Die Lacher des Jahrzehnts
Text: lars-weisbrod - und Nadja Schlüter; Illustrationen: Judith Urban
Der Nacktmull, die Frisur der Kanzlerin, das Bahn-Englisch - ein kleines Lexikon der Witze der Nullerjahre
In der letzten Dekade wurde nicht nur Krieg geführt, getwittert und CO2 freigesetzt, es wurden auch Witze gemacht. Hier die zehn wichtigsten Themen, über die im Kabarett, im Internet und während Partygesprächen besonders gelacht wurde.
Der Telefonjoker
"Wer wird Millionär?" hat den Status eingenommen, den vor Jahren das "Glücksrad" innehatte und so wurde das gute alte "Ich kaufe ein A und löse Bockwurst" durch einen Witz ersetzt, der um einiges situationskomischer funktioniert. Wenn jemandem etwas nicht einfiel, dann sagte er "Kann ich jemanden anrufen?" oder sein Gegenüber sagte "Willst du jemanden anrufen?" und alle kicherten und überlegten weiter. Warum es nur der Telefonjoker in die Hitliste der Witze geschafft hat, ist nicht abschließend geklärt, hängt aber vielleicht damit zusammen, dass man meistens keine vier Antworten in Betracht zieht bzw. kein Publikum um sich schart.
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Chuck Norris
Am Anfang dieses Jahrzehnts war das Internet voll mit Seiten, die Synonyme für das Wort "Warmduscher" auflisteten. Ihre Nachfolge hat in den vergangenen Jahren Chuck Norris angetreten, denn Chuck Norris kennt die letzte Ziffer von PI und kann deine Gedanken mit einem Löffel verbiegen. Wie die Warmduscher-Synonyme waren auch die Chuck-Norris-Sätze als Witzform hochproduktiv. Es ist mach Lustiges dabei herumgekommen. Dass ein 80er-Jahre-Trash-Actionstar im Mittelpunkt der Witze steht, zeugt vielleicht davon, dass sich die ironische Distanz zu zweifelhaften Männlichkeitsvorstellungen seit der Warmduscher-Zeit vergrößert hat.
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Angela Merkels Frisur
Auf die Frage, was sein Lieblingswitz sei, antwortete der ehemalige Titanic-Chef Martin Sonneborn einmal: Angela Merkel. Mit der Antwort hatte er eigentlich alles gesagt, was es zu solchen Witzen zu sagen gibt: Sie sind eigentlich schon gar keine mehr, denn sie haben ja nicht einmal eine Pointe. Es reicht, dass jemand von irgendwo das Stichwort gibt, "Angela Merkel! Diese Frisur!" und schon lachen alle. Wie in der alten Gefängnisgeschichte, in der sich die Insassen nachts nur Nummern zurufen: Alle Witze, die sie kennen, haben sie sich schon so oft erzählt, dass sie aus ökonomischen Gründen gleich durchnummeriert wurden. Das Nennen der Zahl reicht dann für den komischen Effekt. Nummer 1472 - Angela Merkels Frisur! Mit der Zeit und dem Einsatz von moderner Stylingberatung hat sich der Angela-Merkel-Witz nach unten verlagert, zuerst auf ihre Mundwinkel (Stichwort: Angela Merkel in Gebärdensprache!) und dann auf ihr Dekolleté.
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Deine Mutter
Der "Deine Mutter"-Witz ist noch aktuell, aber doch schon so bekannt, dass es völlig ausreicht, auf irgendetwas einfach mit "Deine Mutter" zu antworten und alle müssen lachen. Wichtig ist die Aussprache: Bessere Chancen auf Lacher hat der, der "Mudder" statt "Mutter" sagt - wohl, weil es ein Diss aus sozialen Gruppierungen ist, in denen man so spricht. Dort herausgeholt und in die breite Masse geschleudert haben ihn unter anderen Fünf Sterne Deluxe mit "Ja, ja . . . deine Mudder". Wichtig ist, dass man als Betroffener die eigene Familie ausblendet, sonst schmerzt einen ein "Deine Mutter spinnt!" mehr als es sollte. Ebenso wichtig, dass der mit dem Witz bedachte das auch weiß, sonst könnte es Ärger geben.
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Der Nacktmull
Während Witze über die Haare der Kanzlerin deren vermeintliche Hässlichkeit bloßstellen, wurde das Nagetier von vielen Liebhabern wegen seiner humoristischen Unansehnlichkeit ("Penis mit Zähnen") geschätzt. Blogeinträge und Kommentare widmeten sich ihm mit Liebe. Sich-lustig-machen und Niedlich-finden gingen in diesem Fall Hand in Hand, während die Bereitschaft, Angela Merkels Frisur putzig zu finden, stets gering war - vielleicht hätte die Kanzlerin sich einfach einen Nacktmull auf den Kopf setzen sollen. Die Diskurskarriere des Heterocephalus glaber begann schon in den frühen 90er Jahren, die größere Öffentlichkeit erreichte das Tier aber erst in diesem Jahrzehnt. Als Ursache darf man ruhig auch die Fabelhafte-Welt-der-Ameliesierung des vergehenden Jahrzehnts ansehen: Eine Generation bürgerlicher Mittelschichtskinder wurde 2001 von einem Film geprägt, der die Ästhetisierung des Kleinen, Unscheinbaren und vorgeblich Hässlichen in den Mittelpunkt stellte, und seitdem wird im Regen getanzt, weggeworfene Einkaufslisten fremder Leute werden aufgesammelt oder Nacktmull-Fotos im Internet gepostet. Dieser Haltung ist natürlich wenig entgegenzuhalten - erst recht nicht aus humoristischer Perspektive -, nur birgt auch sie die Gefahr, zur bloßen Geste zu erstarren. Im neuen Jahrzehnt könnten sich die Amelies also auch mal außerhalb der Tierwelt nach fälschlich Missachtetem umsehen, das zu glorifizieren wäre. Politikerfrisuren vielleicht.