Tellerwaschen gegen die Bildungsbenachteiligung
Die Zeitschrift The Dishwasher und das zugehörige Weblog richten sich an studierende Arbeiterkinder
Der Name ist Programm: Der Titel der Zeitschrift The Dishwasher – Magazin für studierende Arbeiterkinder spielt auf den Mythos an, wonach jeder vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann. Die Betonung liegt auf „kann“: Im Dishwasher geht es um Bildungsbenachteiligung, soziale Selektion und Klassismus in der Bildung. Herausgegeben und finanziert wird die Zeitschrift vom Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende an der Uni Münster. Das sogenannte Fikus-Referat ist deutschlandweit das einzige seiner Art. Es berät zum Beispiel Studierende, deren Eltern Arbeiter oder Angestellte sind oder in deren Familien Studieren keine Tradition hat. Andreas Kemper ist Fikus-Referent und Redakteur des Dishwasher. Wir haben mit ihm über Arbeiterkinder und die Zeitschrift gesprochen.jetzt.de: Andreas, im Januar hast du gemeinsam mit den anderen beiden Fikus-Referenten die erste Ausgabe des Dishwasher herausgebracht. Was wollt ihr erreichen?
Andreas: Wir wollen, dass das Thema Bildungsbenachteiligung auf der Tagesordnung bleibt. Dass es angepackt wird von den Politikern und nicht nur geredet wird. Außerdem wollen wir uns als studierende Arbeiterkinder organisieren. Es wird immer über Arbeiterkinder geredet, aber es gibt ja auch Arbeiterkinder, die selber reden und das Thema Bildungsbenachteiligung mit mehr Power und authentisch nach außen tragen können. Der Austausch von Erfahrungen und gemeinsame Projekte sind uns auch sehr wichtig.

jetzt.de: Eure Zielgruppe sind studieninteressierte und studierende Arbeiterkinder. Wie definiert ihr denn „Arbeiterkinder“?
Andreas: Das sind Leute die eine niedrige soziale Herkunft haben, also benachteiligt sind aufgrund von Schicht- oder Klassenzugehörigkeit. Wir können aber keine Kriterien aufstellen und sagen, das und das ist ein Arbeiterkind. Das muss jeder selbst einschätzen. Die Leute können das auch durch ihre Erfahrungen. Viele waren zum Beispiel erst auf der Hauptschule und haben das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht.
jetzt.de: Du gehörst ja auch selbst zur Zielgruppe.
Andreas: Ich bin da ein Musterbeispiel, deswegen hatte ich ja auch die Idee. Meine Familienmitglieder sind alle Fabrikarbeiter. Ich bin 46 Jahre alt - das ist ein bisschen abschreckend, hat aber auch mit dem Thema zu tun. Ich war erst auf der Hauptschule, dann auf der Realschule, dann auf dem Gymnasium und dann habe ich ein Studium angefangen. Irgendwann bekam ich kein BAfög mehr und musste das Studium abbrechen.
jetzt.de: Wieso hast du kein BAfög mehr bekommen?
Andreas: Während meiner letzten beiden Semester, das war Ende der Achtziger, wurde die Uni bestreikt und ich konnte gar nicht mehr studieren. Das wurde beim BAfög aber nicht berücksichtigt. Es hieß dann nach zehn Semestern, dass ich jetzt nichts mehr bekomme. Obwohl ich ja nur acht davon studieren konnte. Ich habe dann mehrere Jahre gejobbt, irgendwann mein Studium wieder aufgenommen und abgeschlossen und jetzt schreibe ich an meiner Doktorarbeit.
jetzt.de: Welche Themen behandelt ihr im Dishwasher?
Andreas: Es geht in erster Linie um Bildungsbenachteiligung. Verwandte Bereiche beackern wir natürlich auch. Der Schwerpunkt des zweiten Hefts, das im Juni herauskommen soll, ist „Race – Class – Gender“. Da wollen wir die Intersektionalität behandeln. Das kommt vom englischen Wort intersection, zu Deutsch Überschneidung. Wir wollen Benachteiligung aufgrund des Geschlechts, der Herkunft, von Behinderung und so weiter in einen Kontext stellen und fragen, wie sich die Bereiche überschneiden. Wie geht es zum Beispiel türkischen Arbeiterkindern, die studieren wollen?
jetzt.de: Wo hast du Bildungsbenachteiligung erlebt?
Andreas: Ich habe während meines Studiums immer Jobs gehabt, die sehr weit weg waren von der Uni. Ich habe geputzt, gekellnert und auf dem Bau gearbeitet – klassische Arbeiterjobs also. Einen Job an der Uni habe ich nie bekommen. Es ist nicht nachweisbar, dass das darauf zurückzuführen ist, dass ich ein Arbeiterkind bin. Aber es gibt Studien, zum Beispiel der AG Hochschulforschung an der Uni Konstanz, die statistisch belegen, dass Arbeiterkinder seltener Hiwi- oder Tutoren-Stellen haben.
jetzt.de: Wer schreibt für den Dishwasher?
Andreas: Beim Magazin ist uns wichtig, dass es qualifizierte Artikel sind mit dem Bezug zum Thema Arbeiterkinder im Bildungssystem. Wir sind nur kleines Magazin mit 40 Seiten und DinA5-Format – wir müssen eine Auswahl treffen und können nicht jeden Artikel drucken! Das Magazin ist unser Vorzeigeobjekt. Beim Blog ist das anders, da ist Platz genug. Wir wollen, dass viele Leute mitschreiben und mitdiskutieren. Wir haben jetzt auch mit Erfahrungsberichten begonnen. Ich kenne das von Studivz, da gibt es verschiedene Gruppen, die sich „Arbeiterkinder“ oder „ehemalige Hauptschüler“ nennen. Da ist ein großes Interesse da, sich auszutauschen und die eigenen Erfahrungen zu berichten. Nicht nur über Diskriminierungserfahrungen, sondern auch über Unterschiede. Zum Beispiel über die zwischen Arbeiterkindern und Kinder von Akademikern.
jetzt.de: Welche Reaktionen erhaltet ihr auf euer Projekt?
Andreas: Wir haben sehr gute Resonanz. Am Anfang hatten wir beim Blog sehr hohe Zugriffszahlen, etwa 3000 Klicks am Tag. Dafür, dass das Blog neu war, war das schon sehr erfolgreich. Außerdem haben wir Resonanz von der Presse und auch von Betroffenen und Leuten die Funktionen haben. Wir treffen uns nächste Woche mit dem Regionsvorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbunds, der ist total interessiert an einer Zusammenarbeit.
jetzt.de: Wie geht’s weiter mit dir und dem Dishwasher?
Andreas: Ich bin noch bis Juni Fikus-Referent. In dieser Zeit möchte ich die zweite Dishwasher-Papierausgabe machen und das Blog weiter betreiben. Danach werde ich den Dishwasher weiterhin unterstützen, aber eher von außen, damit jüngere Studierende das Projekt weiterführen können. Längerfristig planen wir, die Redaktion unabhängig zu machen vom Fikus-Referat und sie bundesweit auszubauen. Es gibt in ganz Deutschland Leute, die Interesse hätten und die zum Beispiel schon Blog-Beiträge schreiben. Eine Studentin hat das erste Heft gesehen, sich gemeldet und gesagt: „Super Projekt, ich will das nächste Heft layouten!“
- "Alle Bürgerrechte von Lesben und Schwulen würden außer Kraft gesetzt" 10.02.2012
- „Lass uns alles geben!“ 09.02.2012
- Susanne Blech - Dilettantismus als Hochkultur 08.02.2012
- „Da sind wir nachtragend“ 07.02.2012
- „Nicht nur Russland und China sind die Bösewichte, mit denen alles steht und fällt.“ 06.02.2012
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Jetzt wäre interessant zu wissen: Falls das wirklich so ist, warum ist das so?
"Arbeiterkinder" werden total benachteiligt, böse! Woher weiß irgendjemand an der Uni, daß jemand ein "Arbeiterkind" sein soll? Steht das im Studentenausweis?
Wer an der Uni nicht klarkommt, der sollte sich mal fragen, ob es an ihm selbst liegen könnte. Lief es in der Schule vielleicht schon nicht so gut, mangels häuslicher Unterstützung und Anerkennung? Kommt man vielleicht mit den Akademikern nicht zurecht, weil die privat etwas anders sind als man selbst? Und man sich aber nicht anpassen will? Macht man immer noch die alten Ferienjobs am Band in der Fabrik?
Oder gibt es vielleicht ganz andere Gründe? Die Akademikerkinder kriegen ihre Abschlüsse nicht nachgeschmissen. Auch bei denen hakt es manchmal. Aber es ist ja immer gut, so einen schönen Grund fürs scheitern zu haben wie "Vadder is vom Bau".
18.03.2010 - 22:44 Uhr
trachtenjankerl
dem_osten_so_nah sagte:
"Aber es gibt Studien, zum Beispiel der AG Hochschulforschung an der Uni Konstanz, die statistisch belegen, dass Arbeiterkinder seltener Hiwi- oder Tutoren-Stellen haben."
Jetzt wäre interessant zu wissen: Falls das wirklich so ist, warum ist das so?
Einfach : Die (also die, die keine Hiwistelle haben) arbeiten lieber irgendwo, wo es mehr Geld gibt, wo man nicht nur 30 Stunden im Monat bezahlt kriegt. Möglicherweise weil Geld für so ein "Arbeiterkind" einen höheren Stellenwert hat.
Es erzähle mir bitte niemand, daß man von Bafög + Hiwi-Salär + Kindergeld nicht leben kann. Man kann, und zwar luxoriös, verglichen mit dem Leben in einer verarmten, geschiedenen Bildungsbürgerfamilie. Vielleicht kann man dann nicht in München studieren. Ojejoje.
trachtenjankerl sagte:
Einfach : Die (also die, die keine Hiwistelle haben) arbeiten lieber irgendwo, wo es mehr Geld gibt, wo man nicht nur 30 Stunden im Monat bezahlt kriegt. Möglicherweise weil Geld für so ein "Arbeiterkind" einen höheren Stellenwert hat.
Nunja, das ist wohl stark vom Bundesland bzw. Uni abhängig! Hier in Berlin haben die Hiwis Löhne, davon können Friseusinnen und Kassiererinnnen nur träumen. 10,98 € die Stunde und bis zu 80 Stunden im Monat sind möglich.
Und auch wenn ich z.B. mit selbstständiger Arbeit mehr verdienen würde: Lieber schiebe ich eine ruhige Kugel im Büro in der Uni und hab dafür jeden Monat die Kohle auffm Konto.
dem_osten_so_nah sagte:
Nunja, das ist wohl stark vom Bundesland bzw. Uni abhängig! Hier in Berlin haben die Hiwis Löhne, davon können Friseusinnen und Kassiererinnnen nur träumen. 10,98 € die Stunde und bis zu 80 Stunden im Monat sind möglich.
800 Euro im Monat als Hiwi? Das ist ein regulär sozialversicherungspflichtiger Halbtagsjob. Da kann es ja nicht viele Hiwistellen geben, oder?. Ich dachte Berlin ist quasi pleite? In Ba-Wü sind es 7,68, bei max. 40h/Monat. Immer noch gutes Geld, finde ich aber. Nur scheint es keiner zu wollen. Ich hatte in meinem langen Studentenleben vier Hiwijobs, und vier Bewerbungen dafür. Zwei dieser Jobs waren schon wochenlang ausgeschrieben, bevor ich ankam. .
Ja, es is ein großes "Ojeoje", wenn jemand in München studieren möchte, das aber aus rein finanziellen Gründen nicht kann.
Aber stimmt schon, das die Finanzen wirklich nicht das große Problem für "Arbeiterkinder" (blödes Labelling...) sind. Schwierig is erst mal der Weg zur Uni: Für Kinder aus Akademikerfamilien ist es ganz normal, dass sie auf dem Gymnasium ihr Abitur machen und dann erst mal irgendwas studieren gehen...und wenn's irgendwann um Praktika und Jobs ist der Anteil der "Akademikerkinder" (ebenso blödes Labelling) unter den Kontaktrittbrettfahrer wohl auch größer...
ZimtZucker sagte:
Ja, es is ein großes "Ojeoje", wenn jemand in München studieren möchte, das aber aus rein finanziellen Gründen nicht kann.
Warum soll ich in einer Stadt studieren, in der ich mir ein menschenwürdiges Leben nicht leisten kann? Bin ich verrückt? In Deutschland gibt es zum Glück (noch, trotz "Elitewettbewerb") sehr, sehr viele gute Unis. Die meisten Unis sind in den meisten Fächern gut. Das ist in F oder US leider anders.
19.03.2010 - 00:00 Uhr
trachtenjankerl
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18.03.2010 - 20:03 Uhr
ZimtZucker
aber kommt ja auf den Inhalt an, und zu ebendem muss ich sagen, dass ich die Idee Chancengleichheit auch im Unibereich auf den Thementisch zu bringen wirklich gut finde. Man sollte ja glauben, dass sich das mit der Ungleichheit gibt, sobald man es an die Uni geschafft hat...so kann man sich irren. Vorm Studium war es für mich nie ein Thema nicht aus 'ner Akademikerfamilie zu kommen. Seit ich studiere krieg ich's regelmäßig zu spüren -.-
Dabei bin ich nich mal finanziell unterpriveligiert und hab Eltern, die mich unterstützen wo's nur geht (obwohl ich keine Verfahrenstechnikingenieurin werde und meinen Vater damit zum glücklichsten Mann der Welt mache!). Aber das Vitamin B und die richtigen Netzwerke fehlen halt: Nimm zwei Leute mit den gleichen Qualifikationen mit dem einen Unterschied, dass einer der Sohn/die Tochter von einem alten Unikumpel (o.Ä.) ist...wem gibt der Personalchef die Stelle/ das Parktikum?