Die neue Männlichkeit: Wann ist ein Junge ein echter Junge?
Für Mädchen und junge Frauen gibt es bundesweit viele Anlaufstellen mit Beratungsangeboten und konkreter, praktischer Hilfe. Doch was ist mit den Problemen der Jungs? Haben wir die vergessen?
Ein Interview mit Bernd Drägestein vom Institut für Jungen- und Männerarbeit "mannigfaltig" in MünchenHerr Drägestein, es gibt viele spezielle Beratungsangebote für Mädchen und junge Frauen. Aber was ist denn eigentlich mit den Jungs? Haben wir die vergessen, oder brauchen die keine Hilfe?
Überspitzt formuliert haben wir sie vergessen, ja. Erst seit circa 10 Jahren gibt es überhaupt mehr Bewegung im Beratungsangebot für Jungs, vor 20 Jahren war es vielleicht eine Handvoll Menschen, die sich damit überhaupt beschäftigt hat. Es war immer die Meinung vorherrschend, dass Jungs nicht geholfen werden müsste, weil sie sich eh früher oder später durchsetzen würden. Man dachte, Frauen müsste geholfen werden, damit sie das Männerniveau erreichen. Damit hat man den männlichen Stereotyp zum Maßstab des Lebens gemacht. Aber diese „Männlichkeit“ kann natürlich schlecht Maßstab für das gesamte Leben sein. Leider gibt es auch heute oft noch dieses Grunddenken.
Wieso kommt denn kein stärkerer Impuls für Hilfsangebote von männlicher Seite? Fühlen sich die Männer so wohl in ihrer Rolle, oder fehlt es ihnen an Reflexionsvermögen bezüglich ihres Selbstbildes?
Erstmal gibt es wenig Problem-Solidarität unter den Männern, aber wir haben auch nicht die gleiche Geschichte wie die Frauenbewegung. Für die Frauen waren die Ziele viel klarer, für die man sich engagiert hat. Frauen haben ein berechtigtes Interesse, Angebote für Mädchen zu schaffen und in Geschlechterfragen gestaltend Einfluss zu nehmen. Ich formuliere es mal etwas zynisch: Wenn man als Mann seine Rolle überdenkt, sie hinterfragt – dann wird das schnell als Schwäche ausgelegt, beziehungsweise als solche empfunden. Außerdem könnte ich dabei ja auf ein Problem stoßen, ein Problem mit mir selbst. Wir Männer versuchen meist, rational, problem- und lösungsorientiert zu sein. Wir arbeiten nach einem klaren Ursache-Wirkung-Schema, aber bestimmte Themen haben nun mal 256 Grautöne und nicht nur Schwarz und Weiß. Mehr Kompetenz in der Selbstreflexion würde da den kommenden Männer-Generationen sehr helfen. Jungs brauchen die Chance, selbst zu erkennen, wo sie anders sind als der Stereotyp, wo sie sich differenzierter positionieren können, abseits von dem, was von ihnen als „Mann“ erwartet wird.

Was sind denn die hauptsächlichen Probleme und Konflikte, mit denen Jungs zu kämpfen haben?
Häufig ist es der Spagat zwischen den eigenen Wünschen und der Außenerwartung. Als Junge habe ich bestimmte Vorstellungen, wie ich das Junge-Sein füllen möchte. Ich habe persönliche Vorlieben, Interessen und Kompetenzen. Die stehen aber häufig im Konflikt mit meinem Umfeld und dessen Erwartungen und Forderungen. Da sind die Eltern, die Lehrer und die Freundeskreise, die berühmten „peer groups“, die bei Sozialisationsmechanismen eine große Rolle spielen. Dort werden männliche stereotype Verhaltensweisen von mir erwartet. Anerkennung bekomme ich immer von Außen – und das nur, wenn ich die von mir erwartete Rolle gut erfülle. Die Frage ist aber, ob das wirklich ich bin, den ich da zeige.
Ein Beispiel für den Außendruck ist das Risiko-Verhalten bei Jungs: Sie machen Mutproben und testen gefährliche Grenzen aus, weil sie dadurch in der Gruppe Bestätigung erfahren, eben „männlich“ sind. Sie springen von Bushaltestellen-Häuschen, haben dabei aber total die Hosen voll. Sie denken, sie müssen das, weil sonst ihre Männlichkeit in Frage steht, die Angst vor der Ausgrenzung lässt sie springen. Das lässt sich auf viele Bereiche im Leben übertragen und begleitet Jungs auch später als erwachsene Männer. In Beruf, Sexualität und Freizeitverhalten werden typisch „männliche“ Verhaltensweisen von mir erwartet.
Insgesamt geht bei diesem Rollenkonflikt viel Energie verloren, weil ich mich bemühe, Dinge zu machen und Erwartungen gerecht zu werden, mit denen ich selbst eigentlich wenig anfangen kann. Ich erlebe in unseren Kursen immer wieder Jungs, die sehr unruhig sind. Das hat oft damit zu tun, dass sie dieser inneren und äußeren Spannung ausgesetzt sind.
Sozialisation erfolgt aber nicht nur durch Menschen. Was ist mit Medien und Computerspielen? Überall sehen Jungs Szenen von Gewalt, schwache Frauen und starke Superhelden. Kritiker sagen, so würden klischeehafte Rollenbilder an Kinder vermittelt.
Die Entwicklung von Persönlichkeit und Rollenbild ist immer multifaktoriell. Es ist immer die Frage, wie ich ein Medium nutze, eine Frage von Medienkompetenz. Wie habe ich den medialen Konsum in meinem Umfeld kennengelernt? Haben sich meine Eltern die ganze Zeit alles unreflektiert reingezogen, was in der Glotze lief? Wenn ich zudem im privaten Umwelt ein Gewaltthema habe, dann ist die Bejahung von Grenzverletzungen, von starker Machtausübung naheliegend. Es wäre zu einfach, die Schuld nur auf das Medium zu schieben. Es kommen viele Faktoren zusammen, die zu Geschlechterklischees und stereotypen Verhaltensweisen führen. Im realen Leben greifen Jungs dann auf diese Muster zurück, die sie aufgeschnappt haben, weil sie wie ein Lösungsansatz aussehen. Jungs glauben, durch Machtausübung die eigene Ohnmacht vermeiden zu können.
Auch der Arbeitsmarkt verändert sich: Traditionelle „Männerjobs“ fallen weg, Dienstleistung wird immer wichtiger – und damit auch die als „weiblich“ bezeichneten Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit und Empathie. Können sich Jungs darauf nicht einstellen?
Es gilt immer noch, dass Männer sich sehr stark über ihren Beruf identifizieren. Er ist ein großer Bestandteil ihrer Männlichkeit. Wenn ich als Mann arbeitslos bin, dann wirft das immer einen Schatten auf meine männliche Identität: Man könnte denken, dass ich nichts kann, nichts finde, zu faul bin. Das wird dann sehr auf die Person reduziert: Männer ohne Arbeit sind nur halbe Männer. Ich glaube, es ist in der Vorstellungswelt von Jungen und Jungmännern noch nicht angekommen ist, dass wir ein neues Modell von Arbeit bekommen. Bestimmte Jungs werden mit diesem Flickenteppich aus Arbeitsformen und Arbeitsverhältnissen große Probleme bekommen. Es trifft besonders die eher schlecht gebildeten Jungen, weil ihnen die Flexibilität und Kompetenz meist fehlt, sich auf die neuen Arbeitsformen einzustellen. Das schränkt ihr Geld und ihren Besitz ein – dabei ist das ein besonders wichtiges Status-Symbol. Gerade wenn wir mit Jungs in Sonder- und Hauptschulen arbeiten, wird das deutlich. Die berufliche Perspektive ist sehr schlecht, aber dicke Autos und tolle Handys sind dort Hilfsbrücken für die eigene Identität. Die brechen aber weg, wenn kein Geld da ist – diese Jungs fühlen sich dann wertlos.
Aber was ist da bei Mädchen genau anders? Worüber definieren sie sich?
Beide Geschlechter haben sich schon angeglichen, was Werte angeht. Auch in der letzten Shell-Jugendstudie konnte man sehen, dass Jungs und Mädchen sich ähnlicher werden, sich innerhalb eines Geschlechts aber deutliche Differenzierungen entwickeln. Ich glaube aber, dass sich Mädchen viel deutlicher über Arbeit und soziales Privatleben definieren können. „Familienzeit“ gehört immer noch nicht zur männlichen Biographie. Mädchen können einen anderen Lebensentwurf haben, der Mehreres verbindet. Mädchen können eher zurückstecken und Kompromisse machen. Sie sind flexibler, was ihre Ansprüche angeht, dadurch haben sie ein anderes Bild von sich und ihrer eigenen Zukunft, sie bleiben agil. Männer können da nicht mithalten, sie sehen ihre Wege und Möglichkeiten eher starr vorgegeben und versuchen, diese zu verwirklichen.
Kritiker sagen, die Arbeit mit reinen Jungengruppen sei kontraproduktiv. So würde der Geschlechter-Unterschied nur betont und das Rollenbild zementiert, man müsse vielmehr in gemischten Gruppen arbeiten.
Das stimmt nicht grundsätzlich. Erstmal sind reine Jungen-Gruppen ein eigener Schonraum. Jungs öffnen sich erst, wenn keine Mädchen dabei sind, sonst wird nur gekichert und rumgekaspert. Außerdem muss man die Jungs dort abholen, wo sie sind. Beobachten sie mal Sechstklässler auf dem Schulhof – Die Jungs und Mädchen sind da in homogenen Gruppen unterwegs. Wir fügen bei der Jungenarbeit also keinen künstlichen Aspekt hinzu. Wir greifen das auf, was Teil ihrer realen Erlebniswelt ist.
Dabei versuchen wir aber nicht, diesen Aspekt zu zementieren und Männlichkeit als Einfältigkeit mit wenig Spielraum darzustellen. Unser Institut heißt ja „mannigfaltig“, der Name verrät schon, das uns an Vielfalt gelegen ist. Wir versuchen, die Jungenrolle und Mannwerdung zu erweitern, in dem wir die Reflexion bei Jungs anregen. Sie sollen nachdenken und selbst entscheiden, was zu ihnen gehört und was sie wollen. Reflexion schafft Entscheidungsoptionen bei der eigenen Rollenfindung. Wenn ein Junge eine eher weibliche Tätigkeit oder Rolle selbstbewusst für sich in Anspruch nimmt, dann wird diese Rolle in bestimmten Teilen auch männlich. So ergibt sich mehr Spielraum für den eigenen Verhaltenskodex und das Verhaltensrepertoire.
Langfristig kann das größere Überlappungen und Gemeinsamkeiten bei Jungen und Mädchen begünstigen, es gäbe dann mehr Schnittstellen. Jungenarbeit ist also Bestandteil von Koedukation, aber in einer homogenen Arbeitsform. So steigen auch die Chancen für zukünftige Geschlechtermodelle und Partnerschaften.
Was macht ihr Institut denn genau, um Jungen in Konflikten zu helfen? Was kann ich mir unter „Selbstbehauptung für Jungs“ vorstellen?
Jungs machen früh relativ große und viele Erfahrungen mit Gewalt. Das ist ein großes Männlichkeitsthema, bezogen auf die körperliche Gewalt, nicht die sexualisierte Gewalt. Bei körperlicher Gewalt sind Jungs zu vier Fünfteln beteiligt, Opfer sind zwei Drittel aller Jungen.
Bei diesen Zahlen wird klar, dass Jungs ein Angebot brauchen, um sich mit der Gewaltproblematik auseinanderzusetzen, weil sie auf ihre Art „Experten“ auf diesem Gebiet sind. Gewalt hat bei vielen Jungs eine Legitimation als Mittel der Konfliktlösung. Wir suchen zusammen in der Gruppe, welche Formen der Konfliktlösung sonst noch möglich sind – und wie ich dabei trotzdem „männlich“ sein kann. Jungs sind zum Beispiel recht ungeübt darin, die feinen Facetten von Körpersprache zu lesen und zu interpretieren, auch in der Selbstbeobachtung. Mein Herz fängt an zu klopfen, ich hab weiche Knie, feuchte Hände. Auch mein Gegenüber kann ich vor der Eskalation beobachten. Bis dahin ist noch keine Faust geflogen. Wir trainieren auch die verbale Kommunikation, die Jungs sollen sprachliche Möglichkeiten finden, um schwierige Situationen zu entschärfen.
Auf der nächsten Seite erklärt Bernd Drägestein, warum es mutig und männlich ist, wegzulaufen – und wie man Jungs dazu bringt, ihre Gefühle offen auszusprechen.
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