Auf der Spur des Grauen Streifens
Text: julias_soap
Die aktuelle Fotografieausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin
Klein Manfred fährt auf seinem Dreirad. Links neben ihm erhebt sich, dunkel und bedrohlich, die Berliner Mauer, mit Stacheldraht gekrönt. Rechts neben ihm eine Reihe Altbauten mit hohen Fenstern, ein paar Erkern, geschlossenen Fensterläden. Wohnen mit Blick auf den Todesstreifen. Klein Manfred fährt auf seinem Dreirad an der Mauer entlang.
Das Foto "Manfred auf seinem Dreirad im Schatten der Mauer" von Arlid Leristo ist Teil der aktuellen Ausstellung "Das XX. Jahrhundert: Menschen – Orte – Zeiten" des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Es ist eine Sammlung von Presse- und Kunstfotos, die seit zwanzig Jahren von dem Museum zusammengetragen werden und die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts zeigt. Die Geschichte Deutschlands dargestellt in über 300 Bildern – von der Reichsgründung in den 1870ern bis zur Gegenwart. Zu den Ausstellungsstücken gehören jedoch nicht nur Exponate, die die deutsche Geschichte erzählen, sondern auch Porträt-, Sport- und Modefotografie, die Preisträger des Internationalen Preises für junge Bildjournalisten und des Deutschen Jugendfotopreises.
Betritt man den grau gehaltenen Raum, wird der Blick zunächst auf die blauen Tafeln in der Mitte des Raumes gelenkt, auf denen Porträts von bekannten Persönlichkeiten, bahnbrechende Sportereignisse und die Schönheiten der Haute Couture abgebildet sind. Hat man diese Tafeln im Herzen des Raumes und die dazugehörigen Schaukästen mit Postkarten, Tagebüchern und Notizen der Fotografen durchstöbert, kann man sich auf einen Streifzug der Geschichte begeben.
Dieser ist mit einem dunkelgrauen Streifen an der Wand gekennzeichnet. Bestimmte Jahreszahlen kennzeichnen die aufeinanderfolgenden zeitlichen Abschnitte sind über den Bildern an die Wand geschrieben, ebenso wie die Namen der Fotografen. Es beginnt mit der Zahl 1970. Die Fotos wirken ruhig und friedlich, es werden hauptsächlich Landschaften, Gebäude und unbeschwerte Personen gezeigt. Weder wird die Idylle von schwerer Maschinerie noch von Krieg zerstört. Das ändert sich mit dem Foto 'Alte und Neue Zeit. Kapitän Engelhard im Fluge' von Otto Haeckel. Zwar sitzt im Vordergrund des Johannisthals noch ein einsamer Reiter auf seinem Pferd, doch im Hintergrund bahnt sich ein Doppeldeckerflugzeug seinen Weg. Man kann das laute Knattern auf der Ebene fast hören. Ein Knattern, das vier Jahre später zu Gewehrschüssen des ersten Weltkrieges werden sollte.
Der graue Streifen leitet weiter zur nächsten in schwarz an die Wand gepinselten Zahl. Man befindet sich nun im Jahr 1923, die Hyperinflation zerstört Existenzen, das deutsche Volk hungert. Walter Ballhause fotografiert den 'Streit der Bettler um den besten Platz'. Dem rechten und jüngeren der beiden Bettler im Bild fehlt ein Bein, er scheint fast auf den linken, etwas älteren, mit seinen Krücken einzuschlagen. Rechts oben im Bild sieht man ein Plakat mit dem Titel "Weshalb Volksbegehren?". Offensichtlich ist das Volk unzufrieden und fordert bessere Zeiten. Adolf Hitler scheint sie ihnen zu bringen. Unter der Jahreszahl 1933 prangen Bilder des Führers in kurzen Hosen und 'Kundgebung der Hitlerjugend', festgehalten von Gerhard Gronefeld am 1. Mai 1939. Eine Armee von weißen Hemden und Seitenscheiteln hebt den rechten Arm zum Gruß, als Hitler in einem Wagen ins Olympiastadium einfährt - dass sie ins sichere Verderben geführt werden, ist den eifrigen Mitläufern nicht bewusst.
So folgt 1945 das brutale Erwachen: Arkadi Schaichets 'Auf der Flucht aus der brennenden Stadt Danzig'. Vor einer Kulisse aus Rauchschwaden und flammenden Ruinen fliehen drei Frauen. Der Schmerz über den Verlust der Heimat und geliebter Menschen steht ihnen ins Gesicht geschrieben, ebenso wie die Angst, die sie antreibt.
Der Teil der Ausstellung, der dieser Jahreszahl folgt ist der größte Abschnitt auf dem grauen Streifen – zu Recht, wenn man beachtet, was für ein ereignisreiches Jahr 1945 war. Jewgeni Chaldej dokumentierte nicht nur die bis 1946 andauernden Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, sondern auch die Potsdamer Konferenz. Links das Foto von Stalin in Potsdam. Der Diktator trägt einen weißen Anzug, er leuchtet unter den ganzen dunkel gekleideten Delegierten hervor. Jeder scheint ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Er wirkt nicht unbedingt engelsgleich, aber durchaus wie ein Retter in der Not. Rechts daneben die Hauptverantwortlichen des zweiten Weltkrieges. Zwei Reihen gebrochener Männer, umringt von amerikanischen GIs. Hinter ihnen die gigantische Tür des Saales, auf dessen Türrahmen zwei Statuen mit Schwert und Schild, vielleicht Engel der Justiz, zu sehen sind. Die gerechte Strafe für die angerichtete Zerstörung wird erwartet. In "Trümmerfrau am Pergamonaltar" von Lieselotte Orgel-Köhne wird das Ausmaß eben dieser Zerstörung deutlich: eine einzelne Frau ackert alleine an dem Wiederaufbau des gigantischen, antiken Relikts.
Dennoch, der Wiederaufbau in Deutschland geht voran, im Westen schneller als im Osten. Die Spaltung Deutschlands wird deutlich und 1961 in Form der Mauer endgültig zementiert. Die Schirner Pressebild Agentur zeigt mit dem Bild "Nebel im Niemandsland" einen einsamen NVA-Soldaten auf Patrouille. Es ist dunkel. Hinter ihm und mehreren Reihen aus Stacheldraht erkennt man verschwommen das Brandenburger Tor.
Sechs Jahre später steht der antifaschistische Schutzwall. Sechs Jahre später ist der Krieg in Vietnam in vollem Gange. Sechs Jahre später bereitet sich Rudi Dutschke auf den internationalen Protesttag gegen den Krieg vor. Er steht am Rednerpult. Um sein Haar bildet sich eine leuchtende Korona, da er von hinten angestrahlt wird. Die Wut steht ihm ins Gesicht geschrieben, es ist offensichtlich, dass er seine Stimme bei seiner Ansprache erhoben hat. Sein Publikum hört ihm wie gebannt zu. Michael Ruetz hält es für die Ewigkeit fest.
Von nun an scheint die Zeit zu rasen. Vorbei an der Fotografie 'Friedrich' von Gundula Schulze Eldowy, in der ein verwahrloster, älterer Mann in seiner baufälligen Wohnung in Prenzlauer Berg in Ostberlin sitzt. Vorbei an dem Abbild des Volkswagen Werks in Wolfsburg von Heinrich Heidersberger direkt daneben. Der saubere Stahl, der so schön neu glänzt, die Rauchfahnen aus den Schornsteinen, die aussehen wie Zuckerwattewolken. Alle Zeichen stehen auf Produktivität. Das steht im Kontrast zu 'Friedrich'. Armut und Wohlstand. Ost und West. Das verursacht Unzufriedenheit in der DDR. Doch dieses Mal erhebt sich nicht ein Einzelner. Dieses Mal erhebt sich das Volk. Das Jahr 1989 bricht an. Das Jahr der Wende. Gigantische Massen. "Wir sind das Volk": Die Montagsdemonstrationen in Leipzig. Schließlich der Mauerfall. Das Brandenburger Tor wird geöffnet, so wie es sich für ein Tor gehört. "Wir sind ein Volk": Man feiert, spritzt ausgelassen mit Sekt. Es sieht fast aus wie die Explosion eines Feuerwerks.
Sobald man die Ausstellung verlässt und wieder in die Gegenwart katapultiert wird, muss man erst einmal durchatmen. Viele Eindrücke. Viele Emotionen. Manche Aufnahmen mögen gelungen sein, manche nicht, das ist Geschmackssache. Dokumentiert wird, leider mit Lücken wie Kriegsfotografie aus dem Ersten Weltkrieg, etwas mehr als ein Jahrhundert. Der graue Streifen an der Wand führt durch das Auf und Ab der deutschen Geschichte. Dies ist nicht nur für Historiker und Fotografen interessant, sondern für jedermann. Nicht nur, weil die Exponate einen hohen informativen Wert haben, sondern auch, weil die Bilder berühren. Wie klein Manfred auf dem Dreirad. "Das XX. Jahrhundert: Menschen – Orte – Zeiten": Dieser Name ist Programm. Pflichtprogramm.
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