Elf neue Bücher in sechs Wochen. Ein Bericht vom Lesen.
Text: max-scharnigg
Nächste Woche beginnt die Leipziger Buchmesse und von allen Seiten wird es Empfehlungen und neue Bücher hageln. Max Scharnigg hat im Vorfeld einen kleinen Lesemarathon absolviert und schreibt auf, was von den Büchern übrig blieb.
Sehr hübsch macht ja auch der Münchner Blumenbar-Verlag seine Bücher. Sie stechen auf den Buchtischen regelrecht hervor, vor allem weil sie auf einen separaten Umschlag verzichten und direkt auf den Coverdeckel drucken, was ich in 99 Prozent aller Fälle immer besser finde, als dieses ewig raschelnde Glanzpapier ums Buch. Mit Tracey Emin hat sich die Blumenbar eine international bekannte Künstlerin ins Haus geholt. Ihr „Strangeland“ ist eine Art Autobiographie. Von einer Konzeptkünstlerin, die vor allem mit Provokativkunst auf sich aufmerksam macht, darf man hübschen Schweinskram erwarten. Selbiger kommt auch vor, aber gar nicht mal übermäßig. Stattdessen lese ich die ziemlich episodenhafte Schilderung einer Jugend in England inkl. Aufarbeitung der türkisch-zypriotischen Herkunft der Autorin. Ja, also und das war’s dann auch schon. Ziemlich banal das Ganze und in keine Richtung auffällig, sieht man mal vom zerrissenen Familienbild ab, das hier geschildert wird. Aber Gott, das hat ja nun nahezu schon fast jeder und wenn nicht persönlich, dann doch wenigstens schon zehnmal im Buchregal. Bleibt jedenfalls wenig übrig von Frau Emin und auch einen Einblick in ihr künstlerisches Schaffen wird dem Leser weitgehend verwehrt. Hm.
Bücher von Journalistenkollegen nehme ich ja prinzipiell überskeptisch in die Hand, so ist man eben, untereinander. Bei Nils Minkmar war es das erste Mal, dass mich so ein Buch nach zwei Seiten komplett überzeugt hatte. Minkmar kannte ich nur von vielen Autorenzeilen unter guten Texten in der FAS und hatte ihn mir immer als flotten Mittdreißiger gedacht. Ich war deshalb etwas überrascht, als mich vom Rückumschlag ein onkelhafter Mittvierziger anguckte. Flott ist er aber ohne Zweifel und schreibt einen begnadet feinen Stil, eigentlich so, wie ich auch gerne schreiben können würde, mit Vierzig. Was in „Mit dem Kopf durch die Welt“ zu lesen ist, sind eigentlich Feuilletons, aber mit einer persönlichen Note. Es geht da um kleine Erlebnisse, Familiengeschichten, die sich in nur einem Absatz in Überlegungen zum großen Ganzen ausweiten: unsere Politik, unser Leben als Europäer, Frankreich etc. Hätte mir mal jemand gesagt, dass ich fanatisch einen Text über Oskar Lafontaine in mich hineinfresse, ich hätte wirklich laut und beknackt: „Never ever!“ gerufen. Aber Minkmar schafft das, ich lese über französischen Innenpolitik und Islamisten und bin keine einzige Zeile lang geneigt, das Auge springen zu lassen. Seine Metaphern sind herrlich, seine Ansichten klug ohne angestrengt zu wirken, im Grunde denkt er, wie man selber in einer Partydiskussion gerne denken können würde - klar und originell und absolut überzeugend. Ein feines Buch, im besten Sinne irgendwie geistreich und das finde ich wirklich höchst selten.