14.09.2010 - 18:30 Uhr

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Das Ende der Musterung oder eine Erinnerung an den Griff in den Schritt

Text: clemens-haug - Illustration: Alper Özer

Verteidigungsminister Guttenberg will mit dem Wehrdienst auch die Musterung abschaffen. Ein Grund für unseren Autor, sich noch einmal an dieses merkwürdige Ritual zu erinnern.

Ich erinnere mich, wie mir ein Kumpel in der zehnten Klasse zum ersten Mal von der Musterung erzählte. Tim wusste von älteren Freunden: „Du gehst da hin und da fasst dir ein Arzt dann an die Eier und du musst zwei Mal husten.“ Niemand konnte mir sagen, wozu das gut sein sollte.
Zwei Jahre Jahre später kam dann der Musterungsbescheid. Im Kreiswehrersatzamt Braunschweig solle ich mich einfinden, der Staat wolle meine Wehrtauglichkeit überprüfen, hieß es. Allerdings war ich mir zu diesem Zeitpunkt bereits sicher, dass ich nicht zur Bundeswehr will. In einer Kaserne eingesperrt sein, sich rumkommandieren lassen und womöglich noch mit einer Waffe auf andere Menschen losgehen müssen? Nicht mit mir, dachte ich damals. Andererseits waren die Vorurteile, die in unserem Jahrgang zum Zivildienst kursierten auch nicht besser. Wollte ich alte Leute im Pflegeheim betreuen und Windeln wechseln? Am Besten, dachte ich, ist es, wenn du einfach ausgemustert wirst. Und mit dem Gedanken war ich mir mit den Jungs in meiner Stufe bis auf wenige Ausnahmen einig. Nur, wie sollte man das bewerkstelligen? „Kein Problem“, sagte Ingo, der die elfte Klasse wiederholte und das Prozedere schon hinter sich hatte. „Ich hab beim Hörtest des linken Ohrs einfach nicht reagiert. Deswegen glauben die jetzt, ich wäre halb taub. Bin ausgemustert.“ Mein Freund Florian hatte eine andere Methode parat: „Beim Kniebeugen einfach Luft anhalten. Das sieht wie ein Kreislaufproblem aus.“ Na gut, dachte ich und fuhr am nächsten Tag mit einem leicht flauen Magen nach Braunschweig. Die Straße, die zum Kreiswehrersatzamt führte, war voller Schlaglöcher. Das Amtsgebäude selbst sah so aus, als sei es seit den 1950er Jahren nicht mehr renoviert worden. Ein zweigeschossiger Betonbau, grau und lieblos. Das Personal am Empfang schickte mich in den Wartesaal 4, einen finsteren Raum mit zwei hohen Fenstern, vor denen eine voll belaubte Eiche stand. Mit mir warteten acht andere junge Männer. Zunächst Schweigen, dann fragte jemand: „Habt ihr irgendeine Methode, wie man sicher ausgemustert wird?“ Sofort aufgeregte Diskussion. Luft anhalten, bei der Gleichgewichtsübung ständig umfallen, sich bei allen Test unglaublich dämlich anstellen – nein, letzteres vielleicht doch lieber nicht, dachten wir: Womöglich wäre man dann nämlich auch noch "bestens geeignet" ... Ein Junge mit braunen Haaren und zerrissenen Hosen warf schließlich in die Runde: „Ich sag einfach, dass ich seit Jahren regelmäßig kiffe. Leute, die Drogen nehmen, wollen die doch auf keinen Fall haben.“ Ein super Plan, fand ich und plante, das genauso zu machen. Siegesgewiss und selbstbewusst betrat ich die Räume des Musterungsarztes. Der begrüßte mich müde mit einem schlaffen Händedruck ohne mir in die Augen zu schauen. Alles an ihm teilte mir mit, dass das hier für ihn langweilige Routine war. Erst der Fragebogen. "Nehmen sie Drogen? Kokain, Opiate, Marihuana, Haschisch?" - "Marihuana und Haschisch, bestimmt zwei Mal die Woche", sagte ich. Das kam mir damals unglaublich viel vor. Ich fand mich direkt drogensüchtig. Der Arzt verzog keine Miene. Während ich mit angehaltenem Atem so schnell ich konnte meine vierzig Kniebeugen absolvierte, wurde mir fast schwarz vor Augen. Puls 145 maß der Doktor und vermerkte es teilnahmslos im Musterungsbogen. Dann Hörtest. Ich sollte in einer kleinen Kabine Platz nehmen und einen Kopfhörer aufsetzen. Zuerst die rechte Seite. Brav drückte ich den Knopf, sobald ich das Signal ertönte. Dann linke Seite. Es tat weh im Ohr aber ich hielt tapfer durch und drückte erst als das Signal wirklich laut war. „Spinnt ein bisschen zurzeit, das Gerät“, sagte der Arzt als ich fertig war und deutete auf den Hörtest. „Hmmm“, erwiderte ich und zuckte mit den Schultern. „Kann aber auch daran liegen, dass ich auf der einen Seite ein bisschen schlecht höre“, versuchte ich mein schlechtes Ergebnis zu retten. „Nein, nein, mit Ihnen ist alles in Ordnung. Das hatten wir schon ein paar Mal heute mit dem Gerät. Werde mal 'nem Techniker Bescheid geben“, ließ sich der Arzt nicht beirren. Mist, dachte ich. Ingos Methode hatte sich offenbar herumgesprochen. Dann zog sich der Arzt ein paar Einweghandschuhe an. „So, Herr Haug, ziehen Sie sich doch jetzt bitte mal die Hose aus.“ Irgendwie entwürdigend, fand ich. Ich hustete brav, während er Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand in meine Leiste drückte. Danach war die Musterung vorbei. „T2“, befand der Arzt. Mit geringen Einschränkungen tauglich. Hmpf. Draußen im Flur saß der Kollege mit der löchrigen Hose, blickte auf seinen Musterungsbogen und wunderte sich. „Bin T2, alles total normal, aber warum darf ich keine Fahrzeuge fahren?“ Ich schaute daraufhin auf meinen Bogen und sah, dass sie auch mir das Fahren verboten hatten. Er ging noch mal hinein. Fünf Minuten später war er wieder da. „Hast du auch gesagt, dass du kiffst?“ „Ja“ sagte ich. „Gut, dann kannst du dir jetzt auch eine Stelle besorgen, bei der du deine Arbeit schön zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen kannst.“ Ärgerlich, dachte ich mir. Mein eher lahmer Versuch, ausgemustert zu werden, schränkte jetzt die Wahl meiner möglichen Zivildienststellen ein. Etwas geknickt verließ ich das Amt und formulierte im Kopf schon an meinem Verweigerungsschreiben. Später stellte sich heraus, dass die Untersuchungsprozedur vor Antritt meiner Zivildienststelle wiederholt werden muss. Mein Glück. Ich redete diesmal nicht übers angebliche Kiffen und habe dadurch einen Job in einem heilpädagogischen Kindergarten bekommen, wo man die Kinder manchmal mit einem Bulli nach Hause bringen musste. Das Zivildienstjahr war dann übrigens super. Ein Glück, dachte ich hinterher, ein Glück, dass sie mich damals nicht ausgemustert haben.


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oidewuaschthaud
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3

14.09.2010 - 18:35 Uhr
oidewuaschthaud

ach, das tollste an der musterung war die fahrtkostenpauschale. 70 deutschmark für 100 km. sensationell. dafür hätte ich mich wöchentlich mustern lassen.

muss aber auch zustimmen. die 11 monate zivildienst waren mitunter die schönste zeit in meinem leben. ein glück, nicht ausgemustert worden zu sein.

lea2
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1

14.09.2010 - 18:40 Uhr
lea2

hehe, jaja, der ekg, so nannten die das bei uns.
hübsche geschichte!

oidewuaschthaud
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7

14.09.2010 - 18:42 Uhr
oidewuaschthaud

ich erinnere mich noch an den "urinprobenkontrolleur". der arme mann lief den ganzen tag mit den röhrchen zwischen zwei zimmern hin und her. würd gern mal das jobprofil dafür lesen ;-)

Ventrikel
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5

14.09.2010 - 18:50 Uhr
Ventrikel

oidewuaschthaud sagte:
muss aber auch zustimmen. die 11 monate zivildienst waren mitunter die schönste zeit in meinem leben. ein glück, nicht ausgemustert worden zu sein.


Korrekt. Das war eine schöne, stressfreie Zeit. Auf der anderen Seite finde ich es absolut unsäglich, dass es in Zeiten der Frauenquoten, Gleichstellungsbeauftragten und Antidiskriminierungsgesetze immer noch legal ist, nur Männer einen Zwangsdienst verrichten zu lassen. Die Wehrpflicht sollte entweder abgeschafft werden (die von mir favorisierte Lösung) oder für beide Geschlechter gelten. Die jetzigen Zustände sind jedenfalls nichts anderes als staatlich verordnete Männerdiskriminierung.

Purcell
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17

14.09.2010 - 18:52 Uhr
Purcell

Mich hat eigentlich nur gewurmt, daß quasi unser gesamter Sport-LK ausgemustert wurde: Alle konnte schließlich eine lange Krankheitsgeschichte mit fiesen Brüchen und so nachweisen, das hat gelangt.

Hingegen waren die Mathe-LK-Typen (kurzsichtig, kurzatmig, kurzwüchsig, statt Freundin ein Asperger-Syndrom) fast ausnahmslos tauglich.

Ventrikel
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0

14.09.2010 - 18:53 Uhr
Ventrikel

lea2 sagte:
hehe, jaja, der ekg, so nannten die das bei uns.
hübsche geschichte!


Hm, hast du bei diesem Verein gearbeitet? Es wäre zumindest ein wenig merkwürdig, wenn eine "userIN" gemustert worden wäre ...

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1

14.09.2010 - 18:55 Uhr
Ventrikel

Übrigens: Schöner Text *

klinsmaus
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0

14.09.2010 - 18:56 Uhr
klinsmaus

Purcell sagte:
Mich hat eigentlich nur gewurmt, daß quasi unser gesamter Sport-LK ausgemustert wurde: Alle konnte schließlich eine lange Krankheitsgeschichte mit fiesen Brüchen und so nachweisen, das hat gelangt..


Es wurden allgemein ziemlich viele ausgemustert. Also, ich kenne fast niemanden, der tauglich gewesen wäre.

oidewuaschthaud
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0

14.09.2010 - 18:57 Uhr
oidewuaschthaud

Ventrikel sagte:
oidewuaschthaud sagte:
muss aber auch zustimmen. die 11 monate zivildienst waren mitunter die schönste zeit in meinem leben. ein glück, nicht ausgemustert worden zu sein.


Korrekt. Das war eine schöne, stressfreie Zeit. Auf der anderen Seite finde ich es absolut unsäglich, dass es in Zeiten der Frauenquoten, Gleichstellungsbeauftragten und Antidiskriminierungsgesetze immer noch legal ist, nur Männer einen Zwangsdienst verrichten zu lassen. Die Wehrpflicht sollte entweder abgeschafft werden (die von mir favorisierte Lösung) oder für beide Geschlechter gelten. Die jetzigen Zustände sind jedenfalls nichts anderes als staatlich verordnete Männerdiskriminierung.


naja. stressfrei muss der zivildienst nicht unbedingt sein. ich z.b. hab dienst auf einer intensivstation geschoben. teilweise 2 wochen ununterbrochen. auch an wochenenden. frühschicht oder spätschicht. dienst an den weihnachtsfeiertagen. allerhand unschöne dinge miterlebt, die man bei grey's anatomy nicht sieht. und speziell diese erfahrungen finde ich nützlich für's weitere leben. dass sich die damen bei der emanzipation nur die rosinen herauspicken und nicht zum wehrdienst herangezogen werden, ist schon lange ein unding (gell, frau alice schwarzer...). der wehrdienst ist schlicht zeitlich überholt. damals hat noch keiner an den hindukusch gedacht.

Purcell
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14.09.2010 - 18:59 Uhr
Purcell

klinsmaus sagte:
Es wurden allgemein ziemlich viele ausgemustert. Also, ich kenne fast niemanden, der tauglich gewesen wäre.


Hängt natürlich vom Jahrgang ab - ich wurde 2000 eingezogen, in meiner Abistufe war rund ein Viertel für untauglich befunden worden.

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