08.09.2008 - 19:00 Uhr

0 60 Über Twitter weiterempfehlen

Das Lieben der anderen

Text: philipp-mattheis - Illustration: Jakob Wakobinger

Ein Hetero-Autor verbringt eine Nacht in einer Schwulenbar, ein schwuler Autor wagt sich in die Balztempel der Heteros

Allein unter Heteros Die Toten Hosen mit der Schnulzballade „Nur aus Liebe“ katapultieren mich zurück auf alte Schulpartys. Damals ging ich nur mit, weil alle hingingen, wegen Alkohol, angesagter Musik und den Frauen. Das hat mich immer gelangweilt. Und nun wieder: Engtanzen, Knutschtermin! „. . . und ich nicht weiß wie ich’s beweisen soll“ mitsäuseln, in der Nachtgalerie. Ich möchte nur noch weg! Und weiß, dass ich es jederzeit kann, weil ich dem Hetero-Käfig entflohen bin. Heute abend bin ich freiwillig zurückgekehrt; auf Safari in die Bars, in denen heterosexuelle Mitmenschen ihre Neigungen ausleben. Nichts Besonderes, könnte man meinen: Immerhin atmet unsere Gesellschaft dieses ganze Mann-Frau-Ding, immer schwingt da irgendwas mit, täglich auf der Straße, im Alltag, in allen Büchern und Fernsehsendern. Und wenn es mal nicht um das Junge-Mädchen-Spiel geht sondern um Junge-Junge oder Mädchen-Mädchen, ist es gleich was Außergewöhnliches. Doch jetzt will ich dahin gehen, wo das Gewöhnliche außergewöhnlich wird. Für mich. An die heterosexuellsten Orte der Stadt. Dort, wo sich alle in ihre Geschlechterrollen schmeißen, die Typen über Titten, Fußball und Autos reden, und Frauen über Schminke, Mode und Celebrities fachsimpeln. Also nicht sowas Metrosexuelles wie das Atomic, wo die Jungs Lidschatten tragen und die Frauen Baggypants. Nee, etwas krasser sollte es sein. Die erste Station meiner Hetero-Safari ist das Substanz. Gefährliche Expeditionen soll man nie allein unternehmen, also habe ich meine Bezugsgruppe dabei, bestehend aus einem Schwulen und einer Lesbe. . Ich frage den Türsteher, wann die heterosexuell geprägte Party denn nun losgeht. „Heterosexuell?“, raunzt er mich an, „das Wort mag ich schon nicht. Ich nenne es lieber normal.“ Aha. Gleich die erste Lektion gelernt. Hier ist man also „normal“. Beim Flanieren durch den Club genieße ich dann etwas Ungewohntes: Freiheit. Das Auschecken fällt weg. Ich werde nicht ständig angeschaut und eingeschätzt wie in einer Homo-Bar, sondern kann mich einfach nur amüsieren und ich selber sein. Irgendwie paradox: Eigentlich wurden doch die Homo-Lokale genau deswegen gegründet, um dort mal ganz normal zu sein. Nicht als Homo unter lauter Heten. Das Dumme ist nur: Unsere Homo-Expedition will sich so gar nicht unnormal anfühlen. Im Gegenteil. Meine beiden Begleiter entscheiden spontan, dass sie bleiben, besser wird's sicher nicht, sagen sie. Ich denke: Nicht besser, aber vielleicht heterosexueller. Damit sie zusammenfinden, müssen sie sich erst trennen Die Milchbar in der Sonnenstraße wurde mir als straighter Ort mit hohem Flirtfaktor empfohlen. Die Bar im ersten Stock ist gerammelt voll, gleich am Eingang tanzt ein umwerfend schöner Mann lasziv mit seiner natürlich weiblichen Begleitung. Na toll, denke ich neidisch, fängt ja gut an. Und so bleibt’s auch: Der Homo-Faktor ist verschwindend gering. Die Leute kommen als Pärchen oder in geschlechtlich getrennten Gruppen; Frauen nippen kichernd an Longdrinks, Männer proben Imponiergesten: Sie schwenken ihr Bier, lachen laut und fahren sich verwegen durchs Haar. Merke: Wenn die Geschlechter zusammenfinden wollen, müssen sie sich erst einmal trennen, in verschiedene Ecken der Disko und in ihre jeweiligen Rollen. Frauen halten sich zurück, werfen mal einen verschämten, mal einen frechen Blick in Männerrichtung – aber das Ansprechen müssen die Männer übernehmen. Mir wäre das auf Dauer zu anstrengend. Der Flirtplatz Nummer 1 wird auch nicht genutzt. Vor dem Klo steht eine lange rote Ledercouch mit Kissen, perfekt zum Sitzen, Sehen und Gesehenwerden. Hier würde sich auf einer Homoparty Hinz und Kunz lümmeln, es gibt keinen besseren Ort zum Gucken. Aufs Klo muss schließlich jeder mal. In der Hetero-Location Milchbar sitze ich dort allein. Allein unter Heteros, denke ich und beschließe, dass das hier noch nicht krass genug ist. Ab in die Nachtgalerie, liebevoll „Naga“ genannt. „Mach dich locker“ ist das Partymotto. Ein Setting, auch tauglich für Homo-Partys: zwei Tanzflächen mit Pop und „Can you feel it“-Stampf-Elektro, draußen ein großer Garten mit Liegestühlen. Nur das Publikum ist sehr hetero, sehr „männlich“ bzw. „weiblich“: Die Frauen tragen Röckchen, hochhackige Schuhe und Handtäschchen (mit Silberglitzer). Die Jungs haben Gel im Haar, tragen Herrenhemden und sind so betrunken, dass sie sich an den Tischen festhalten müssen. Frauen locken, Männer werden aktiv. Aus den Lautsprechern röhrt Tina Turner „Simply the Best“, ein etwa 20-Jähriger im weiß-blauen Polohemd tanzt zwei blonde Vorstadtschicksen im Minirock an, er singt ihnen den Refrain immer wieder ins Ohr, um sie zu betören. In einem Schwulenclub gäb’s das nicht, jedenfalls nicht so offensiv. Dort sind Männer unter sich, Balzen wie ein Gockel ist da nicht drin, viel zu uncool. Unter Heten ist dagegen ganz klar, wer Ritter ist und wer das Burgfräulein. Derweil erleichtert der DJ die Balz und spielt Balladen. Ich überlege zu gehen, aber halte durch, um zumindest das noch zu erleben: den tiefen Griff in die 80er-Jahre-Kiste, Nena singt „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“. Wer vorher noch seinem Tanzpartner beim Blues in den Kragen gesabbert hat, reißt sich jetzt los und flippt aus – ganz wie auf den besten Homo-Pop-Partys. Ich denke an meinen ersten Freund, der bei diesem Song immer an genau an dieser Stelle innehielt und mir mit Nena sagte: „Liebe wird aus Mut gemacht.“ Es fordert manchmal Mut, in der normalen Welt nicht normal zu sein. Und wenn es nur der Mut ist, jemand anderen anzusprechen – egal ob homo oder hetero. malte-goebel
Zurück Seite 1 2


Neue Magazin-Texte:
Textoptionen
Mehr Texte von
philipp-mattheis
Mehr Texte zum Label
jetztgedruckt
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Kommentar

speichern

Jetzt-Mitglied

philipp-mattheis unbekannt

philipp-mattheis

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.