Eine Weihnachtskarte für Amazon
Amazon hat Wikileaks von seinen Servern verbannt. Daraufhin riefen amerikanische Publizisten zum Boykott des Online-Kaufhauses auf. Hierzulande hat sich unter anderen auch der deutsche Blogger und Journalist Richard Gutjahr dem Aufruf angeschlossen. Wir haben mit ihm über Weihnachtseinkäufe und den Krieg der Informationen gesprochen.

jetzt.de: Du kaufst deine Weihnachtsgeschenke in diesem Jahr nicht bei Amazon und bezahlst auch nicht mehr mit Paypal. Warum?
Richard: Ich gebe zu, das fällt mir schwer. Ich bin Amazon-Primekunde und bestelle sehr viel im Netz. Amazon und Paypal nutze ich sehr häufig, schlicht weil es so einfach ist.
jetzt.de: Trotzdem nimmst du den Verzicht jetzt in Kauf.
Richard: Ja, obwohl ich natürlich weiß, dass das nichts bringt und dass es Amazon auch egal sein kann, ob ich meine Weihnachtsgeschenke da jetzt kaufe oder nicht. Aber die Auseinandersetzung über Wikileaks ist ein Krieg der Informationen und ich glaube, dass man da seine Meinung kundtun muss und sei es mit einer bedeutungslosen Aktion wie einem Weihnachtsboykott.
jetzt.de: Wie genau kommt Amazon in diesem Krieg ins Spiel?
Richard: Das Unternehmen Amazon macht einen großen Teil seiner Einnahmen nicht im Kaufhaushandel, sondern dadurch, dass es Server an Großkunden vermietet. Und in dieser Funktion hat Amazon eine große Verantwortung für die Verbreitung von Daten. Wenn Amazon jetzt plötzlich anfängt zu entscheiden, was transportiert werden soll und was nicht, greift das Unternehmen damit in die Netzneutralität ein.
jetzt.de: Wie ist die Entscheidung, die Daten von Wikileaks vom Netz zu nehmen begründet worden?
Richard: Bisher beziehen sie sich darauf, dass Wikileaks illegal sei. Allerdings gibt es dazu noch keinen Gerichtsbeschluss. Nach Aussagen von Senator Joe Liebermann, Leiter des Homeland Security Ausschusses im US-Senat, wurde vielmehr Druck von Seiten der US-Regierung auf Amazon ausgeübt, Wikileaks vom Netz zu nehmen. Und wenn Amazon da jetzt schon einknickt, kann ich mir vorstellen, dass es in Zukunft heißt: "Dieses oder jenes Buch gefällt uns nicht."
jetzt.de: Müsste Amazon jetzt nicht auch den "Spiegel" aus dem Programm nehmen, da stehen ja ähnliche Informationen drin wie auf Wikileaks.
Richard: Ja, und im Prinzip auch die "Süddeutsche Zeitung", denn die hat die Inhalte ja auch verbreitet. Genau darum geht es mir: Zensur ist nichts, was über Nacht geschieht. Zensur findet in Abstufungen statt. Und wenn man das weiterspinnt, haben wir bald Zustände wie in China oder anderen Ländern mit autoritären Regimen und das ist in eine große Gefahr.
jetzt.de: Warum engagierst du dich bei diesem Thema?
Richard: Ich bin Journalist, ich lebe von Informationen. Und ich halte Wikileaks für eine Informationsquelle wie alle anderen auch. Der Unterschied ist, dass über Wikileaks unfassbar viele Dokumente veröffentlicht wurden. Aber in der Sache ist das nichts anders, als wenn man sich von einem Informanten unterrichten lässt. Die Dimension ist eine andere, aber damit müssen Regierungen in Zeiten des Internets lernen umzugehen.
jetzt.de: Und als Konsument hat man nur die Möglichkeit, Amazon nicht mehr zu benutzen?
Richard: Am Ende des Tages ist Geld die einzige Sprache, die verstanden wird. Und die Bilanzen gerade im Weihnachtsgeschäft werden sicher sehr genau angeschaut. Wenn die Kurve da nicht mehr ganz so steil ist wie im letzten Jahr ist, merken die Manager vielleicht, dass gerade ein Unternehmen, das seinen Erfolg einem freien Internet verdankt, hier auch eine große Verantwortung hat.
jetzt.de: Benennst Du Alternativen zu Amazon und Paypal?
Richard: Ein Freund von mir hat eine entsprechende Facebook-Seite gegründet und die empfehle ich auch gerne weiter. Ich persönlich mache jetzt aber etwas, was ich schon seit Jahren nicht mehr getan habe: Ich setze mich ins Auto und fahre die Märkte ab um meine Weihnachtsgeschenke dort zu kaufen. Übrigens: Ich habe mich bei Amazon und Paypal ja nicht abgemeldet. Mir geht es nur um das Weihnachtsgeschäft. Wenn es gelingen würde, auf diese Weise eine Art Weihnachtsgrußkarte an Amazon zu senden, bin ich schon zufrieden.

Mehr über Richard und seinen Boykott gibt es in seinem Blog. Mehr über Wikileaks gibt es im Schwerpunkt auf sueddeutsche.de sowie im ABC zu Julian Assange.
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Richard: Das Unternehmen Amazon macht einen großen Teil seiner Einnahmen nicht im Kaufhaushandel, sondern dadurch, dass es Server an Großkunden vermietet.
Das bezweifel ich mal ganz grundsätzlich. Ich schätz das auf einen einstelligen Pronzentbetrag nach einen Blick in die Quartalszahlen, ist leider nicht genauer aufgeschlüsselt. Wär aber auch seltsam, wenn es anders wäre. Und wie bereits gesagt, warum soll ein privates Unternehmen, das in diesem Bereich auch kein Monopol hat nicht selbst bestimmen, mit wem es Geschäfte macht? Bzw. umgekehrt, es mag für einige Wikileaks-Leute eine Überraschung sein, dass ihre Aktionen nicht überall gut ankommen, aber da müssen sie sich halt auch eine entsprechende Infrastruktur sichern, die unabhängig ist.
greatgatsby sagte:
[...]
Seit wann kann ein privates Unternehmen nicht mehr entscheiden mit wem es Geschaefte macht?!
[...]
Das kann amazon natürlich. Wenn man aber Geschäfte mit jemandem macht (und dafür vermutlich auch Geld annimmt) und dann plötzlich nichts mehr davon wissen will, weil es einige einflussreiche Freunde stört, dann muss man auch damit leben, das einige das verlogen oder scheinheilig finden.
Die Argumentation des Herrn finde ich auch ganz überzeugend. Andererseits wäre die Seite noch viel schneller abgeschaltet worden, wenn sie dasselbe Datenvolumen an irgendwelchem Musikgedudel oder irgendeinen belanglosen Hollywoodfilm veröffentlicht hätten. Vor diesem Hintergrund ist es auch ein bisschen naiv, anzunehmen, dass ausgerechnet geheime Regierungsdaten auf diesem Weg ungehindert verbreitet werden könnten.
Viel schöner wäre es natürlich eine Regierung boykottieren zu können, die ihre "geheimen" Daten erst 2,5 Mio. Leuten zu lesen gibt, die sich dann ganz verwundert darüber zeigt, dass sie an die Öffentlichkeit gelangen, und die schießlich mit fragwürdigen Methoden versucht, den Geist wieder in die Flasche zu bannen.
Die Aufregung verstehe ich im Übrigen nicht. Amazon (und viele, wenn nicht alle anderen) Internet Service Provider haben in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen stehen, dass ihre Dienste nicht für illegale Aktionen verwendet werden dürfen und dass man nur Material hochladen darf, an dem man die Rechte besitzt.
Dass Wikileaks geklautes Material hochlädt und deshalb diese Bedingungen verletzt, ist doch unbestritten, oder? Ganz unabhängig davon, wie man Wikileaks politisch einschätzt.
Bei so falschen Lehnuebersetzungen wie "Am Ende des Tages" rollen sich mir die Zehennaegel hoch. Ausserdem waere "Letztlich" oder auch "Letzten Endes" sogar kuerzer gewesen.
Inhaltlich finde ich es schon bewundernswert, dass Gutjahr fuer sich so konsequent ist, ich hab diese Staerke nicht. ;-) Wobei man die Sinnhaftigkeit der Aktion natuerlich hinterfragen kann.
Danke uebrigens and clnet und JoergAuch, fand ich beides sehr interessant.
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06.12.2010 - 19:27 Uhr
DearMrSupercomputer