02.12.2007 - 19:00 Uhr

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Humboldt oder Arbeitsmarkt - wie studiert man richtig

Text: peter-wagner - Montage: Katharina Bitzl

Die Nachricht, dass die Freie Universität Berlin (FU) künftig zu den Elite-Universitäten des Landes gehören wird, war gerade ein paar Tage alt, als Inga Nüthen ihr Manuskript packte, um den Erstsemestern bei der Immatrikulationsfeier an der FU schlechte Laune zu machen: „Ich will euch eigentlich nicht gleich den Enthusiasmus nehmen“, begann sie ihre Rede, „aber ich kann und will an dieser Stelle nicht in die allgemeinen Lobeshymnen über die angeblich so freie Universität mit einstimmen.“

Inga studiert Politik an der FU, sie ist 23 und Fachschaftsreferentin im Allgemeinen Studierendenausschuss, sie findet, dass Bildung gerade zur „international handelbaren Dienstleistung“ gemacht wird. Ihr geht das Konkurrenzdenken hinter dem Elitewettbewerb auf den Senkel und sie kritisiert die Umstellung auf die Bachelor-Master-Abschlüsse: Im neuen verschulten Studiensystem, sagt Inga, bleibe keine Zeit mehr, sich mit den Inhalten „wirklich auseinanderzusetzen.“

Eifrige deutsche Unis

Hinter dieser Kritik stecken vor allem zwei Fragen: Wie viel Zeit braucht eigentlich gute Bildung? Und wie viel Effizienz verträgt sie?

Die Hochschulen reformieren sich wie noch nie in der Geschichte und führen Bachelor- und Masterabschlüsse ein. Es soll ein einheitlicher europäischer Hochschulraum entstehen, in dem die Studenten schneller und an unterschiedlichen Orten studieren können. Das ist gut für die Studierenden, dachten sich die europäischen Bildungsminister, die das 1999 beschlossen haben, das ist auch gut für die Wirtschaft, die gerne junge Leute einstellt. Seitdem gibt es Ärger.

Vor allem die deutschen Hochschulen sind eifrig in Sachen Studienreform. Bis September dieses Jahres gab es schon fast 7 000 Bachelor- und Masterstudiengänge. Nach einer Statistik der Hochschulrektorenkonferenz führen gerade 61 Prozent aller Studiengänge zum Bachelor oder Master. Aus dem Studium wird deshalb Schule, aus Bildung wird Ausbildung. Kritiker sprechen vom „atemberaubenden Untergang der Universität“. Studiert wird nun in Modulen und in Geisteswissenschaften gibt es Multiple Choice-Tests.

Wilhelm von Humboldt hatte sich im 19. Jahrhundert die Universität als geistigen Ruhepunkt ausgedacht, an dem Schüler zu Fragenden und Forschenden werden. Er hatte an eine umfassende humanistische Bildung junger Menschen gedacht. Mit der Reform wird vor allem an die Arbeitsmarktfähigkeit der Studenten gedacht.

„Die Studierenden stehen wahnsinnig unter Druck“, sagt Vivian Wendt. Sie ist Pastorin und leitet in Hamburg die studentische Telefon und E-Mail-Seelsorge. Nach einem Semester Ausbildung nehmen dort Studenten die Anrufe von Kommilitonen entgegen – die Zahl der „Erstanrufer“ nimmt zu. Vivian Wendt berichtet vom Stundenplan eines Studenten, in dem 50 Wochenstunden eingetragen waren; sie erinnert sich an Anrufer, die sich nicht eingestehen, dass ihnen alles zuviel ist. „Die Studenten haben keinen freien Blick mehr für was anderes, außer für das Studium und fürs Jobben.“ Eine Folge der Studienreform, sagt Wendt und meint: Eine Folge des Zeitmangels.

Im Sommer entschied die Hamburger Körber-Stiftung, zu dem seit 1996 ausgerichteten Deutschen Studienpreis keine Abschlussarbeiten von Studenten mehr zuzulassen. Die Qualität gehe seit einigen Jahren zurück, heißt es aus der Stiftung: Unter den neuen Studienbedingungen bleibe den Studierenden kaum noch Zeit für ordentliche Forschung.



Immer weniger Qualität, immer mehr depressive Studenten in den psychosozialen Beratungsstellen des Studentenwerks, immer mehr Proteste gegen ein korsettiges Studium: Der Stand der Studienreform lässt sich leicht von der „immer schlimmer“-Seite betrachten. Doch gerade weil diese Reform in ihrem Umfang ohne Beispiel ist, fordern Beobachter auch Gelassenheit. Erst nach und nach werden mehr Bachelor-Studenten fertig, die mit ein bisschen Abstand in den Rückspiegel sehen und sagen können, ob das griffigere Studium nicht doch seine Vorteile hatte. Die Leute vom Hochschul-Informations-System (HIS) veröffentlichten eben eine Studie, in der sie Absolventen des Jahres 2005 nach ihrem Studium fragten. Das Ergebnis freut die Freunde der neuen Abschlüsse. „Bachelorabsolventen bewerten ihr Studium im Vergleich zu Absolventen traditioneller Studiengänge besser“ steht da zu lesen. Die Studenten wurden nach der wissenschaftlichen Qualität der Lehre oder nach dem Praxisbezug des Studiums gefragt. Besonders gute Noten gaben dabei die Studenten der Ingenieurwissenschaften ihrem Studium. Besonders schlechte Noten aber gaben die Geisteswissenschaftler. Soll heißen: Der Naturwissenschaftler kommt mit dem verschulten Studium gut Schuss. Der Denker nicht so.

Klaus Klemm ist Bildungsforscher und mag Zustimmung oder Ablehnung für das neue Studiensystem nicht mit der Fachrichtung verbinden. „Nicht alle Anfänger eines Jahrgangs wollen nach Humboldt studieren. Das ist ein naiver Glaube“, sagt Klemm. „Für die motivierten Studenten ist das, was wir da veranstalten eine intellektuelle Gängelung“, sagt Klemm. „Für die anderen – ist es eher besser.“

An der eigentlichen Reform lässt sich ohnehin nicht mehr rütteln. Spätestens 2010 sollen alle Abschlüsse umgestellt sein. Diskutierbar ist nur, mit welchem Leben diese Studiengänge künftig gefüllt werden. Die einstigen Verfechter eines schnellen Studiums sehen zum Beispiel gerade mit Bauchgrimmen auf den Reformprozess. „Wir wollten die extrem hohen Abbrecherraten senken“, sagte der emeritierte Germanistik-Professor Harro Müller-Michaels der Wochenzeitung Die Zeit. „Doch dass dieses modularisierte Klein-Klein der Preis für den Erfolg ist, das haben wir nicht gewollt.“ Müller-Michaels wird bisweilen als einer der Väter der Studienreform bezeichnet. Er sorgte dafür, dass die Geisteswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum zu den Ersten gehörten, die den Bachelor anbieten. Heute ärgert er sich, wenn er überfrachtete Studiengänge sieht, in denen die Zeit für das Wesentliche fehle. Und das ist das eigentlich Paradoxe: Im neuen Studienmodell, in dem es allen besser gehen sollte, mangelt es nun am Wichtigsten. An der Zeit für ein Auslandsstudium, für soziales Engagement oder an der Zeit, in bestimmten Fächern in die Tiefe zu gehen. Deshalb gibt es nun erste Diskussionen darüber, etwa das Bachelor-Studium, wo nötig, sieben oder acht Semester laufen zu lassen. Im Beschluss von Bologna steht nämlich nicht, dass ein Bachelor-Studium nur sechs Semester dauern darf.

Vielleicht ist der Effizienzbegriff nicht auf alle Studiengänge gleich anwendbar und die Ökonomisierung des Studiums hat ihre Grenzen. Zumindest, wenn man nicht komplett verlieren will, was Herr von Humboldt sich für die Studenten bestimmter Fächer ausgedacht hat: Zeit zum Nachdenken.

Vielleicht braucht es auch nur einen anderen Begriff von Effizienz. „Jemand studiert effizient, wenn er sich mit dem auseinandersetzt, was er studiert“, sagt Vivian Wendt von der Studentischen Seelsorge. „Und das braucht Zeit.“


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dem_osten_so_nah
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Mag ich Mag ich nicht

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02.12.2007 - 19:17 Uhr
dem_osten_so_nah

das ist mit dem tiefgang ist sehr wahr...der fehlt stellenweise doch sehr eindeutig. sollte einen aber nicht verwundern, wenn man in sechs semestern 32 module abschließen soll.
und deren einziger vorteil ist, dass man absehbare, kleine ziele vor augen hat, die dann erreicht sind (und einen nicht mehr behelligen), wenn man die klausur gemeistert hat.

farilari
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02.12.2007 - 19:20 Uhr
farilari

deutsche studenten sollten einfach etwas mehr arbeiten und weniger jammern.

suesswarenabteilung
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02.12.2007 - 21:32 Uhr
suesswarenabteilung

multiplechoice bei geisteswissenschaften liegt aber an den lehrstühlen. die spielen das spiel doch mit. zitat "auch wir müssen uns anpassen. multiple choice. beschweren sie sich doch bei der regierung. oder gleich bei der eu."

Fabien_Philip_Meunier
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02.12.2007 - 21:45 Uhr
Fabien_Philip_Meunier

@ dem_osten_so_nah:

Aber fordert das nicht gerade dieses Bulimie-Lernen, wie wir es aus den Schulen kennen? Sobald die Schulaufgabe/Klausur rum ist, geht das Gelernte nämlich gerne flöten.


@ farilari

Weniger betuchte haben meiner Meinung nach allen Grund zum jammern. Da gibt es einige, die genug ackern, weil es mit dem Finanziellen nunmal nicht so hinhaut. Also bitte nicht alle über einen Kamm!

Herrfischer
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02.12.2007 - 22:08 Uhr
Herrfischer

Es besteht momentan die Gefahr, diese alten lassez-faire Studiengänge zu romantisieren. Ich gehöre zu den wenigen, die beides erleben durften, da ich freiwillig ins BA/MA-System umgestiegen bin. Und obwohl mich mein Master zuweilen überfordert und mir in der Tat nur wenige Freiheiten lässt, lerne ich heute doch wesentlich (!) mehr und konzentrierter als früher.

Jedenfalls Danke für den differenzierten Bericht (dem allerdings hinzuzufügen ist, dass an der Freien Universität nicht alle Studierenden so mies gelaunt sind wie ihre angeblichen Vertreter).

dem_osten_so_nah
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02.12.2007 - 22:10 Uhr
dem_osten_so_nah

Fabien_Philip_Meunier sagte:
@ dem_osten_so_nah:Aber fordert das nicht gerade dieses Bulimie-Lernen, wie wir es aus den Schulen kennen? Sobald die Schulaufgabe/Klausur rum ist, geht das Gelernte nämlich gerne flöten!

zwangsläufig tut es das.

joni
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02.12.2007 - 23:05 Uhr
joni

also ich finde das bachelor/master system grundsätzlich gut
aber an der umsetzung hapert es noch gewaltig....

und ich denke gerade in fremdsprachen fächern in denen ein längerer auslandsaufenthalt verpflichtend ist sollte überlegt werden die regelstudienzeit um 1 oder 2 semester zu verlängern

soylentyellow
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03.12.2007 - 00:50 Uhr
soylentyellow

dem_osten_so_nah sagte:
Fabien_Philip_Meunier sagte:
@ dem_osten_so_nah:Aber fordert das nicht gerade dieses Bulimie-Lernen, wie wir es aus den Schulen kennen? Sobald die Schulaufgabe/Klausur rum ist, geht das Gelernte nämlich gerne flöten!

zwangsläufig tut es das.


Ich glaube das Gegenteil ist der Fall.

Da man sich pemanent und aktiv ! mit dem Gelernten auseinandersetzt (bzw. dazu gezwungen ist) und nicht erst am Ende des Studiums wenn die große Abschlussklausur /Prüfung kommt.

Außerdem ist es fairer da bei einer einzigen Prüfung am Ende des Studiums doch sehr viel Glück und Zufall abhängt.

Besteht die Leistung dahingegen aus vielen kleinerern Prüfungen, welche kontinuierlich passieren weiß man erstens eher was von einem erwartet wird und zweitens wo man steht.

Da es mehrere Prüfungen sind, die alle zum Endergebnis zählen, ist die Gefahr eines Ausrutschers oder auch unverschämten Glücks wesentlich geringer als bei einer einzigen Prüfung.

Beispielsweise werde ich einige mündliche Prüfungen haben die etwa jeweils 20 Minuten dauern werden - und das soll es dann gewesen sein? In diesen 20 Minuten will man feststellen können wie gut (oder schlecht) ich bin? Objektiv? Bitte?!?! Außerdem erleichtern schwammige Angaben zu was denn in diesen Prüfungen genau geprüft wird die Vorbereitung nicht unbedingt.

CommodoreSchmidtlepp
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Mag ich Mag ich nicht

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03.12.2007 - 08:23 Uhr
CommodoreSchmidtlepp

Also man hat beim Bachelor mehr zu tun ja, die Leute die jetzt mit dem BA nicht klarkommen wären aber auch nicht mit dem Magister klargekommen, und diejenigen die gut sind bleiben gut. Was mir einfach auf den Senkel geht, dass zwar von Studenten verlangt wird sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen, bei der Verwaltung und den Dozenten die Wende zum BA teilweise leider noch nicht stattgefunden hat. Wenn man dann auf dem Prüfungsamt den Mitarbeiterinnen sagen muss welche Leistungen man für Prüfung XY erbringen muss nimmt das dann bizarre Formen an. Alles in allem würde ich aber sagen halb so wild. Das haben wir so bestellt, niemand hat all zu großen Terror gemacht oder sich dagegen gewehrt, jetzt wird das halt so gegessen. In 30 Jahren, wenn unsere Generation den langen Marsch durch die Institutionen durch hat, wirds vielleicht wieder schöner, ich weiß es nicht, ich muss jetzt studieren und das mache ich auch.

Cheers!

vigezzo
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Mag ich Mag ich nicht

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03.12.2007 - 08:32 Uhr
vigezzo

und wo steht da jetzt wie man richtig studiert??

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peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


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