24.09.2010 - 18:30 Uhr

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"Ich erinnere mich nicht, wann Pop zuletzt so öde war."

Text: jochen-overbeck

Mark Ronson also. Ein guter Typ. Er hängt etwas windschief in einem Sessel in einer Berliner Hotelsuite und gähnt. Er entschuldigt sich. Leichter Jetlag. Freundlich bietet er mir die Pralinen an, die in der Mitte des Tisches stehen. Wie gesagt: ein guter Typ, vor allem aber ein guter Musiker. „Record Collection“ heißt sein neues Album. Eine wilde Platte, die zusammenbringt, was auf dem Papier nicht zusammenpasst. Etwa UK-Rapper Wiley und Simon Le Bon von Duran Duran, die beide auf dem Titeltrack zu hören sind. Oder Q-Tip und MNDR auf der ersten Singleauskopplung „Bang Bang Bang“.


jetzt.de: Mark, als ich einige ältere Interviews von Dir im Internet las …
Mark Ronson:
Das ist kein guter Ort. Überhaupt kein guter Ort.

Das Internet?
Es ist mir etwas peinlich, das zu sagen, aber ich google manchmal meinen Namen, um zu schauen, was da so kommt. Eigentlich konzentriere ich mich auf die Sucheinstellung „News“, weil dann die ganzen Blogs und Foreneinträge wegfallen. Der ganze ekelhafte Kram. Das Internet ist wie die Büchse der Pandora. Nie öffnen! Es sei denn, Du möchtest Dir von einem Teenager in Wolverhampton den Tag verderben lassen, der Dich für einen talentlosen Vollidioten hält und deswegen eigens einen Eintrag in einem Internetforum verfasst.

So schlimm?
Man weiß doch, dass keiner im Internet was Cooles schreibt. Das passiert einfach nicht. Oder so selten, dass auf jeden freundlichen Kommentar zehn Leute kommen, die denken, es sei witzig, wenn sie irgendwas Gemeines schreiben. Hast Du schon mal gelesen, dass jemand irgendwo „Hey, geile Single, liebe Black Eyed Peas! Weiter mit der guten Arbeit“ postet? Nein, natürlich nicht. Aber ich versuche es zu ignorieren.

Etwas anderes bleibt Dir doch auch nicht übrig.
Oh, kennst Du Jared Leto? Der von „30 Seconds To Mars“? Der schreibt unter solche Kommentare gerne mal „I'm gonna fuckin' punch you in your face“ und so. So lächerlich. Ich denke mir dann immer: „Hey, Typ: Du bist ein Millionen Dollar schwerer Rockstar. Halt einfach Deine Fresse und hör' auf Deinen Namen in die Suchleiste einzugeben!“ Damit gibt er den Leuten ja auch recht. Stell' Dir vor, Du bist ein 16-Jähriger, der den ganzen Tag vorm Internet sitzt – und plötzlich antwortet Jared Leto auf ein Post von Dir und sagt, er könne herausfinden, wo Du wohnst. Es ist doch der Tag Deines Lebens! Aber Du wolltest etwas wissen.

Ja, die erste Frage! Ich wollte wissen, ob Bob Dylan mittlerweile etwas Nettes zu Deinem Remix von „Most Likely You Go Your Way (And I'll Go Mine“) gesagt hat.
Leider nicht! Also, er hat nicht angerufen oder so. Aber ich weiß ja, dass er es genehmigt hat. Und ich könnte mir vorstellen, dass jemand wie er sehr vorsichtig mit seinem Material umgeht und genau darauf achtet, was Leute daraus machen. Also hätte er vermutlich, wenn es scheiße gewesen wäre, seiner Plattenfirma gesagt: (macht den näselnden Tonfall Bob Dylans nach) „Nein, stopp. Hat vielleicht dieser Fatboy Slim diese Woche Zeit?“ Aber im Ernst: Ich wüsste sehr gerne, was Bob Dylan von diesem Remix hält. Andererseits bin ich mir selbst gar nicht sicher, ob es überhaupt nötig ist, einen Song von Bob Dylan zu remixen. Die Plattenfirma wollte eben einen haben – und ich dachte mir: Bevor es jemand anderes macht, mach's halt ich.

Dein letztes Album „Version“ bestand ausschließlich aus Coverversionen. Führt das automatisch zu einer Gelassenheit im Umgang mit großen Künstlern?
„Version“ besteht vor allem aus Songs, die ich entweder als Jugendlicher oder später sehr gerne mochte. Und es ist beruhigend zu wissen: Die Originalinterpreten sind mit dem, was ich da gemacht habe, auch einverstanden. Stell' Dir vor, Du hörst mit 15 Jahren die Smiths – und irgendwann weiß Morrissey, wer Du bist und ist zufrieden damit, dass Du „Stop Me If You Think You've Heard This One Before“ gecovert hast: Das ist schon recht gut.

Habt Ihr miteinander gesprochen?
Eigentlich nicht. Mein Manager sprach mit seinem Manager, und er und ich waren jeweils in der anderen Leitung. Ich lag also auf dem Boden eines Londoner Appartments, das meinen Vater gehört, und wartete auf seine Genehmigung. Rein technisch waren wir Teil des selben Telefonats. Johnny Marr (ehemaliger Gitarrist von The Smiths, die Red.) habe ich übrigens einmal getroffen. In einer Bar, nachdem er einen Gig mit The Cribs gespielt hatte. Wir wurden uns vorgestellt, und alles was er sagte, war: „Hey, Du hast doch mal die Kaiser Chiefs gecovert. Gute Arbeit, Mann.“ Dass ich einen seiner Songs nachgespielt hatte, erwähnte er nicht einmal. Ich dachte: „Ah, gut. Gefällt Dir also nicht. Dann hau' doch ab.“

In England erreichte der Song Nummer zwei der Hitparaden. Überraschte Dich das?
„Stop Me“ lief vor allem auf R'n'B- und Pop-Stationen, das war recht bizarr. Wer diese Sender hört, kann das Original eigentlich nicht kennen. Plötzlich trugen es aber irgendwelche Kids bei „Pop Idol“ vor. Die sagten dann: „Ich singe jetzt 'Stop Me' von Mark Ronson.“ Das ist Unsinn, auf verschiedenen Ebenen. Ich habe das nicht gesungen, die Vocals sind von Daniel Merriweather. Und geschrieben haben den Song nun einmal Morrissey und Johnny Marr!

Auch „Valerie“ von den Zutons wurde erst in der Version von Dir und Amy Winehouse zu einem richtigen Hit …
Dabei war das der einzige Song auf dem Album, den ich vorher nicht kannte. Ich wollte Amy unbedingt mit dabei haben, weil die Arbeit an ihrem letzten Album „Back To Black“ mir viel Spaß gemacht hatte. Ich fragte sie also, ob sie irgendwelche Musik von Gitarrenbands kenne – normalerweise hört sie nur Sixties-Kram und HipHop. Ihr fiel dann dieses „Valerie“ ein. Wir nahmen es auf und hatten einen dicken Hit. Vielleicht hätte ich Amy alle Songs aussuchen lassen sollen.




Die Idee von „Version“ war, Deine Lieblingssongs in so eine Art Bigbeat-Soul zu übersetzen. Was ist die Geschichte hinter der neuen Platte „Record Collection“?
Ich weiß nicht, ob man da von einer Geschichte sprechen kann. Dieses „Ah, eine Coverversion. Mit Bläsern!“, das gibt es auf „Record Collection“ nicht. Das ist aber ganz gut, weil bei den Singles, die ich aus „Version“ auskoppelte, irgendwann alle sagten: „Ah, Mark Ronson. Schon wieder eine Coverversion. Mit Bläsern!“. Auch deswegen war es ziemlich schwierig, herauszufinden, wie der Nachfolger klingen sollte. Ich wusste das am Anfang selbst nicht genau und kämpfte dementsprechend. Erst, als ich mit Duran Duran im Studio war, um deren kommendes Album zu produzieren und ziemlich lang mit Nick Rhodes an seinen Keyboard-Parts arbeitete, merkte ich: Diese Synthies klingen super. Das sind auch coole Instrumente. Ich dachte mir: Den Klang dieser Synthies mit dem, was ich früher machte, zusammenzubringen, das wäre es. Ich kaufte also ein paar dieser Keyboards bei Ebay und ich und meine Band probierten einfach eine Weile, was man damit machen könnte. Irgendwann schälte sich der Klang raus, der jetzt die Platte prägt. Für die Melodien und die Gesangsparts rief ich dann ein paar Freunde und Bekannte an, und Leute, deren Musik ich mag.

Das klingt ganz schön beiläufig, dafür dass sich in den Credits zum Album unter anderem Q-Tip, Ghostface Killah, Dave McCabe von den Zutons, Boy George, Wiley, Alex Greenwald von Phantom Planet, Nick Hodgson von den Kaiser Chiefs und D'Angelo finden. Läuft man da nicht Gefahr, dass die Platte nicht über die Musik, sondern nur über die Liste an Gast-Stars wahrgenommen wird?
Nein. Es war ja so: Einige von denen waren gesetzt. Dave McCabe und Nick Hodgson sind Autoren von Stücken, die ich auf „Version“ coverte. Die Idee, sie jetzt am Songwriting zu beteiligen, gefiel mir gut. Der Rest war ein ganz organischer Prozess. Johnny von den Drums lernte ich in einem Coffeeshop in New York kennen, und er kam dann im Studio vorbei. Mit Simon Le Bon hatte ich wegen der Duran-Duran-Aufnahmen zu tun, Wiley passte einfach gut zum Beat des Songs. Spank Rock gefiel ein Track so gut, dass er darauf rappen wollte. Es gab keine fiesen Verhandlungen. Keine Deadlines. Keinen Zwang. Und deshalb auch keine Kopfschmerzen. Alle Leute, die beteiligt sind, haben das aus Spaß gemacht.

Gab es irgendeine Zusammenarbeit, die in die Hose ging?
„Bang Bang Bang“, die erste Single, gab ich zunächst Ellie Goulding. Sie war eine der ersten, die etwas einsangen. Das passte aber nicht. Dann kam Jake Shears von den Scissor Sisters vorbei, mit total bescheuerten Lyrics dafür: „You break it, you buy it“, sang er. In einer Endlosschleife. Das klang ganz cool, weil er eine tolle Stimme hat, aber wir wussten: Nein, nein. Das kommt nicht auf die Platte. Es funktionierte also nicht alles.

Was mir an der Platte gut gefällt, was sie aber auch anstrengend macht: Du nimmst keinerlei Rücksicht auf Genregrenzen. Woher kommt das? Haben feste Genres in der Zeit von Shuffle-Modus auf dem iPod und Festplatten, auf die man sich auch irgendwelchen Eurodance-Schrott lädt, nur um ihn zu besitzen, ihren Sinn verloren?
Ich glaube eher, dass diese Entwicklung ihre Wurzeln viel früher hat, nämlich in den Hörgewohnheiten meiner Generation. Wir wuchsen doch mit allen möglichen Musikrichtungen auf. Als ich anfing, mich für Muik zu interessieren, ging ich auf Konzerte von Nine Inch Nails, den Beastie Boys, LL Cool J und Blur. Und bei meinen Freunden war das ähnlich. Es ist klar, dass sich das in meinen Songs wiederfindet.

Also lässt sich „Record Collection“ auch als Kampf gegen Scheuklappen begreifen?
Vor allem als Kampf gegen die Langeweile. Wenn ich in den USA das Radio andrehe, klingt alles so ähnlich. Eminem, Lil'Wayne, aber auch Ke$ha oder Katy Perry: Alles hat die gleiche musikalische Grundfarbe und das gleiche Tempo. Amerikanischer Mainstream entwickelt sich gerade rasend schnell zu dem, was Disco zu seinen schlimmsten Zeiten, also Ende der 70er-Jahre, war. Ich erinnere mich nicht, wann Pop zuletzt so öde war. Wenn ich dieser Tage die Top Ten der amerikanischen Hitparaden anschaue, denke ich mir: „Ist das Euer Ernst?“ Bei iTunes kann man immer eine halbe Minute der Songs anhöre, wie Du sicher weißt. Das mache ich manchmal. Ich komme mir dann vor, als ob all das von einem anderen musikalischen Planeten käme. Vielleicht werde ich einfach nur alt und starrsinnig, aber das ist alles so furchtbar. Hoffentlich passt meine Musik da überhaupt dazwischen.




„Record Collection“ von Mark Ronson & The Business Intl erscheint am 24. September bei Sony Music


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schokoprinzessin
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Mag ich Mag ich nicht

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24.09.2010 - 18:40 Uhr
schokoprinzessin

Der beste Satz des Interviews:

Ich lag also auf dem Boden eines Londoner Appartments, das meinen Vater gehört...

We got it, baby.

Und sonst?
Wär's gar nicht so schlimm, wenn der Autor Mark nicht duzen würde.

jurette_
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Mag ich Mag ich nicht

1

24.09.2010 - 18:46 Uhr
jurette_

Er hat das INterview ja auch sicher auf deutsch geführt.

Marchpane
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Mag ich Mag ich nicht

0

24.09.2010 - 18:47 Uhr
Marchpane

schokoprinzessin sagte:
Und sonst?
Wär's gar nicht so schlimm, wenn der Autor Mark nicht duzen würde.


Wo ist das Problem? Du sagst doch auch "Mark" und nicht Mr. Ronson. Es wurde sicher genehmigt.

ve_re_na
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0

24.09.2010 - 19:02 Uhr
ve_re_na

bang bang bang ist auf ne seltsame art ziemlich cool

mhmnaja
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24.09.2010 - 19:03 Uhr
mhmnaja

wirklich ein guter typ, dieser ronson.
dürftet ihr eigentlich tonaufnahmen von solchen interviews veröffentlichen? oder wird das schon vorher vom jeweiligen management festgelegt, in welcher form veröffentlicht werden darf und in welcher nicht?
der o-ton dazu würde mich nämlich echt interessieren, vor allem der Anfang eures Gesprächs.
vielen dank für das tolle interview!

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Mag ich Mag ich nicht

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24.09.2010 - 19:06 Uhr
mhmnaja

schokoprinzessin sagte:
Der beste Satz des Interviews:

Ich lag also auf dem Boden eines Londoner Appartments, das meinen Vater gehört...

We got it, baby.




ich fand gerade diesen satz sehr gut.

AllesOderNichts
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Mag ich Mag ich nicht

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24.09.2010 - 19:10 Uhr
AllesOderNichts

guter typ, gutes interview

luckystar9
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24.09.2010 - 19:52 Uhr
luckystar9

Der Mark ist echt ein guter Typ. Und gute Musik macht er auch.

(für das nächste Mal wenn er sich wieder googelt)

DearMrSupercomputer
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24.09.2010 - 19:56 Uhr
DearMrSupercomputer

schokoprinzessin sagte:
Der beste Satz des Interviews:

Ich lag also auf dem Boden eines Londoner Appartments, das meinen Vater gehört...

We got it, baby.

Und sonst?
Wär's gar nicht so schlimm, wenn der Autor Mark nicht duzen würde.


Oh Mann.

noplacespecial
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Mag ich Mag ich nicht

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24.09.2010 - 20:13 Uhr
noplacespecial

für mich kommt der kerl unglaublich unsympathisch rüber

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jochen-overbeck

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