03.07.2008 - 19:00 Uhr

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Erwachsenwerden, das sind kleine Schritte - Martin Reichert hat die Generation Umhängetasche entdeckt

Text: christina-waechter

Die Umhängetasche, sagt der 35-jährige taz-Redakteur Martin Reichert, ist das Übel seiner Generation. In ihr befinden sich all die Utensilien, die ihnen dabei helfen, bloß nicht erwachsen zu werden. Dabei kann das durchaus schön sein. Und damit das auch alle kapieren, hat er ein Buch geschrieben: "Wenn ich mal groß bin: Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche". Im Interview mit jetzt.de erzählt er, warum Erwachsenwerden so wichtig ist und wie er selbst es geschafft hat, seinem Alter gemäß zu leben

Als ich dein Buch gelesen habe, war ich danach schrecklich deprimiert. War das deine Absicht? Eigentlich gar nicht, im Gegenteil. Wenn man erwachsen werden möchte, dann muss man loslassen. Wenn du dich nicht verabschieden möchtest von gewissen Vorstellungen wie einer ewigen Jugend, dann geht es nicht. Ich versuche nichts anderes, als aufzuzeigen: Klar, man lässt los, aber es beginnt auch etwas Neues, das vielleicht viel schöner ist.
Bild: Jonas Maron Warum hast du ausgerechnet jetzt das Buch geschrieben? Weil jetzt genau die Zeit ist. Die einen verändern sich und gründen Familien, aber es gibt auch noch ganz viele, die das nicht machen. Diese ganze Berichterstattung über den Gebär-Hype, dass jetzt alle Kleinfamilien gründen und ganz furchtbar spießig werden, stimmt ja nur bedingt. Es gibt ganz viele, die noch auf der Schwelle herumtappen und noch nicht so recht wissen, wie es weiter geht. Das liegt einfach in der Luft. Das ist ein Thema, das alle beschäftigt, auch in meinem Umfeld. Was verbindet die, die heute 30 sind? Erst mal haben sie die 90er mit dem „Anything goes“ überlebt. Damals dachten sie auch, dass bei ihnen alles geht und sehen jetzt, dass eben nicht alles geht. Und sie haben eine merkwürdige diffuse Grundhaltung. Sie führen so ein „Leben als ob“, weil man ja nicht weiß, was als nächstes passiert. Man sichert sich immer ab, hat eine ironische Distanz zu allem nach dem Motto „Das Leben ist ein Film, man muss es ja nicht so ernst nehmen.“ Man lebt in einer Warteschleife und wartet darauf, dass das Leben losgeht. Und woher kommt diese Distanz? Ich glaube, das liegt an den äußeren Umständen. Zum einen liegt das an der wirtschaftlichen Veränderungen. Anfang der 90er fing das mit dem Internet an. Das war zugleich eine Chance und hat zugleich auch Angst gemacht. Dann gibt es diese wachsende Unsicherheit. Schon bei Douglas Couplands „Generation X“ wurde klar angesagt: Ihr werdet die Generation sein, die weniger Geld hat, als eure Eltern. Und dann hatten alle auf den großen Medien- und Internet-Hype gehofft und der ist komplett abgesoffen, da ist 2000 die Blase geplatzt. Und dann war erst einmal Jahrelang gar nichts. Das war aber genau die Phase, in der diese Generation in die Pötte hätte kommen können und müssen. Aber stattdessen war Rezession. Warum wollen wir deiner Meinung nach nicht erwachsen werden? Es ist zum einen so, dass Erwachsenwerden als etwas eher Negatives gilt Niemand will erwachsen sein. Auch ganz alte Leute erzählen einem ja, dass sie im Herzen jung geblieben sind und sich gar nicht verändert hätten. Und zum anderen ist die Jugend erst einmal das einzige Kapital, das man hat. Man hat den jugendlichen Lifestyle angenommen und ist mit dem erst einmal gut über die Runden gekommen. Was danach kommt, weiß man nicht und das macht einem Angst. Gleichzeitig ist es so, dass in unserer Gesellschaft Jugend eigentlich ein Muss ist: Man muss flexibel sein, bereit sein, in andere Länder und Städte zu ziehen, seine Bezugspersonen wechseln, neue Techniken lernen, sich auf neue Moden einlassen. Das sind lauter Dinge, die Aufmerksamkeit, Wandelbarkeit, Flexibilität und Aufnahmefähigkeit voraussetzen. Und das kann man nur als Jugendlicher. Erwachsene gehen ja eher mit dem Tempo runter, haben sich sehr viel angeschaut und daraus eine Haltung entwickelt, auf der sie aufbauen. Im Grunde genommen beschreibst du einen natürlichen Vorgang: Nach der Jugend kommt das Erwachsenenalter. Denkt man, oder? Das funktioniert aber eben nicht mehr. Bei unseren Eltern hat das auch noch funktioniert – die haben eine Partnerschaft begonnen, geheiratet und Kinder bekommen. Schon mit der Partnerschaft wurden die erwachsen und mit den Kindern erst recht. Das funktioniert so nicht mehr, weil sich alles nach hinten gedreht hat. In unserer Generation hat man ja häufig bis 30 studiert, dann musst du dich erst einmal im Beruf festkrallen, und überlegst dir erst mit Mitte 30, ob du ein Kind willst. Alles schiebt sich nach hinten. Auf der nächsten Seite: Warum Berlin ein Lebensgefühl ist, die Generation Umhängetasche aber trotzdem überall vorkommt
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ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.

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