26.08.2008 - 19:00 Uhr

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Besuch beim anonymen Melancholiker – PeterLicht im Interview

Text: johannes-graupner - Portraitfoto: ADD ON MUSIC/Christian Knieps ; Sonstige Bilder: johannes-graupner

Nach zwei Jahren meldet sich PeterLicht mit einem sehr melancholischen Album zurück. Dürfen wir damit auch mehr über den medienscheuen Menschen hinter der Kunstfigur erfahren? jetzt.de hat ihn in Köln getroffen

PeterLicht hat als Treffpunkt das "Café Wahlen" ausgesucht, ein ruhiges und nostalgisches Café im Zentrum Kölns. Ein paar Rentner rühren leise klimpernd in ihrem Vormittags-Kaffee, das dumpfe Tageslicht zerstreut sich an schweren Zier-Gardinen. Ein melancholischer Ort, absolut passend zu PeterLichts neuem Album, das „Melancholie und Gesellschaft“ heißt. Er singt darauf über Liebe, Abschied und Trennungen, Freiheit, Sterne und das Meer. Dazu hört man Klavier und Streicher seufzen. Die Themen klingen verdächtig nach Kitsch – doch PeterLicht schafft es, diesen bedeutungsschwangeren Symboliken einen wahlweise positiv-melancholischen Tiefgang oder ironische Subtilität zu verleihen.

Von dem Menschen hinter PeterLicht weiß man wenig – es gibt kaum Fotos von ihm, seinen echten Namen und seine Biographie gibt er nicht preis. Bereits im Video zu seinem Erfolgssong „Sonnendeck“ ließ er sich von einem blauen Bürostuhl vertreten. Zum Interview erscheint er aber persönlich, lächelnd – und sogar ein paar Minuten zu früh. Er stellt seinen Rucksack in die Ecke, rutscht tief in seinen nussbraunen Holzstuhl und rückt die große Nerd-Brille auf seiner Nase zurecht. Er ist ungefähr Mitte 30, sein blondes Haupthaar lichtet sich bereits ein wenig. PeterLicht bestellt ein Mineralwasser, nippt vorsichtig daran. Er spricht sehr leise, das Zuhören erfordert Konzentration. Fast hat man Angst, hinterher auf dem Tonband nichts zu hören – dabei liegt das Aufnahmegerät direkt vor ihm auf dem Tisch.

jetzt.de: Peter, bist du glücklich?
PeterLicht (ohne zu zögern): Ja, definitiv.

Was macht dich denn gerade glücklich? Dein Album transportiert doch einigen Schwermut.
Hm...das ist schwer zu sagen. Was ist Glück überhaupt genau? Ich bin glücklich, aber auch gestresst. Heute bin ich glücklich, weil ich mit dem Fahrrad hierher gefahren bin.


Kamerascheu: PeterLicht auf einem Promo-Foto, ebenfalls geknipst im Café Wahlen


„PeterLicht“ ist eine Kunstfigur, dein Leben dahinter hältst du sehr geheim. Auf deinem neuen Album tritt der Mensch dahinter viel deutlicher als bisher zum Vorschein – das steht zumindest im PR-Text deines Plattenlabels. Stimmt das?
Ja, das stand da so. Promo-Texte sind Sollbruchstellen. Das Allerletzte, was man mit Promo-Texten machen sollte, ist, an sie zu glauben. Ich habe den Verfasser auch anders verstanden. Ich glaube es ging darum, dass das Album direkter ist und weniger doppelten Boden hat. Sonst hat sich nichts geändert und ich will auch nichts ändern. Es geht um PeterLicht, nicht die Person dahinter.

PeterLichts Reaktionen schwanken stark – mal lacht er, mal schweigt er sehr lange. Relative Offenheit und totaler Verschluss variieren danach, wie persönlich ihm die Frage erscheint. Persönliche Auskünfte vermeidet er durch abstrakte bis philosophische Antworten, bei denen er nur flüchtigen Blickkontakt hält.

Abschiede lösen oft Melancholie aus. Lebensabschnitte gehen zu Ende, eine Liebe geht vorbei. Gab es solche Schlüsselmomente, wodurch das Album den melancholischen Schwerpunkt bekam?
Nein, es gibt kein konkretes Ereignis. Vielleicht ist die gesamte Melancholie der anderen Menschen in den Fokus gerückt. Die Melancholie kam nicht von mir. Sie ist mir überall begegnet, in der Gesellschaft. Ich hab gestern wieder Olympia geguckt – erst sieht man die jubelnde Sportlerin, dann die überführte Täterin. Diese überblendeten Bilder sind für mich sehr melancholische Augenblicke.

Dein Album heißt genau wie ein Soziologie-Klassiker von Wolf Lepenies. Kein Zufall, oder?
Ich hatte den Titel schon ausgesucht, dann war ich überrascht, dass es schon ein Buch mit gleichem Titel gab. Dann dachte ich nee, das kannst du auf keinen Fall so bringen. Aber als ich dann „Melancholie und Gesellschaft“ gelesen habe, fand ich, dass es sehr wohl harmoniert.

Lepenies hat in einem Interview zwei Seiten von Melancholie formuliert. Es gibt einerseits die Gefahr der lähmenden Traurigkeit, andererseits die kreative Inspiration für Künstler. Für die Griechen war Melancholie der schwarze Gallensaft, der den Körper innerlich vergiftet. Was ist sie für dich?
Es ist wie bei allen Giften eine Frage der Dosis. Es hat nicht ganz randscharfe Abgrenzungen zur Resignation und Depression. Aber Melancholie ist für mich auch eine Art von stolzer Haltung, von Distanziertheit. Vielleicht eine der letzten Möglichkeiten, aus dem System auszutreten. Mit dem Melancholiker kann man keinen Staat machen. Aber Melancholieproduktion ist gleichzeitig auch ein eigenes Wirtschaftsgut. Ich lebe davon, dass ich von Melancholie singe und das verkaufe.


Melancholie hilft Musikern. Das Café Wahlen liefert das passende Ambiente.

Kannst du besser arbeiten, wenn du melancholisch bist?
Melancholie ist ein sehr dankbares Gefühl, besonders als Musiker. Rein fröhliche Musik gibt es ja eigentlich auch gar nicht. Irgendwo muss immer noch mal ein schwarzes Loch mitgeliefert werden.

Hast du ein Gegengift, wenn du zu melancholisch und traurig bist?
Das Beste ist, rauszugehen und loszulaufen. Hauptsache bewegen und raus aus der Enge.


Auf der nächsten Seite: PeterLicht über sexuellen Overkill, schmerzhafte Trennungen und die quälende Enge kleiner Bühnen
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johannes-graupner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.