07.12.2007 - 19:00 Uhr

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Ein Fall für Zwei: Ist Nachhilfe Luxus oder Laster?

Text: dana-brueller

Über eine Million Schüler nehmen Nachhilfe im Anspruch. 750 Millionen Euro investieren Eltern in die Weiterbildung ihrer Kinder. Werden wir ein Volk von Hilfsbedürftigten, die nichts mehr selber machen? Oder macht die moderne Arbeitsteilung unser Leben nicht viel, viel schöner? Ein Fall für Zwei

Besorgs mir: Warum es super ist, wenn’s andere tun

In meiner Klasse gab es zwei Gattungen von Mathe-Schülern: Die eine Gattung fand Mathe spannend, verdient mittlerweile zwanzigmal so viel Geld wie ich und bestand aus ungefähr einem Schüler.
Der Rest der Klasse fand Mathe langweilig, schwierig und nutzlos. Diese neunundzwanzig Schüler konnten wiederum in zwei Gruppen aufgeteilt werden: Teil eins hatte Nachhilfe, Teil zwei nicht.

Teil eins war deshalb privilegiert und konnte in der Mathestunde Briefchen schreiben und Gegenstände auf die Mädchen werfen, denn: Sie hatte die Gewissheit, nachmittags alle Versäumnisse hübsch aufbereitet durch den Nachhilfelehrer ins faule Köpfchen gestopft zu bekommen.

Teil zwei war meine Gruppe. Wir waren, jedenfalls kurz vor Schulaufgaben und Stegreifaufgaben gezwungen, dem Lehrer zuzuhören. Wir wussten ja, dass wir auf uns gestellt waren. Nachmittags saßen wir verzweifelt über unseren Schulbüchern, verbrachten Stunde um Stunde mit Textaufgaben und hatten am nächsten Tag doch wieder nur falsche Ergebnisse. Die Nachhilfeschüler hingegen verbrachten dreißig Minuten mit ihrem Nachhilfelehrer, schüttelten in der Klasse lässig bis auf die achte Kommastelle richtige Ergebnisse aus dem Ärmel, und schrieben wieder Briefchen.
Schon in der Unterstufe begann ich zu ahnen, dass es sich lohnt, Luxus zu kaufen. Meine Eltern hatten aber kein Geld und waren zudem der Meinung, dass jemand mit ihren Genen seine Mathehausaufgaben schon irgendwie hinkriegen müsste.

Heute lassen sich vermehrt Menschen ihre Probleme von Dritten lösen: Der Paartherapeut korrigiert die sexualtechnische Fehlstellung in der Beziehung, der bärtige Mann zieht die Winterreifen auf und Lukas aus der 7b wird zur Nachhilfe geschickt, anstatt ihm in sein Kinderzimmer einzusperren und abzuwarten bis es ihm gelingt, seine Normalparabelschablone richtig auf das Papier aufzulegen.
Man könnte für die Learning-by-Doing-Methode argumentieren und sagen: "Mensch, Lukas, das schaffst du schon alleine. Bei der nächsten Schulaufgabe sitzt auch kein Nachhilfelehrer neben dir."
Ich aber finde: "Hey, Lukas, das ist doch super. Bezahle irgendjemanden dafür, dass er dir die schlimmsten Probleme abnimmt. Es ist so viel angenehmer, sich von einem liebenswert, stetig verzweifelnden Mathematikstudenten die Schönheiten der Kurvendiskussion eintrichtern zu lassen, als selbst lernen." Das Zum-Lernen-Gebracht-Werden verhält sich wie das Hörbuch zum Lesebuch – man kann sich ein bisschen hinlümmeln, ein bisschen zuhören und bekommt auf wundersame Weise doch genug mit, um irgendwie in Mathe durchzukommen.

Jetzt, wo ich groß bin, habe ich endlich Gelegenheit, andere dafür zu entlohnen, dass sie mir helfen.
Ich habe keine Lust, meine Zeit mit doofen Excel-Tabellen und Honoraren, Sozialversicherungsbeiträgen und Gleitzone-Tarifen zu verbringen, deshalb gehe ich zum Steuerberater und bezahle ihm ein Honorar. Dafür wird mir eine hässliche Aufgabe abgenommen und ich kann in der gewonnen Zeit sinnvolle, interessante und spaßige Dinge tun, zum Beispiel meine Fingernägel betrachten.
Und wer jetzt ruft, "unzulässige Vereinfachung, Erschleichung, Schieberei und Mogelei!", der soll mir mal von seiner letzten Kartoffelernte erzählen.

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