25.10.2009 - 18:30 Uhr

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„Das Internet ist für euch wie die Luft zum Atmen“

Text: eva-schulz - und Peter Wagner; Foto: pw

Wer zu den „Digital Natives“ gehört, kann sich ein Leben ohne Web-Zugang nicht mehr vorstellen. Unseren Eltern macht das Angst – dem kanadischen Professor Don Tapscott macht es gute Laune

Der Kanadier Don Tapscott, Jahrgang 1947, ist wahrscheinlich einer dieser Männer, die man Internetguru nennen darf. Der Professor aus Montreal schrieb ein vielbeachtetes Buch darüber, wie das Wissen der Massen die Wirtschaft ändern kann. Dann erschien (bisher nur auf Englisch) Grown Up Digital – How the Net Generation is Changing Your World. Für das Buch hat er mehr als 11.000 Jugendliche und ihren Umgang mit neuen Medien beobachtet. Seine Schlüsse kommen all den Pessimisten in die Quere, die glauben, dass Jugendliche vor lauter SMS und Twitter und Sozialen Netzwerken nichts auf die Beine bringen. "Quatsch", schreibt Tapscott in seinem Buch und sagt im jetzt.de-Gespräch, dass sich die „Digital Natives“ zur besten Generation aller Zeiten formen könnten.

jetzt.de: Mister Tapscott, wenn ich, seit ich sieben Jahre alt bin, im Internet surfe, ein Weblog habe, twittere und in mehreren sozialen Netzwerken angemeldet bin – macht mich das zu einem Digital Native, also einem Eingeborenen des Web?
Tapscott:
Ein Digital Native sind Sie, weil Sie mit dem Internet aufgewachsen sind. Dann ist das Internet für Sie wie die Luft zum Atmen. Digital Natives sitzen vor dem Computer und haben drei Programme geöffnet. Sie lesen drei verschiedene Blogs, telefonieren, hören gleichzeitig Musik und machen ihre Hausaufgaben.

jetzt.de: Viele Eltern sind im Multitasking nicht so super und glauben, dass einen dieses Hin- und Herspringen kirre machen muss.
Tapscott:
Ich kann es ja auch nicht! Aber die Gehirne der jungen Generation sind ganz anders entwickelt als unsere. Ich bin Teil der Baby Boomer-Generation. Als ich ein Kind war, lief 24 Stunden am Tag der Fernseher. Heute sind die Jugendlichen stattdessen online. Sie sitzen nicht passiv vor dem Bildschirm, sondern lesen, recherchieren, verarbeiten Informationen, erzählen ihre Geschichten. Digital Natives sind auch keine Multitasker, sie können aber schneller zwischen Tätigkeiten hin und her schalten.

jetzt.de: Macht uns diese Fähigkeit schon zu Menschen, in die man ganz viel Hoffnung stecken kann?
Tapscott:
Junge Leute können heute Informationen besser hinterfragen, sie sind gut darin, sie zu überprüfen und die verschiedenen Quellen zu verwalten. Sie sehen viel schneller, wo etwas nicht stimmt – zum Beispiel, wenn ein Foto bearbeitet wurde. Sie gehen ganz anders an Informationen heran. Ein Beispiel: Ich habe einen jungen Studenten kennengelernt, über den ich auch in meinem Buch schreibe. Er ist sehr engagiert und studiert inzwischen in Oxford. Er sagt, dass er niemals Bücher liest. Trotzdem weiß er, was drin steht – durch das Internet. Darüber regen sich viele ältere Leute auf . . .

Don Tapscott

jetzt.de: Ist doch auch schade, wenn jemand gar keine Bücher mehr liest, oder?
Tapscott:
In 50 Jahren wird niemand mehr Bücher lesen. Bücher sind lächerlich.

jetzt.de: Sie schreiben selbst Bücher . . .
Tapscott:
. . . und es ist lächerlich! Dieses Konzept ist völlig veraltet. Es wäre viel besser, wenn sie lauter Links und Multimedia-Inhalte hätten, die ständig aktualisiert würden. Aber: Was ich sage, gilt nur für Sachbücher. Mit Romanen ist das etwas anderes.

jetzt.de: Ist unsere Generation Internet-süchtig?
Tapscott:
Sie haben sich an die vielen Vorteile, die das Internet bietet, gewöhnt und nutzen sie entsprechend häufig. Ohne das Netz können Sie nicht mit Freunden kommunizieren, nicht produktiv sein, nicht auf Informationen zugreifen. Deshalb ist es auch so gefährlich, wenn man es aus der Schule und vom Arbeitsplatz verbannt. Sie haben die besten Werkzeuge, die jemals existierten. Sie kennen eine ganz neue Kultur der Innovation, der Vernetzung und der Geschwindigkeit. Und wir? Wir haben diesen Abwehrreflex. Wir versuchen, Sie zu kontrollieren und nehmen Ihnen ihre Werkzeuge weg! Es ist heute ganz normal, soziale Netzwerke auf Firmencomputern oder in Schulen zu sperren.

jetzt.de: Das ist wohl der „digitale Graben“ zwischen jenen, die das Web natürlich nutzen und denen, die es noch kennenlernen müssen.
Tapscott:
Ich nenne das die „Firewall zwischen den Generationen“.

jetzt.de: Warum haben zum Beispiel unsere Eltern solche Vorbehalte gegenüber dem Internet?
Tapscott:
Wir fürchten uns nun mal vor dem, was wir nicht kennen. Deshalb stellen wir den Computer eines 14jährigen ins Wohnzimmer, wo wir am besten auf ihn aufpassen können. Dabei hat er doch auch noch einen Computer in der Hosentasche! Und in der Schule! In Portugal bekommt jedes 12jährige Kind einen Laptop mit High-Speed-Internetzugang im Klassenraum.

jetzt.de: Wir wissen, dass Sie für eine Bildungsreform sind. Aber mal ehrlich: Nur, weil man die Schulen mit modernster Technik ausstattet, lernen die Schüler doch nicht besser?
Tapscott:
Es geht dabei nicht bloß um die Technologie. Es geht darum, interaktiv und in Gruppen zu arbeiten, wie es Jugendliche von klein auf gewohnt sind. Frontalunterricht soll angeblich zu jedem Schüler gleichermaßen passen, der Lehrer soll im Fokus stehen. Das mag in meiner Jugend funktioniert haben. Ich war immer nur der Empfänger – als Fernsehzuschauer, in der Schule, Zuhause, in der Kirche. Heute brauchen wir ein Modell, in dem beide Seiten voneinander lernen.

jetzt.de: Was müssen wir machen, um die „Firewall“ zu überwinden?
Tapscott:
In der kleinsten Institution, der Familie, müssen die Eltern anfangen, sich mit der digitalen Welt zu beschäftigen. Sie sollten sich in sozialen Netzwerken anmelden, Twitter und iPhones nutzen, um die Familie zusammenzubringen. In der Arbeitswelt war es bisher üblich, dass die Jungen von den Älteren lernten. Heute sollte das gleichberechtigt sein, denn die Älteren können auch viel von den Jungen lernen.

jetzt.de: Sie wollen das Mentoren-Prinzip umkehren?
Tapscott:
Hab’ ich schon. Ich habe drei Mitarbeiter, die alle Mitte 20 sind und mich auf dem neuesten Stand halten. Sie haben mich dazu gedrängt, einen Twitter-Account anzulegen. Ich wollte das erst nicht, weil ich es lächerlich fand . . .

jetzt.de: Sie haben sich wahrscheinlich erstmal gefragt, was Ihnen das Twittern bringt, oder?
Tapscott:
Genau! Meine Generation will erstmal eine Kosten-Nutzen-Analyse sehen. Die Jungen dagegen sind Digital Natives. Sie benutzen es einfach. Es ist wie Luft für sie.

jetzt.de: Sie haben einmal gesagt, mit Barack Obama hätten die Digital Natives ihren ersten Präsidenten gewählt. Haben demnach die Digital Natives nun auch den Friedensnobelpreis bekommen? Seine „Graswurzelkampagne“ wäre ohne diese Generation ja nicht denkbar gewesen.
Tapscott:
Barack Obama ist das erste Staatsoberhaupt weltweit, das verstanden hat, wie mächtig diese junge Generation ist. Also gab er ihnen das, was sie wollten: eine Plattform, auf der sie sich vernetzen konnten. Noch immer bekomme ich regelmäßig E-Mails von ihm, in denen er mich auffordert: „Spende! Beteilige dich! Veranstalte ein Treffen!“ Er verändert die Beziehung zwischen Volk und Regierung.


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ThomasCrown
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Mag ich Mag ich nicht

2

25.10.2009 - 18:39 Uhr
ThomasCrown

In der kleinsten Institution, der Familie, müssen die Eltern anfangen, sich mit der digitalen Welt zu beschäftigen. Sie sollten sich in sozialen Netzwerken anmelden, Twitter und iPhones nutzen, um die Familie zusammenzubringen.


Ich kann dem Meisten, das Tapscot hier sagt, zustimmen, aber das ist doch Blödsinn. Eltern müssen nicht verstehen, was ihre Kinder tun, sie werden es sowieso nie wirklich durchdringen, und das ist auch gut so.
Sie können ja ruhig im Internet surfen, Blogs lesen usw., aber ich bin ganz froh, daß meine Eltern nicht bei Facebook sind.

bambelbee
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Mag ich Mag ich nicht

0

25.10.2009 - 18:42 Uhr
bambelbee

mein gott wie schlau

Bombastic
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Mag ich Mag ich nicht

-3

25.10.2009 - 19:35 Uhr
Bombastic

"Tapscott: In 50 Jahren wird niemand mehr Bücher lesen. Bücher sind lächerlich."

Der Typ ist ein Trottel. Internet wird überschätzt. "Digital Natives", so ein Quatsch.

plath
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Mag ich Mag ich nicht

5

25.10.2009 - 21:44 Uhr
plath

Sie sollten sich in sozialen Netzwerken anmelden, Twitter und iPhones nutzen, um die Familie zusammenzubringen.


Ich möchte das einfach mal so stehen lassen.
Und dezent aufstoßen.

solefald
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Mag ich Mag ich nicht

2

25.10.2009 - 22:15 Uhr
solefald

Internet, Hell Yeah! Der Mann ist wirklich Feuer und Flamme dabei.
Und man twittert seiner Familie, der Raid fängt gleich an, man kommt nicht zum essen die Treppe runter...

Chriperon
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Mag ich Mag ich nicht

4

25.10.2009 - 23:42 Uhr
Chriperon

Ich mache aber auch eine Kosten-Nutzen Analyse bevor ich ein neues Webportal nutze. Bei Twitter sieht das ganz konkret aus: ich will nicht, dass jeder immer weiß was ich tue und ich wüsste auch nicht was andere Leute daran interessant finden sollten. Man wird doch so schon viel zu sehr mit sinnlosen Informationen (gerade im Netz) bombadiert... Gehör ich also auch noch zu der Baby-Boomer Generation oder darf man auch einfach noch gesunden Menschenverstand haben wenn man mit Computern groß geworden ist? Und darf man auch noch gerne in der Natur sein? So ein Blödsinn...

ChrisJumper
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Mag ich Mag ich nicht

0

26.10.2009 - 05:47 Uhr
ChrisJumper

Chriperon,

es geht nicht direkt um die Computer, sondern im diese Durchdrungenheit von Informationen. Diese ziemlich starke Vernetzung. Natürlich birgt es viele Gefahren.. doch die ist man bereit sie einzugehen weil der Nutzen oder das "Gefühl" überwiegt. Bei Twitter geht es nur in "der twitterwerbung" darum zu erzählen was man grade tut. Viel mehr ist es ein Ersatzt für ICQ, einen Chat oder das Telefon. Oder ein Ersatz der Werbung. Wenn man z.B. interessiert ist wann das Computerspiel auf dem Markt kommt oder sowas...

Digital Nativ hat eine Berechtigung. Für sie ist das Leben ein ganz anderes. Stell es dir einfach ein kleines Stückchen "krasser" vor. Als würdest du Telepathie beherrschen.

Sinnlose Informationen enthält das Netz nur wenn man nicht richtig hinsieht oder grade seine Zeit verschwendet. Aber das war im Leben vor dem Computer auch so.

Die Kulturelle Erfahrung ist stärker, die Verbindung zu anderen Menschen höher und die Vielfalt größer.

Dirty_D
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Mag ich Mag ich nicht

3

26.10.2009 - 12:00 Uhr
Dirty_D

Tapscott: "Junge Leute können heute Informationen besser hinterfragen, sie sind gut darin, sie zu überprüfen und die verschiedenen Quellen zu verwalten. Sie sehen viel schneller, wo etwas nicht stimmt –"
Ich habe eher die Erfahrung vom genauen Gegenteil gemacht, nicht nur bei den ganz Jungen. Informationen aus dem Netz werden allzu oft nicht hinterfragt, Quellen nicht auf Serioesitaet geprueft. Leider steht im Netz auch ziemlich viel Schwachsinn. Immer wenn mir jemand mit dem Satz kommt:"Das hab ich aber aus dem Internet", kommt von mir erstmal die Obligatorische Frage nach der Quelle. Die meisten koennen das schonmal nicht beantworten... nehmen irgendwelche Informationsschnipsel aus dem Netz und halten diese fuer die absolute Wahrheit. Ihr koennt euch gar nicht vorstellen, wie viele Menschen irgendwelches Zeug zu allen moeglichen Themen faseln, ohne davon wirklich eine Ahnung zu haben.
Ich selber glaube ja auch allem, zumindest bei Wikipedia, und da ist auch nicht alles richtig.

ChrisJumper
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Mag ich Mag ich nicht

0

26.10.2009 - 16:37 Uhr
ChrisJumper

Dirty_D,

das stimmt schon und erinnert mich an ein Projekt einer Uni wo das "Internet" also nur Webseiten usw. Über einen Proxy geleitet wurden der Material austauschte. Z.B. Namen von Präsidenten wie "Gerhard Schröder" gegen "Helmut Kohl" oder "USA" gegen "DDR". Selbst den unterschiedlichen Studenten UND Informatikern ist das nicht aufgefallen.

Aber ich denk man kann sagen das ist im "alltäglichen Leben" genau so und hat nicht direkt was mit dem Internet zu tun. Eine Quelle wird nicht so oft geprüft wie man es gerne hätte, weil man noch gewohnt ist ihr zu vertrauen. Aber ich denke das die Tendenz dazu übergeht das man "mit dem Internet" "eher Prüft." weil man irgendwann skeptischer wird. Einfach weil man "eher auf die Nase fällt". Wo wie oft gab es denn schon "Hoax" im echten Leben. Via Internet gibt es wenigstens Spam. Ich erinnere einfach mal an: die Aktionen der "yes-man" Gruppe.

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Mag ich Mag ich nicht

0

26.10.2009 - 16:40 Uhr
ChrisJumper

Nachtrag: Das mit der Uni und dem proxy fand im Rahmen einer Diplomarbeit statt und lief ca. 2 Monate. Genaueres müsste ich raussuchen.

Aber ich mach das (prüfen) halt auch nur mit Informationen die "wichtig" sind und nicht für Smalltalk. Quellenangaben sind einfach das A und O.

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Eva Schulz