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Sex

| 14.09.2008 19:26  

Mit „Nee, ist egal“ fangen Enden an.

Der Sommer ist abgehauen, ohne Tschüss zu sagen, und jetzt gehst auch noch du. Stuttgart heißt deine Neue, und sie hat alles, was ich nicht hab: kaltes Bier, nen Job für dich und kein Herz. Sie hat dich trotzdem rumgekriegt. Darum sitzen wir jetzt hier mit septemberluftwarmem Pils und tun das, was so falsch ist, wie es schon klingt: Abschied feiern.

Die Bank, auf der wir sitzen, steht in meinem Hinterhof und irgendwann in dem Museum, das ich bauen werde. Eltern können ihren Kindern dann dort die Welt erklären, die sie noch verstanden haben: „Auf sowas hat man früher gesessen und Chancen verpasst.“ Die Kinder werden popeln und nicken. Chancen sind sowas wie ihre Computerspiele: Alle haben sie, manche können damit umgehen, und für die Doofen heißt’s Game Over.

Sechs Jahre gleiche Stadt, gleiche Uni, gleiches Viertel, gleicher Spruch: „Wir passen nicht zusammen.“ Sowas sagt sich leicht, wenn man dran glauben will. Das zu wollen hatten wir beschlossen nach einem Kuss und einem Streit vor beinahe sechs Jahren. „Freunde sein nannten wir das früher“, werden die Eltern in meinem Museum sagen. Die Kinder werden rülpsen und verstehen. Freunde sind sowas wie ihre Fußballbildchen: Die meisten sammeln so viele wie möglich, die wenigsten wissen, warum, und die Kaputten will keiner.

Schon einmal saßen wir hier auf der Bank: Silvesternacht 2005, ich fast verliebt und du fast nicht. Albernheit war nichts gegen uns, aber als ich ernst wurde, sagtest du, mir sei heute nacht ja jeder recht, und wolltest kein Neujahrsjeder sein. Dein Pullover, den du mir gabst, kratzte an den Armen wie dein Bart an meiner Wange. „Behalt den“, sagtest du und meintest nicht den Kuss. Den Kratzpullover habe ich immer noch. Zum Glück, denn es wird sicher kalt allein auf der Hinterhofbank. Nur das Bier, das wird warm sein. Das gehört sich so, denn betrunken zu sein von warmem Bier ist ungefähr so traurig wie verlassen zu werden von jemandem, der einem eigentlich nicht fehlen dürfte.

Da sitzen wir also zum letzten Mal, du tust cool und ich spiel Klimawandel. „In einer Stadt voller Ihrkönntdochtelefonierensager will ich nicht bleiben“ – liegt bestimmt am Bier, dass ich so etwas herausholpere, oder es liegt auch nicht am Bier. Vor allem liegt es an dir. Du willst was sagen, was mit „Du…“ anfängt, und hörst auf mit „…nee, ist egal“. Apropos aufhören: Das kommt auch in mein Museum, Abteilung: abstrakte Kunst. „Aufhören“, werden die Eltern dozieren, „ist wichtig, wenn es mit etwas genug ist.“

Die Kinder werden Blicke tauschen und verstehen. Aufhören ist wie Dünstgemüse essen: Keiner will es, jeder muss es irgendwann mal, und glücklich wird niemand davon.

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ohwellwhatever 14.09.2008 | 19:30
"Das gehört sich so, denn betrunken zu sein von warmem Bier ist ungefähr so traurig wie verlassen zu werden von jemandem, der einem eigentlich nicht fehlen dürfte."

mag ich.

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alcofribas 14.09.2008 | 19:35
ich kauf ne dauerkarte für dein museum. oder mach den typ, der sich statt frührente doch noch für nen job im kulturbereich entschieden hat und raunze rülpsende kinder an, die die exponate anfassen

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herzschlag_ins_gesicht 14.09.2008 | 19:36
fabelhaft.

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amplifythegoodtimes 14.09.2008 | 19:40
Aber was nie aufhört, ist doch auch traurig. Das habe ich mal gelernt, von Max Goldt oder dir, ich weiß es nicht mehr so genau.

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chippyq 14.09.2008 | 19:41
kinder sind zu kurze leute ohne verstand! überfällig, dass du das änderst.

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HowCanILive 14.09.2008 | 19:44
*

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wendehals 14.09.2008 | 20:03
Och...
*

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shirin80 14.09.2008 | 20:03
super super toll geschrieben. viele tolle zeilen. auch viele traurige. wie das nunmal so ist...*

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light_my_fire 14.09.2008 | 20:10
wahnsinnstext!
ich fordere eine lobhymne für deine schreibe

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lastpub 14.09.2008 | 20:23
grandios!*

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