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Kultur

| München | 25.03.2008 08:00  

Das Leiden der Kriegsheimkehrer - ein Film über deutsche Soldaten in Afghanistan

Johanna Stuttmann lebt in München, ist 28 Jahre alt und Drehbuchautorin. Ihren Diplom-Film an der Film-Akademie Baden-Würtemberg hat sie über einen jungen Bundeswehrsoldaten geschrieben, der von einem Friedenseinsatz in Afghanistan zurückkehrt aber nicht mehr in den Alltag zurückfindet. Er leidet unter PTBS, unter einer posttraumatischen Belastungsstörung: Im Affekt hat er einen kleinen Jungen erschossen. Die Bundeswehr verschweigt diesen Fall jedoch.

„Nacht vor Augen“, die Verfilmung von Johanna Stuttmanns Drehbuch (gefördert vom SWR), hat unter anderem auf der Berlinale bereits für viel Aufsehen gesorgt. Ein politisch brisanter Debütfilm, der ins Kino gehört – anstatt im Nachtprogramm versendet zu werden.
Wie bist Du auf die Idee gekommen, ein Drehbuch über einen jungen Bundeswehr-Heimkehrer aus Afghanistan zu schreiben?
Anlass war die Rückkehr eines Bekannten aus dem Kosovo. Das war im Jahr 2000. Er hatte 15 Kilo abgenommen, war plötzlich so ernst und still und erzählte einfach nichts. Erst Jahre später erfuhr ich, dass er Massengräber ausheben musste. Die Soldaten mussten dafür auch auf Leichen rumtrampeln und mit ihren Stiefeln Köpfe von Skeletten zertreten. Er war dabei, als sie eine Frau aus einem Keller befreien sollten, die um ihr Leben schrie, die nackt auf einem Stuhl gefesselt und an Granaten gebunden war, die explodiert wären, wenn sie sich bewegt hätte. Außerdem sind zwei aus seinem Lager ums Leben gekommen, ein Freund von ihm ist durchgedreht. Er selber wurde zwar nicht zum Täter, aber dafür dass es ein Friedenseinsatz war, hat er doch sehr viel Krieg mitbekommen. Mir ging es deswegen vor allem erst einmal um die Frage: Warum geht ein junger Bundeswehrsoldat freiwillig in so eine Region?




Drehbuchautorin: Johanna Stuttmann, Foto: Maria Dorner

Hast Du darauf eine Antwort gefunden?
Ich habe sehr viele Interviews mit Soldaten geführt und dabei kam heraus: Die wissen oft gar nicht, was sie da unten erwartet. Sie denken nur daran, welches Auto sie sich von dem Geld kaufen können, dass sie braungebrannt zurückkommen, dass sie eine Zeit lang in schicken Uniformen rumrennen. Alles sehr oberflächliche Gründe, die so einen Einsatz anscheinend attraktiv machen.

Wie bist Du bei der Recherche für das Buch vorgegangen?
Meine Grundidee war es, ein Einzelschicksal zu porträtieren. Danach habe ich angefangen, im Internet zu recherchieren, habe Filme gesehen und Bücher von Kriegsheimkehrern gelesen. Dann habe ich allen meinen Freunden gesagt, was ich suche und sie um Hilfe gebeten. Schließlich habe ich viel mit der Bundeswehr telefoniert. So kamen sehr viele Interviews zustande: mit vielen Soldaten, die in Afghanistan waren, mit deren Angehörigen, mit Psychologen, die sich auf PTBS spezialisiert haben. Ich habe so viele Gespräche geführt, um alles möglichst realistisch darstellen zu. Ich wollte nicht dafür kritisiert werden, dass all das nichts mit der Realität zu tun hat. Authentizität war mir dabei sehr wichtig.

Trotzdem ist Deine Geschichte aber fiktiv. Darin erschießt ein junger Soldat bei einem Einsatz aus Panik einen unschuldigen kleinen Jungen. Die Bundeswehr kehrt das Ganze unter den Teppich, damit der vermeintliche deutsche „Friedenseinsatz“ nicht insgesamt in Frage gestellt wird. Stattdessen entlässt man ihn heldenhaft mit einer Ehrenuhrkunde aus dem Heer. Ist es nicht gefährlich so etwas über die Bundeswehr zu behaupten?
Ich erzähle eine fiktive Geschichte. All das ist nicht wirklich passiert. Aber ich bin im Laufe meiner Recherchen auf Informationen gestoßen, die besagen, dass es ähnliche Fälle gegeben hat. Zum Beispiel soll es innerhalb der Lager immer wieder zu Amokläufen kommen. Davon erfährt die Öffentlichkeit nichts. Dass die Bundeswehr solche Sachen verschweigt, ist nicht verwunderlich – nicht zuletzt, weil sie ihre Soldaten vor der Presse schützen möchte. Allerdings habe ich auch von noch sehr viel schlimmeren Fälle gehört – ich weiß von einem, bei dem sechs Soldaten ihr Leben verloren. Deswegen habe ich es auch gewagt in meinem Film so etwas zu erzählen.

Wie hat denn die Bundeswehr auf Deine Recherchen reagiert?
Sehr unterschiedlich. In einer Kaserne waren alle sehr hilfsbereit und nett. Als es aber ans Eingemachte ging und ich erzählt habe, dass in der Geschichte der Soldat ein Kind erschossen haben soll, bin ich oft gegen Wände gerannt.

Wollte man nicht mit Dir sprechen?
Ich hatte ein sehr seltsames Telefonat, ich glaube, mit jemandem vom Außenministerium. Als ich da kurz meine Filmgeschichte erzählt habe, hat derjenige am anderen Ende der Leitung wohl nicht richtig zugehört und ganz entsetzt gefragt, woher ich das denn wüsste, woher ich diese Informationen hätte. Das andere merkwürdige Erlebnis war bei einem Anwalt. Dort kam raus, dass es ähnliche Fälle wohl tatsächlich gegeben hat. Er konnte mir natürlich keine Details nennen, aber er war sehr überrascht, wie eine erfundene Geschichte plötzlich so sehr der Realität entspricht.

Die politische Tragweite war dir gar nicht bewusst?
Als ich 2005 anfing zu recherchieren, hat sich noch kein Mensch für die Soldaten in Afghanistan interessiert. Ich wurde ganz oft gefragt: Ja, warum schreibst du das denn? Die bauen da doch nur Krankenhäuser, stellen Schulbänke auf, warum soll denn da einer so verstört zurückkommen? Mir ging es ja zuallererst darum, etwas über die Motive eines Soldaten zu erzählen, der sich zum Friedenseinsatz meldet. Erst danach wurde mir klar, wie fragwürdig es eigentlich ist, die Einsätze der Bundeswehr in Kriegsregionen „Friedenseinsätze“ zu nennen. Wenn es wirklich nur darum ginge, Schulbänke aufzustellen und Krankenhäuser zu bauen, könnte man da doch auch andere Hilfsorganisationen hinschicken. Mir hat sich bis heute nicht der Sinn solcher Einsätze erschlossen und auch bei der Bundeswehr hieß es auf meine Nachfrage immer nur: „Dazu können wir nichts sagen.“

Wolltest Du mit Deinem Drehbuch eigentlich irgendetwas bewirken?
Ich wollte den Krieg ganz allgemein in Frage stellen und zeigen, was er für Spuren hinterlassen kann, auch in einem Friedensgebiet, nämlich in Deutschland. Ich wollte zeigen, wie der Krieg aus Afghanistan in ein kleines Dorf in den Schwarzwald getragen werden kann, allein durch die Erlebnisse des Soldaten. Außerdem ging mir es darum, zur Diskussion zu stellen, was Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan leisten und leisten müssen – im positiven wie im negativen Sinn. Es geht mir nicht um eine grundsätzliche Kritik an der Bundeswehr. Es wäre viel zu idealistisch zu glauben, dass ein so wirtschaftlich hochgestelltes Land wie die Bundesrepublik kein Militär braucht. Und ich kenne natürlich auch die Argumente der Bündnisverpflichtung und der der Terrorbekämpfung. Aber vielleicht muss auch einmal das NATO-Bündnis hinterfragt werden. Wer sagt denn, dass die angebliche Bekämpfung des Terrors in Afghanistan diesen nicht vielmehr schürt und hier demnächst nicht auch eine Bombe hochgeht? Dieses Drehbuch zu schreiben, war nicht einfach. Und das Schwierigste daran ist für mich immer noch, dass ich Fragen aufwerfe, auf die ich selbst keine Antworten habe.


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air_kaviar 25.03.2008 | 11:26
hört sich interessant an. home of the brave auf deutsch.

gibt es einen sendetermin?

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schwarzfeder 25.03.2008 | 13:49
Habe den Film auf der Berlinale gesehen. Ihm hätte ein etwas größeres Budget sicher gut getan: So bleiben sowohl die Ereignisse in Afghanistan letztlich unbekannt, und auch die Handlungen der Bundeswehrverwaltung blass und undeutlich. Die ignoranten Reaktionen des persönlichen Umfelds des Kriegsheimkehrers, auf welches sich der Film konzentriert, bewegen sich m. E. manchmal am Rande der Glaubwürdigkeit. Sehenswert ist aber auf jeden Fall die Interaktion des Protagonisten mit dem kleinen Halbbruder und das nachdenklich machende Ende.

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dichtmeister 25.03.2008 | 15:17
sorry, aber für berufs-soldaten habe ich null sympathie noch mitleid übrig.
wer heutzutage behauptet, er wisse nicht was dieser job mit sich bringt dem ist echt nicht mehr zu helfen.
es gehört zum job seine gliedmaßen, seine psyche und sein leben zu opfern. da kann sich niemand hinterher beschweren.

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Lampi 25.03.2008 | 15:52
gibts den auch irgendwo zu sehen?

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schwarzfeder 25.03.2008 | 15:55
@ dichtmeister: Der Job besteht darin, den Feind dazu zu zwingen, seine Gliedmaßen, seine Psyche und sein Leben zu opfern. Der eigene Schaden ist eine Gefahr, die man hierbei in Kauf nehmen muss. Eine solche Gefahr nimmt man (natürlich in geringerem Maße) auch bei der Teilnahme am Straßenverkehr oder bei einer Flugreise (bewusst) in Kauf. Deshalb würde aber niemand dem Opfer eine Verkehrsunfalls erzählen, es solle jetzt mal nicht so rumjammern, da es ja vorher gewusst habe, worauf es sich einlässt, oder? Darüber hinaus wird der Dienst in den Streitkräften ja auch immer damit beworben, dass man was für sein Land tut (ob das nun Propaganda ist oder nicht). Aus diesem Grund ist es auch berechtigt, die Frage zu stellen, wie einem Soldaten das gedankt wird.

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schwarzfeder 25.03.2008 | 15:57
"The object of war is not to die for your country but to make the other bastard die for his."
George S. Patton

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Schallplattenkind 25.03.2008 | 16:36
"Ich wollte den Krieg ganz allgemein in Frage stellen und zeigen, was er für Spuren hinterlassen kann, auch in einem Friedensgebiet, nämlich in Deutschland. Ich wollte zeigen, wie der Krieg aus Afghanistan in ein kleines Dorf in den Schwarzwald getragen werden kann, allein durch die Erlebnisse des Soldaten."

ich denke, dass ihr das auf jeden fall gelungen ist. auf beeindruckende und auch bedrückende art und weise.

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dichtmeister 25.03.2008 | 16:40
Die Analogie zum Verkehr überzeugt da nicht ganz, weil das Ziel hierbei darin besteht von A nach B zu kommen. Wenn dabei jemand zu Schaden kommt, dann ist das eine Anomalie (selbst wenn es sehr häufig vorkommt) und deshalb ist Mitleid angebracht.

Im Krieg geht es aber um "er oder ich", Töten oder Sterben. Und das ist nichts Neues, jeder Vollidiot müsste wissen dass Krieg immer weh tut.
Ein sauberer, chirurgisch präziser Krieg, bei dem kein Soldat auch nur nen Blutspritzer abkriegt gibt es nicht und wird es auch niemals geben.
Und wer da auch noch freiwillig sich zur Spielfigur in diesem überaus perversen Spiel machen lässt, der ist leider selbst Schuld.
Und solche abstrakten Gründe, wie: "Ich sterbe für mein Land" sind doch unglaublich zynische Propaganda.
Wenn es doch bloß hieße: "Tun Sie was für Unseren Wohlstand"
oder "Für stabile Benzinpreise".

Wenn ich bloß Afghanistan-Heimkehrer im Fernsehen sehe, die über ihr verlorenes Bein jammern und wie schlimm sie dran sind muss ich schon kotzen. Niemand hat diesen Menschen gezwungen sich darauf einzulassen.
Hätte man keine Wahl, ob man in den Krieg zieht oder nicht...das wäre was ganz anderes.

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Sillium 25.03.2008 | 17:10
@dichtmeister: Klar, ich denk mir auch, wenn jemand großkotzig davon redet, dass er mal schnell in Afghanistan sein Geld verdient, weil da unten geht das so schnell und einfach, wie dämlich der sein muss. Aber darum geht es doch auch (sofern ich das richtig verstanden habe) in dem Film, um die Frage, warum jemand freiwillig bei so einem Einsatz mitmacht.
Man kann sichs aber schon sehr einfach machen wenn man sagt, wer da hinterher verletzt oder mit bleibenden Schäden wieder rauskommt, braucht sich ja nich beschweren, selber schuld.

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seleukos 25.03.2008 | 20:13
Warum geht jemand in den Einsatz nach Afghanistan?
Eine Antwort, die ich mal gehört habe, zwei Wochen her:
Ich bin Soldat, ich hab dafür unterschrieben.

Aber es ist interessant, was sie in ihren Recherchen alles gefunden hat. Normalerweise muss man sich schon auf nicht-deutsche Medien verlassen, um halbwegs erfahren zu können was wirklich alles in Afghanistan passiert. Und das ist dann trotzdem nicht mal die Hälfte.

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