Dunkelschritte
Eilig läuft sie durch die Finsternis, angstbetäubt, panisch. Außer ihren Schritten, die sich knirschend in den Schnee bohren und ihrem keuchenden, schnellen Atem kein Geräusch, kein Laut. Kein Licht erhellt die Nacht, nur der Mond wirft seinen eisigen Schimmer auf die Felder um sie herum und lässt sie den schmalen Pfad erahnen, auf dem sie ihre Füße tragen. Wie lange nur noch, fragt sie sich und versucht, in der Dunkelheit zu erkennen, wie lang ihr Weg noch sein mag, doch keine Chance- Wenige Meter vor ihr führt der Pfad in die schwarze Ungewissheit. Die Angst droht sie zu übermahnen, sie zwingt sich, ihre Schritte zu verlangsamen, um nicht gleich vor Erschöpfung zusammen zu brechen. Dann, das wusste sie, würde er sie finden, mühelos hätte er sie in seiner Gewalt und sie würde nur da liegen, wimmernd und hilflos wie ein junges Tier und sich ihrem Schicksal fügen müssen. Nicht, dass es das erste Mal gewesen wäre. Doch diesmal, schwor sie sich, werde ich entkommen, er wird mich nie, nie wieder finden.Ein Heulen schallt durch die Nacht und sie fährt vor Schreck zusammen. Automatisch bleibt sie stehen, hält vor lauter Panik den Atem an und lauscht. Nichts. Sie versucht sich zu beruhigen. Nur ein einsamer Hund, denkt sie, bleib ruhig, bleib verdammt nochmal ruhig! Sie atmet ein paar mal tief durch und setzt ihren Weg fort, nun noch aufmerksamer auf jedes Geräusch bedacht. Um den einsamen Feldweg sammeln sich nun zusehends Bäume, die drohend auf sie herabragen. Sie hofft, dass diese in regelmäßigen Abständen gepflanzten Bäume ein Anzeichen für menschlichen Einfluss waren- Das könnte bedeuten, dass Häuser in der Nähe sind, rettende, schützende Häuser mit warmherzigen, gütigen Menschen, die ihr bei ihrer Flucht behilflich sein könnten. . . Sie betete zu Gott, dass sie dieses Glück erfahren durfte. Endlich frei sein von ihm, endlich frei. Das war alles was sie wollte.
Das Geheul ertönt noch einmal, diesmal lauter, näher. Hetzt er einen Hund auf mich? Dieser Gedanke schießt ihr wie ein Dolchstoß durch den Kopf, die Panik bringt sie fast um. Entgegen jeder Vernunft fängt sie an zu rennen, immer weiter, immer weiter. Bitte, nein, denkt sie verzweifelt, er darf mich nicht finden, er darf einfach nicht, bitte…
Al sie ihren Blick nach vorn richtet, nimmt sie plötzlich einen Lichtstrahl wahr. Abrupt hält sie inne und bleibt stehen. Eine Taschenlampe? Ein Feuer? Was ist das? Sie stellt fest, dass der Strahl sich nicht bewegt. Oh mein Gott, denkt sie, es könnte wirklich… Schnellen Schrittes läuft sie auf das Licht zu , Hoffnung keimt in ihr auf, gibt ihr Kraft. Je näher sie kommt, desto sicherer ist sie sich- es ist ein Haus, ein bewohntes Haus, endlich die erhoffte Hilfe, endlich Erbarmen, endlich…
Sie wird langsamer, als das Gehöft sichtbar und klar vor ihr erscheint. Sie hört das Heulen wieder- und versteht, das Heulen kommt von dem Hund auf diesem Hof, der eingeschlossen in einen Zwinger durch die engen Gitterstäbe jault, seinen Ruf nach Freiheit in die Nacht schreit…
In einem Zimmer brennt noch immer Licht und vorsichtig steigt sie die Stufen hinauf zur Eingangstür. Glück und Erleichterung macht sich breit, sie erbebt ob der Intensität dieser Gefühle, die ihr so lange fremd waren. Sie klopf, drei Mal. Nichts. Sie klopft nochmal, diesmal lauter, drängender. Dann, endlich, hört sie Schritte, die sich schwer auf die Tür zu bewegen. Sie stutzt, an irgendetwas erinnert sie dieses Geräusch, was nur, was nur? Bevor sie diesen Gedanken zu Ende führen kann, öffnet sich die Tür. Und da weiß sie, woran sie erinnert wurde.
Denn er steht vor ihr. Mit einem Lächeln.

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17.12.2008 - 09:46 Uhr
LKL
Lg Laura