderen Gründen eine Brille tragen wollen. Siehe z.B. 2)
2) Ein Brillengestell hat heutzutage doch etwas absolut Ästhetisches. Es kann Gesichtszüge unglaublich vorteilhaft unterstützen und einen Menschen völlig anders aussehen lassen. Warum also nicht?
3) Brillengläser vergrößern oder verkleinern die Augen, je nach Dicke und Korrekturziel. Das kann durchaus die Proportionen im Gesicht stören. Die Option Kontaktlinsen und Brillengestell ist daher doch eine geniale Lösung, wenn man beides kombinieren will.
Ob diese Gründe auf das japanische Phänomen zutreffen: Keine Ahnung. Und selbst wenn nicht, ist es doch witzig und mal was anderes.
shins sagte:
Die -für mich- viel wichtigere Frage ("wichtig" in einer sehr kleinen Dimension!) ist doch, warum die junge Dame eine Fliegerbrille um den Hals hat. Na, auf die Argumentation bin ich mal gespannt.
Für wenn's ernst wird. Oder sie ist im Verpuppungsstadium (hehe) zwischen Steampunk und Hipster.
jurette_ sagte:
ich hätte ja gerne ihre Haare. Oder ist das ne perücke?
bei der puppe so was ähnliches, und ich behaupte, künstlich, auch in
anwendung. das da ist bei beiden "Modelle" ein Rohling.
Sehr sinnvoll, wenn der Laden eigentlich geschliffene Gläser verkauft.
Gibt es nicht hier auch eine Redakteurin mit sehr großer Brille? @ Anna Kistner
Ich geh da noch nen Schritt weiter und trage schon seit Jahren eine randlose Brille ohne Gläser. Dafür hat sich noch keiner interessiert. Tsk. Zugegeben, ist auch schwerer zu erkennen ;)
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7
21.07.2011 - 18:50 Uhr
jurette_