15.08.2008 - 19:00 Uhr

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Wie die Universität mich enttäuscht hat. Zum Beispiel Anna, Lena und Sarah

Text: lars-weisbrod - Illustration: Eva Hillreiner

Lehramtstudentinnen sind bisweilen eine nervige Klientel - für sie hat die Schule nie aufgehört. Leider sind sie deshalb auch top für das Studieren an der reformierten Universität geeignet

Ich habe drei Kommilitoninnen, nennen wir sie Lena, Anna und Sarah. Lena, Anna und Sarah studieren auf Lehramt. Sie sehen gut aus, tragen DaKine-Rucksäcke und Samstags gehen sie manchmal aus, zusammen natürlich. Wenn dann "Walking on sunshine" läuft, kreischen sie und stürmen die Tanzfläche. So stelle ich es mir zumindest vor, ich bin ihnen Samstagabends bisher noch nie begegnet. In Seminaren sind die drei hauptsächlich damit beschäftigt, hektisch mitzuschreiben und Texte mit verschiedenen bunten Textmarkern so lange zu bearbeiten, bis sie jeden Sinn der Arbeitstechnik des Unterstreichens pervertiert haben, weil nun die wenigen nicht unterstrichenen Wörter ins Auge fallen.
Manchmal stellt eine der drei auch eine Frage. "Also ich studiere ja nach der alten LPO", fängt Lena dann an zu erzählen, "war aber letztes Semester mit Erasmus in Lettland und weiß jetzt nicht, welchem Modul ich dieses Seminar zuordnen kann, wenn ich vielleicht nächstes Semester Prüfung in Alt-Griechisch machen will." Der Dozent weist sie meist darauf hin, mit solchen speziellen Problemen doch lieber nach der Veranstaltung zu ihm zu kommen, was Lena mit einem wütenden Blick quittiert, den sofort, aus Solidarität, auch Anna und Sarah auflegen. Meldet sich eine der drei und trägt keines dieser Also-gestern-ist-meine-Katze-gestorben- und-da-wollte-ich-mal-fragen-Probleme vor, sagt sie stattdessen mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit einen der folgenden fünf Sätze: "Das ist doch alles Definitionssache." "Jeder Mensch ist doch unterschiedlich." "Letztlich muss das jeder für sich selbst entscheiden" "Aber ein Gedicht soll doch auch schön sein!" "Also mein Freund studiert ja Informatik/Physik/Wasserbau und der hat gesagt ..." Ich würde viel dafür geben, keinen dieser fünf dummen Sätze je wieder an der Uni hören zu müssen. Nicht weil sie so falsch wären (vermutlich stimmen sie ja sogar), sondern weil sie so offensichtlich sind und trotzdem immer und immer wieder gesagt werden, meist auch noch im Tonfall des Rebellisch-Erkenntnisreichen. Ich habe Lena einmal versucht zu erklären, was an den Sätzen nicht stimmt, aber sie hat dann nur diesen wütenden Blick aufgesetzt. Ich glaube, für sie und Anna und Sarah hat die Schule nie aufgehört. Die drei lernen sehr gerne Tabellen und Listen auswendig und wenn der Dozent irgendetwas gesagt hat, das sie nicht mitbekommen haben, blicken sie erschrocken auf und flüstern sich nervös zu. Lena, Anna und Sarah kommen aus der Schule und gehen später wieder dorthin. Damit sie sich zwischendurch nicht umstellen müssen, ist ihnen die Uni auch nur eine normale Schule, bloß mit mehr "Schülern" und seltsamen Unterrichtsthemen. Ich weiß, dass es ungerecht ist, Pauschalurteile über Lehramtstudenten zu fällen. Man wird damit zu einem Hochschul-Mario-Barth, der olle Klischees bedient. Es ist ja keineswegs so, dass Magister nie etwas unterstrichen oder ein uninteressantes Privatproblem vor dem gesamten Kurs ausgebreitet hätten. Oft studieren die schlausten Leute, die man an der Uni kennen lernt, auf Lehramt. Aber Lena, Anna und Sarah sind ja nicht nur Studentinnen, sie sind auch Symptome. Es wird ihnen nicht besonders schwer gemacht, derart unemanzipiert zu studieren. Ja, es wird an den brandneuen, umstrukturierten Universitäten sogar gefördert und erwartet. Lena, Anna und Sarah sind die Zukunftsmodelle, leuchtende Beispiele, die uns vorangehen sollen: So bitte in Zukunft studieren! Darüber kann man dann schon traurig werden. An einer Uni, wie ich mir sie vorstelle, dürfte das Schulespielen nicht so einfach funktionieren. Da würde den dreien jemand die bunten Textmarker zum Unterstreichen wegnehmen und sie auffordern, lieber mitzudenken oder wenigstens während des langweiligen Dozentenmonologs ein gutes Buch zu lesen. Stattdessen dürfen Lena und Anna - die beiden haben den Dozenten neulich extra mitten in der Sitzung gefragt - jetzt auch ihre Hausarbeit zusammen schreiben.


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Celleci
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Mag ich Mag ich nicht

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15.08.2008 - 19:49 Uhr
Celleci

Danke. Fair beleuchtet. Gerechter als die meisten Leute, die auf Lehramtsstudenten rumhacken.

Mfg, eine vlt.-doch-nicht-Lehramt?-Emanze

Schnatterlieschen
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Mag ich Mag ich nicht

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15.08.2008 - 19:57 Uhr
Schnatterlieschen

Mich amüsiert es, dass ich bei uns an der Uni tatsächlich schon diesen personifizierten Klischees begegnet bin. Erschreckend.

Klar, das Bild, das man von einem Menschen hat, den man an der Uni trifft, sagt nich viel aus. Denn jeder Mensch ist doch unterschiedlich und letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden. ;)

Guter Text!

frzzzl
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15.08.2008 - 20:11 Uhr
frzzzl

Ich will bitte diese Textmarker-Grafik auf einem T-Shirt tragen!!
wer hat die entworfen??

alcofribas
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15.08.2008 - 20:34 Uhr
alcofribas

wenn ich richtig informiert bin, ist die lehrerausbildung ja noch gar nicht so lange an der uni angesiedelt. das problem sind nicht - wie im artikel richtig beschrieben - die lehramtsstudierenden, sondern die lehramtisierung der anderen studiengänge.

vieles, was heutzutage an universitäten gelehrt wird, nicht nur lehramtsstudiengänge, wäre an berufsakademien sicher besser aufgehoben. um es z.b. konkret zu machen: pädagogik und die dazugehörige forschung gehört an die uni - eine eher praxisorientiere "ausbildung" wie etwa lehramt für grundschule nicht

kachel
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15.08.2008 - 21:32 Uhr
kachel

@alco

Soweit ich weiß, gibts nur Gymnasiallehramt an der Uni. Lehramt für die anderen Schulformen studiert man an eigenen pädagogischen Hochschulen. (So ist das zumindest in BaWü)

chippyq
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15.08.2008 - 21:33 Uhr
chippyq

alles, was in diesem text steht, ist wahr, bis auf die behauptung, anna lena sarah sähen gut aus.

alcofribas
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15.08.2008 - 21:34 Uhr
alcofribas

kachel sagte:
@alco

Soweit ich weiß, gibts nur Gymnasiallehramt an der Uni. Lehramt für die anderen Schulformen studiert man an eigenen pädagogischen Hochschulen. (So ist das zumindest in BaWü)


das ist NUR in BaWü so, meines wissens nach.

chippyq
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15.08.2008 - 21:35 Uhr
chippyq

alcofribas sagte:
vieles, was heutzutage an universitäten gelehrt wird, nicht nur lehramtsstudiengänge, wäre an berufsakademien sicher besser aufgehoben. um es z.b. konkret zu machen: pädagogik und die dazugehörige forschung gehört an die uni - eine eher praxisorientiere "ausbildung" wie etwa lehramt für grundschule nicht

ja, egal was, aber rausrausraus aus meinen seminaren.

alcofribas
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15.08.2008 - 21:39 Uhr
alcofribas

chippyq sagte:
ja, egal was, aber rausrausraus aus meinen seminaren.


"ich mach hier meinen EWS-schein"

(was immer das auch ist, aber wieso machst du den in "internationale politik"? steht deine zukünftige grundschule unter VN-verwaltung?)

kachel
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Mag ich Mag ich nicht

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15.08.2008 - 21:42 Uhr
kachel

Keine Ahnung, ich studier nix auf Lehramt. Wollte hier nur mal mein Halbwissen ausbreiten.

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lars-weisbrod

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

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