08.11.2007 - 19:00 Uhr

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FH-Studium bei Tchibo oder: Warum wir auf die Uni aufpassen müssen

Text: yvonne-gamringer - Foto: dpa

Ab Freitag kann man sich bei Tchibo für ein BWL-Fernstudium an einer privaten Fachhochschule einschreiben. In der Tat sind viele Wirtschafts-FHs sehr umtriebig, wenn es um die Eigenvermarktung geht. Sie haben das Prinzip "Ökonomisierung der Bildung" verinnerlicht. Für die Unis aber muss das eine Warnung sein.

Zwischen den Universitäten und den Fachhochschulen in Deutschland gab es eine zeitlang eine, naja, gepflegte Feindschaft: An der Uni die Wissenschaft, an der FH die Upperclass der beruflichen Bildung, die Rollen waren verteilt. Gegenwärtig aber wird der Unterschied zu den Unis kleiner, weil an beiden Hochschultypen mit Bachelor oder Master der gleiche Abschluss zu haben ist. Zudem sind es oft die FHs, die sich mit neuen Studienkonzepten hervortun und wo bisweilen mit mehr Schwung gelehrt wird, weil die Dozenten aus der Praxis kommen. Viele FHs, zumal die BWL-orientierten, werden wie Unternehmen geführt. "Praxiskooperation" lautet die Devise, wenn es darum geht, Geld für die Aufbrezelung des eigenen Studienortes einzuwerben. Die FHs kämpfen, weil ihre Gründung meist noch nicht lange her ist, um Studenten, um Öffentlichkeit, um Ansehen und vermarkten sich weitaus offensiver, als es die Universitäten tun. Jüngstes Beispiel: Von Freitag an kann sich jeder, den entsprechenden Abschluss vorausgesetzt, beim Eigentlich-Verkaufen-Wir-Kaffee-Unternehmen "Tchibo" für ein Fernstudium in BWL an der Privaten Fachhochschule Göttingen (PFH) einschreiben. Statt 298 Euro je Monat beträgt die Studiengebühr nur 248 Euro, die Regelstudienzeit beträgt drei Jahre.
Erst Bahntickets, jetzt Fernstudium. Ist in Ordnung. Für die Unis aber sollte die Ökonomisierung der Bildung eine Warnung sein. Nun lässt sich trefflich über die neue Verkaufsidee von Tchibo sinnieren, wo schon Bahnfahrkarten oder Nachhilfestunden- Gutscheine über den Ladentisch gingen. Das verbilligte Fernstudium ist da wohl nur die konsequente Fortführung der Wir-verkaufen-Alles-Devise. Fast spannender zu beobachten ist die Art, wie Bildung zum Verkaufsartikel wird, wie viele FHs jede Gelegenheit nutzen, sich in die Öffentlichkeit zu bringen. „Als kleiner Anbieter muss man eben um Aufmerksamkeit kämpfen“, sagte der Präsident der privaten Göttinger Fachhochschule, Bernt Sierke jüngst. In diesem Jahr liefen in Kinos und auch auf MTV kurze Werbespots, mit denen die PFH potentielle Studenten auf sich aufmerksam machte. Der Spot endet mit dem Hinweis, dass die PFH die einzige Hochschule mit vertraglich verankerter Job-Garantie sei. Wer sechs Monate nach seinem BWL- oder Wirtschaftsinformatikstudium noch keine Stelle hat, bekommt die Studiengebühren eines Jahres retour. „Die Studiengebühren müssen als Investition in die Zukunft berechenbar sein. Mit der Jobgarantie signalisieren wir unseren Studenten, dass Karriereverantwortung und Studieneffizienz gemeinsam gelebte Werte sein müssen“, formuliert es FH-Chef Sierke etwas hölzern. Kurz gesagt: Was sich nicht auszahlt, muss nicht bezahlt werden. Dass bisher weniger als ein Prozent der Absolventen die Jobgarantie in Anspruch genommen haben, hat eventuell auch mit der massiven Vernetzung der PFH zu tun. Auf der Homepage drängeln sich die Logos von Unternehmen wie "PriceWaterhouseCoopers" oder "TUI". Vertreter dieser Unternehmen sitzen im Kuratorium der Hochschule und ermöglichen, wie etwa "Airbus", komplett neue Studiengänge, mit denen etwa „Ingenieure mit dem Schwerpunkt Carbonfaserverstärkte Kunststoffe“ ausgebildet werden. Eben jene werden gerade in der Luftfahrtindustrie gesucht. Es gibt an der PFH neben den Kuratoriumsmitgliedern auch Projektpartner oder Mentoren aus Unternehmen, die in den Kontakt mit Studenten treten sollen. Der Kontakt zur Wirtschaft ist mannigfaltig. Viele Wirtschafts-FHs begreifen sich als die „Avantgarde“ des Bildungswesens, weil sie die einstige Idee von der "praxisorientierten Hochschule" konsequent in die Zukunft geführt haben. Ausgebildet wird nun also nach Bedarf, angeboten wird nur, was es braucht – vorzugsweise IT, Ingenieur- oder BWL-Studiengänge. Wenn von „Ökonomisierung der Bildung“ die Rede ist, dann muss vor allem auch von den Fachhochschulen die Rede sein. Dass Professor Sierke den Bereich Fernstudium nun bei Tchibo feil bietet, überrascht nicht. Das ist keck, das ist Teil der PFH-internen „Medienkampagne 2007“ und irgendwie ist es in seiner Vermarktwirtschaftlichung von Bildung auch typisch fachhochschulig: Bildung für alle, Bildung, wo man sie braucht und vor allem nur die Bildung, die von der Wirtschaft auch nachgefragt wird. Das ist für sich genommen sehr gut, so kann man den Universitäten sogar den Rang ablaufen. Zur gleichen Zeit muss man aber fast erleichtert sein, dass es die Universitäten gibt. Denn nach Philosophie zum Beispiel besteht von Marktseite keine Nachfrage und an den FHs wird sie nur selten angeboten. Brauchen tun wir sie aber trotzdem. Vielleicht ist das die Lehre, die man aus dem FH-Tchibo-Deal ziehen muss: Kämpft um die Uni.


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kulturgut
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Mag ich Mag ich nicht

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08.11.2007 - 19:25 Uhr
kulturgut

wir und vor allem der staat müssen überhaupt nicht auf die uni aufpassen. wir müssen genau damit aufhören.

unser bildungssystem kann nur durch eine umfassende privatisierung an wert gewinnen. am ende muss es dem staat komplett verboten sein, sich in irgendeiner weise in die köpfe der kinder und jungen nachwachsenden seiner bürger einzuklinken.

"ökonomisierung" ist unsinn, denn den inhaltlichen zwang kann auch der bildungskontrollierende staat nur über die kontrolle materieller umstände ausüben - es geht nur darum, ob diese entscheidungen mehr oder weniger vom kollektiv mitgestaltet werden dürfen.

zabaitzu
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Mag ich Mag ich nicht

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08.11.2007 - 19:44 Uhr
zabaitzu

@Kulturgut
Da versteh ich was nicht ganz. Du bist für Privatisierung. Mit andernen Worten sollen Unternehmen in die Bildungspolitik eingreifen?
Sowas wie "Coca Cola presents 'Grundkurs Englisch I'" ?

Ist da die Gefahr nicht zu groß, dass diSponsoren ihre Macht ausnützen werden? So ähnlich ist es chon an manch amerikanischer Schule der Fall. Eine Stunde CBS gucken, davon ne viertelstunde werbung....

lea2
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08.11.2007 - 19:49 Uhr
lea2

nun ja, die unabhängigkeit der forschung sollte schon gesichert sein (wobei man über den derzeitigen stand auch streiten kann) und das klappt mit privatisierung halt nicht. trotzdem ist es echt schräg, was tchibo und diese fh veranstalten. gibts dann da demnächst auch doktor-titel zu kaufen? am besten mit einem pfund hochlandkaffee, frisch gemahlen, das guthaben für tchibofonie aufgeladen und noch ne schicke outdoorweste ;-)

boomaco
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08.11.2007 - 20:06 Uhr
boomaco

@kulturgut

Mit deinem Plädoyer für die Privatisierung gehst du zum einen leider darüber hinweg, dass langfristig wie in allen vollständig liberalisierten Marktsegmenten eine Kartellbildung eintritt - diese Kartelle wären dann von deinem (finanziellen?) "kollektiv" nicht mehr kontrollierbar (an dieser Stelle sei auf die Preisabsprachen im Energiesektor hingewiesen).

Zum anderen bedeutet eine Art "Marktdemokratie", wie du sie andeutest, auch die unterschiedliche Gewichtung an "Stimmrecht". Konkret heißt das: Der politische Einfluss steigt in Relation zu den finanziellen Mitteln eines Individuums.

Bei einer konsequenten Umsetzung deines Modells käme da wohl eine Art liberales Zensuswahlrecht heraus - gegensätzliche Methode, gleiche Wirkung.

Da bleib' ich doch lieber bei der staatlichen und wenigstens indirekt per politische Institutionen demokratisierten Fassung.

pfannenhund
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08.11.2007 - 20:25 Uhr
pfannenhund

Es geht hier wie immer um Macht, was ja auch schon angedeutet wurde. Jeder will seine eigenen Interessen durchsetzen, Tchibo darf das jetzt. Welches Interesse haben Unternehmen? Profit. Wie erreichen sie mehr Gewinn? Indem sie von ihren Mitarbeitern und Kunden gut gefunden werden. Wie werden sie gut gefunden? Indem sie nicht mehr hinterfragt werden.

Wer darf unterrichten? Jeder, der in Frage gestellt werden darf.

Unternehmen darf man nicht in Frage stellen, das sind keine demokratischen Gebilde. Es gibt keine interne Kontrolle. Aus meiner Sicht ist das eine Katastrophe.

Man sollte das Problem deshalb grundsätzlicher betrachten. Es geht ja nicht nur um Bildung, sondern um alle gesellschaftlichen Bereiche. In dieser Gesellschaft entscheiden Unternehmer. Unkontrolliert.

Dass Unternehmen jetzt ganz aktiv in die Bildung eingreifen ist ja nur ein kleiner weiterer Schritt in einem Machtergreifungsprozess. Unsere Gesellschaft wird demnächst komplett von wenigen oder einem einzigen Unternehmen geleitet. Oder was sollte diese Entwicklung aufhalten? Wir vielleicht? Süß!

silanea
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08.11.2007 - 21:25 Uhr
silanea

kulturgut sagte:
unser bildungssystem kann nur durch eine umfassende privatisierung an wert gewinnen.

Entweder hast du die Ironietags vergessen oder eine Ansicht, die ich nur aufs Schärfste ablehnen kann. Wie stellst du dir ein privatisiertes Bildungswesen bitte vor? Wissen für den, der es sich leisten kann? Na wunderbar! Genau das, was eine Demokratie braucht. Eine breite Masse von Ungebildeten, und eine kleine kluge Elite, die weiß wo es langgeht.

Herr, mehr Hirn!

farilari
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09.11.2007 - 08:47 Uhr
farilari

was mich bei all diesen feinden der ach so schlimmen privatisierung immer wieder wundert, ist ihre nationale beschränktheit. oder meint ihr, die universitäten in den usa (oder auch in england) nicht unabhängig sind; als ob dort nicht tatsächlich die größte freiheit der forschung und lehre herrschen würde. man blicke einmal an das deutsche unisystem, wie sehr dort nach *politischen* präferenzen eingestellt und gefördert wird. ein guter teil des stipendiensystems liegt in der hand von *politischen* stiftungen -- das soll nicht korrumpieren? diese ganze enge verquickung von politik und universitäten korrumpiert diese doch viel mehr als private unis.

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09.11.2007 - 08:52 Uhr
farilari

ach, und in den usa werden tatsächlich auch, stellt es euch vor, geisteswissenschaften gelehrt. wobei es in deutschland vielleicht nicht schlecht wäre, wenn *weniger* studenten in den geisteswissenschaften herumirren würden. manchmal habe ich da nämlich den eindruck, dass all diejenigen, die halt nichts wirklich können, dahin gehen, weil das kann ja irgendwie jeder. das ist dann meist recht bitter.

fragwuerdig
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09.11.2007 - 11:57 Uhr
fragwuerdig

Geniale Idee! Das zeigt, wie unbeweglich und veraltert ein Unistudium ist. Studieren wir Philosophie und sind danach unter Umständen - mangels Nachfrage - arbeitslos oder ein BWL-FH-Studium mit Nebenfach Philosophie und haben danach einen Job. Meine Wahl fällt auf zweiteres. Damit machen wir es auch vielen Ländern nach. Unsere Unis sind einmalig und damit werden sie leider mit der Zeit nicht schritthalten können. Und nur so kommt es ans Licht.

DagnyTaggart
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09.11.2007 - 12:18 Uhr
DagnyTaggart

@farilari

Nur, dass man das, was du sagst, nicht so sagen darf, ohne oeffentlich oder zumindest hochschuloeffentlich exekutiert zu werden.

Allein der Vorschlag, einen Eignungstest einzufuehren, der die angehenden Erstsemstler zwingt, sich mit dem, was sie da tun, auseinanderzuseten anstatt in die Studentenkanzlei zu gehen und sich munter irgendwas aus dem Studenplan herauszusuchen, wird als ausgeburt der Hoelle niedergemacht.

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