22.05.2008 - 19:00 Uhr

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"Wir machen doch nichts Illegales!" Wie Carsten deine Web-Historie löscht

Text: eva-schulz - Foto: privat; Screenshot

Ob Sauffotos, üble Nachrede oder privater Pornofilm – Carsten Hoppe ist der Mann für alle Fälle. Seine Firma datenwachschutz.de löscht unliebsame Inhalte aus dem Internet, bevor sie der Chef oder die Schwiegereltern finden. Im Interview erzählt er von Dateileichen, der störrigen Musikindustrie und warum Paris Hiltons Sexfilmchen uns für immer erhalten bleibt

Herr Hoppe, 2006 haben Sie einen WM-Skandal verhindert. Was hat es damit auf sich?
Carsten Hoppe:
Ich glaube, auch ohne mich wäre es nicht zu einem Skandal gekommen ... jedenfalls tauchte damals plötzlich die Website svenswmwette.com auf. Dort kündigte ein junger Mann an, seine Freundin würde während des Finales nackt über das Spielfeld laufen, wenn die Seite bis dahin fünf Millionen Klicks verzeichnete. Außerdem fanden sich Fotos von Sven und seiner leicht bekleideten Freundin – aber die beiden hatten mit der ganzen Aktion überhaupt nichts zu tun! Jemand anderes hat die Seite unter Svens Namen erstellt und damit richtig Geld gemacht. Der echte Sven kam zu uns und hat die Reste dieser Homepage löschen lassen. Die gibt es jetzt nicht mehr.

Was macht Ihre Firma genau?
Zuerst einmal durchsuchen wir das Internet. Wenn sich ein Kunde auf unserer Homepage datenwachschutz.de angemeldet hat, gibt er uns anschließend jede Menge Daten: neben seiner Adresse auch Nicknames, ICQ-Nummern und so weiter. Das hilft uns, ihn zu identifizieren. Wir durchsuchen dann das gesamte Web nach allem, was von und über ihn geschrieben oder hochgeladen wurde und erstellen eine Liste mit sämtlichen Links. Der Kunde sucht sich dann raus, was wir löschen sollen.



Das heißt, wenn ich nach Jahren mein altes jetzt.de-Profil wiederfinde, hacken Sie sich dort rein und radieren es aus?
Wir machen doch nichts Illegales! Im Fall von jetzt.de würden Sie das sogar noch selbst hinbekommen. Wir wenden uns nämlich einfach an den Webmaster oder Serverbetreiber und beantragen dort die Löschung. Aufgrund der deutschen Gesetzeslage klappt das hier eigentlich immer. Aber wenn so ein Server irgendwo auf den Antillen liegt - da antworten die, sie könnten das nicht lesen, weil sie kein Deutsch verstehen, oder es gibt gar keine entsprechenden Bestimmungen – dagegen kann man manchmal nur mit einem Gerichtsbeschluss vorgehen.

Gibt es einen Fall, der besonders schwierig oder skurril war?
Wir haben schon alles gesehen. Vor einiger Zeit wandte sich eine Lehrerin an uns. Ihre Schüler hatten Sie darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Ex-Freund einen selbstgedrehten Pornofilm ins Netz gestellt hatte. Das Video ist jetzt zwar entfernt, die Lehrerin wurde aber suspendiert und musste in einer anderen Stadt neu anfangen. Politiker hatten wir auch schon, und einen Schönheitschirurg, den man aus dem Fernsehen kennt.

Sie sitzen also den ganzen Tag vor dem Computer und löschen Internetseiten.
Nicht immer. Manchmal muss ich zum Beispiel auch zu einer Gerichtsverhandlung.

Warum dass denn? Werden Sie so oft verklagt?
Nein, aber Anwälte von Geschäftskunden nutzen unseren Dienst zur Beweissicherung, zum Beispiel, wenn es um Verleumdung im Internet geht. Oft handelt es sich dabei um riesige Datenmengen, da müssen schon mal 200 Seiten gespeichert werden. Denn die Richter brauchen schriftliche oder bildliche Beweise, etwas handfestes – das Internet kann man aber nun mal nicht anfassen. Wir machen die entsprechenden Seiten greifbar, indem wir sie sichern und vor Gericht als neutrale Zeugen aussagen.

Waren Ihnen schon bei der Gründung Ihres Unternehmens klar, dass der Bedarf an Ihrer Arbeit so groß sein würde?
Auf keinen Fall. Ich bin auch gar nicht auf die Idee gekommen, dass sich so viele Firmen an uns wenden würden. Wir haben inzwischen viel mehr gewerbliche als private Anfragen. Da ist es dann oft so, dass jemand gefeuert wurde und deshalb wütend ist. Warum sollte der zur Spraydose greifen und irgendwo „Mein Chef ist doof“ an die nächste Hauswand sprühen - wo es nur fünf Leute lesen und man noch dazu erwischt werden kann - wenn es auch im Internet geht? Oft sind diese Leute sehr geschickt. Sie eröffnen zum Beispiel ein Blog, in dem sie über ihren Chef lästern und das so formulieren, dass ein Unwissender gar nicht erkennt, um wen es sich handelt.

Kann man dann überhaupt dagegen vorgehen?
Solche Fälle landen häufig vor Gericht. Und wenn das nichts bringt, kommt die Suchmaschinenoptimierung ins Spiel. Indem wir den Internetauftritt unseres Kunden optimieren, sorgen wir dafür, dass die „schlechten“ Links in den Ergebnislisten von Google und Co. nach unten rutschen und dann hoffentlich übersehen werden.

Sie bieten auch das Löschen illegaler Downloads an. Was hat es damit auf sich?
Merkwürdigerweise kommt dieses Angebot nicht gut an. Wir sind auf Firmen zugegangen, deren geschützte Inhalte im Netz illegal verbreitet werden. Also zum Beispiel Filme oder Musik in Portalen wie Rapidshare. Die Reaktionen waren gleich null. Vor allem die Musikindustrie jammert doch immer darüber, wie sehr ihr Umsatz wegen der illegalen Downloads zurückgeht - aber etwas dagegen tun? Nein, danke.

Carsten Hoppe

Auf der nächsten Seite: Der Datenwachschützer über junge Erwachsene, die vor dem ersten Bewerbungsgespräch ihre Vergangenheit im Web auflösen wollen - und zu diesem Zweck erst einmal ihre 60 Nicknames nennen müssen.

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eva-schulz

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.

Eva Schulz