28.11.2008 - 18:30 Uhr

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"Hier sind fast eine halbe Million Menschen HIV-positiv"

Text: matthias-kolb - Fotos: rtr

In keinem Land Europas ist HIV/Aids so verbreitet wie in der Ukraine. Der Regisseur Karsten Hein zeigt in seinem Film "Am Rande", der am Montag auf Arte läuft, die Hintergründe der Epidemie auf. Ein Interview

jetzt.de: Karsten, wieso hast du dich so lange mit dem Thema AIDS in der Ukraine beschäftigt?
Karsten Hein:
Eine Freundin kam vor sechs Jahren aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa zurück und war völlig schockiert darüber, wie dort mit Aids umgegangen wird und wie die Infizierten behandelt werden. Also habe ich 2003 in Odessa den Dokumentarfilm „So wollen wir nicht sterben“ gedreht, doch die Reaktionen in Deutschland waren gering. Wir haben dann eigene Hilfsprojekte gestartet, aber mir wurde klar, dass man mehr über die Hintergründe der Epidemie in der Ukraine informieren muss. Wir sprechen hier über ein Land, in dem ein Prozent der Bevölkerung HIV-positiv ist – fast eine halbe Million Menschen – und das man von Deutschland aus mit dem Flugzeug in zwei Stunden besuchen kann.

jetzt.de: Dein neuer Film trägt den Untertitel „Sechs Kapitel über Aids in der Ukraine“. Wieso hast du diese Episodenform gewählt?
Karsten:
Es gibt ein Geflecht von Gründen für das große Ausmaß von HIV in der Ukraine. Ein Problem sind die Drogen: Zwei Prozent der Ukrainer spritzen sich nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation Drogen – selten Heroin, sondern meist billige Mischformen aus Opiaten oder synthetischen Rauschmitteln. Das ist ein Unterschied zu Westeuropa, wo sich Aids vor allem unter homosexuellen Männern ausbreitete. Um die Sucht zu finanzieren, müssen viele Abhängige klauen und die Frauen verdienen sich das Geld als Prostituierte. In der früheren Sowjetunion ist die Epidemie ein soziales Problem: In den Neunziger Jahren zerbrach der Staat ebenso wie das Gesundheitssystem. Viele junge Leute haben keine Zukunftsperspektive – vor allem im Osten des Landes, wo viele Bergwerke geschlossen wurden. Armut verstärkt die Aidsproblematik. Hinzu kommt ein massiver Wodkakonsum: Acht Millionen Ukrainer gelten als schwere Trinker.

Zwei Mädchen in Kiew bei einer Demonstration: Es geht um mehr Aufmerksamkeit für HIV-Infizierte in der Ukraine. Das Bild stammt aus dem Jahr 2005.

jetzt.de: Dein Film zeigt auch die Folgen der Epidemie: Familien zerbrechen, Kinder wachsen ohne Eltern auf.
Karsten:
Es gibt viele Fälle, in denen die Eltern an Aids oder Tuberkulose sterben und die Kinder ins Waisenhaus müssen. Oft springen die Großeltern ein und kümmern sich um die Enkel, wenn die eigenen Kinder dazu nicht in der Lage sind. Die ganze Alterstruktur dreht sich dort um. Gerade in den Neunziger Jahren haben viele Mütter ihre eigenen Kinder infiziert, weil sie selbst nicht wussten, dass sie HIV-positiv waren.

jetzt.de: Deine Hauptdarsteller leben am Rande der Gesellschaft. Du warst in Gefängnissen und hast mit Prostituierten und Junkies gesprochen. War es schwer, an die Leute heranzukommen?
Karsten:
Nein, eigentlich nicht. Beim ersten Film 2003 hatten die Leute noch sehr viel Angst und kaum jemand wollte sich vor der Kamera zeigen – deswegen ist „so wollen wir nicht sterben“ nie in der Ukraine gezeigt worden. Doch seit der Orangenen Revolution haben die Leute keine Angst mehr, über die Unfähigkeit der Politik oder die korrupte Polizei zu reden. Ich wurde auch bei den Dreharbeiten nicht behindert.

jetzt.de: Mehrere Filmszenen sind schockierend und nur schwer anzusehen. Hat dich dieses Elend nicht belastet, hast du daran gedacht, aufzugeben?
Karsten:
Nein, man gewöhnt sich daran, wenn man in diesem Milieu unterwegs ist. Ich habe erst bei den Vorführungen in Deutschland gemerkt, wie schockiert manche Leute sind, wenn sie die ausgemergelten Körper der Junkies und deren Behausungen sieht. Härter war für mich die Arbeit in Odessa, weil ich damals nicht wusste, was mich erwartet. Manche Erlebnisse von damals haben mich lange nicht losgelassen.

jetzt.de: Was hast du damals gesehen?
Karsten:
Wir haben Aidspatienten unter schrecklichen Bedingungen sterben sehen, ohne Schmerzmittel. In einer Tuberkuloseklinik lagen 20 Menschen in einem Zimmer: Einer im Bett, einer auf dem Boden, einer im Bett und überall das Gehuste. Es war so eng, dass nur mein Kameramann im Zimmer filmen konnte. Ich stand auf dem Flur und habe aus Neugier einen Vorhang zur Seite gezogen: Auf dem Boden lag eine hochschwangere Frau, sie war mindestens im 8. Monat. Die Ärztin sagte später, dort sei es für sie besser als im Zimmer.

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