da gäbs einiges anzumerken, das nicht einmal kulturpessimistisch ist. zunächst: ja, das web ist mehrheitlich ein schriftbasierter ort. ebenso richtig: es entstehen neue literarische formen und -sprachen.
jedoch: insbesondere der letztgenannte punkt, ästhetisierung der selbstdarstellung. wie sich an allen webseiten ablesen (!) lässt, ist das web kein ort für zeit, sondern ein ort der zeitreduktion. vom blog zum micro-blog. texte werden kurz und kürzer, seriell und micro-seriell. bedeutet: das web ist kein ort für eine breit gefächerte textproduktion verschiedener stile und gattungen (wo sind der dramen- oder der lyrik-blog?), sondern recht konzentrierte reduktion auf wenige ästhetische kriterien, zumeist anekdotischer, prosaischer art. welcher blogschreiber veröffentlicht narrative texte, die gedruckt mehr als 5 seiten, geschweige denn 40 oder 400 abgäben? aus aufmerksamkeit entsteht die hegemonie der anekdote, der pointe.
punkt zwei: die quantität des geschriebenen sagt nichts und nochmal nichts über dessen qualität aus, weder orthographisch, noch stilistisch noch inhaltlich. literatur in buchform, wie gepresste silberlinge aus myspace-bands, entstehen auch da nur höchst selten. (wobei festzustellen bliebe, dass gedruckte veröffentlichungen nach wie vor den nicht zufällig besseren ruf genießen)
punkt drei: aus der menge des geschriebenen entsteht nicht zwangsläufig ein höheres wissen über das geschriebene, kein besseres wissen über aufbau und konstruktionen von (narrativen) texten. zumal die fokussierung auf das ICH (selbstdarstellung) das fiktive hin zum authentischen (das selbst fiktiv ist) verschiebt.
meint: veränderung des schreibens ja, literarisierung nein. aus bloggern wird kein joyce, böll oder tolstoi. sondern blogger.
@ruebezahl: ich denke, es geht nicht so sehr um das schriftstellertum, sondern um eine literarisierung des alltags. der begriff "literarisierung" bedeutet ja nicht unbedingt eine zunahme an drama, prosa oder lyrik, sondern eine generelle tendenz, in der das geschriebene wort eine größere bedeutung gewinnt. und eben dies passiert durch das internet. durch die erfindung des telefons ging zb das interesse daran, briefe zu schreiben, zurück. inzwischen wird wieder vermehrt über das geschriebene wort kommuniziert. bei mir gibt es zum beispiel ab und an tage, an denen ich mehr schreibe als spreche.
berufsschriftsteller wird es wohl auch weiterhin relativ unabhängig vom internet geben.
@terpsichore:
ich verweise auf das fazit des textes, die letzten drei zeilen, auf die die passende antwort wiederum ruebezahl geliefert hat.
man kann den artikel sicher auch anders enden lassen, aber SO wie es hier geschrieben steht, wird der gedanke nicht rund, und die appellative schlussfolgerung ist einfach die falsche.
Wenn man überlegt, dass diese Studie aus den USA kommt, wo seit Jahren das Gespenst der »Illiteracy« umhergeht, dann dürfte Terpsichore mit ihrer Definition des Begriffs Literarisierung recht haben (und das Wort ist schlecht übersetzt). Es geht also eher um grundlegende Lese- und Schreibfähigkeiten und nicht um die Fähigkeit, literarisch zu schreiben.
@ terpsichore: sorry, der begriff literarisierung wird in diesem artikel aber doch als begriff für zunahme von literatur verwendet, nicht umsonst wird auf die griechische antike verwiesen. schon klar, da steht "bedeutet durchsetzung der schriftsprache" - aufgerufen wird aber ein doppelter kontext: begründung europäischer kultur. damit erzählt der artikel etwas weit heroischeres als nur mal eben nicht anzurufen sondern zu mailen oder smsen.
abgesehen davon: spätestens seit der kanonisierten bibel ist das geschriebene wort in europa sowieso bedeutender als das gesprochene. insofern ist die untersuchung - prosaisch.
@aporia: lese- und schreibfähigkeiten lernt man nicht im internet. auch die illiteracy wird im web nicht abgebaut. zumal sich die studie ganz eindeutig auf studenten bezieht. die wenigsten von denen können NICHT lesen und schreiben.
ruebezahl sagte:
@ terpsichore: sorry, der begriff literarisierung wird in diesem artikel aber doch als begriff für zunahme von literatur verwendet.
das habe ich nciht so gelesen. es geht eindeutig nicht um die zunahme von literarischer hoch-kultur. es wird ja sogar ganz deutlich auf "E-Mails, Botschaften auf Twitter, Blogs und Chats" verwiesen, und eben nicht auf drama, prosa oder lyrik. der text sagt: es wird mehr geschrieben denn je. und erklärt danach genau, wo und in welcher form dies passiert.
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