"Berufsjugendliche? Schon passiert!"
Die Beatsteaks nähern sich dem breiten Pop an. Gitarrist Peter Baumann erzählt im Interview, wie es dazu kam, was er vom generellen Kuschelkurs im deutschen Musikgeschäft hält, und wie man mit einer Band erwachsen wird.

Peter, die Aufnahmen für euer neues Album „Boombox“ fanden nicht im Studio, sondern zum ersten Mal in eurem Kreuzberger Proberaum statt. Wie muss ich mir den denn so vorstellen – und wie hat der sich in den letzten zehn Jahren verändert? Werden da heute noch alte Jungsklischees mit Pin-Up-Postern erfüllt?
Wir haben ein großes Poster von Marilyn Monroe, aber die ist darauf angezogen. Ansonsten ist es ein stinknormaler Proberaum. Eher klein und abgedämpft, damit sich die Nachbarn nicht beschweren. Das Geld, was sonst im Studio versunken wäre, haben wir in ein paar gute Mikrophone und Aufnahmetechnik investiert.
Ist der Proberaum noch eine Rückzugsmöglichkeit für euch – oder nur noch Arbeitsplatz?
Das Musikmachen ist zwar unser Beruf geworden, aber ich sehe unseren Proberaum immer noch als Insel und Rückzugsmöglichkeit vor der wilden Welt da draußen. Im Proberaum muss man niemandem Rede und Antwort stehen und kann einfach eintauchen in die bunte Welt der Musik. Dafür ist so ein Proberaum ja auch da.
Es heißt, „Boombox“ wäre der Albumtitel geworden, weil ihr die fertigen Songs immer in einem Ghettoblaster, einer „Boombox“ getestet hättet.
Beim Mixen bei Nick Launay in Los Angeles war das so. Wir haben so eine Boombox auch immer zum Probehören mit im Bus und auf Tour. Für uns war es aber gar nicht so sehr das technische Gerät, sondern „Boombox“ ist für uns ein Synonym für unseren Proberaum. Weil’s da immer durch die Wand durch ‚boom’ macht.
Klingt alles, als hättet ihr euch in all den Jahren kaum verändert. Dabei hat Bernd Kurtzke (zweiter Beatsteaks-Gitarrist; Anm.d.Red.) kürzlich in einem Interview gesagt, ihr wolltet nicht als „Berufsjugendliche“ enden …
(lacht) Das ist doch schon passiert!
Aber ihr habt doch sicher auch bewusst versucht, euch eine gewisse Jugendlichkeit zu bewahren, weil das bei der Zielgruppe immer prima ankommt.
Wir können uns in einem erwachsenen Alter Sachen erlauben und rumspinnen, weil es ja unser Beruf ist. Da bewahrt man sich dann hoffentlich auch eine bestimmte Art von Jugendlichkeit und auch Naivität.
Wie äußert sich diese Naivität heute?
Indem man versucht, nicht abgezockt irgendwas zu machen, von dem man weiß, dass es funktioniert. Wir gehen immer ganz frisch an Musik ran, testen uns immer wieder selber. Weil ja die Sachen, die man noch nicht so richtig kann, einfach am meisten Spaß machen und man dabei auf etwas hinarbeiten kann.
Nimmt das Austesten der eigenen Grenzen nicht mit dem Alter ab?
Nein, das ist ja das Schöne. Wir zehren davon, dass wir genau das noch machen, uns immer wieder auf dünnes Eis begeben und gucken, wohin uns der kleine Kosmos, in dem wir da leben, befördert. Wir werden immer eine Rockband sein, allein aufgrund der Instrumentierung. Aber wie weit man da gehen kann, versuchen wir immer wieder auszuloten.
Wobei ihr ja mittlerweile das Glück habt, dass euch eure Hörer wohlmöglich jeden kleinen Fehler verzeihen.
Wir leben von Fehlern. Oder sagen wir’s mal so: Was ist schon ein Fehler? Wir versuchen uns immer gegenseitig mit neuen Ideen und Ansätzen zu flashen, wie man auf Neudeutsch sagt. Manchmal ist es aber auch einfach das alte Gitarrenriff, von dem man sagt: Das ist doch schön, das haben wir schon lange nicht mehr gemacht.
Stört es euch, dass ihr ständig als besonders bodenständigen Berliner Jungs beschrieben werdet?
Na ja, wir müssen einfach anerkennen, dass es so ist – aber wir werden es nicht weiter betonen. Wir haben angefangen als wir selber und versuchen auch weiterhin, immer wir selber zu sein. Wir sind ja nicht Slipknot, die sich für einen Gig eine Maske aufsetzen und in so eine Rolle schlüpfen. Uns kann man zugucken – beim Hinfallen und auch bei unseren Triumphzügen. Das finden vielleicht viele Leute gut, weil sie sich vorstellen können, dass sie das selber sind.
Ihr durftet als Band ja auch eine gesunde Entwicklung durchlaufen. Ganz im Gegensatz zu jungen Bands heute, die schon bei ihrem ersten Internetauftritt gut genug klingen und cool genug aussehen müssen, um eine Karriere starten zu können. Bemitleidet ihr Newcomer ein bisschen dafür?
Nein, das würde ich nicht sagen. Es hat sich einfach alles irgendwie gedreht. Ich kann gar nicht sagen, wie ich heute anfangen würde. Vielleicht würde man selber in irgendeiner Castingshow landen. Ich bin heilfroh, dass es bei uns so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Und dass wir uns fünf zum gegenseitigen Stützen haben, wenn man mal kurz weich wird. Für uns ist ja noch jeder Schritt nachvollziehbar, auch wenn es mal überwältigend wird. Irgendwann hatten wir zweimal die Wuhlheide gespielt und dachten: Was ist denn hier los? Deswegen war danach auch eine Pause nötig, damit man nicht aus Versehen in so eine Blase gerät, plötzlich ein Parallelleben führt und über etwas singt, wovon man eigentlich gar keine Ahnung hat.
Älter und erwachsen werden heißt für viele Bands oft auch poppig werden. Wenn man mal auf eure Bandgeschichte schaut, habt ihr fürs Poppigwerden sechs Alben gebraucht …
Wenn man sich selber Punkband schimpft, erlaubt man sich nicht, den Popsong raushängen zu lassen. Obwohl man ihn eigentlich insgeheim gut findet. Wenn man älter wird, erlaubt man sich manche Sachen schon eher. Was den Pop angeht, sagt man sich dann halt: Ey, lass uns doch mal dieses Poplied machen! Weil Pop nichts anderes heißt als populäre Musik. Und ich wäre ja schön blöd, wenn ich es nicht gut finden würde, wenn wir populäre Musik machen
Und wie viele Alben habt ihr fürs Erwachsenwerden gebraucht?
Das hört nie auf, glaube ich. Ich fühle mich oft wie 25 und muss dann feststellen, dass das gar nicht der Fall ist. Wahrscheinlich wird es das ganze Leben lang so sein, dass man immer mit den Aufgaben wächst, die da kommen. Wir haben alle Eltern, die älter werden. Mit einem Mal drehen sich die Verhältnisse, und man muss sich um seine eigenen Eltern kümmern. Alles Sachen, die man nicht wissen will, aber die kommen – ob man will oder nicht. Und die setzen dann alles ins rechte Licht und lassen dich die Sache ein bisschen anders werten.
„Milk & Honey“ ist die erste Single aus „Boombox“ geworden. Auch weil es der poppigste Song auf dem Album ist?
Als wir uns dazu entschlossen haben, „Milk & Honey“ auszukoppeln, hatten wir den Song gerade fertig gestellt. Wir sind immer Feuer und Flamme für genau das, was wir gerade gemacht haben, deswegen lag das total nah. Aber es ist uns natürlich auch nicht entgangen, dass das ein Lied ist, das häufiger im Radio gespielt werden könnte. Wir haben es nicht mit Kalkül darauf angelegt, der Song war einfach auf der Platte. Und wir wären ja blöd, wenn wir so ein Anti-Ding machen würden, um nicht gespielt zu werden. Wir wollen ja gespielt werden und dass Leute auf uns aufmerksam werden, die uns noch nicht kennen.
Entscheidet ausschließlich ihr, welcher Song zur Single wird, oder gibt euch die Plattenfirma so was vor?
Das läuft schon in Absprache mit der Plattenfirma. Aber die werden auch keine Single auskoppeln können, wenn wir nein sagen. Andersrum funktioniert es natürlich auch nicht. Wir müssen uns irgendwie einigen, aber dieses Mal war das nicht schwer. Die Leute bei der Plattenfirma arbeiten und brennen ja auch für uns. Die wollen ja, dass sich die Platte verkauft. Das wollen wir auch, nur nicht mit allen Mitteln. In diesem Fall gab es gar keine Diskussionen, weil alle das Lied toll fanden. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass man sich auch mal gegenseitig die Hörner putzt. Das versucht man natürlich freundschaftlich zu machen.

„Boombox“ von den Beatsteaks erscheint am 28. Januar auf Warner.
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HÄ?
idealist sagte:
"Das Geld, was sonst im Studio versunken wäre, haben wir in ein paar gute Mikrophone und Aufnahmetechnik investiert."
HÄ?
Na, die technische Ausstattung gehört jetzt ihnen selbst und sie können jederzeit damit machen, was sie wollen. Statt sich teuer in ein Studio einzumieten.
ich meine...
das sagt doch eigentlich alles.
Grün!
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14.01.2011 - 18:35 Uhr
looqpool