Ärger auf dem Platz des englischen Friedens
Auf der Wiese zwischen Eisbachbrücke und Monopteros trifft sich die ganze Welt – und zankt sich mit Mama Afrika
Wer sind eigentlich die Menschen, die jeden Sommerabend im Englischen Garten trommeln? Auf der Suche nach einer Antwort lernten wir Mama Afrika und ein Stück Münchner Kleinkrieg kennen.Später an diesem Abend wird Mama Afrika tanzen. Sie wird ihren Körper aus der Hängematte hieven, einen Schluck Bier nehmen und sich federleicht fühlen. Dann nämlich haben die Trommeln von ihr Besitz ergriffen und alles andere – der Ärger mit der Polizei, die Beschimpfungen der Afrikaner, die belustigten Blicke der jungen Hippie-Mädchen – all das werden die prasselnden Schläger der Trommeln unter sich begraben und alle werden wieder wissen, weshalb Cornelia, die 50-jährige Ex-Prostituierte aus Thüringen, die wahre Mama Afrika ist. Keiner weiß mehr, ob Cornelia sich selbst eines Tages diesen Namen gegeben hat oder ob ihn ihr die Afrikaner aus Anerkennung verliehen haben. Doch jeder hier kennt Cornelia nur unter dem Namen „Mama Afrika“. Ihr Ruf reicht über den Englischen Garten hinaus: Oft ist sie nachts am Gärtnerplatz unterwegs und sammelt leere Flaschen der jungen Biertrinker ein.
Noch aber schimpft sie in ihrer Hängematte mit lauter, schriller Stimme in Richtung der Afrikaner, die ein paar Meter entfernt auf Decken liegen und Bier trinken. Sie schreit: „Weghaben wollen mich die Jungs. Verschwinden soll ich. Aber ich kämpfe! Habt ihr gehört? Ihr kriegt mich hier nicht weg!“ Die meist dunkelhäutigen Männer auf den Decken grinsen, als hätten sie Mama Afrika nicht gehört.
Tak-tak-plop-tak-tak – täterä. Die Schläge verhornter Hände klopfen, tackern und ploppen auf die raue Haut der Trommeloberfläche. Sie weben einen Teppich, auf der Träume von fernen Ländern, Lässigkeit und Lebensfreude plötzlich fliegen können mitten in das Herz Bayerns, in den Englischen Garten. An biergetränkten Sommerabenden vereinigt sich das gestandene Humpa-Täterä der Blaskapelle vom Chinesischen Turm mit den stetigen Schlägen der Trommler und dem Rot der Abendsonne zu einer einzigartigen Melange, die dem Klischee von Laptop und Lederhosen erstaunlich nahe kommt. Alles schunkelt im hopfendumpfen Wohlgefühl der Nacht entgegen. Ohne die Trommler, die jeden Sommertag auf der Wiese zwischen Monopteros und Eisbachbrücke ihre Djembés und Congas bearbeiten – dem Park fehlte die Exotik, der Stadt ein sichtbarer Nachweis ihrer Weltoffenheit. Tak-tak-plop-tak-tak – täterä – tak-tak-plop-tak-tak-tak-tak-plop.

Auf der Wiese zwischen Monopteros und Eisbachbrücke trifft sich die ganze Welt, sagt einer der Trommler
„Billiges Zusammengestoppel“, schimpft Mama Afrika, „das hat doch keinen Rhythmus. Geklöppel ist das.“ Hinter den Buchen, zwischen denen ihre Hängematte baumelt, spielt eine Schülerband ihre neusten Songs, die nach Sportfreunde Stiller klingen. Zwei Männer haben sich mit ihren Trommeln dazugesetzt. Einer von ihnen sagt, hier treffe sich die ganze Welt und jeder, der möchte, könne mitspielen.
Mama Afrikas roter Turban ragt in die Höhe, an ihren Handgelenken baumeln Ketten mit kleinen, bunten Steinen. Ihre Stimme hebt an, um sich bis zu einem Gekreische zu steigern: „Es gibt hier keinen Zusammenhalt! Keiner interessiert sich für den anderen, das war doch unter Hitler auch nicht anders.“ Die Afrikaner, sagt sie, nehmen alles, ohne zu fragen, betrachten ihre Stühle als ihr Eigentum und beschweren sich über die Preise des Biers, das Mama Afrika hin und wieder an gute Freunde verkaufe. Niemand, sagt Mama Afrika, geht es etwas an, wenn sie guten Freunden ein Bier für ein paar Euro verkauft. Dafür werde sie dann von ihnen als „Schlampe“ beschimpft.
Dann platzte ihr der Kragen
Gabriel sitzt etwa 20 Meter von Mama Afrika entfernt. Der 40-Jährige schüttelt grinsend den Kopf und vollführt vor seinem Gesicht eine Wischbewegung mit der Hand. „Wir sind hier seit über zehn Jahren. Irgendwann kam dann diese Frau und verkaufte überteuertes Bier.“ – „Sechs Euro will sie manchmal für eine Flasche, 20 für eine Flasche Wein“, mischt Famadi sich ein, der ursprünglich aus Guinea stammt. „Diese Frau will nur Geschäfte machen. Sie läuft uns hinterher. Jedesmal, wenn wir uns eine neue Stelle suchen, kommt sie nach.“ Famadi verdient sein Geld mit Trommeln, er gibt Workshops und Konzerte. Hinter ihm packt ein kleiner Senegalese eine Flasche Whiskey aus. Ein Kollege hält seine Piccolo-Flasche in die Höhe, als wollte er dem Monopteros zuprosten. Fast alle der Anwesenden sind dunkelhäutig, sie stammen aus dem Senegal, aus Nigeria, aus Äthiopien und Kamerun. Manche von ihnen haben Arbeit, manche nicht, aber an warmen Sommertagen treffen sie sich alle am Spätnachmittag hier und kauderwelschen sich auf Deutsch, Spanisch, Französisch und Englisch in die Nacht. Junge Mädchen mit Dreadlocks und bunten Kleidern schauen vorbei, manche von ihnen nur, um Afrikaner kennenzulernen und manche Afrikaner kommen nur, um Mädchen kennenzulernen. Und manche der Mädchen warnt Mama Afrika dann vor den Jungs. Weil die Afrikaner, sagt sie, haben es eh nur auf das Eine abgesehen, reden könne man mit denen nicht.
Der Abend, an dem Mama Afrika der Kragen platzte, begann zunächst ganz wundervoll. Ein Südamerikaner hatte zu trommeln begonnen, „himmlisch“ sei das gewesen, „zauberhaft, nicht zu vergleichen mit dem Gekloppe, das wir jetzt hören. Der Mann konnte spielen“. Zur Feier dieser wundervollen Nacht stellte sie Fackeln auf. Dann kam Ara, der Afrikaner, und beschimpfte sie wieder als „Schlampe“ und „Nutte“. Mama Afrika schlug ihn mit der Fackel ins Gesicht. Ara ging daraufhin zur Polizei. Er tobt, wenn er über Mama Afrika spricht: „Wegen ihr gab es diese Razzia am Sonntag. Sie hat behauptet, wir alle würden Drogen nehmen. Wo immer sie auftaucht, gibt es Ärger.“
Die Polizei kam dann auch – zwei Wochen später am 23. August mit zirka 40 Beamten – viele von ihnen in Zivil. Kreisförmig umstellten sie das Areal und zogen dann die Schlinge zu. „Insgesamt 27 Personen wurden kontrolliert“, sagt Peter Reichl, Pressesprecher der Polizei. Zwar fanden die Polizisten etwas Marihuana, aber da viele es im Gras versteckt hatten, waren die Drogen nicht mehr zuordenbar. Mindestens einmal im Jahr kommt es zu so einer Razzia, „weil sich hier sehr Marihuana-affine Personen aufhalten“, erklärt der Polizeisprecher.
Viele der Trommler fühlen sich ungerecht behandelt und pauschal verdächtigt. Das Wort „rassistisch“ fällt mehrmals. Trotz deutschen Passes sei er für die Polizisten „nur der Neger“, sagt Ara. Ein anderer meint, es seien nur Schwarze kontrolliert und fotografiert worden. Als ob die Hautfarbe darüber Auskunft gebe, welche Drogen jemand nimmt, als ob alle Schwarzen gleich Dealer seien!
Mama Afrika hat auch Ärger mit der Polizei bekommen – sie wird beschuldigt, illegal Bier zu verkaufen. Sie faucht und geifert über die Polizisten, von denen es einer auf sie abgesehen habe. In zwei Jahren, sagt sie, soll die Szene hier tot sein. Das wolle die Polizei, die Trommelszene zerstören. Afrika aus München vertreiben. Monotonie statt Vielfalt.
Stechmücken drängen sich nun zwischen die Haare der Unterarme, eine erste Ahnung von der Kühle der Sommernacht steigt aus dem Gras empor, Oberteile werden aus Taschen und Rucksäcken hervorgeholt. In ein, zwei, drei Stunden wird man vor dem funkelnden Brunnen am Geschwister-Scholl-Platz stehen und sich wundern, wie viel wärmer es zwischen Asphalt und Beton doch ist. Dann erst ersetzt langsam das Rauschen des Verkehrs die Erinnerung an die Trommeln. Tak-tak-plop-tak-tak – täterä. Mama Afrika tanzt.
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garamond sagte:
ich kenne die nicht.
Ich auch nicht. Aber das Getrommel nervt manchmal, bei den Jungs klöppeln halt schon auch Amateure mit und nicht nur Typen, die Trommel-Workshops geben.
"trommel-Workshop" Jessas, das klingt wie Klangmassage und Aurawäsche.
Bei dem Artikel vermisse ich irgendwie die Pointe.
Ich war nach dem Lesen auf jeden Fall nur komplett verwirrt ...
01.09.2009 - 11:36 Uhr
vigezzo
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31.08.2009 - 18:54 Uhr
garamond