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Interview
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Kultur| 04.11.2008 18:30Blinddate mit Badezimmerkacheln
Text: carola-hoffmeister
funk25 ist Straßenkünstler. Er kämpft gegen Faschismus, Rassismus, Sexismus, Homophobie. In den 90ern besprühte und beklebte er U-Bahn-Waggons, Garagen und Häuserwände. Jetzt hat er eine neue Taktik im Guerilla-Straßenkrieg: die Badezimmerkachel. Ein Gespräch über Streetart, Porzellanfliesen und ein Leben im Verborgenen.
Ein sonniger Tag um kurz nach zwei. funk25 und ich treffen uns in einem Hamburger Café. Ein Blinddate. Denn als Graffiti-Künstler, der schon ein paar Mal die Polizei im Haus hatte, achtet funk darauf, inkognito zu bleiben. Schließlich erscheint ein noch müder Typ in Jeans und mit Baseballkappe. Er bestellt frisch gepressten Orangensaft und Müsli zum Frühstück. Wie kann ich sicher sein, dass du funk25 bist? funk25: Kannst du nicht! (lacht). Vielleicht habe ich einen Stellvertreter geschickt. Du siehst aus wie ein Fahrradkurier. Hast Du ein Fahrrad? Ich hab hier ein paar funk-Sticker, die du darauf kleben kannst (funk kramt in seiner Umhängetasche und holt Sticker mit Fahrradmotiv raus). Das Rad ist mein Markenzeichen. Warum? Es steht für autonome Fortbewegung. Dafür, dass man völlig frei ist, seinen Weg wählen kann. Mal schnell, mal langsam, mal aggressiv, mal ganz gemütlich. [plugin bildergalerie Bild1="" Bild2="" Bild3="" Bild4="" Bild5="" Bild6="" Bild7="" Bild8=""] In welchem Tempo bewegst Du dich? Kommt drauf an. Auch meine Bildsprache wechselt. Mal ist sie drastisch und aggressiv. Reclaim your City! zum Beispiel. Oder melancholisch wie bei dem Geigenspieler, darunter steht: Music for the dark corners. Da wollte ich wegkommen von der ganzen Ich-hau-dir-vor-die-Fresse-Optik. Ich wollte die dunklen Orte der Stadt bespielen und die Melancholie zeigen, die es im Leben der Großstädter gibt. Wie kamst Du zur Streetart? Zum ersten Mal hatte ich eine Sprühdose in der Hand, als ich mein Fahrrad umlackieren wollte. Das war Anfang der 90er in Weimar. Damals hing ich ziemlich viel in einem besetzten Haus ab, das war so was wie mein Zweitwohnsitz. Das hat mich sehr geprägt und mein Interesse für linke Politik geweckt. Zum Sprayen kam ich, weil ich in Weimar Schablonen-Graffitis mit antifaschistischem Inhalt gesehen habe. Nachdem ich einmal in New York war, war ich völlig angefixt von Streetart und hab angefangen selber Schablonen herzustellen und zu sprayen. Richtig schön illegal, rausgehen, rausgehen, Nacht für Nacht, die ganze Straße mit Graffitis zubomben. Das gab natürlich Stress. Einige Male waren die Bullen bei mir zu Haus, Gerichtsverfahren gab es auch. Weimar war 1999 europäische Kulturhauptstadt, und drei Jahre vorher hieß es schon, man will die Stadt sauber halten. Das haben sie nicht hingekriegt. Weil du so viel gesprayt hast? Die Polizei hat mich ein bisschen zum Haupttäter stilisiert. In meinem Gerichtsurteil stand die Auflage, dass ich meinen Hauptwohnsitz woanders anmelden muss. Das ist faktisch ein Rauswurf! Aber meinetwegen. Ich wollte sowieso weg und bin nach Hamburg gegangen, um zu studieren. In Hamburg hab ich dann ziemlich schnell Anschluss gefunden an die Graffiti-und Sprayer-Szene. Wie arbeitest du? Ich hab ein Atelier. In mühevoller Kleinarbeit sitze ich da, stunden- und tagelang, schneide mir die Finger wund bis fast zur Sehnenscheidentzündung. Viele Leute nutzen Photoshop und erstellen sich so ihre Vorlagen für die Schablonen. Ich zeichne selber. Du bedruckst neuerdings Badezimmerkacheln mit Deinen Motiven. Kacheln – das klingt nach Streublümchenmuster und Meister Proper, nicht nach Guerilla-Taktik. Der Fliesenkleber ist ganz schön garstig, der klebt schon. Wenn die Kachel runter soll, bröckelt der Putz. Das ist Sachbeschädigung nach Paragraf 303. Gab es Ärger wegen den Kacheln? Mit der Polizei weniger. Aber man sieht öfter, dass eine Ecke von den Fliesen abgebrochen ist. Die Leute finden die Kacheln schön und wollen sie sich zu Hause übers Sofa hängen. Bisschen traurig, bisschen schade, weil Streetart dann nicht verstanden wurde. Ich mach es ja gerade, damit es alle sehen – besonders diejenigen, die es nicht sehen wollen. Aber ich hab langsam aufgehört, mich drüber aufzuregen. Wie kamst Du auf die Idee mit den Kacheln? Ich war genervt vom Hamburger Wetter. Meine Poster und Sticker hielten immer nur ein halbes Jahr, bis Regen und Witterung die Arbeit vernichtet haben. Ich dachte, ich brauche etwas, das länger hält. Dann war ich beeinflusst von den Space Invaders in Paris, die aus kleinen Kacheln Mosaike herstellen. Ich dachte: Hey, Kacheln sind super, damit fange ich an! In Hamburg war ich der Erste. Wenn Du die Kacheln bedruckt hast, stapelst Du sie in deinen Rucksack, schwingst dich aufs Rad und beklebst Häuserwände? Genau. Mehr als 20 Kacheln passen allerdings nicht in den Rucksack, dann wird er zu schwer. In anderen Städten bin ich mit meinem VW-Bus unterwegs. Das ist praktisch, weil ich den Laderaum voller Fliesen packen kann. Wir verlassen das Café. funk fährt morgen nach Nizza und muss in der Drogerie einkaufen: Proteinriegel, Wellness-Getränke, Kerzen, Kondome. Wo hängen deine Kacheln überall? Frag lieber, wo sie nicht hängen. Ich klebe überall in Deutschland. In Tokio, Istanbul, Kopenhagen, Belgrad, Krakau, Budapest. Zuletzt war ich in Tel Aviv. Wie funktioniert Streetart in anderen Ländern? In Bordeaux oder Toulouse gibt es Patchwork-Wände, die zig Mal überstrichen wurden. Die schönsten oder besten Motive lassen sie stehen. Dadurch entsteht eine seltsame Optik, die man aus Deutschland nicht kennt. Aus dem verklemmten, spießigen Deutschland, wo jede Wand sauber sein muss und immer wieder neu gestrichen wird. Wo klebst du die Kacheln hin? Da ist eine süße kleine Straßenecke, wo eigentlich gar nichts los ist. Da hab ich ein Plakat hin gehangen, das auf die zunehmende Überwachung anspielt. Die Leute bleiben dann stehen und fragen sich: Wieso hier? Hier wird niemals eine Überwachungskamera hängen. Du willst irritieren. Was macht der funk, was will der funk – ganz genau. Und vielleicht fangen die Leute dann selber an, die Umgebung zu verändern, menschlicher zu machen. Weil sie nicht nur Bewohner sein wollen, die arbeiten, Bier trinken, Fernsehen, schlafen. Saubere Städte ohne Graffiti sind seelenlos. Wir haben alles eingekauft, ich folge funk durch die Straßen Wohnst du hier in der Nähe? Sag ich nicht. Ich hab sowieso schon zu viel über mich erzählt. Weitere Infos und Bilder findest du unter funk25.net. Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Teste Deutschlands große Tageszeitung jetzt zwei Wochen kostenlos und unverbindlich: hier klicken!
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