09.12.2008 - 18:41 Uhr

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Eine Weihnachtsgeschichte - zum Vorlesen oder selber lesen

Text: Tastentiger

Tanzende Schneeflocken

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sich Weihnachten für mich anfühlte, als ich noch ein Kind war. Das ist schon viele Jahre her. Die Winter waren damals sehr lang und sehr kalt, Unmengen Schnee hüllten über Monate hinweg die Natur in ein weißes Kleid. Wir verbrachten so viel Zeit wie es nur ging im Freien, bauten Iglus und Schneemänner, lieferten uns Schneeballschlachten mit den Nachbarskindern und fuhren mit Schlitten, Ski, Plastikbobs und allem Möglichen, was immer auch nur irgendwie rutschte, Wettrennen am Hügel hinter dem Haus, bis uns unsere Eltern bei einbrechender Dunkelheit nach Hause abkommandierten. Die Adventszeit verstrich quälend langsam, die vierundzwanzig Türchen bis Weihnachten waren für uns wie eine Ewigkeit und die Geschenke unterm Tannenbaum an Heiligabend der absolute Höhepunkt eines jeden Jahres. Jeden Abend zündete mein Vater Kerzen an und das Haus war erfüllt vom Duft frischer Plätzchen, die meine Mutter vor meinem Bruder und mir zu versteckten versuchte, weil sie bis Weihnachten reichen mussten. Wir fanden sie jedoch immer. Nur einmal nicht, was zur Folge hatte, dass wir genug Plätzchen bis weit in die Karwoche hinein hatten. Die Weihnachtszeit war eine ganz besondere Zeit für mich – lang, dunkel, still, voller Spannung und Vorfreude auf das, was kommen wird. Weihnachtszeit, das fühlte sich an wie tanzende Schneeflocken in meinem Herzen.

Heute ist alles anders. Es gibt keinen Schnee mehr an Weihnachten, stattdessen grüßen grüne Wiesen hinein in die Wohnzimmer. Weihnachten ist dröhnend laut und hektisch, Horden von Menschen hetzen durch die Straßen der Stadt, getrieben von dem Zwang, Geschenke für andere kaufen zu müssen, die sie mal mehr, mal weniger mögen. Spannend ist längst nicht mehr die Frage, was ich zu Weihnachten bekommen werde, sondern ob ich es trotz verlängerter Öffnungszeiten schaffen kann, einigermaßen vernünftige Geschenke für andere zu kaufen. Plätzchen gibt es, wenn überhaupt, nur verpackt vom Bäcker oder als Geschenk von Müttern mit Kindern. Manchmal bekomme ich einen Adventskalender geschenkt und nicht selten passiert es, dass ich am Wochenende feststelle, dass ich die letzten sechs Türchen vergaß zu öffnen.

Es ist mal wieder Heiligabend, der 24. Dezember. Ich verlasse genervt die Firma nachmittags um halb vier und werfe mich ins Auto. Heiligabend ist in unserem Unternehmen ein halber Arbeitstag und im Dezember gibt es immer viel zu tun, denn der Jahresabschluss steht vor der Tür. Weihnachten feiert die ganze Familie bei meinen Eltern, so will es die Tradition. Vorher muss ich noch zu mir nach Hause, mich umziehen und die Geschenke holen. Für die Kirche ist es mal wieder längst zu spät und zur vereinbarten Uhrzeit werde ich es auch nicht bis zu meinen Eltern geschafft haben. Stille Nacht, hektische Nacht.

Es ist dämmert bereits, als ich über leergefegte Magistralen stadtauswärts fahre. Bunte Lichterketten blinken mit greller Leuchtreklame um die Wette und von innen beleuchtete Nikoläuse, die sich an Hauswänden herablassen, brüllen mich an: „Es ist Weihnachten, also kauf gefälligst etwas!“ Zwanzig Minuten später habe ich die Lichter der Stadt hinter mir gelassen und Dunkelheit umhüllt die sanften Hügel, des ländlichen Umlands. Keine Menschenseele ist um diese Uhrzeit unterwegs. Ich bin allein zusammen mit dem monotonen Brummen des Sechszylinders.

Letzte Nacht hatte ich einen ganz merkwürdigen Traum. Ich rannte kreuz und quer durch die Innenstadt, es war Dunkel wie jetzt, kalter Regen peitschte mir ins Gesicht. Ich wurde verfolgt. Verfolgt vom Teufel persönlich. Ich kann mich genau an seine rote Fratze erinnern und an seine spitzen Ohren. Er lief mir hinterher und schrie mit einer markerschütternden schrillen Stimme: „Ich habe dein Weihnachten gestohlen! Und deine Schneeflocken, die habe ich auch gestohlen. Also lauf so schnell du kannst, denn dich, dich stehle ich als nächstes!“

Nach einer halben Stunde Fahrtzeit verlasse ich die Bundesstraße, ich muss dringend tanken, hatte die letzten Tage einfach keine Zeit dafür. Ich versuche, meine kümmerliches Geschenkarsenal durch einen kleinen Blumenstrauß anzureichern, den ich neben den Geldscheinen bei der Bezahlung auf den Tresen lege. „Fröhliche Weihnachten!“, sagt der Tankwart, als er mir das Wechselgeld gibt. „Das war einmal“, antworte ich leise und trotte mit gesenktem Kopf zurück zum Auto.

Die Einfahrt steht bereits zugeparkt, als ich bei meinen Eltern ankomme. Ich erkenne das Auto meines Bruders und die Wagen von Verwandten und Freunden. Weihnachten ist bei uns jeder aus dem Bekanntenkreis willkommen, der sonst alleine feiern müsste. Deswegen ist jedes Weihnachtsfest ein bisschen anders, obwohl es immer gleich abläuft. Mangels Stellfläche muss ich vor der Garage des Nachbars parken, steige aus und laufe zur Haustür. Ich muss klopfen, denn vor lauter Hektik habe ich den Schlüssel zu Hause liegenlassen. Ganz toll! So stehe ich also da, in der linken Hand eine Tüte von Lidl mit ein paar Geschenken, in der rechten ein überteuerter Blumenstrauß von der Tanke und muss an der Pforte zu meinem Elternhaus um Einlass bitten wie einst Maria und Josef bei der Herberge.

Mit einem Ruck wird die Tür weit aufgerissen. Im Türrahmen steht mein Bruder. Wir sehen uns nicht so oft und seit dem letzten Mal hat er gut und gerne noch mal zwei Kilo zugelegt. „Mensch, dass du endlich da bist!“, ruft er und drückt mich kurz und heftig an seinen Kugelbauch. „Was ist das? Geschenke? Immer her damit. Und das Gemüse? Na, dafür wird sich sicher auch irgendwer begeistern können. Plätzchen gibt’s noch, hab ich gecheckt, auch an den Stellen, von denen sie denkt, die wüssten wir nicht. Jetzt komm halt rein, die ganze Bude wird doch eiskalt.“

Er reißt mir die Tüte und die Blumen aus der Hand und lässt mich auf der Türschwelle stehen. Ich trete ein und schließe hinter mir die Tür. Es riecht nach Wärme und frisch zubereitetem Essen. Ich folge ihm in Richtung Wohnzimmer, das voll ist mit Menschen, die ich mehr oder weniger lange nicht gesehen habe. Meine Mutter rennt mich fast um, zwischen den Händeln hält sie eine Schüssel Kartoffelsalat von der Größe einer Sitzbadewanne. „Kind, kommst du wieder so spät, ich wollte ja mit dem Essen noch warten, aber dein Herr Erzeuger hat ja wieder so einen Hunger!“ „Der Pfarrer hat mir aber auch wieder ein Loch in den Bauch gepredigt!“, brummt es aus der Sofaecke. Mein Vater erhebt sich, legt die Zeitung beiseite, läuft auf mich zu und umarmt mich. „Fröhliche Weihnachten, mein Junge!“

Ich begrüße die anderen Gäste, wir setzen uns an den Tisch und essen, reden, lachen. Erzählen Geschichten aus dem sich zum Ende neigenden Jahr und diskutieren über Pläne und Vorhaben, die wir im neuen in die Tat umsetzen möchten. Wir bescheren uns unterm Weihnachtsbaum, der wie jedes Jahr der schönste ist, den wir je hatten, singen und spielen Weihnachtslieder, sitzen und trinken zusammen, sind fröhlich, manchmal auch nachdenklich und genießen das Gefühl, gemeinsam an diesem Abend ein Fest zu feiern.

Nach und nach verabschieden sich die Anwesenden. Manche fahren noch zu einer anderen Feier, andere gehen nach Hause und wieder andere nutzen die Option, in einem der Gästebetten im Dachgeschoss zu übernachten. Es ist bereits weit nach Mitternacht, als mein Bruder und ich unsere Gläser zum letzten Mal füllen. Die Plätzchen aus dem Waschküchenversteck haben wir bereits vernichtet. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn wir sind uns sicher, dass hinter den Kreissägeblättern im Gartenhaus noch eine große Kiste steht. „Ich glaube nicht, dass er an Weihnachten so kleinlich sein wird“, sagt mein Bruder und fischt aus der Zigarrenkiste meines Vaters die letzten beiden Exemplare. Ganz still ist es geworden. Kerzen flackern, trockenes Holz knackt im Kachelofen, es duftet nach Plätzchen und frischen Tannennadeln. Was für eine Freude in diesem Haus heute Abend wohnte. Was für ein schönes Gefühl von Gemeinschaft, Herzlichkeit, Familie, Liebe, Friede auf Erden. Ist es nicht genau das, worum es an Weihnachten eigentlich geht? Ist das nicht der Kern der Botschaft, den dieses Fest beinhaltet? Sind das nicht genau die Dinge, die uns Menschen miteinander verbinden? Die unsere Menschlichkeit ausmachen? Gefühle, die alle Menschen mögen, alle Menschen suchen, alle Menschen wollen und die alle Menschen einen, völlig egal, ob sie daran glauben, dass in dieser Nacht der Heiland geboren wurde oder nicht? Ist es nicht ein Zeichen dafür, dass es einen Gott geben muss, der es den Menschen möglich macht, ein solches Fest der Menschlichkeit zu feiern? Heißt es nicht sinngemäß an Weihnachten: „Und Gott wurde Mensch und wohnte mitten unter uns?“

Während ich mitten in der Heiligen Nacht neben meinem Bruder auf dem Sofa im Hause meiner Eltern sitze und tief in Gedanken versunken über diese Fragen sinniere, spüre ich auf einmal etwas in mir. Ja, da ist es! Ganz deutlich. Wie früher. Tanzende Schneeflocken in meinem Herzen.

„Guck mal,“, sagt mein Bruder und deutet zum Fenster hinaus, „draußen schneit’s. Stell dich schon mal drauf ein, dass wir in ungefähr fünf Stunden zum Schneeschaufelappell in der Hofeinfahrt antreten dürfen.“

„Mach ich“, antworte ich und lächle dabei.

„Und was findest du daran so lustig?“

„Weißt du,“, sage ich und stoße mit meinem Glas die Kante seines Glases an, „der Teufel ist ein verdammter Lügner.“



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4 Kommentare

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GMG
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Mag ich Mag ich nicht

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09.12.2008 - 18:53 Uhr
GMG

Schöner Text ! *

virgina
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Mag ich Mag ich nicht

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09.12.2008 - 19:04 Uhr
virgina

Mensch, Junge..

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Mag ich Mag ich nicht

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09.12.2008 - 19:06 Uhr
virgina

Wo sind nur diese verdammten Flocken und der Plätzchenduft?

emmy44
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Mag ich Mag ich nicht

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10.12.2008 - 20:42 Uhr
emmy44

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